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Hilbig
Wolfgang Hilbig: Alte Abdeckerei. Erzählung
Frankfurt: Fischer, 1993. Broschiert, 116 Seiten – Wolfgang LinksWolfgang Literatur
In einem Erinnerungsmonolog besinnt sich ein Mann unbestimmen Alters. Er hat einen Schlüssel bereits 25 Jahre in der Jackentasche (S. 29), ist da also wohl mindestens 40 Jahre alt, aber andere Indizien sprechen für wechselnde Lebensabschnitte („Seit Jahrzehnten”, S. 54) im Laufe seiner Erinnerungen. Sein wesentlicher Lebensinhalt war und ist das Erkunden einer Industriebrache, die sich hinter seinem Wohnort ausbreitet.
Literatur muss unterhalten oder nachhalten, worunter ich verstehe, dass sie belehrt, Möglichkeiten aufzeigt oder zum Nachdenken anregt. Stellenweise gelang es der Erzählung durch wortgewaltige Szenerien phantastische Bilder herauf zu beschwören und damit zu unterhalten. Mehr nicht, dafür war sie mir zu undurchsichtig, handlungslos, verschlossen.
Das änderte sich auch wenig durch Studium der Sekundärliteratur. Darin las ich Sätze wie diesen: „Die sprachliche Fügung des Verlaufs ist dazu angetan, eine Verschleierung semantischer und motivischer Inkommensurabilitäten (Tabus) vermittels rhythmisierter, versförmiger Gestaltung zu erreichen” (Symmank, S. 218). Da verstand ich sogar die Sätze der Erzählung besser. Immerhin entnahm ich einer Besprechung, dass der Erzähler auf eine „Ruine eines militärisch-industriellen Komplexes aus dem Zweiten Weltkrieg” stößt. Mir war das während des Lesens nicht klar und ich bezweifle es. 
Der Erzähler (wird es irgendwo klar, dass es ein männlicher Erzähler ist?) streunt entlang einem Fluss in eine düstere, verfallende Kohlenrevierlandschaft. Er stößt immer weiter vor (eine Annahme, die durch zeitliche Sprünge und Unbestimmtheit erschwert wird) und stößt auch auf eine Abdeckerei, in der offensichtlich Tier– oder Menschenkadaver entsorgt werden. „Entsorgt” werden in der Erzählung auch Menschen, von deren Verschwinden mehrmals die Rede ist. Die täglichen Suchmeldungen (die in die Tausende gehen, siehe S. 56) lassen eine rasche Entvölkerung vermuten. Doch für welche Zeit und welches Land steht das?
Zurück zu den Suchmeldungen (S. 56): es fällt auf, dass "Schiller, Friedrich" als einziger mit reellem Bezug darunter ist. Zu Friedrich Schillers „Freude, schöner Götterfunken, Tochter aus Elysium” (Anfang des Gedichts „An die Freude”, 1785) ist die Alte Abdeckerei eine Antithese.
Es fällt auf, dass der Erzähler seine reale Welt nur selten erwähnt: er ist süchtig so schnell wie möglich wieder seine Erkundigungen aufzunehmen. Vielleicht hält es der Autor Hilbig auch für überflüssig von der Alltagswelt des Jünglings zu berichten: die verfaulende, stinkende Phantastik kann man – unter vielem anderen – als Allegorie für den Alltag lesen.
Deutung
Manches spricht dafür, dass die Szenerie eine Allegorie auf die DDR ist, manches deutet auf die Gulags unter Stalin (versteckte SS-Männer, S. 90) und die KZs der Nazis (Herstellung von Schmierseife, S. 90) hin. Die Herstellung von Seife genügt nicht: auch Tierkadaver werden so verarbeitet, doch gibt es mit dem Bahngleis ein weiteres KZ-Indiz. Auch die Rampe fehlt nicht.
Vielleicht ist es eine Mahnung gegen Umweltzerstörung durch die Industrie, oder gegen eine Diktatur, die solches zulässt. Fast alles bleibt offen und unverbindlich. Das war wohl die Absicht des Autors. Vielleicht wollte er Leibnitz' These der besten aller möglichen Welten das „erträglichste der Übel” (S. 73) entgegensetzen. Im Kontext nennt der Erzähler „Candide”. Der Roman ist eine gelungene Parodie auf Leibnitz' These aus der Feder des französischen Aufklärers Voltaire (Hilbig Links).
Eine letzte Möglichkeit: der Erzähler ist nicht ganz bei Sinnen. Er bezeichnet sich als „Trinker, der die Welt nur noch mit den reizbaren Magenwänden wahrnahm” (S. 80) und sich durch die „Unnatur der Wirklichkeit” (S. 75) angezogen fühlt. Zu dem passt nicht und ist sogar widersprüchlich, dass der Erzähler zuviel las und sich um zu starke Sinneseindrücke sorgt (S. 73). Es handelt sich jedenfalls um einen sehr unzuverlässigen Berichterstatter.
Vielleicht ist der Erzähler der Unbekannte des Bonmots: „Die Realität ist eine Illusion, die durch Mangel an Drogen entsteht”.
Symbolik & Motivik
Hilbig häuft die Symbole und Motive des Verfalls, der Verwesung und des Todes, die er auf die gesamte Erde (Mutter Gaia, S. 93) bezieht. So ist die Weide einerseits ein heiliger und heilender Baum (Weidenzweige), aber auch ein Sinnbild des Todes und des Totenreichs. Gespenster und Hexen tummeln sich oft zwischen Weiden. Ratten sind Tiere, die Abscheu und Ekel erzeugen. Ihr Auftreten zeigt baldiges Unglück an. Im Hauses eines Freundes zertritt der Erzähler ein besonders ekliges Exemplar (S. 49). 
Sprache & Stil
Hilbig wird zurecht als sprachgewaltig gelobt. Jeder Satz ist wuchtig gehauen oder fein ziseliert, nie sorglos hingeschrieben. Das verlangt, dass man konzentriert liest und wenn die Sprache wirkt und sich fantastische Bilder einstellen, begleitet man dreidimensional den Erzähler in seiner surrealistischen Landschaft. Das leistet die Erzählung an vielen Stellen.
Grossartig ist die Schlussapokalypse, die – so legt es der einleitende Absatz (S. 96) nahe – nur eine Fantasie des Erzählers ist, sich seitenweise steigert (S. 96–104), bis das Braunkohlenbergwerk zusammenbricht (S. 104–106). Der Erzähler nennt es eine Höllenfahrt und ein Schlachtfeld.
Doch es gibt auch Überdrehungen und schiefe Bilder. Dazu ein Beispiel: „.. darüber ein Flügelflattern, so daß eine Schicht der dunklen Luft unvermittelt in Wirbel geriet, lautlose Wirbel, als ob sich ein rasch aufflügelnder Schatten [...] in das Gezweig der Weiden setzte, weiter flatternd im Gezweig der Weiden, deren Gehörn die Dunkelheit aufspießte ...” (S. 51; Satz nur auszugsweise zitiert, da in Deutschland Zitate im Web schnell zur Bestrafung führen). Wenn es dunkel ist sind Schatten ziemlich herbeigeredet; die Weiden als Gehörn sind ein nettes Bild, doch wie sie die Dunkelheit aufspießen können bleibt wohl Hilbigs Geheimnis. Oder spießte die Dunkelheit deren Gehörn auf? Die deutsche Grammatik gibt beide Lesarten her.
Den glänzenden Worten fehlt oft der Sinn. Was sind „unbeschriebene Substantive” in der Zeitung (S. 106)? Was bedeutet „Niemands Sippe aber wußte nichts vom Wissen aller Welt” (S. 114).
Da erweist sich der glänzende Hilbig als Blender.
Motti
Die vorangestellten Motti stammen aus „Urworte. Orphisch” einer Ballade von Johann Wolfgang von Goethe und aus James Joyce: Finnegans Wake: „Oystrygods gaggin fishygods” (Ostgoten gegen Westgoten).
Das erste Motto unterliegt der Deutungsbeliebigkeit: ein Kritiker erkennt darin den Bezug zur Literatur im Allgemeinen, Wolf Peter Wucherpfennig deutet es geschichtsphilosophisch bezüglich der Verdrängung des Widerwärtigem nach dem Fall der Mauer (Wucherpfenning 2001, S. 131). Der letzten Deutung steht etwas die Entstehungsgeschichte entgegen: der Erzählung gingen Aufzeichnungen aus den Jahren um 1980 voraus. Wolfgang Hilbig schrieb sie 1990 und sie erschien 1991 in Frankfurt am Main.
Beim zweiten Motto passen selbst die Literaturwissenschaftler. Eine Sprachverliebtheit kann man sowohl Joyce als auch Hilbig bescheinigen.
Birgit Dahlke, Literaturprofessorin an der HU Berlin, befindet: „Der für mich bedeutendste Text Hilbigs ist die 1991 erschienene und in den Aufregungen des Mauerfalls zunächst wenig beachtete große Erzählung Alte Abdeckerei” (Dahlke 2013, S. 466). Der Literaturwissenschaftler und Dozent am IES-Berlin Michael Opitz zählt Alte Abdeckerei zur Weltliteratur (Opitz 2000). Dem kann ich mich nicht anschließen. Im Detail und absatzweise ist Alte Abdeckerei dann grossartig, wenn farbige Filmbilder im Kopf entstehen. Das Ganz bleibt aber diffus und ist wort-überladen ohne (für mich) erkennbare Aussage, außer vielleicht der: Alles geht den Bach hinunter.
Links
HilbigAlte Abdeckerei 
HilbigWolfgang Hilbig
HilbigWolfgang-Hilbig-Gesellschaft e.V.
HilbigMichael Opitz (2010): Weltliteratur von unten, Dradio Kultur, 18.11.2010
Hilbig Wolfgang Hilbig. Grünes grünes Grab
 HilbigFriedrich Schiller: An die Freude
Hilbig Voltaire: Candide oder Der Optimismus
Literatur
Dahlke, Birgit (2013): „Verspätet, verkrüppelt, verschlissen, verkalkt. Zur „negativen” Poetologie des ostdeutschen Dichters Wolfgang Hilbig (vor und nach 1989)”. Interliteraria 18:2, S. 462-475.
Hinck, Walter (1994): „Katakomben der Geschichte. Zu der Erzählung »Alte Abdeckerei«”. In: Uwe Wittstock, Hg.: Wolfgang Hilbig. Materialien zu Leben und Werk. Frankfurt. S. 180-189.
Loescher, Jens (2003): „Subversion, Spiel und eine “verstockte Literatur”. Gert Neumann, Wolfgang Hilbig, Hans Joachim Schädlich”. Sprachkunst 34, S. 283-301.
Pye, Gillian (2012): „Trash and Transformation: The Search for Identity in Wolfgang Hilbig’s Die Kunde von den Bäumen and Alte Abdeckerei”. New German Critique 39:2, S. 87-102.
Schoor, Uwe, Gerhard Bauer: „Das tickende Fleisch unterm Gras: Wolfgang Hilbig, Alte Abdeckerei”. In: Gerhard Bauer, Robert Stockhammer, Hg.: Möglichkeitssinn. Phantasie und Phantastik in der Erzählliteratur des 20. Jahrhunderts. Wiesbaden: Westdeutscher, 200. S. 239-253
Symmank, Markus (2001): Besprechung zu Wolfgang Hilbig: Werke. Band 3: Erzählungen. Die Weiber. Alte Abdeckerei. Die Kunde von den Bäumen. Deutsche Bücher: Forum für Literatur
Hilbigonline (pdf)
Symmank, Markus: „»Schriftgezirp«. Zur Poetologie in Wolfgang Hilbigs Erzählung Alte Abdeckerei”. In: Dagmar Ottmann, Markus Symmank, Hg.: Poesie als Auftrag: Festschrift für Alexander von Bormann. S. 217–228
Wucherpfennig, Wolf Peter (2001): Identität an den Rändern des Todes: Wolfgang Hilbigs "Alte Abdeckerei". In: Christa Grimm, Ilse Nagelschmidt, Ludwig Stockinger, Hg.: Mannigfaltigkeit der Richtungen: Analyse und Vermittlung kultureller Identität im Blickfeld germanistischer Literaturwissenschaft. Leipzig : Leipziger Universitätsverlag. S. 123-142
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Hilbig Hilbig Wolfgang Hilbig: Alte Abdeckerei. Erzählung. Fischer, 2009. Taschenbuch, 128 Seiten Hilbig
Wolfgang Hilbig: Werke, Band 3: Die Weiber / Alte Abdeckerei / Die Kunde von den Bäumen: Erzählungen. Fischer, 2010. Gebunden, 384 SeitenHilbig
Hilbig Hilbig Gerhard Bauer, Robert Stockhammer, Hg.: Möglichkeitssinn. Phantasie und Phantastik in der Erzählliteratur des 20. Jahrhunderts. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften, 2000. Taschenbuch, 276 Seiten Hilbig
Birgit Dahlke: Wolfgang Hilbig. Hannover: Wehrhahn, 2011. Taschenbuch, 140 Seiten Hilbig
Hilbig Hilbig Yvonne Delhey: Schwarze Orchideen und andere blaue Blumen: Reformsozialismus und Literatur in der DDR: mit Interpretationen zum literarischen Werk Christa Wolfs und Wolfgang Hilbigs. Königshausen & Neumann, 2004. Broschiert, 210 Seiten Grimm
Christa Grimm, Ilse Nagelschmidt, Ludwig Stockinger, Hg.: Mannigfaltigkeit der Richtungen. Leipzig: Leipziger Universitätsverlag, 2001. Taschenbuch, 384 SeitenHilbig

Hilbig
Jens Loescher: Mythos, Macht und Kellersprache: Wolfgang Hilbigs Prosa im Spiegel der Nachwende. Rodopi, 2002. Taschenbuch Hilbig
Hilbig HilbigDagmar Ottmann, Markus Symmank: Poesie als Auftrag: Festschrift für Alexander von Bormann. Königshausen & Neumann, 2001. Broschiert: 376 Seiten

 
Hilbig
Uwe Wittstock: Wolfgang Hilbig: Materialien zu Leben und Werk. Frankfurt: Fischer, 1994. Broschiert, 256 SeitenHilbig
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© by Herbert Huber, Am Fröschlanger 15, 83512 Wasserburg, Germany, 4.3.2014