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Mosebach
Martin Mosebach: Was davor geschah
München: DTV, 2012. Taschenbuch, 336 Seiten – Martin LinksMartin Literatur
Gleich im ersten Kapitel macht Martin Mosebach klar: dies wird ein langsamer Roman, voll des eloquenten Plauderns, doch mit Andeutungen des Zerfalls. Der zuvor breit besungene Kastanienbaum wird gefällt. Erst im Nachhinein fallen zwei weitere Sachverhalte auf:
  • Der Niedergang, der Zerfall ist wohl begründet: die Kastanie war morsch. Jeder Kritik wird damit der Boden entzogen.
  • Wer lange umsonst darauf wartete, dass endlich geklärt wird, was es mit „Was davor geschah” auf sich hat (Was ist der implizite Ereignis, vor dem etwas geschieht? Was ist vom breiten Geschehen im Roman davor, was nicht?) sollte den Einstieg lesen. Es ist ein völlig unbedeutendes Ereignis: sie fragt ihn, wie es war, als er allein in Frankfurt lebte. Und nach der Antwort des Ich-Erzählers „das war nichts Besonderes” (S. 5) könnte man zum Lesen aufhören. Ich tat es leider nicht.
Der Ich-Erzähler – ein Bankangestellter in Frankfurt am Main – bleibt Randfigur, noch stärker zurückgenommen als der Erzähler in Der grosse Gatsby (Martin Vergleichsliteratur). Es geht im Wesentlichen um zwei Frankfurter Familien: die Hopsten und die Schmidt-Flex, die ein herrschaftliches Leben mit regelmäßigen Einladungen, Ausflügen und Schlittenpartien führen.
Ein Erzählstrang ist schlecht auszumachen, es bleibt im episodenhaften, oder, um Mosebachs Sprachallüren gerecht zu werden: er bleibt in Episoden haften.
Es gibt davon einige spannende, so als Hans-Jörg Schmidt-Flex einem Mädchen durch Kairo ins Hotel folgt. Drei Männer in schwarzen Lederjacken fangen ihn ab. Da kommt Joseph Salam als Retter ex machina (S. 120–124).
Es gibt einiges zum Schmunzeln (Hans-Jörgs Schließmuskeltraining im 10. Kapitel) und gelegentlich eingestreute Weisheiten („die schlechte Gesellschaft verdrängt immer die gute”, S. 130).
Angereichert wird die „hochrespektable” (S. 19) Frankfurter Oberschicht mit Helga Stolzier, dem schillernden Joseph Salam und einigen anderen. Zwischen den beiden Genannten kann zweierlei gezeigt werden:
  1. wenn es einen Faden im Roman gibt, so die „Wahlverwandtschaften” (Martin Vergleichsliteratur), die mit dem Fortgang des Romans zunehmen. Sie sind selten aufregend. Bernward steigt zu seiner Rosemarie ins Bett und was passiert? Er gestattete sich zu seufzen (S. 186). Im späteren Durcheinander der Paare kommt es am Ende des 28. Kapitel (S. 289) zur ersten prickligen Situation: Silvi Schmidt-Flex wird beim Stelldichein von einem Fremden erkannt.
  2. Mosebach erklärt und charakterisiert sein Personal stets und bis zur letzten Seite. Dabei missglückt ihm einiges. Beispiel: Salam kann an Helga nichts Aufregendes finden: selbst nach sechs Wochen mit ihr allein im Wüstenzelt hätte sich bei ihm nichts geregt (S. 195). Dann hackt ihr der Kakadu in den Zeigefinger. Salam saugt das Blut ab und mit ihrem blutigen Finger im Mund wird er gamsig (S. 197-198). Die sich anschließende Zungenkussszene läßt freilich nichts knistern. Sehr viel später (S. 226-227) las ich, dass Mosebach da eine Vergewaltigung dargestellt hat. Na sauber! Kurz darauf wird festgestellt, dass Helga „gleichsam schwanger” sei (S. 228). Das scheint nur eine Metapher zu sein, oder? Was „gleichsam schwanger” ist müßte mir Mosebach erst erklären.
Mosebach ist ein genauer Beobachter, sprachverliebt und detailbesessen. Er streut gerne – zugegeben nicht überhäufig – Fremdworte ein, für die jedem Leser meist sofort passende deutsche Entsprechungen einfallen. Ihm fallen besondere Vergleiche und Bilder ein, die jedoch nicht immer stimmig sind. Dazu zwei Beispiele:
  • „Dennoch waren es zunächst nicht meine Augen, die von Silvi Schmidt-Flex angezogen waren” (S. 56). Das ist überkonstruiert. Die Augen führen kein Eigenleben, Ein Mensch wird allenfalls durch sie von jemandem angezogen.
  • Silvi und Bernward „schwiegen jetzt in großer Ruhe” (S. 273). !? Wie sollte man anders schweigen als ruhig? Und was unterscheidet die kleine Ruhe von der grossen?
Das Schachspiel spielt eine kleine Nebenrolle in Silvis brasilianischen Vaterhaus (S. 158, S. 209), doch es werden mehr Patiencen gelegt.
Der Ich-Erzähler in Was davor geschah legt uns auf über 300 Seiten eine Patience mit nur wenig offenen Karten. Das merkt auch sein Alter-Ego (oder ist es seine Freundin? jedenfalls S. 272).
Es bleibt bei dem auf der ersten Seite angekündigten Urteil des Ich-Erzählers über das gesamte Geschehen: „das war nichts Besonderes” (S. 5), oder, wie es Judith von Sternburg in der Frankfurter Rundschau ausdrückte: Es geht in dieser unwichtigen Geschichte um unwichtige Leute.
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Vergleichsliteratur
Die folgenden grossen Romane der Weltliteratur sollen nicht dazu verführen, Was davor geschah in dieselbe Kategorie einzuordnen. Mosebach hat auch hier seine Vorbilder (?) nicht erreicht.
Martin F. Scott Fitzgerald: The Great Gatsby [Der große Gatsby]
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Mosebach Thomas Mann: Buddenbrooks
Martin Philip Roth: American Pastoral [Amerikanisches Idyll]

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