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Gogolin
Wolfgang A. Gogolin: Dunkles Licht in heller Nacht
Rhede: Oldigor, 2013. Broschiert, 128 Seiten – Wolfgang A. LinksWolfgang A. Literatur
Auf einem Pariser Polizeirevier teilt Capitaine Luc Morel die Leute ein. Emil Legard und Mathis Durand beauftragt er mit der Aufklärung eines Mordes an einem jungen Mädchen. Doch im Roman geht es weniger um Verbrechensaufklärung als um die Bekämpfung des eigenartigen Lebens der drei Protagonisten. Jeder der Drei hat seine Probleme, ja, man kann sagen, jeder hat einen Schlag weg:
  • Luc Morel spricht mit seinen Zimmerpflanzen und unterwirft seine Leute obskuren Therapien
  • Mathis Durand trinkt und treibt sich in Clochardkreisen herum
  • Emil Legard ist süchtig nach Süssigkeiten.
Die weiblichen Nebenfiguren kann man zwei Gruppen zuordnen: sie stehen entweder in Beziehung zu einem der drei Kriminaler oder sie therapieren sie.
  1. Auf Morel wartet zuhause eine gelangweiligte Ehefrau. Legard himmelt eine Verkäuferin ohne es zu wagen, sich zu erklären; er lebt immer noch bei seiner 80-jährigen Mutter.
  2. Zur Therapiegruppe gehören die zwei Polizeipsychologinnen Dr. Piedad Martinez und Dr. Gabrielle Murat und die ominöse Lady Lynn.
Außer dass Durand vor kurzem seine Tochter Lilou verloren hat erfahren die Leser nichts über die Vorgeschichte der drei Extremtypen. Ihr Verhalten erschließt sich deshalb kaum.
Nach einem Stakkato-Auftakt – jeden Krimireißers würdig – geht es leider largo weiter. Erst allmählich dämmert es, dass kein üblicher Krimi vorliegt, sondern ein psychologischer Polizeirevier-Roman. Dieses Subgenre begründete der US-Autor Ed McBain, der ab den 50-ern des letzten Jahrhunderts eine Serie um das 87. Polizeirevier in New York schrieb. Die Ermittlungen eines Teams an verschiedenen Fällen standen im Vordergrund. In Dunkles Licht in heller Nacht stehen die Fälle noch weiter zurück: die Polizisten selber werden zu Fällen, zu dunklem Licht in heller Nacht.
Inhaltlich stehen – wie vom Autor gewohnt – die Spannungen zwischen den Geschlechtern im Mittelpunkt. Das gerät meist recht plakativ, wie beispielsweise gleich am Amfang:  „Frauen lockten, Männer erlagen. Erlag man allzu lange, war man verheiratet” (S. 12). Das erinnert an ein Wortspiel Dean Martins:  „Marriage is not a word but a sentence”. Stilistisch bleibt der Autor seinem Witz und humorvollen Grundton treu, das passt aber nicht immer zur seriösen Absicht.
Die skurillen Eigenschaften, die heutzutage nahezu jeder fiktive Detektiv oder Polizist, aufweist, findet man auch bei Luc, Mathis und Emil zuhauf. Sie wurden oben schon genannt. Das alles walzt der Autor aber so aus, dass es sich abnutzt und lästig wird. Der Humor ist oft lakonisch, wie in: „Der Feierabendverkehr war mörderisch, mindestens so mörderisch wie der morgendliche Verkehr” (S. 26). Das muss man mögen, dann gefällt der Stil.
Kleine Geschichten – und seien sie so noch so menschlich charmant und witzig – aneinandergereiht ergeben noch keinen stimmigen Roman. Der Ariadnefaden ist nicht so deutlich erkennbar, oder fehlt er gar? Das scheint auch der Autor zu spüren. Er häuft noch einige Szenen oben auf, mit denen ich allerdings nicht so viel anzufangen wußte.
  • Die Anfangsszene im 4. Kapitel (S. 79-85) verwirrte mich und blieb mir unerklärlich.
  • Ebenso unklärlich blieb mir die Fortsetzung im 5. Kapitel (S. 100-106), die in einer bizarren Vergewaltigung mit anschließendem Mord endet!? Es wird angedeutet, dass alles nur einen Traum sein könnte!? Oder träumte ich das nur?
  • Oder sind diese Szenen mit Mathis Durand Ausflüge ins Surreale: die dritte Episode (S. 115ff) legt diese Variante nahe.
  • Oder ist alles nur Wahn des Trinkers Mathis Durand, eine vierte Interpretationsvariante (S. 122ff)?
Die zentrale Gestalt dieser Episoden, die Lady Lynn, entpuppt sich als „dunkles Licht in heller Nacht” (S. 119). Das klingt oberflächlich gut, ich erkenne aber keine Bedeutung.
Autor Wolfgang Gogolin wollte anscheinend seine witzigen, oft klamaukhaften Vorgängerromane überwinden und hier einen Polizeirevierroman mit Tiefgang präsentieren. Der Ansatz ist richtig und vielversprechend. Das Fleisch ist da, allein das Skelett muss man suchen. Etwas mehr Feinarbeit wäre aber wünschenswert. Kurzweilig ist der Roman auf alle Fälle.
Vergleichsliteratur
Gogolin Jean Amila: Die Abreibung
Gogolin Josh Bazell: Beat the Reaper [deutsch:  Schneller als der Tod]

Links
Wolfgang Wolfgang A. Gogolin
GogolinKarl-Heinz Heidtmann: Wolfgang A. Gogolin – “Dunkles Licht in heller Nacht”, 18.12.2013
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