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Dury
Andreas Dury: Ich und Ben
Saarbrücken: Conte, 2012. Broschiert, 190 Seiten – Andreas LinksAndreas Literatur
Frank wird 1986 Vater. Damit beginnt er die erste der 13 Geschichten um ihn selbst und seinen Sohn Ben. 14 Monate später trennt er sich von Lisa und geht mit Ben eigene Wege. Da merkt der Leser: das sind keine Heile-Welt-Geschichten.
Allerdings verstört die zweite Geschichte nicht nur durch diesen Wechsel. Der 14-monatige Ben leistet Erstaunliches: er läuft umher (S. 11), Vater Frank legt ihn auf den Rücksitz des Autos und gibt ihm während der Fahrt eine Flasche zum Trinken (S. 12), Ben spaziert mit Vater am Strand und ißt (alles mit 14 Monaten!) im Restaurant Muscheln (S. 13). Dass Ben anscheinend fließend spricht fällt da nicht mehr auf.
Doch halt, so haarsträubend geht es nicht weiter: ab hier wird's realistisch und teilweise hart.
Der Vater schlängelt sich mehr schlecht als recht mit dem Sohn durchs Leben, wechselt Jobs,  Wohnsitze und Bekanntschaften. Seine Konstanten sind Rauchen und ergiebiges Trinken. Um Ben kümmert er sich wenig. Als 13-jähriger sitzt er mit Frank in der Kneipe und trinkt ein Bier (S. 85), Aussprachen geht der Vater aus dem Weg. Da wundert es nicht, wenn Ben auf die schiefe Bahn gerät.
Auch mit Frank geht es gesundheitlich abwärts, das läßt der Autor aber völlig offen.
Andreas Dury (im oberbayerischen Penzberg geboren!) hat einen nüchternen Erzählton, obwohl er Frank selbst erzählen läßt. Was zitiert vielleicht nicht so gut ankommt, passt wunderbar zur Stimmungslage der Geschichten:
„Da lag eine Frau im Schatten des Apfelbaume. Ein Kind war bei ihr. Es tat irgendetwas. Es bewarf sie mit Sand“ (S. 97). Stilistisch und auch inhaltlich kann man Dury mit Wilhelm Genazino vergleichen. Während mich bei Genazino aber die Allerweltstypen mit riesigen, ungenützten Chancen wenig beeindrucken, ging es mir bei Frank und Ben nicht so. Einige Geschichten ziehen den Leser richtig hinein, so "1998 Wiesbaden" und das anschließende "Frühjahr Sommer 2000 – Saarbrücken".
Freilich bedingt die Ich-Erzähler-Konstruktion, dass man von Ben wenig erfährt; der Vater hat es nicht so mit seinem Sohn, das glaube ich, kam schon in dieser Besprechung zum Ausdruck.
Nur einmal blitzt Humor auf. Frank gesteht seinem "Kiebitz" genannten Bekannten, dass er kürzlich ein Horoskop zu Rate gezogen hat. Der folgert daraus, dass Frank sein Leben nicht im Griff hat nd trifft den nagel auf den Kopf (S. 95).
Dass die 13 Geschichten Flickwerk bleiben und den Leser selbst zur Deutung aufrufen passt gut zu den beiden Lebensläufen und unserer allgemeinen Lebenssituation. Ein Schlag Spannung hätte jedoch nicht geschadet.
In diesem Anti-Bildungsroman der neueren Geschichte der Bundesrepublik Deutschland taumelt Vater Frank durchs Leben, das es eigentlich gut mit ihm meint. Doch sein Sohn Ben entgleitet ihm. Wäre er doch besser bei Mutter Lisa geblieben?
David Vann wird für ähnliche Stories hoch gelobt, Wilhelm Genazino erhielt für ähnliche Sujets den Georg Büchner Preis, wann ist Andreas Dury dran? – Sehr zu empfehlen.
Links
DuryConte-Verlag, Saarbrücken
Andreas Dury: DuryConte-VerlagDuryVerband deutscher Schriftsteller Landesverband Saar
DuryAndreas Durys neuer Roman „Ich und Ben" erzählt eine Vater-Sohn-Geschichte,
Saarbrücker Zeitung, 22.08.2012
Dury Vater-Sohn-Beziehung und Vater-Sohn-Konflikt
Vergleichsliteratur
Dury Genazino, Wilhelm: Ein Regenschirm für diesen Tag
Dury Genazino, Wilhelm: Die Kassiererinnen
Dury Per Petterson: Pferde stehlen
David Vann: Legend of a Suicide: Stories. 2010.
Gelesen, für gut befunden, aber hier noch nicht besprochen.

Literatur
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Dury DuryAndreas Dury: Ich und Ben. Saarbrücken: Conte, 2012. Broschiert, 190 Seiten
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© by Herbert Huber, Am Fröschlanger 15, 83512 Wasserburg, Germany, 22.8.2012