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angst
John von Düffel: Hotel Angst
Köln: Dumont, 2006. Gebunden, 112 Seiten – angst Linksangst Literatur
Ein namenloser Sohn fährt kurz nach dem Tod seines Vaters nach Bordighera an der italienischen Riviera, dem Ort ihrer Familienurlaube, bevor der Ort von den Massen entdeckt wurde.
Damals hatte sein Vater eine eigentümliche Bekanntschaft: seinen mondänen Schulkameraden Klaus Fechner mit den beiden Töchtern Yvonne und Yvette. Fechner hat es zu beträchtlichen Reichtum gebracht, während der Vater immer zweitrangig blieb, obwohl ein Familienurlaub an der Riviera gewisse Mittel voraussetzte. Und der Vater hat eine Leidenschaft: er plante das verfallene Hotel Angst (benannt nach seinem englischen Erbauer Adolf Angst; zum Hotel siehe angst Links) wieder zu beleben. Von der zweiten Leidenschaft des Vaters, einen Roman auf den Spuren von Giovanni Domenico Ruffini: Doctor Antonio (1855; siehe angst Links) zu schreiben, erfährt der Sohn und der Leser ziemlich spät. Dieser italienisch-englische Autor wußte die Italiensehnsucht der Engländer zu entfachen.
Die Restaurierung des Hotels Angst erfordert erheblichen Geldeinsatz, den der Vater nicht schultern kann: sein Bekannter Fechner soll aushelfen. Dieser hat mit dem Gebäudekomplex andere, mehr Gewinn versprechende Absichten: Aufteilung in Appartments. Eigentümlicherweise hält er jedoch über Jahre für den Vater dessen Option offen: er kauft das Hotel Angst (hält die Hand darüber!?) und setzt seine eingenen Pläne – unter Verzicht auf erheblichen Gewinn – nicht um.
Die Reise an den nostalgischen Ort an der Riviera dient dem Sohn zur Bewältigung seiner Trauer über den verlorenen Vater. Gleichzeitig wird ihm auch bewußt, dass die Glanzzeiten des Ortes durch den Ansturm der Engländer und anderer Gäste längst vorbei sind. Dort war einst der erste Tennisclub Italiens mit über 20 Spielfeldern. Reiche Leute kauften oder bauten Villen und verbrachten hier die Winterszeit oder zogen sich ganz zurück; einige davon um mit dem milden Klima die Tuberkuloseerkrankung hinauszuzögern. Hier werden Erinnerungen an Thomas Mann: Der Zauberberg (siehe angst Vergleichsliteratur) wach. Der Vergleich ist allerdings angesichts der verschiedenen Intentionen der beiden Autoren und dem stark unterschiedlichen Umfang der Werke nicht ganz fair.
Der Zwiespalt zwischen Konservierung (der alten Zeit, der alten Werte) und Aufbruch zu neuer Entwicklung (Umbau des Hotels zwecks Rendite) wird mehrfach thematisiert. Der Du-Erzähler nennt auch mit leisem Tadelton die vielen Urlauber, die gerade zur heißesten Zeit nach Bordighera reisen. Schon die Pioniererschließung durch Adolf Angst wird als Verkauf der Schönheit des Städtchens gesehen (S. 48).
Aufgrund der Kürze der Erzählung und wohl auch der Du-Technik (siehe weiter unten) wird manches nur angedeutet. Der "Leidensweg von einst", der nicht enden wollende "Spießrutenlauf durch die Bedeutungslosigkeit" (S. 42) bleibt unklar. Ist es nur im Vergleich der Familien mit den Fechners, besonders den beiden lebehungrigen Töchtern? Sie werden ebenfalls nur skizziert: die gute Beherrschung von vier Sprachen (S. 38) erscheint bei diesen Lebensumständen arg bezweifelbar.
Vollends im Dunkel blieb der "Garten Eden der Vergangenheit", der durch Haß, "Feindseligkeit des Friedens", erbitterten Nationalismus und durch die "Nähe der Zivilisation zur Barbarei" zerstört wurde (S. 56). Ich meine, der Du-Erzähler verfällt der Verklärung der Vergangenheit. Ist die versunkene Zeit die englische Blüte des Ortes oder doch schon die Zeit davor oder noch die Zeit der deutschen Familienurlauber?
Die Gleichsetzung des Objekts der Sehnsucht mit dem, wovor man Angst hat, wird mit der Sehnsucht nach Frieden und Ruhe und der Angst vor dem Tod zu knapp ausgeführt (S. 73).
Nicht zu letzt handelt die Erzählung auch von der Angst vorm Schreiben. Der Vater vollendet sein großes Romanprojekt nie. Der TBC-kranke Christian Garnier (auch eine Sohn-Vater-Beziehung) schreibt zur Ablenkung vor seinem Tod für das "Journal de Bordighera" (S. 107). Der Sohn schreibt gleichsam mit der Maske des Du-Erzählers. John von Düffel hätte zu diesem Thema einen umfangreicheren Roman entworfen, wenn Thomas Mann nicht Der Zauberberg geschrieben hätte ("Warum schrieb John von Düffel “Hotel Angst”?", siehe angst Links). Eigentlicher Anlass für die vorliegende Erzählung war ein Artikel über das "Hotel Angst" im FAZ-Magazin vom 4. Juli 1986. John von Düffel kannte das ungenutzte Hotel, da er in seiner Jugend seine Familie in der Nähe öfters Sommerurlaub machte.
Du-Erzählung
Dass eine imaginäre Person die Geschichte erzählt und die zweite Hauptperson (nach der ersten: der Vater) mit "du" anredet, distanziert die gesamte Erzählung. Es nötigt zu komischen Konjugationsformen ("ihr ... gingt"). Der Sinn dieser Technik wurde mir nicht klar. Zumal schon der erste Satz (wenn er an den Leser gerichtet ist) "Du bist seit Jahrzehnten nicht mehr nach Italien gereist..." bei vielen Lesern nicht stimmt. Während der Lektüre erfährt man: "du" im ersten Satz kann auch nicht der unbenamte Sohn sein, denn der reist ja nach Italien; obwohl das "du" ansonsten eben jenen Sohn bezeichnet.
Zudem erzählt der Sprecher dem "Du" Sachverhalte, die eigentlich nur der Sohn wissen kann. Das spricht dafür, daß der Sohn zu sich selbst mit "du" spricht. Andrerseits berichtet das "Du" von Christian Garnier, was wiederum der Sohn nihct wissen kann.
Andere Stimmen zu dieser Technik (siehe angst Rezensionen)
"Dass der imaginäre Sohn an Stelle des Vaters das Buch geschrieben hat, ist ein reizvoller Dreh von Düffel. ", Verena Neuhausen – "Die Konstruktion ... ist ebenso linkisch wie es mühsam ist, viele verquält umständlichen Sätze zu lesen", Georg Patzer – "(Euphorie-) Bremse", Olaf Selg.
In Hotel Angst vermag der Autor zwar Stimmung zu erzielen, aber nur gelegentlich die Thematik auszubreiten, an der ihm lag. Aufgrund der Kürze kann die Lektüre gerade noch empfohlen werden.
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Vergleichsliteratur
Thomas Mann: Zauberberg, siehe angst Literatur
Links
John von Düffel: angstWikipedia
angstMatthias Kehle: "Zeit des Verschwindens" aus: Literaturblatt für Baden und Württemberg 3/2000
Rezensionen
angstMaidt-Zinke, Kristina: "Die Luxus-Ruine in Ligurien. Großer Stoff, kleiner Wurf: John von Düffels "Hotel Angst?", Süddeutsche Zeitung, 20.06.2006
angstNeuhausen, Verena: Ein Ort wie ein Roman: John von Düffel über das «Hotel Angst»
angstPatzer, Georg: "Das »Hotel Angst« soll wieder auferstehen John von Düffel scheitert mit einer kleinen Erzählung über einen Vater", literaturkritik.de 6, 2006
angstPerlentaucher
angstSelg, Olaf: "Ein Roman, der nie geschrieben wurde"
angstWolters, Dierk: "Träumerische Erfolge", 23.03.2006, Frankfurter Neue Presse
weitere Links
angstWarum schrieb John von Düffel “Hotel Angst”?
angstBordighera
angstHotel Angst
Giovanni Domenico Ruffini
1807 Genua – 3. 11. 1881 Taggia an der Riviera; englisch-italienisch Schriftsteller.
Doctor Antonio (1855); angstWikipedia
Das Libretto zu Gaetano Donizettis Meisterwerk Don Pasquale (1843) schrieben Giacomo Ruffini (manche Quellen nennen ihn unter dem Pseudonym Michele Accursi) und der Komponist selbst.
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Literatur
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dueffel angstJohn von Düffel: Hotel Angst. Köln: Dumont, 2006. Gebunden, 112 Seiten
mann angstThomas Mann: Der Zauberberg. Frankfurt: Fischer, 2000. Broschiert, 1001 Seiten mann
Thomas Mann: Der Zauberberg. Frankfurt: Fischer, Gebunden, 1008 Seiten angst
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