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Schnurre
Wolfdietrich Schnurre: Ein Unglücksfall
Frankfurt, Berlin: Ullstein, 1984. Broschiert, 410 Seiten – Wolfdietrich LinksWolfdietrich Literatur
Eine zerstörte Synagoge in Berlin soll nach dem Krieg wiederaufgebaut werden. Glasermeister Karl Goschnik bewirbt sich mit einem sensationell günstigem Anbegot um die Glaserarbeiten dafür. Der Rabbiner Lesser Lovinski, der den Text niederschreibt, unterstützt gegen Widerstand – Goschnik ist kein Jude – dessen Bewerbung. Goschnik erhält den Zuschlag, verglast alles und beim Einsetzen des Misrach-Fensters stürzt er ins Innere der Synagoge.
Während Goschnik aussichtslos mit dem Tode ringt, erzählt er dem Rabbiner im Krankenhaus (den er für Avrom hält) seine Geschichte in der Nazizeit: er hat Avrom und Sally Grünbaum, deren Glasergeschäft er übernommen hatte, im Keller versteckt.
Die Tragik: trotz Goschniks Aufwand und Risiko halten es Avrom und Sally nicht aus und ziehen in einem vorgezogenen Todesmarsch in den Friedhof und den Tod. Goschnik gibt sich die Schuld.
Neben der Schuldfrage – die Schnurres gesamtes Werk beherrscht – geht es hier auch um das Zusammenleben von Juden und Nicht-Juden. Ist es möglich, ohne dass der Nicht-Jude auch  Tradition und Glauben des Judentums annimmt? Den Vorwurf des Rabbiners als vermeintlicher Avrom, dass Goschnik die beiden nicht als Juden versteckt hat (S. 368) kann ich nicht nachvollziehen. Ist es nicht sogar ein Verdienst des Glasermeister, dass er die beiden – unabhängig von ihrer Religion – retten wollte?
Die Schuldfrage wird auch ganz konkret an Gott gestellt. Die Frage: Wo war Gott in Auschwitz? beantwortet Avrom seiner Sally so: "Frau, wenn er [Gott] noch um uns wär, säh s anders aus auf der Welt" (S. 241).
Tierepisoden spielen eine bedeutende Rolle im Roman. Ich erwähne nur die schaurige Szene mit der Amsel mit dem milbenzerfressenen Schnabelansatz (S. 81).
Stil und Struktur
Die Rahmenhandlung des Rabbiners, sein Gespräch als vermeintlicher Avrom mit Karl Goschnik über dessen Leben mit Avrom und Sally ergibt eine verzwickte Struktur, die ständig die Auferksamkeit des Lesers fordert. Sind wir am Krankenbett oder in der Nazizeit?
Erschwert wird die Erfassung des Romans durch die an die Berliner Sprechweise angenäherten wörtlichen Sequenzen, die leider überwiegen. Da darf man Sätze wie diesen interpretieren: "Bind dir wenigstens den Tallis noch um, daß de s n bißchen wärmer hast jetzt auf m Weg." (S. 166) Nach dem Sprung in die Vergangenheit hätte es der Autor dem Leser durch normales Deutsch erleichtern können.
Schachspiel
Das Schachspiel hat eine wichtige Rolle für den Rabbiner (S. 15), der das Konzentrationslager überstand. Nach Baracke, Pritsche, Blechteller, Löffel und Wolldecke gibt er nun dem Abstrakten den Vorzug: Schachspiel und Talmudlektüre (S. 30-31).
Siehe "Schach in der Literatur", unter Wolfdietrich Links.
Ein vielschichtiger Roman, was Thematik und Struktur angeht.
Wer sich auf den umgangssprachlichen Ton und die undurchsichtigen Personenkonstellationen einlässt, kann mit kraftvollen Szenen rechnen, beispielsweise als sich Goschnik mit einem Passierschein der Gestapo unter die zum Abtransport bereiten Juden begibt und plötzlich mitgesogen wird (S. 310-313). Gedankliche Einsprengsel sind nicht immer überzeugend, der Roman insgesamt schon.
Links
Wolfdietrich Schnurre: SchnurreLeMOSchnurreUni-ProtokolleSchnurreWikipedia
SchnurreMathias Adelhoefer: "Vom Vergessen bedroht: Überlegungen zu Wolfdietrich Schnurre". In: Ilse-Rose Warg, Hg.: Er bleibt dabei: Schnurre zum 75. Erinnerungen und Studien. Paderborn: Igel, 1995. S. 276-288.
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Literatur
Müller, Heidy M. (1984): Die Judendarstellung in der deutschsprachigen Erzählprosa. Königstein: Forum Academicum.  Hochschulschrifen Literaturwissenschaft Band 58
Niemuth-Engelmann, Susanne (1998): Alltag und Aufzeichnung: Untersuchungen zu Canetti, Bender, Handke und Schnurre. Würzburg: Königshausen u. Neumann.
Roberts, Ian (2005): "Perpetrators and Victims: Wolfdietrich Schnurre and the Bombenkrieg over Germany". Forum for Modern Language Studies 41:2, S. 200-212.
schnurre SchnurreWolfdietrich Schnurre: Ein Unglücksfall. Roman. Frankfurt, Berlin: Ullstein, 1984. Broschiert, 410 Seiten
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Bauer SchnurreIris Bauer: „Ein schuldloses Leben gibt es nicht.“ Thema "Schuld" im Werk von Wolfdietrich Schnurre. Hamburg: Igel, 1996. Taschenbuch, 272 Seiten Schwardt
  Daniela Schwardt: Fabelnd denken. Zur Schreib- und Wirkungsabsicht von Wolfdietrich Schnurre. Hamburg: Igel, 1999. Broschiert, 298 Seiten Schnurre
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