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Christoph Fromm: Die Macht des Geldes
München: Primero, 2006. Gebunden, 543 Seiten – fromm VergleichsliteraturfrommLinksfromm Literatur
Mitte Dezember 2006 wurde in München eine Lesung aus Die Macht des Geldes angekündigt. Dazu schrieb die Süddeutsche Zeitung, dass dieses Buch als Vorlage für einen Fernsehfilm in Auftrag gegeben wurde und dann vom Sender abgelehnt wurde (SZ, 14.12.2006). Ich witterte Feigheit vor brisantem Stoff, ähnlich wie bei der Ausladung von Garri Kasparow bei Sabine Christiansen (fromm Fernsehen und Rundfunk fest in der Hand der Regierung und der Parteien), oder Nennung eines Namens von Diktaturhelfern wie bei Roman Grafe (fromm Roman Grafe: Deutsche Gerechtigkeit) oder Schonung von Politikern, wie allgemein in den deutschen Medien üblich. Ich wollte das Buch lesen, bevor es verboten wird.
Vorab: nichts von alledem scheint mir zuzutreffen. Der Sender hat das Buch vielleicht abgelehnt, weil es selbst für einen TV-Film zu uninspiriert geschrieben ist. Auch unter rein literarischen Gesichtspunkten lohnte sich die Lektüre nicht. Ich habe es auf meine Seite für Schlaftabletten (fromm Schlaffies) gesetzt und trotzdem fertig gelesen. Ich meine, es wurde in bester Absicht und sorgfältig ausgedacht geschrieben, deshalb verdient es trotz eine ausführliche Rezension meinerseits.
Im Mittelpunkt steht der aufstrebende Bankier Otto Steinfeld, der von der grauen, blinden, mächtigen Bank-Eminenz Friedrich Helms gefördert wird. Dafür bleibt Steinfeld jahrzehntelang eine Marionette. Am Ende scheitert sein Lebensentwurf, seine Ehe mit der Tochter Katharina Helms wird schon zuvor geschieden. Dieses Wirtschaftsepos zwischen Mauerbau und Mauerfall bezieht alle Ebenen ein: die rein persönliche und familiäre; die Firmen und Banken; die deutsche Politik; Finanzwelt und Geheimdienst auf der internationalen Ebene und damit auch die Weltpolitik umfassend. Gerade mal, dass kein Mabuse (frommDoktor Mabuse) oder Goldfinger (frommGoldfinger) auftritt, wenn man nicht Friedrich Helms als solchen ansehen will; oder den Möchte-gern-Boss Steinfeld, der immerhin eine neue Weltordnung weltschaffen will (S. 367).
Löblicherweise hat Fromm eine Personenliste eingefügt. Sie gibt eine gute Orientierung, auch wenn manche Person (so der nicht unwichtige Mazarek) fehlt. Trotz der Vielzahl der Figuren gelingen dem Autor etliche Charakterisierungen; er benötigt dazu allerdings über 500 Seiten.
Die Handlungsstränge sind meist gut motiviert. Fromm verliert sich nicht in Umgebungsbeschreibungen oder Stimmungsbilder (kann man schon als erste Kritik lesen). Dafür verliert er sich zu oft in Schilderung von Absichten und kleinster Transaktionen irgendwelcher Bosse, Politiker oder Agenten.
Für zahlreiche Figuren entdeckt man reale Vorbilder, seien es die Bankchefs Alfred Herrhausen (frommAlfred Herrhausen, 1930 – 1989) oder Hermann Josef Abs (frommHermann Josef Abs, 1901 – 1994), die Politiker Franz Josef Strauß (frommFranz Josef Strauß, 1915 – 1988), Helmut Schmidt (frommHelmut Schmidt, * 1918), Roland Koch (frommRoland Koch, * 1958), Helmut Kohl (frommHelmut Kohl, * 1930) oder Geheimdienstchefs aus West und Ost. Das ist nun der erste Mangel dieses Romans. Fromm distanziert sich:
"Alle Personen in diesem Roman sind fiktiv, Übereinstimmungen rein zufällig und nicht beabsichtigt. Die Historie der BRD wird lediglich als Kulisse benutzt." S. 6
Dabei geht er zu weit. Wenn Helmut Kohl erkennbar ist und ein anderer Name draufsteht, fühlt man sich an der Nase herum geführt. Viele Ereignisse, wie Mauerbau, RAF-Aktionen, Mauerfall entsprechen der Realität: die agierenden Politiker und Wirtschaftler verschmelzen oder verfälschen sich. Für diese Mischung ist das Sujet des zeitgeschichtlichen Romans in dieser Form untragbar: der Leser weiß nicht, was real ist (siehe Seite 6), was erfunden oder verfremdet ist.
Wirtschaftsbosse und Politiker werden in grellem, teils völlig überspitzen Licht gezeichnet (zweiter Mangel). Fromm lässt nichts aus. Alle sind geldgierig, korrupt, fast alle skrupellos: sie gehen über Leichen, sie sind liebestoll (und fast alle Frauen bis zur kroatischen Putzfrau immer willig) und nehmen Kokain oder spritzen sich. Wenn manche Rezensenten meine, hier handle es sich um brisantes Material, so setze ich dagegen: nein, es ist harmlos.
Weder Männer der Wirtschaft noch der Politik können so sein (bei all der schlechten Meinung, die ich von Adel, Geldadel, Politiker über der Kommunalebene, Schickeria etc. habe): der Autor überzieht maßlos bis zur Satire; das ist für einen Romanautor legitim, doch er verwirkt dann, dass man sein Werk mit realen Personen oder Geschehen verbindet.
Der Autor selbst schreibt, dass man in der Geschichte Deutschlands keine dieser Personen findet (S. 6).
Auch wenn er dies nur macht, weil man in Deutschland kaum verstorbene Gauner und Verbrecher fiktional verarbeiten kann und keinesfalls noch lebende Personen (fromm Angegriffene Literatur in der Bundesrepublik), so entwertet Fromm damit den gesamten Plot.
Einiges scheint mir schlecht recherchiert zu sein (dritter Mangel).
  • 1966 mußten Schwarzfahrer in München nachzahlen; an ein Bußgeld kann ich mich nicht erinnern.
  • Selbst ein Boß hatte damals auf dem Schreibtisch keinen Bildschirm; allenfalls hatte seine Sekretärin einen zur Überwachung der Tür.
  • Christoph Fromm, 1958 in Stuttgart/Bad Cannstatt geboren, sollte wissen, dass vierzig Kilometer südwestlich von Heidelberg die Rheinebene zu finden ist, jedoch kein Landsitz im Odenwald (S. 183).
Manche Assoziationen verraten eine komische Einstellung des Autors oder zumindest seiner Romanfiguren. Wenn Harry Belafonte (ein Afro-Amerikaner, frommHarry Belafonte, * 1927) singt verbindet das der Autor mit Schimpansen (S. 65). Ist das unter die zahlreichen Klischees (vierter Mangel) im Roman einzuordnen?
Manche Bilder sind oberflächlich. Beispiel: tanzende Paare auf einer Party. Bei näherem hinsehen erkennt man, dass sich alle Paare nicht aufgrund von Zuneigung sondern durch finanzielle Zuwendung gefunden hatten (S. 78). das müßte mir erklärt oder gezeigt werden, ansonsten: unglaubwürdig (fünfter Mangel).
Sechster Mangel: Fromm packt viel zuviel in den Roman. Nichts läßt er aus: CIA, Opus Dei (fromm Opus Dei), andere Geheimdienste aller Farben, Auftragskiller, Drogensucht, Sex, Nötigung, Mord, Vergewltigung, Erpressung, Autojagden, ....
Und er schreibt und verrät zuviel. Alles formuliert er bis ins Kleinste aus. Kaum etwas überläßt er dem Leser (siebter Mangel).
Das beste das man sagen kann: mehrfach wird Joseph Haydns Oxford Sinfonie und Frank Sinatra: "It was a very good year" (mit dem Gordon Jenkins Orchester) genannt. Man lege je nach Geschmack Haydn oder Sinatra auf und lese Joseph von Westphalen (echte Satire) oder Robert Harris: Imperium (in die Antike verlagert) aus der von mir empfohlenen fromm Vergleichsliteratur. Obwohl man bei Westpahlen auch dessen Musikvorschlägen folgen kann Musik.
Fazit: Fromm zieht alle Register bis zum geplanten Düsenflugzeugabsturz (23. Kap.), der teilweise gimpflich ausgeht (!); zu einem spontanen (!) Selbstmord, der wegen einer defekten Waffe nicht klappt (S. 444). Insgesamt überzieht er völlig. Was vielleicht für die Vorlage zu einem TV-Fim taugt (das Zielpublikum will meist nur Action; Klischees sind willkommen), floppt im Roman.
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Vergleichsliteratur
John Grisham: Die Firma [The Firm] – nicht überprüft
Mario Puzo: Der Pate [The Godfather ] – nicht überprüft
Ich empfehle statt Die Macht des Geldes:
Robert Harris: Imperium [Imperium] – fromm Rezension
Joseph von Westphalen: Im diplomatischen Dienst
Joseph von Westphalen: High Noon
Links
Fromm, Christoph beim frommPrimeroverlag, im frommKrimilexikon, bei frommAbove the line
fromm Christoph Fromm: Stalingrad. Die Einsamkeit vor dem Sterben
Literatur
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fromm frommChristoph Fromm: Die Macht des Geldes. München: Primero, 2006. Gebunden, 543 Seiten
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