| Irmgard
Keun: Das
kunstseidene Mädchen Bergisch Gladbach: Lübbe, 1980. 219 Seiten – |
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Der Roman –
persönliche
Aufzeichnungen der achtzehnjährigen Doris
– spielt in den Jahren 1931/32 und ist in drei Teile
gegliedert.
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| Wegen der
Ich-Konstruktion und dem monologartigem Sprechen liest man
durchgehend einen einfachen, oft auch grammatikalisch falschen Text.
Kennzeichnend ist, dass Doris dem Leser nichts vormacht. Sie
schreibt nieder, was ihr in den Sinn kommt und was sie von den Leuten
hält. Was der Roman stilistisch vermissen
läßt, gewinnt er an Ehrlichkeit und Direktheit.
Allerdings hat sie – besonders von den
Männer ("so sind die Männer", S. 14) –
schnelle und allgemeingültige
Urteile. Darin und in der phrasenhaften Verwendung mancher Ausdrücke ("werde ich ein Glanz") und der schnoddrigen Haltung gleicht Das kunstseidene Mädchen dem Poproman des ausgehenden 20. Jhdt.s (siehe Doris verwendet einige (heute) altertümliche Worte, wie Spinatwachtel, Tinnef, Plümo, spillrig (=dürr). Das erhöht die Authentizität. Die Autorin hat trotz allem den Text wohlüberlegt gestaltet, muntere Vergleiche eingebaut und läßt Doris stellenweise witzig sein: Ihren Physikfreund Hubert will sie beeindrucken und "ganz kühl hinwerfen: H2O ist Wasser" (S. 20). Im Lokal knallt sie ihm eine Watsche so, "daß der Ober dachte, ich hätte ihm ein Zeichen zum Zahlen geben wollen" (S. 22). |
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| Doris
fürchtet sich vorm Alleinsein, vorm nicht Dabei-Sein. Erst
ganz am Ende trifft sie auf Ernst, den sie zuerst nicht mag, der sie
aber durch sein Verhalten gewinnt. Als sie sich ihm öffnet
erkennt sie: war nix; er ist nicht so wie ihre früheren
Männerbekanntschaften. Trotz pauschalen Urteilen und naiven Vorstellungen durchschaut Doris manche soziale Mechanismen erstaunlich gut. Im Theater schnappte sie sich eine gefragte Rolle, die anderen Mädchen haßten sie deshalb "und waren darum voll Ehrfurcht" (S. 42). Über das Glück weiß Doris: "nur wenn man unglücklich ist, kommt man weiter, darum bin ich froh, daß ich unglücklich bin" (S. 81, 82). Das wäre doch noch eine Lektion für Francois Lelord (siehe Zum Tod meint Doris: "Ich glaube nicht eher, daß ich tot sein kann, als bis ich tot bin – und dann ist es zu spät ..." (S. 202). Das Verhalten Doris' ist keinesfalls zielstrebig und berechnend. Sie versteht es zwar auf ihre Kosten zu kommen: "Unter einer Mark würde ich nicht lachen, wenn ich Bardame wäre" (S. 133). Sie weiß, dass sie schön ist und will es sein: "Ich habe den Feh an und wirke" (S. 68). Ihr Körper ist ihr Kapital, das setzt sie aber nicht konsequent ein. Sie nutzt ihre Chancen nicht skrupellos. Sie hat eine Abneigung gegen alles Verlogene und die Doppelmoral. Darin gleicht sie Holden Caulfield (siehe Sie ist eine Romanheldin, da sie aus ihrem Leben in der mittleren Stadt aufbricht zu neuen Ufern und Chancen in die große Stadt Berlin, wenn auch nicht ganz freiwillig. Sie verläßt die Kleinstadt fluchtartig nach Betrug und Diebstahl im Theater. Ihr Verhalten ist im Roman kontaminiert von den Verlockungen der späten Zwanziger: sie erliegt – wie auch heute noch viele in ihrem Alter – der Illusions-Industrie. Am Ende des Romans bekennt sie: "Auf den Glanz kommt es nämlich vielleicht gar nicht so furchtbar an" (S. 219). Doris hat viel von der Daisy aus The Great Gatsby (siehe Sie begreift, dass sie nicht durch Arbeit ganz hoch kommen kann. Deshalb lehnt sie auch Ernsts Angebot, den geklauten Feh zurückzuschicken und eine Arbeit anzunehmen sofort ab, weil: "Kommt denn unsereins durch Arbeit weiter, wo ich keine Bildung habe und keine fremden Sprache außer olala und keine höhere Schule und nichts" (S. 181). Andrerseits verfällt sie dem Glanz der damals neuen Medien (über Film- und Schlagermusik gleich mehr). Bei der Postentgegennahme bemerkt sie: "Welches Schwein schreibt da ohne Schreibmaschine?" (S. 188). Doris hat mit Hubert und Ernst zwei Gegenfiguren. Hubert ist der ernste (langweilige) Physikstudent, der sie aus Karrieregründen sitzen läßt. Ernst kann Doris die gesuchte Geborgenheit geben, ist aber schon vergeben. Beide sind gebildet: Ernst liest Baudelaire. |
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| Abtreibung Sonderbar erscheint mir, dass Doris offensichtlich einen Abtreibungsdoktor kennt (S. 200). Keuns erster Erfolgsroman Gigli, eine von uns hat mit Abtreibung zu tun, siehe dazu Usborne, Cornelie: "Rebellious Girls and Pitiable Women: Abortion Narratives in Weimar Popular Culture" unter |
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Neben
dem Film spielt die Schlagermusik
und Musik allgemein eine gewisse Rolle.
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| Das
kunstseidene Mädchen ist beim zweiten Mal lesen viel
feiner gesponnen als ich beim ersten Mal meinte. Die Stimmung in Berlin
("Mein Leben ist Berlin, und ich bin Berlin", S. 92) zur Zeit der
großen Arbeitslosigkeit ist gut getroffen. Alle meinten,
jeder könne es schaffen: "ich möchte ein Berliner
sein und zugehören" (S. 90). Fast 30 Jahre später
(genau am 26.6.1963) war John F. Kennedy ein Berliner und wenige Monate
später war er tot. Doris darf hoffen. Man muß sich auf den Text stark einlassen, dann ist es ein starker Berlinroman. |
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| Anmerkungen | |
| Conrad Veidt
(S. 15), Schauspieler, 22.1. 1893
Berlin – 3.4. 1943 Hollywood, bekannt
als „Dämon der
Leinwand“. Veidt floh 1934 nach England später in
die USA und
spielt sogar im Kultfilm Casablanca noch einen
Deutschen. Richard Tauber (S. 123), Tenor, 16.5. 1891 Linz – 8.1. 1948 London; „König des Belcanto“ Lilian Harvey (S. 127), britisch-deutsche Schauspielerin und Sängerin, 19.1. 1906 London – 27.7. 1968 Juan-les-Pins, Frankreich. Im Film "Der Kongreß tanzt" (1931) sang sie das zum Evergreen gewordene Lied "Das gibt's nur einmal". |
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| Neue Sachlichkeit | |
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| Vergleichsliteratur | |
| Vicki Baum: Stud. chem. Helene Willfüer (1928) | |
| Alfred Döblin: Berlin Alexanderplatz (1929) | |
| Hans Fallada: Kleiner Mann – was nun? (1932) | |
| Theodor Fontane: Mathilde Möhring (1907 posthum) | |
| Anita Loos: Blondinen bevorzugt [Gentlemen Prefer Blondes, 1925] | |
| Heinrich Mann: Die große Sache (1931) | |
| Robert Neumann: Karriere (1931) | |
| Joseph
Roth: Die
Flucht ohne Ende |
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| Links | |
Mädchen". dradio 3.6.2005 |
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| Literatur | |
| Ankum, Katharina von: "»Ich liebe Berlin mit einer Angst in den Knien«: Weibliche Stadterfahrung in Irmgard Keuns Das kunstseidene Mädchen". German Quarterly 67:3 (1994) S. 369-88. | |
| Ankum, Katharina von: "Material Girls: Consumer Culture and the »New Woman« in Anita Loos' Gentlemen Prefer Blondes and Irmgard Keun's Das kunstseidene Mädchen". Colloquia Germanica 27:2 (1994) S. 159-172 | |
| Boa, Elizabeth (2009): "Warring Pleasures and Their Price: Sex in the City in Irmgard Keun's Das Kunstseidene Mädchen and Andrea Maria Schenkel's Kalteis". German Life and Letters 62:3, S. 343-358. | |
| Horsley, Ritta Jo: "»Warum habe ich keine Worte? ... Kein Wort trifft zutiefst hinein.« The Problematics of Language in the Early Novels of Irmgard Keun". Colloquia Germanica 23 (1990) S. 297-313 | |
| Lensing, Leo A.: "Cinema, Society, and Literature in Irmgard Keun's Das kunstseidene Mädchen". Germanic Review 60:4 (1985) S. 129-134 | |
| Shafi, Monika: "»Aber das ist es ja eben, ich habe ja keine Meinesgleichen.« Identitätsprozess und Zeitgeschichte in dem Roman Das kunstseidene Mädchen von Irmgard Keun". Colloquia Germanica 21 (1988) S. 314-325 | |
| Usborne, Cornelie: "Rebellious Girls and Pitiable Women: Abortion Narratives in Weimar Popular Culture". German History 23:3 (2005) S. 321-338 |
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| Deborah
Smail: White-collar
Workers, Mass
Culture and Neue Sachlichkeit in Weimar und Berlin. A Reading of Hans
Fallada's Kleiner Mann - Was nun? Erich Kästner's Fabian
and Irmgard Keun's Das Kunstseidene Mädchen.
Frankfurt: Peter Lang, 1998. Taschenbuch |
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| Sabina
Becker, Christoph
Weiss, Hg.: Neue
Sachlichkeit im Roman. Neue Interpretationen zum Roman der Weimarer
Republik. Stuttgart: Metzler, 2002. Taschenbuch, 332
Seiten |
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