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Michael Kumpfmüller: Hampels Fluchten
Köln: Kiepenheuer & Witsch 1987. 493 Seiten – Fluchten LinksFluchten Literatur

Portionsweise und in zeitlichen Vor- und Zurücksprüngen wird das Leben Heinrich Hampels (* 1931) und seiner Familie zwischen West und Ost erzählt. 1945 kommt die Familie nach Rußland zum Wiederaufbau, kommt zurück in die SBZ, flüchtet in den Westen In Regensburg baut sich Hampel eine Existenz als Bettenverkäufer auf, flüchtet aber 1962 in die DDR. (Damit setzt der Roman vielversprechend ein). Weder dort noch in Südafrika kommt Hampel auf die Füße, arbeitet lange für die Stasi, kommt ins Gefängnis und nach einer zweiten Auszeit in Bautzen verfällt er endgültig dem Alkohol und stirbt mit 57 Jahren.
Mit dieser Geschichte könnte man einen guten Roman schreiben. Doch Kumpfmüller hatte anderes vor.
Hampels zahlreiche territoriale Fluchten sind nie politisch motiviert. Immer flüchtet er aus privatem Unvermögen, meist vor seinen Gläubigern. Mir wurde nie klar (außer vielleicht seinen vermurksten Auftritt als Geschäftsmann im Westen vor 1962) wie Hampel in seine finanzielle Schlamassel kam. Seine zahlreichen Frauenaffären (dazu gleich mehr) sind anspruchslos; einer bezahlte er ein Apartment. Aber muß das gleich ein gestandenes Bettenunternehmen ruinieren? Hampels eigenes Auftreten fast immer bescheiden.
Dabei schildert Kumpfmüller – meine ich – das Alltagsleben in der DDR überzeugend. Man arrangiert sich mit den Verhältnissen; Hampel meldet regelmässig an die Staatssicherheit. Sonderbar kam mir vor, dass seinem Stasi-Vorgesetzten Harms die Unzuverlässigkeit Hampels bekannt war; auch seine Einbrüche, Schulden, Alkohol- und Arbeitsprobleme und Frauenaffären (dazu gleich mehr) kannte er. Trotzdem verdiente sich Hampel durch seine Berichte einige Scheine im Monat.
Ob mein Eindruck aus diesem Buch: Es war nicht so schlimm in der DDR, wenn man nur ruhig blieb und mitmachte, mit der wirklichen SBZ / DDR übereinstimmt, bezweifle ich.
So wie es mir der Romanautor erzählt, scheitert Hampel immer wieder aus eigenem Unvermögen. Die genauen Umstände bleiben im Unklaren. Nur ganz am Ende bricht ihm sein zweiter Bautzenaufenthalt endgültig das Leben. Doch da hatte Heinrich Hampel schon sehr viele Chancen für Anfänge. Er ist ein Hampelmann, sowohl geschäftlich, als auch privat.
Die Idee des weibergeilen Bettenverkäufers ist einer der besseren Einfälle des Autors. Heinrich ist auch nicht nur geschäftlich, sondern auch im ganz wörtlichen Sinne privat ein Hampelmann, zwischen den Schenkel williger Frauen. Mehrfach zählt der Autor Hampels Frauenbekannschaften alphabetisch auf, die merkwürdigerweise alle auf "a" enden. Sie nehmen auch im Roman sehr viel Platz ein. Andere Interessen als immer wieder neue Affären kennt Hampel offensichtlichnicht. Selbst wenn er mal an einen Urlaub in Mecklenburg denkt, ist es nur um seine Rosa, mit der er drei Kinder hat, ungestörter betrügen zu können.
Thematik
Beim Erscheinen wurde Hampels Fluchten von der Werbung als der "Wenderoman" (Fluchten Wenderoman) hochgejubelt. Viele Kommentatoren rückten dies als Hype und Manie zurecht.
Meines Erachtens verspielt Kumpfmüller eine von der Handlung her festgezurrtes Ping-Pong zwischen Ost und West, das sich für eine aufschlußreiche Gegenüberstellung aufdrängt. Doch Heinrich Hampel ist in beiden Systemen nur auf seine Techtelmechtel mit möglichst vielen weiblichen Vornamen aus.  Einige davon treten gut hervor, so Gisela die Kommunistin. Ansonsten gibt es wenig Auseinandersetzung mit Politik oder den sozialen Verhältnissen. Heinrich kommt in keinem der Systemen zurecht und muß flüchten oder wird geflüchtet. So reduziert sich das Ost-West-Verhältnis auf die Bettelbriefe, die Heinrich an seine Schwester im Westen richtet. Selbst dabei bleibt Brennendes unbeantwortet: Wie kann Heinrich ungestört jahrelang so subversive Briefe schreiben? Als Agent ist Heinrich eine Karikatur; vielleicht wollte Kumpfmüller damit die Staatssicherheit der DDR nachträglich lächerlich machen und blamieren: Vorsicht Satire.
Ansonsten kommt die DDR als politisches System sehr gut weg. Die Quintessenz ist ja: man kann im Kapitalismus scheitern, wird aber im Sozialismus gerne aufgenommen und kann sich viele Jahre durchschlagen. Hampel scheitert im Osten nicht an der Enge des politischen Systems, an den Unzulänglichkeiten der Versorgung oder an fehlender Meinungsfreiheit. Nein, er scheitert an seinem erneuten sorglosen Schuldenmachen und Flucht aus der Realität u.a. durch Alkohol.
Glaubhaftigkeit
Autoren können (und sollen) manches dem Leser überlesen. Ich meine aber, Kumpfmüller bleibt dem Leser zuviel schuldig. Während Hampels starken Alkoholimus am Ende des Romans fragt man sich: Woher das Geld? Langen dazu die Scheine der Stasi? Und wird da nicht überzeichnet, wenn die Stasi diesen Sauf- und Weiberbold nicht fallen läßt? Doch auch schon in den ersten Wochen in der DDR, nach dem "Familiennachzug" (ging das so einfach?) von Rosa und den Kindern (S. 85): Von was leben die? Wohlfahrt des Arbeiter- und Bauernstaat? Auch da reichte es schon zum Saufen!?
  • Von 1931 bis 1946 ging der Vater täglich (!) zweimal den Arbeitsweg (S. 93). Krieg und Kriegsende und Nachkriegszeit machen keinen Unterschied.
  • In Lappersdorf bei Regensburg läßt Kumpfmüller in Omas Suppentopf Möhren schwimmen (S. 130). Als geborener Münchner sollte der Autor wissen, dass dies Gelbe Rüben waren.
  • Der Bundestagsabgeordnete Sinnhuber, CSU, steckt der flüchtigen Bekanntschaft mit dem DDR-Flüchtling 200 Mark zu (S. 301) !?
  • Nach drei Jahre im Gefängnis zu Bautzen und jahrelanger Stasi-Mitarbeit kann die Familie Hampel ungeschoren (?) einen Ausreiseantrag stellen (S. 390)?
  • Am Ende des Romans torkelt Heinrich von einer Klinik in die andere, hat einen Schlaganfall, einen Schock, kann nicht mehr zusammenhängend reden (S. 468), ist "im Stadium beginnender Verblödung" (S. 472), schreibt aber herzergreifende Briefe!?
  • In Regensburg sitzt Heinrich mit seiner Freundin Bella Anton und Lehmann, seinem Buchhalter. Man schreibt das Jahr 1962 oder davor (Heinrichs Bettenfirma floriert). Wo ist es schön, fragen sich die Beteiligten und Heinrich nahm "einfach die Autobahn Richtung Passau" (S. 48). Selbst wenn es Kumpfmüller nicht wußte, es wäre einfach nachzuforschen: Die Raumordnungsverfahren zur Autobahn Regensburg-Passau liefen in den Jahren 1965-1970 (hampelsGeschichte der A3 Regensburg - Passau).
Stil
Wie so oft war der eigenwillige Stil des Autors gewöhnungsbedürftig. Doch auch nach dem Einlesen störte mich das Parlando des Erzählers. Er fasst zahlreiche Hauptsätze zusammen, so wie jemand, der nichts zu sagen hat, den Sprechball aber nicht abgeben will.
Typisch ist der zweite Absatz, beginnend mit "Kurz danach hatte sie die Idee ...", abschliessend nach 8 Zeilen mit "... das also wagte er, das sollte er wagen, Mensch, Hampel" (S. 316).
Oder der Beginn des 10. Kapitels "Also, Russland, die Jahre in der Sowjetunion, vier und ein halbes ziemlich genau, da war er zwischen fünfzehn und neunzehn, die Jahre, die blieben" (S. 347).
Der sprechende Erzählerstil "entschuldigt" dann wohl auch häßliche Wortwiederholungen: "Muß das wirklich sein, hatte Rosa gesagt, und Heinrich hatte gesagt: Ja, leider ...." (S. 80) – "Nur kurz vor Mitternacht tanzte sie einmal für ein paar Augenblick an seinen Tisch und sagte: Gisela, und Heinrich sagte: Heinrich, ich hoffe du verträgst den Wodka. Aber ja." (S. 102).
Das waren, man muß es demjenigen, der mit Kumpfmüllers "Technik" nicht vertraut ist, erläutern, zwei innere Monologe: Gisela: "Gisela"; Heinrich: "Heinrich, ich hoffe du verträgst den Wodka. Aber ja."
Komposition
Die chronologische Hin- und Herspringerei läßt dem Leser den Überblick verlieren. Das mag nicht weiter schlimm sein, denn Heinrich Hampel wird nie erwachsen und singt "seit Jahren nur immer dasselbe Lied" (S. 396). Es entsteht der Eindruck: egal, wo du bist, Drittes Reich, Zone, DDR. Südafrika, Rußland oder BRD, alles ist beliebig und gleich schlecht. Ab Seite 421 folgt eine Rückblende weit zurück auf Heinrichs Eltern: Nazi-Herrschaft und Zweiter Weltkrieg im Schnelldurchlauf, am Ende des Romans, wo es kaum mehr juckt.
Wer sich mit dem Plauderstil anfreundet und wen die zahlreichen Amouren Heinrichs nicht stören, liest mit Hampels Fluchten ein Familienleben im geteilten Deutschland. Durch Heinrichs Unvermögen und Desinteresse werden weder auf gesellschaftlicher noch auf privater Ebene die Verhältnisse überzeugend geschildert. Die DDR kommt durch ihre Auffang- und Wohlfahrtfunktion für gescheiterte "Kapitalisten" extrem gut weg. Das wäre kein Abwertungspunkt, doch ist der Roman schlecht recheriert (Fluchten Glaubhaftigkeit) und stilistisch eine Zumutung.
Von den als Wenderoman genannten Werken kenne ich nur Helden wie wir und Medea (siehe Fluchten Vergleichsliteratur). Brussigs Elaborat kann man qualitativ leicht überrtreffen (da völliger Murks); Christa Wolfs Roman habe ich nicht mir der Wende verbunden. Mein Vorschlag: man wähle ein anderes Werk ausser den bisher genannten aus der Liste der Vergleichsliteratur.
Der Berliner Schriftsteller Michael Kumpfmüller wurde im Juni 2007 mit dem Alfred-Döblin-Preis 2007 ausgezeichnet. Allerdings für sein zu dieser Zeit noch unveröffentlichtes Manuskript «Nachricht an alle», laut Jury ein «Angestellten-Roman der Macht in einer westeuropäischen Demokratie». 
Vergleichsliteratur; siehe auch Fluchten Wenderoman
Volker Braun: Der Wendehals
Thomas Brussig: Helden wie wirFluchten Rezension
Günter Grass: Ein weites Feld
Thomas Hettche: Nox
Reinhard Jirgl: Abschied von den Feinden
Erich Loest: Nikolaikirche
Joachim Lottmann: Deutsche Einheit
Gert Neumann: Anschlag
Alexander Osang: Die Nachrichten; Besprechung beider Werke (dieses + Hampels Fluchten): Frankfurter Rundschau 13.1.2002
Georg M. Oswald: Alles was zählt
Ingo Schulze: Simple Stories – Neue Leben
Christa Wolf: Medea. Stimmen – Fluchten Rezension
Links
Michael Kumpfmüller (* 1961 in München): hampelsLyrikwelthampelsWikipedia
Rezensionen
hampelsIngo Arend: "Gesinnung. Literatur nach der Wende", Freitag 29.9.2000
hampels Berliner LeseZeichen, Ausgabe 04/01
hampelsGoethe-Institut
hampelsLutz Hagestedt: "Quer durch die Betten. Michael Kumpfmüllers Erstling - nur Kimbles Fluchten sind spannender". literaturkritik.de 11, November 2000
hampelsAndreas Jüngling: "Die arme Seele und die Zeiten"
hampelsTom Liehr
hampelsPerlentaucher
hampelsErhard Schütz: "Hampels Parabel oder Die wahrhafte Wiederkehr des Erzählens", Freitag 18.8.2000
hampelssingle-dasein.de
Wenderoman
hampelsRoman Bucheli: "Wende ohne Ende? Deutschland wartet noch immer auf den Roman zur Wiedervereinigung", NZZ, 10.12. 2005
hampelsSusanne Ledanff: "Die Suche nach dem "Wenderoman" - zu einigen Aspekten der literarischen Reaktionen auf Mauerfall und deutsche Einheit in den Jahren 1995 und 1996"
hampelsWikipedia
Literatur
Martin Hielscher: "Zwischen Körper und Politik. Michael Kumpfmüllers Hampels Fluchten (2000)", in: Wieland und Winfried Freund, Hg.: Der deutsche Roman der Gegenwart. München: Fink, 2001. S. 230-234
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hampelshampelsMichael Kumpfmüller: Hampels Fluchten. Frankfurt: Fischer, 2002. Taschenbuch, 429 Seiten hampels
Michael Kumpfmüller: Hampels Fluchten. Köln: Kiepenheuer & Witsch, 2000. Gebunden, 493 Seiten hampels
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