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Krausnick
Michail Krausnick: Weißer Bruder, Schwarzer Rock
Saarbrücken: Conte, 2014. Broschiert, 220 Seiten – Michail LinksMichail Literatur
Eduard Raimund hatte sich mit seinem Vater überworfen, wurde evangelischer Priester und zum Missionar trainiert. 1847 wird er in die USA gesandt. Er ist kein Pionier: Pastor Löhe erwartet ihn. Es gilt die Ersteinwohner zu missionieren und Trutzburgen gegen die nicht Evangelisch-Lutherischen zu errichten (S. 9).
Trotzdem die Indianer von den Einwanderern schon mehrfach übers Ohr gehauen wurden wird Eduard erstaunlich problemlos in den Stamm der Chippewa aufgenommen. Der Leser gewinnt den Eindruck, als ob die Chippewa nur auf die Botschaft der Weißen gewartet hätten: Lutheraner zu werden, Schulpflicht, christliche Bräuche übernehmen.
Shania, Tochter des Häuptlings Bemassikeh, verliebt sich in den Missionar. Er kämpft mit sich, läßt aber dann doch seine europäische Geliebte Ulrica in die Wildnis nachkommen, heiratet sie und zeugt mit ihr binnen fünf Jahre drei Töchter.
Mehrfach setzt sich Eduard für die Rechte der Indianer ein, vergebens.
Nach sechs mühevollen und für die Missionierung erfolgreichen Jahren wird er von seinem Vorgesetzten nach Indien versetzt. Gehorsam läßt er alles im Stich und zieht mit seine Familien an sein neues Wirkungsfeld.
Letzte Szene in den USA: Shania bringt Eduard „wie Maria mit dem Kinde” (S. 201) ihr Neugeborenes zum Segnen.
Auf diese Szene komme ich noch zurück.
Der historische Roman Weißer Bruder, Schwarzer Rock beruht auf Aufzeichnungen des Ururgrossvaters des Autors. Im Anhang schildert Michail Krausnick kurz, wie er sie zum Roman aufbereitete.
Die Geschichte um den aufrechten weißen Mann und die verliebte Häuptlingstochter läuft vor dem Hintergrund der Verdrängung, Unterdrückung und nahezu Ausrottung der Einwohner Nordamerikas ab. Über ihr Sozialgefüge und das Leben der Ansiedler erfährt man einiges, gerade bei den Ansiedlern aber oberflächlich. Insgesamt bleibt der Roman im Episodenhaften, einen dramatischen Faden vermisst man. Vor ähnlicher Kulisse fügte Karl May diesen Faden hinzu. Laut Autor wurde der Erzähler May durch dieselben Aufzeichnungen beeinflußt, die auch Weißer Bruder, Schwarzer Rock zugrunde liegen. Nscho-tschi, die Schwester von Winnetou könnte auch Shanias Schwester sein.
Eduard Raimund erliegt der europäischen Hybris, wenn er über die Indianer feststellt:
„Im ehrlichen Kampf waren sie nie besiegt worden. Doch betrügerische Verträge, Feuerwasser, die überlegenen Waffen und die Krankheiten der Weißen hatten am Ende auch die Chippewa geschwächt und dezimiert” (S. 42). 
Das unterstellt, dass ein „ehrlicher Kampf” (was immer man sich da vorstellen mag) die Frage, wer in Nordamerika leben dürfe, gerecht geregelt hätte.
Eine uralte Indianerin durchschaut Eduards „Wir wollen Frieden stiften bei allen Völkern!” als Lüge und kontert:  „Wir sollen friedlich sein, wenn die Weißen uns unser Land rauben. Wir sollen gut sein, damit sie selbst schlecht sein können!” (S. 60) Zur Friedensmission (woher wollten die Europäer vorher wissen, wo kein Friede herrscht?) gehört es dann den Indianern das  Weihnachtslied von Martin Luther: „Vom Himmel hoch, da komm ich her” beizubringen (S. 117). Man muss sorgfältig lesen um die Mission der Europäer zu entlarven. Sehr spät wird es ausgesprochen: zuerst kommen die Pfaffen, dann die Händler, dann die Soldaten (S. 171). An anderer Stelle stößt Shania den Missionar mit der Nase darauf, dass alle Religionen hanebüchene Geschichten verbreiten. Eduard sieht den Splitter bei ihr, nicht aber den Balken der Christen (S. 157).
Ganz am Ende träufelt der Autor einen Schuß Dramatik in den zu glatt fließenden Bericht aus der Sicht des Missionars. Shania bringt ihren Säugling zum Segnen und als Eduard die weiße Haut des Säuglings sieht „zerriss es ihm das Herz”. Die zweifache Anspielung auf die biblische Maria läßt eine außereheliche Vaterschaft vermuten. Doch Eduard war sich nicht sicher. Der Roman endet mit: „Seither lastetet ein Fels auf seiner Seele. Und eine Frage, die ihm bleiben würde bis ans Ende seiner Tage” (S. 202-203).
Die einleitenden Gedichtzeilen sind dem Gedicht von Ferdinand Freiligrath "Audubon" von 1833 (Krausnick schreibt 1838) entnommen.
Nadowesier, Tschipawäer,
Heult den Kriegsruf, werft den Speer!
Schüttelt ab die Europäer!
[...]
Zürnend ihren Missionären
Aus den Händen schlagt das Buch;
Denn sie wollen euch bekehren,
Zahm, gesittet machen, klug! 
Sie lassen einen Zusammenprall der Kulturen erwarten. Diese Erwartung wird nur sehr bedingt eingelöst.
Mit ähnlichen Voraussetzungen aber ganz anderer Umsetzung kann man Christian Kracht: Imperium zum Vergleich lesen.
Die Lebensumstände der Kolonisten und Indianer werden aufschlußreich geschildert. Ob sie aus der Feder Eduards authentisch fließen muss bezweifelt werden. Karl May machte aus solchem Stoff zu seiner Zeit und weit ins 20. Jahrhundert hinein fesselnde Abenteuerromane, die jedoch heute kaum mehr gelesen werden. Michail Krausnick wird mit diesem Roman den Trend nicht aufhalten.
Links
KrausnickMichail Krausnick – Weißer Bruder, schwarzer Rock @ Conte, Saarbrücken
KrausnickUrurgroßvater auf Mission in Amerika – Mannheimer Morgen, Mittwoch, 30.04.2014
KrausnickWeisser Bruder Schwarzer Rock - der Indianermissionar
KrausnickLeseprobe (pdf)
Ferdinand Freiligrath: "Audubon": Krausnickthokra.deKrausnickGedichte.euKrausnickJohn James Audubon
KrausnickMichail Krausnick: Ferdinand Freiligrath - Wir sind das Volk! Die Zeit 24/2010
Krausnick Christian Kracht: Imperium
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Krausnick KrausnickMichail Krausnick: Weißer Bruder, Schwarzer Rock. Saarbrücken: Conte, 2014. Broschiert, 220 Seiten
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