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Hauptmann
Gerhart Hauptmann: Bahnwärter Thiel
Gerhart LinksGerhart Literatur
Der Bahnwärter Thiel ist ein unauffälliger gutmütiger Kerl, der seinen Arbeitsplatz entfernt von der Wohnung hat (Wende 19.-20. Jhdt.). Bei der Geburt des Sohnes Tobias stirbt die Frau Minna. Die zweite Frau Lene ist ein ganz anderer Typ als Minna. Ein zweiter Sohn treibt das Drama voran: Lene misshandelt Tobias. Thiel wird ein Kartoffelacker nahe seinem Arbeitsplatz angeboten. Jetzt dringt Lene – da sie am Acker arbeitet – in Thiels zuvor abgeschiedenes Reich ein. Durch ihre Unaufmerksamkeit wird Tobias vom Zug tödlich verletzt. Schließlich rastet Thiel aus und läuft Amok.
Die folgenden Seitenangaben sind nach der Ausgabe von Klaus D. Post im Hanserverlag.
Thematik
Mit dem Amoklauf, der Kindesmisshandlung, Kindbetreuung, dem Zwiespalt zwischen Natur und Technisierung, der Trennung von Lebens- und Arbeitswelt (Schichtdienst, Entfremdung), sexueller Hörigkeit und der Frage nach Schuld und der Theodizee ist Bahnwärter Thiel topaktuell.
Drei Höhepunkte
  1. Tobias wird von Lene misshandelt; Thiel greift nicht ein
  2. Tobias als blutiges Bündel in den Armen Minnas, als Vision Thiels: Mater dolorosa; S. 24
  3. Tobias verunglückt durch die Unaufmerksamkeit Lenes (oder Thiels?).
Der eigentlich kausale Ausgangspunkt des gesamten Geschehens ist der Tod Minnas im Kindsbett.
Anmerkungen
• Wie ich schon öfters in Erzählungen und Romanen feststellte, wird der Mann ausschließlich mit dem Familiennamen Thiel angesprochen, die anderen Figuren (Minna, Lene, Tobias) vornehmlich mit dem Vornamen. Sogar Lene nennt ihren Mann Thiel (ist es ein norddeutscher Vorname?)
• Zu Thiels Utensilien für die Arbeit gehört ein Pferdezahn (!?, S. 15)
• Das von der Mutter getrennte Kind und die böse Schwiegermutter sind in Märchen und sonstiger Literatur weit verbreitet. Im selben Jahr 1888 wie Bahnwärter Thiel erschien auch Das Gemeindekind von Marie von Ebner-Eschenbach (Gerhart Links).
• Thiels gewohnheitsmässiger pedantischer Alltag wird durch zwei Unfälle (S. 8) und zwei Vorfälle an der Bahn markiert (S. 12).
• Thiel wird als "gutes Schaf" und als "kindgutes, nachgiebiges Wesen" geschildert (S. 10). Es kann bedeuten, dass er gut zu Kindern ist (siehe Tobias und Betreuung der Dorfkinder) oder dass er selbst ein kindliches Wesen hat. An gleicher Stelle wird seine Frau Lene als »Tier« gekennzeichnet.
Mond und Sonne spielen eigentümliche und häufige Rollen, die ich nicht näher untersuchen möchte. Das gilt auch für die Farb- und Tiermetaphorik.
• Ironie: Thiel heiratet zum zweiten Mal, damit der Junge nicht in der Fremdbetreuung drauf gehe (S. 9). Genau dadurch geht er aber drauf.
• Am Ende sind die fünf Hauptpersonen "weg vom Fenster": Minna und Tobias tot, Minna und zweiter Sohn ermordet, Thiel in der Psychiatrie. Mehr kann auch Shakespeare kaum bieten.
Gott in Hauptmanns Bahnwärter Thiel
Gott und die Religion spielen eine gewisse Rolle, doch ist mir nicht ganz klar welche. Dass sie nicht unbedeutend ist zeigt der erste Satz, mit dem nicht nur der Bahnwärter mit seinem Hang zur Regelmäßigkeit in den Blick kommt sondern auch der sonntägliche Kirchgang. Dass Thiel vor der Wiederverheiratung beim Pastor vorspricht ist zu jener Zeit völlig klar.
Nach dem Tod Minnas (oder schon vorher?) wird sein Arbeitsplatz im Wald bei den Gleisen für Thiel zum mystischen Kultplatz.
Tobias verwechselt den Teufel, der nach altem Volksglauben mit dem Eichhörnchen verbunden wird, mit Gott.
„»Vater, ist das der liebe Gott?« fragte der Kleine plötzlich, auf ein braunes Eichhörnchen deutend, das unter kratzenden Geräuschen am Stamme einer alleinstehenden Kiefer hinanhuschte.
»Närrischer Kerl,« war alles, was Thiel erwidern konnte, ...“ (S. 29)
Der Volksglaube schrieb die rote Farbe und die Blitzschnelligkeit des Eichhörnchens dem Teufel zu. Es will durch seine Possierlichkeiten den Kirchgänger von der Sonntagsmesse abhalten.
Thiel übernimmt diese Verwechselung und fantasiert nach dem Unglück.
„Da huschte ein Eichhorn über die Strecke, und Thiel besann sich. Er mußte an den lieben Gott denken, ohne zu wissen warum. »Der liebe Gott springt über den Weg, der liebe Gott springt über den Weg.«“ (S. 35) Und gleich danach:
„»Der liebe Gott springt über den Weg,« jetzt wußte er, was das bedeuten wollte. »Tobias« – sie hatte ihn gemordet – Lene – ihr war er anvertraut – »Stiefmutter, Rabenmutter,« knirschte er, »und ihr Balg lebt.«“ (S. 35)
Mir scheint, Thiel klagt Gott an. Das kommt besonders in der vorgehenden zweifachen Klageszene zum Ausdruck. Zuerst fordert er „gib ihn mir wieder“ ohne dass klar ist wer angeredet wird. Dann wendet er sich ausdrücklich der verstorbenen Minna zu: »Du, Minna, hörst du? – gib ihn wieder – ich will …« (S. 34).
Eisenbahn: Gleise und Zug
Die moderne Technik durchzieht den ausgiebig geschilderten Wald. Im Gegensatz zu Musils Die Verwirrungen des Zöglings Törleß treffen sich die Gleise ausdrücklich in der Ferne, wie es die Perspektive erscheinen läßt:
„Die schwarzen parallellaufenden Geleise darauf glichen in ihrer Gesamtheit einer ungeheuren, eisernen Netzmasche, deren schmale Strähne sich im äußersten Süden und Norden in einem Punkte des Horizontes zusammenzogen.“ (S. 20)
„Ein dunkler Punkt am Horizonte, da wo die Geleise sich trafen, vergrößerte sich.“ (S. 21)
„Zum Punkte eingeschrumpft, schwand der Zug in der Ferne, und das alte heil'ge Schweigen schlug über dem Waldwinkel zusammen.“ (S. 21)
Bahnwärter Thiel ist eine hochmoderne, naturalistische Erzählung. Ihre Metaphorik wirkt heute übertrieben, allerdings kann sie eine gute, schwülstige (in gutem Sinne) Atmosphäre schaffen, wenn m,an sich darauf einläßt. Sehr lesenswert.
Links
Bahnwärter Thiel Hauptmann WikipediaHauptmannDieter Wunderlich
Hauptmannonline bei Gutenberg
HauptmannMater Dolorosa 
Hauptmann Marie von Ebner-Eschenbach: Das Gemeindekind
Hauptmann Robert Musil: Die Verwirrungen des Zöglings Törleß
Literatur
Clouser, Robin A. (1980): "The Spiritual Malaise of a Modern Hercules, Hauptmann's »Bahnwärter Thiel«". Germanic Review 55:3, S. 98-108.
Hauptmann, Gerhart, Post, Klaus D. (1979): Bahnwärter Thiel. Text, Materialien, Kommentar. München: Hanser.
Hodge, James L. (1976): "The Dramaturgy of »Bahnwärter Thiel«". Mosaic 9:3, S. 97-116.
Krämer, Herbert (1980): Gerhart Hauptmann. Bahnwärter Thiel. Interpretation. München: Oldenbourg.
Ordon, Marianne (1951): "Unconscious Contents in Bahnwarter Thiel". Germanic Review 26:3, S. 223-229.
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Hauptmann HauptmannGerhart Hauptmann: Bahnwärter Thiel. Ditzingen: Reclam, 1986. Taschenbuch Hauptmann
Gerhart Hauptmann: Bahnwärter Thiel: Und andere frühe Meistererzählungen. Ullstein, 1995. Taschenbuch, 124 SeitenHauptmann
Hauptmann HauptmannMario Leis, Hg.: Gerhart Hauptmann: Bahnwärter Thiel. Lektüreschlüssel. Ditzingen: Reclam, 2003. Taschenbuch, 64 Seiten Hauptmann
Gerhart Hauptmann: Bahnwärter Thiel. Sprecher: Mario Adorf. Funkturm 2010. Doppel-CD Hauptmann
Hauptmann HauptmannJohannes Diekhans, Hg.: Gerhart Hauptmann: Bahnwärter Thiel. EinFach Deutsch. Textausgabe: Klasse 8 - 10. Schöningh, 2000. Taschenbuch, 120 Seiten Hauptmann
Norbert Schläbitz, Katharine Pappas, Gerhart Hauptmann: Bahnwärter Thiel. EinFach Deutsch - Unterrichtsmodelle. Schöningh, 2000. Taschenbuch, 117 Seiten
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© by Herbert Huber, Am Fröschlanger 15, 83512 Wasserburg, Germany, 18.3.2010