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Krausser
Helmut Krausser: Eros
München: BTB 2008. Taschenbuch, 320 Seiten – Helmut LinksHelmut Literatur
Die Literaturkritik lässt kaum ein gutes Haar an Kraussers Roman Eros. Doch da geht sie zu weit. Der Roman hat zwar seine Schwächen, doch insgesamt fand ich ihn schon gelungen.
Der Ich-Erzähler wird vom schwerreichen und todkranken Alexander von Brücken zur Aufnahme seiner Lebensbeichte einbestellt (Hans-Ulrich Treichel: Tristanakkord, Jahr 2000, Helmut Links). Die Ankunft gestaltet sich durchwachsen, sie ähnelt der Ankunft in Franz Kafka: Das Schloß (Helmut Links).  Krausser hat noch mehr Vorgängermaterial in Eros verwurstelt, so die Wett-Onanie aus Katz und Maus von Günter Grass.
Alexander wuchs in einer reichen Fabrikantendynastie auf, nach dem 2. Weltkrieg gelang es ihm seinen Reichtum noch sagenhaft zu vermehren. Einiges Vieles an seiner Lebensgeschichte erinnert an F. Scott Fitzgerald: The Great Gatsby (Helmut Links). Alexander lernt die Liebe seines Lebens Sofie als Kind kennen und nähert sich ihr im Lutzschutzkeller. Die Leidenschaft zu ihr verlässt ihn zeitlebens nicht. Nach einem abenteuerlichen bis absurden Kriegsende für den Jugendlichen sucht er mit allen Mitteln nach Sofie. Er findet sie, kann sie aber emotional nicht mehr erreichen. Sie lebt in anderen Sphären. So begnügt er sich mit immensen Aufwand ihr Leben zu begleiten und gelegentlich mit seinen weitreichenden Mitteln und Beziehungen einzugreifen. Das erinnert wieder an den alleswissenden Dr. Mabuse, der alle Zügel lenkt. Dass er sogar die Berliner Mauer bauen ließ, nimmt von Brücken als Witz gleich zurück. Ich hätte es ihm abgenommen.
• Noch ein Kritikpunkt (neben der oben genannten Bedienung an Vorgängern; man kann sie auch positiv als Anspielungen für den Literaturkenner sehen): manche Figuren sind arg klischeehaft, auch Handlungsteile am Rande der Glaubwürdigkeit. So wenn es in Oberbayern nachts im Taxi nach München geht, dann im Nachtzug nach Wuppertal und morgens tritt Sofie pünktlich ihre Arbeit im Kindergarten an. Das alles im Jahre 1951 (S. 123-126) Eros!
• Die Fantasie des spätgeborenen Krausser (* 1964) geht ihm auch mit der Musik der 50-er durch, genauer 1956. Da kommt abends Jazzmusik aus dem Radio. Die gab's damals allenfalls nach Mitternacht.
• Bei Krausser mutiert der Jazz zum Rock'n Roll (S. 135). Das stimmt selbst dann nicht, wenn man wohlwollend annimmt, dass Krausser "mutieren" nicht wie üblich versteht. Bei einer Mutation verwandelt sich etwas in etwas anders: die Larve in den Schmetterling (Metamorphose). Oder eine Mutation als spontane dauerhafte Änderung des Erbguts. So verstanden hätte sich um die Mitte der 50-er im 20. Jhdt. der Jazz in den Rock'n Roll verwandelt; mehr oder weniger schnell. Am Ende dieser Mutation wäre der Jazz weg und der Rock'n Roll da. Auch wenn es Krausser so hingeschrieben hat: das kann er nicht meinen. Vielleicht dann so: ein Teil des Jazz verwandelte sich (allmählich) zu Rock'n Roll. Auch das trifft nicht zu. Der Rock'n Roll bezog seine wesentlichen Quellen aus Rhythm&Blues, Country&Western und Pop. Der Rhythm&Blues hatte mit dem Jazz gemeinsame Wurzeln in Blues, Field-Holler und Spiritual.
An Kraussers These der Verwandlung des Jazz zu Rock'n Roll stimmt allenfalls, dass in den Fünfzigern einige wenige Jazznummern in die Jukeboxen und Pop-Hitparaden gelangten (Cozy Cole: "Topsy", Chris Barber "Petite Fleur"), doch sie waren vom Rock'n Roll wohl unterschieden.
• Noch mehr wäre zu nennen: Sofie erkennt Alexander als Taxifahrer nicht (S. 182). Sein Führerschein liegt 17 Jahre zurück (S. 183) und obwohl Alexander hauptsächlich in Oberbayern und München lebte kann er gleich in Berlin umherkutschieren (S. 189).
Das Geschehen läuft vor der deutschen Geschichte etwa 1930 bis Ende des Jahrhunderts ab. Und auch hier füllt Krausser mehr Zeitkolorit ein, als er ihn ausarbeitet oder im Leser entstehen lässt.
Manch Grobes und Unglaubwürdiges wird eingeholt durch die gelungene Absicht einen erzählermässig mehrschichtigen Roman zu schreiben. Krausser schreibt, sein Protagonist schreibt auf, was von Brücken erzählt. Der Ich-Erzähler vergleicht sich in seiner Macht als Autor mit dem mächtigen Tycoon von Brücken (z. B. S. 211).
Wer aufgrund des Titels einen freizügigen Erotikroman erhoffte, wird enttäuscht werden. Der Autor betont an mehreren Stellen, dass der Eros der Macht im Vordergrund steht. Da Eros weitgehend gut unterhält, sah ich über etliche Konstruktionen und Unzulänglichkeiten hinweg.
Links
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