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Faserland
Christian Kracht: Faserland
München: Dtv, 2002. Taschenbuch, 157 Seiten – Kracht LinksKracht Literatur
Zu Faserland kam ich nur durch die Unterstützung für ein Gymnasiumsreferat. Es lohnte sich. Da es als typische Popliteratur gilt, ließ ich den Roman bisher verächtlich links liegen. Zu unrecht.
Der jugendliche Ich-Erzähler (der Name wird mal beiläufig mit "Hans" erwähnt; das Alter bleibt unbestimmt) beginnt in Sylt eine Deutschlanddurchquerung über Hamburg, Frankfurt, München, Bodensee nach Zürich. Da es ihm an Geld nicht mangelt, benutzt er IC, Flugzeug, Taxis und auch schon mal eine Scheisse aussehenden Porsche. In seinen Kreisen kennt man sich überall untereinander. Er schwirrt von einer Party zur nächsten Bar oder umgekehrt. Da wird Champagner und bester Wein getrunken (seine Verachtung von Prosecco teile ich), gegessen und alles wieder abgesondert. Unser Protagonist raucht ständig, greift mal zu ein paar Tabletten, aber widersteht den härteren Drogen. Auch diese fehlen in seiner Umgebung nicht.
Die Reise und der kurze Roman enden in Zürich, ungefähr am Grab der Familie Mann (und nahe dem Geburtsort des Autors). Das letzte Kapitel gibt dem schweizerischen Erzähler Gelegenheit die Vorteile der Schweiz zum Vaterland Deutschland zu betonen.
Was so luxuriös lässig daherkommt ist ein gut konstruierter Roman. Die schnoddrige Erzählweise ist von Holden Caulfield (Kracht J.D. Salinger: The Catcher in the Rye) abgelauscht und ins Deutsche übertragen. Das reisende Millionärsbürschchen würde sich mit Holden gut verstehen. Kracht überzieht die Analogie nicht. (Auf Enten im Parkteich wartete ich vergeblich kracht.) Beide haben kein Konzept für das, was sie verbessern würden. Besonders in Faserland wurde ich von dem, was in der Meinung des Erzählers super ist, was scheisse und was gerade mal OK (weil es ihn eh nicht interessiert), immer wieder überrascht. Zeitungen liest er nie, sie jucken ihn nicht; trotzdem kauft er sich mal eine. Vom Sockel haute mich, dass er die Ink Spots mit "Your Feet's Too Big" wirklich gut findet. Ich habe es mir gleich aufgelegt ink.
Auf jeder Seite (mehr oder weniger) kommt ein Markenname (Kennzeichen der Popliteratur?) und meist sein Kommentar dazu. Gerne las ich, dass er Meggle Butter (kommt aus Wasserburg am Inn) aß (S. 24).
In jedem Kapitel wird an Deutschlands Vergangenheit – fast immer die Nazi-Zeit – erinnert. Mal sind es die Hamburger Bombennächte, mal der Abkürzungswahn, der von den Nazis stammen soll (S. 35). Zu seinem "Hanuta" fiel mir sofort Salewa ein, doch auch, dass die US-Amerikaner andrerseits die Alliteration lieben ("Bouncing in Bavaria", siehe Kracht AFN) und Akronyme erfinden. Der Erzähler hätte in seiner Reihe noch Adidas nennen können, dessen Herkunft die Amis nicht kennen, aber erfanden: "All day I dream about sex".
Es bietet sich an den Erzähler in Faserland mit Holden im Catcher zu vergleichen. Während in den 50-er Jahren hauptsächlich symbolisch gekotzt wurde über die Verlogenheit der Erwachsenen und der Welt, wird es hier reichlich "wirklich" (ein Lieblingswort des Erzählers) praktiziert. Beide sind Suchende und lassen sich wenig einreden. Oder doch? Ich meine, manches würden sie aufsaugen oder ohne lang zu fragen übernehmen, manches aber passt nicht in ihre Vorurteilswelt und würde rigoros abgelehnt werden. Sein dogmatisches Vorurteil bringt der Erzähler so an den Leser: "Ich habe da noch gar nicht drüber nachgedacht, aber das stimmt natürlich hundertprozentig" (S. 112). Genau dies ist die Einstellung zu vieler Zeitgenossen. Dazu passt die häufige, vermeintliche Verstärkung mit Worthülsen, hier in Faserland mit "wirklich".
Dabei durchblickt der Erzähler die finanziell bevorzugte Situation seines Milieus recht klar. Seine Kreise haben alles schon gesehen und erlebt, können sich alles kaufen, bis sie dann "irgendwann in sich so eine furchterregende Leere entdecken, die sie dann nur durch die innere Abkehr vom Geldausgeben ausfüllen können, obwohl sie natürlich weiterhin massiv Geld ausgeben" (S. 121).
Auffallend ist, dass der Erzähler ständig nicht gesehen oder von guten Bekannten übersehen wird.
Ob Faserland bleibenden Eindruck hinterläßt, wird sich erweisen. Durch des Erzählers Beschränkung auf Millionärskreise – er scheint ein männlicher "Paris Hilton" zu sein –, die Beliebigkeit seiner Urteile und sein wenig reflektierter Genuß- und Konsumdrang bedient der Roman gängige Stereotype über die Reichen und ihr Leben. Kracht hat einige Bezüge in den Text eingebaut (siehe Kracht Sekundärliteratur), die es noch zu entschlüsseln gilt. Ob sie tragfähig sind muß der Leser entscheiden.
Ein kleiner Fehler unterlief dem Autor/Erzähler: im richtigen Sommer blühen bei ihm die Apfelbäume (S. 119). Na ja, wenn man sich nur auf Parties in Villenparks herumtreibt, kann man die elementaren jahreszeitlichen Zusammenhänge nicht mehr kennen.
Faserland ist ein kurzweilig erzählter Road-Movie-Roman aus einer Bevölkerungsschicht, die den meisten Lesern fremd sein wird. Der Inhalt ist aber auf das Desinteresse und den Konsumfimmel vieler Deutschen übertragbar: "Ich denke nicht darüber nach, weiß es aber hundertprozentig".
Vergleichsliteratur
Kracht Judith Hermann: Sommerhaus, später
ebadi Tirdad Zolghadr: Softcore [Softcore] Johann Christoph Maass, Übs.
Links
krachtChristian Krachtkracht Wikipedia
krachtMeike Krüger: "Spuren des kollektiven Gedächtnisses im Roman Faserland von Christian Kracht". Scripta Minora 47 (2006).
Kracht Christian Kracht: Imperium. Roman. Köln: Kiepenheuer&Witsch, 2012. 256 Seiten
Literatur
Biendarra, Anke S.: "Der Erzähler als 'popmoderner Flaneur' in Christian Krachts Roman Faserland". German Life and Letters 55.2 (2002). S. 164-179
Brinkmann, Martin: "Unbehagliche Welten. Wirklichkeitserfahrungen in der neuen deutschsprachigen Literaturm dargestellt anhand von Christian Krachts „Faserland (1995), Elke Naters’ „Königinnen“ (1998), Xaver Bayers „Heute könnte ein glücklicher Tag sein“ (2001) und Wolfgang Schömels „Die Schnecke. Überwiegend neurotische Geschichten“ (2002)". Weimarer Beiträge 53.1 (2007)
Clarke, David: "Dandyism and Homosexuality in the Novels of Christian Kracht". Seminar 41.1 (2005). S. 36-54
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kracht krachtChristian Kracht: Faserland. München: Dtv, 2002. Taschenbuch, 157 Seiten kracht
Christian Kracht: Faserland. München: Dtv, 2007.  Broschiert, 169 Seiten kracht
pop krachtHeinz Ludwig Arnold: Pop-Literatur. edition text + kritik, 2003. Taschenbuch, 328 Seiten. Redaktion: Jörgen Schäfer. Darin u.a. Mathias Mertens: "Robbery, assault, and battery. Christian Kracht, Benjamin v. Stuckrad Barre und ihre mutmaßlichen Vorbilder Bret Easton Ellis und Nick Hornby" baßler
Moritz Baßler: Der deutsche Pop-Roman. Die Neuen Archivisten. München: C.H. Beck, 2002. Taschenbuch, 190 Seiten kracht
ernst krachtThomas Ernst: Popliteratur. Europäische Verlagsanstalt 2005. Reihe: eva wissen. Broschiert, 95 Seiten frank
Dirk Frank: Pop-Literatur. Ditzingen: Reclam, 2003. Taschenbuch, 200 Seiten kracht
freund krachtWieland und Winfried Freund: Der deutsche Roman der Gegenwart. Stuttgart: UTB, 2001. Taschenbuch
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Faserland
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© by Herbert Huber, Am Fröschlanger 15, 83512 Wasserburg, Germany, 18.12.2012