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Küpper
Heinz Küpper: Simplicius 45
Frankfurt am Main: Fischer, 1966. Taschenbuch, 156 Seiten – Heinz LinksHeinz Literatur
Küpper
Autor Heinz Küpper
© Verlag Ralf Liebe
Mit freundlicher Genehmigung
Beginnend Mitte der dreißiger Jahre des 20. Jhdt. erzählt das Kind, das 1945 vierzehn Jahre alt sein wird, die Geschehnisse in einer kleinen Stadt. Die Experten erkennen im Ich-Erzähler in etwa den Autor und in der Stadt seine Geburtstadt Euskirchen. Der namenlos bleibende Erzähler ist von der Nazi-Sache infiziert und bekennt sich auch beim Kriegsende noch dazu.Dazwischen informiert er über die Erfolge der Nazis, die Hetze gegen Juden und ihr Verschwinden (von dem man laut anderen berichten angeblich nichts wissen konnte) und über den Umgang mit russischen Zwangsarbeitern. Mit der Zeit werden die Luftangriffe aus dem Westen häufiger, die Aufenthalte im Luftschutzkeller ebenso, doch nichts kann den Buben überzeugen: er will bis zuletzt SS-Mann werden. Den Verlust „verniggerten Frankreichs“ redete er sich schön (S. 66).
Dazwischen informiert er über die Erfolge der Nazis, die Hetze gegen Juden und ihr Verschwinden (von dem man laut anderen berichten angeblich nichts wissen konnte) und über den Umgang mit russischen Zwangsarbeitern. Mit der Zeit werden die Luftangriffe aus dem Westen häufiger, die Aufenthalte im Luftschutzkeller ebenso, doch nichts kann den Buben überzeugen: er will bis zuletzt SS-Mann werden. Den Verlust „verniggerten Frankreichs“ redete er sich schön (S. 66).
Dabei ist der Erzähler kein Mitläufer, der nicht anders konnte. Sogar sein Freund Andreas und deren TBC-kranke Schwester Maria sind gegen die Nazis: man konnte es also durchaus sein. Maria ahnt, was mit den abgeführten Juden geschieht und mahnt das nicht zu vergessen (S. 9). Bei den Schülern waren die fehlenden Judenjungen nach drei Tagen vergessen (S. 9).
Und der Erzähler stellt durch die ganzen Jahren Fragen („Was ist Weltverschwörung? Was ist Vergewaltigung?), die entweder nicht beantwortet werden oder deren Antwort ihn nicht an sein Vertrauen in den Führer beeinträchtig. Der Führer läßt die Allierten absichtlich Boden gewinnen, das Blatt wird sich noch wenden und sei es mit den mysteriösen Wunderwaffen V1 und V2.
Recht unterkühlt, fanatisiert durch seinen unbedingten Führerglauben, berichtet der Junge auch von den schwerverwundeten Iwans, die auf dem Kasernenhof ihrem leidvollen Ende überlassen wurden (S. 86). Wer entsprechend erzogen wurde fand darin nichts Bemitleidenswertes. Während viele ab Kriegsende  plötzlich keine Nazis waren („Unser Pastor sagte, er hätte es immer gesagt. Ich hatte es nie gehört“, S. 127), bleibt der Erzähler zunächst der NS-Sache ergeben, will mit den Werwölfen weiterkämpfen und spätestens mit 18 Jahre zur Waffen-SS. Freilich wird auch mit den Amis bekannt und wird sogar Dolmetscher. Doch innen drin bleibt er linientreu. Noch am 20. April 1945 (er hat mit Hitler Geburtstag, ein besonders Privileg) sagt er sich mit Lehar: „Immer nur lächeln! Doch wie's da drin aussieht, geht niemand was an“ (S. 132), weigert sich „noch länger mit Niggern im Jeep zu fahren und mich von Juden kommandieren zu lassen. Noch sind wir hier in Deutschland“ (S. 139) kann man auch heute wieder (die Variablen „Nigger“ und „Juden“ vielleicht ersetzt) hören und lesen.
Küpper läßt den Erzähler so sprechen, wie es einem Kind in diesem Alter entspricht und – das ist das Außergewöhnliche – aus der Perspektive der damaligen Zeit, nicht aus der Position des besser Wissenden der Nachkriegsjahre.
Schon Jahrzehnte vor Günter Grass (Beim Häuten der Zwiebel, 2006; siehe Heinz Vergleichsliteratur) konnte man sich also zum kindlichen Wunsch zur Waffen-SS zu gehen, bekennen.
Auch heute noch sehr lesenswert! Irgendwelchen Ideologien hängen viele nach. Hier kann man aus in der Retrospektive mitlesen.
Simplicius 45, Köln 1962, erhielt 1963 den Europäischen Literaturpreis
Anmerkungen
„Immer nur lächeln! Doch wie's da drin aussieht, geht niemand was an“ (S. 132).
Aus dem Lied „Immer nur lächeln und immer vergnügt“, Franz Lehar: Land des Lächelns.
Immer nur lächeln und immer vergnügt,
Immer zufrieden, wie's immer sich fügt.
Lächeln trotz Weh und tausend Schmerzen,
Doch wie’s da drin aussieht, geht niemand etwas an.
„Und die Sonne Homers, siehe, sie leuchtet auch uns“ zitiert der Amerikaner Katz dem Erzähler (S. 143). Es stammt vom Schluss eines Gedichts von Friedrich von Schiller:
Unter demselben Blau, über dem nehmlichen Grün
Wandeln die nahen und wandeln die fernen Geschlechter,
Und die Sonne Homers, siehe! sie leuchtet auch uns.
„Der Spaziergang“ (1795)
Vergleichsliteratur
Heinz Lion Feuchtwanger: Erfolg. Drei Jahre Geschichte einer Provinz, 1930
Zweiter Weltkrieg Christoph Fromm: Stalingrad. Die Einsamkeit vor dem Sterben, 1993, 2013
Heinz Oskar Maria Graf: Unruhe um einen Friedfertigen, 1947
Günter Grass: Beim Häuten der Zwiebel, 2006
Manfred Gregor: Die Brücke, 1958
Heinz Walter Kolbenhoff: Von unserem Fleisch und Blut, 1947
Erich Maria Remarque: Im Westen nichts Neues, 1928-29
Heinz Wolfdietrich Schnurre: Ein Unglücksfall. Roman
Links
Heinz Küpper: KüpperKonejung Stiftung (pdf) – KüpperWikipedia
KüpperArmin Erlinghagen: Leserbriefe zur Rezension: Peter Mohr: Die Geheimnisse im Bernstein - Günter Grass' Autobiografie "Beim Häuten der Zwiebel". Literaturkritik 30.08.2006
KüpperClaudia Hoffmann: "Simplicius war ein Nazi", rhein-sieg-anzeiger.de 5.5.10
Wilfried F. Schoeller: Die mitleidlose Sachlichkeit eines Hitler-Jungen - Heinz Küpper: "Simplicius 45", dradio 5.9.2010 Küpperaudio!KüpperText
KüpperVerlag Ralf Liebe
Literatur
Ehrke-Rotermund, Heidrun (2001): "Kindersoldaten – ohne Schuld? Jugendliche Protagonisten und das Ende des Zweiten Weltkrieges in Romanen Walter Kolbenhoffs, Manfred Gregors und Heinz Küppers". In: Ursula Heukenkamp, Hg.: Schuld und Sühne? Kriegserlebnis und Kriegsdeutung in deutschen Medien der Nachkriegszeit (1945-1961). Amsterdam, Atlanta: S. 173-188.
Kaiser, Volker (2009): "Book Review: Trümmer (in) der Erinnerung. Strategien des Erzählens über die unmittelbare Nachkriegszeit. Von Silke Hermanns". Monatshefte 101:4, S. 605-608.
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Küpper KüpperHeinz Küpper: Simplicius 45. Weilerswist: Liebe, 2010. Gebunden, 264 Seiten Küpper
Armin Erlinghagen, Geschichtsverein d. Kreises Euskirchen, Hg.: Simplicius und die Seinen: Über den Schriftsteller Heinz Küpper. Weilerswist: Liebe, 2009. Gebunden, 368 Seiten Küpper
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© by Herbert Huber, Am Fröschlanger 15, 83512 Wasserburg, Germany, 29.9.2010