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Irmgard Keun: Das kunstseidene Mädchen
Bergisch Gladbach: Lübbe, 1980. 219 Seiten – keun Linkskeun Literatur
Der Roman – persönliche Aufzeichnungen der achtzehnjährigen Doris  – spielt in den Jahren 1931/32 und ist in drei Teile gegliedert.
  • Erster Teil: Ende des Sommers und die mittlere Stadt
  • Zweiter Teil: Später Herbst – und die große Stadt
  • Dritter Teil: Sehr viel Winter und ein Wartesaal
Im 1. Teil ist Doris zuhause und träumt von einer Schauspielkarriere. Durch Tricks kommt die auch ins Rollen, doch am Ende muß Doris flüchten und läßt aus der Theatergarderobe einen Pelzmantel (Feh) mitgehen. Im 2. Teil lebt sie unangemeldet (sie meint von der Polizei gesucht zu werden) als Illegale in Berlin. Mit wechselndem Glück und Bekanntschaften hält sie sich über Wasser. Am Weihnachtsabend flüchtet sie erneut, diesmal vor männlicher Zudringlichkeit. Der 3. Teil spielt im Winter und am Tiefpunkt von Doris' Leben. Mit dem von seiner Frau verlassenen Ernst scheint Doris endlich Geborgenheit zu finden. Doch Ernst liebt nur seine Frau und Doris verläßt auch ihn. Sie endet dort, wo sie in Berlin ankam und wo sie noch Hoffnung auf eine Zukunft hat: im Wartesaal des Bahnhofs Friedrichstraße.
Wegen der Ich-Konstruktion und dem monologartigem Sprechen liest man durchgehend einen einfachen, oft auch grammatikalisch falschen Text. Kennzeichnend ist, dass Doris dem Leser nichts vormacht. Sie schreibt nieder, was ihr in den Sinn kommt und was sie von den Leuten hält. Was der Roman stilistisch vermissen läßt, gewinnt er an Ehrlichkeit und Direktheit. Allerdings hat sie – besonders von den Männer ("so sind die Männer", S. 14) – schnelle und allgemeingültige Urteile.
Darin und in der phrasenhaften Verwendung mancher Ausdrücke ("werde ich ein Glanz") und der schnoddrigen Haltung gleicht Das kunstseidene Mädchen dem Poproman des ausgehenden 20. Jhdt.s (siehe keun Christian Kracht: Faserland). Keuns erster Roman Gilgi, eine von uns und Das kunstseidene Mädchen galten nicht ganz zu unrecht als »Asphaltliteratur«.
Doris verwendet einige (heute) altertümliche Worte, wie Spinatwachtel, Tinnef, Plümo, spillrig (=dürr). Das erhöht die Authentizität.
Die Autorin hat trotz allem den Text wohlüberlegt gestaltet, muntere Vergleiche eingebaut und läßt Doris stellenweise witzig sein:
Ihren Physikfreund Hubert will sie beeindrucken und "ganz kühl hinwerfen: H2O ist Wasser" (S. 20). Im Lokal knallt sie ihm eine Watsche so, "daß der Ober dachte, ich hätte ihm ein Zeichen zum Zahlen geben wollen" (S. 22).
Doris fürchtet sich vorm Alleinsein, vorm nicht Dabei-Sein. Erst ganz am Ende trifft sie auf Ernst, den sie zuerst nicht mag, der sie aber durch sein Verhalten gewinnt. Als sie sich ihm öffnet erkennt sie: war nix; er ist nicht so wie ihre früheren Männerbekanntschaften.
Trotz pauschalen Urteilen und naiven Vorstellungen durchschaut Doris manche soziale Mechanismen erstaunlich gut. Im Theater schnappte sie sich eine gefragte Rolle, die anderen Mädchen haßten sie deshalb "und waren darum voll Ehrfurcht" (S. 42).
Über das Glück weiß Doris: "nur wenn man unglücklich ist, kommt man weiter, darum bin ich froh, daß ich unglücklich bin" (S. 81, 82). Das wäre doch noch eine Lektion für Francois Lelord (siehe keun Francois Lelord: Hectors Reise oder die Suche nach dem Glück und keun Glück - Sinn - Zufriedenheit)!
Zum Tod meint Doris: "Ich glaube nicht eher, daß ich tot sein kann, als bis ich tot bin – und dann ist es zu spät ..." (S. 202).
Das Verhalten Doris' ist keinesfalls zielstrebig und berechnend. Sie versteht es zwar auf ihre Kosten zu kommen: "Unter einer Mark würde ich nicht lachen, wenn ich Bardame wäre" (S. 133). Sie weiß, dass sie schön ist und will es sein: "Ich habe den Feh an und wirke" (S. 68). Ihr Körper ist ihr Kapital, das setzt sie aber nicht konsequent ein. Sie nutzt ihre Chancen nicht skrupellos. Sie hat eine Abneigung gegen alles Verlogene und die Doppelmoral. Darin gleicht sie Holden Caulfield (siehe keun Jerome D. Salinger: The Catcher in the Rye). Gerade bei Leuten, die vorgeben immer die Wahrheit zu sagen, stellt sie fest, dass sie lügen (S. 74-75). Andrerseits verstrickt sie sich selbst nur zu oft in Lügengespinste. Sie zeigt auch Zivilcourage, beispielsweise gegenüber dem Zuhälter Rannowsky (S. 88-89).
Sie ist eine Romanheldin, da sie aus ihrem Leben in der mittleren Stadt aufbricht zu neuen Ufern und Chancen in die große Stadt Berlin, wenn auch nicht ganz freiwillig. Sie verläßt die Kleinstadt fluchtartig nach Betrug und Diebstahl im Theater. Ihr Verhalten ist im Roman kontaminiert von den Verlockungen der späten Zwanziger: sie erliegt – wie auch heute noch viele in ihrem Alter – der Illusions-Industrie. Am Ende des Romans bekennt sie: "Auf den Glanz kommt es nämlich vielleicht gar nicht so furchtbar an" (S. 219).
Doris hat viel von der Daisy aus The Great Gatsby (siehe keun F. Scott Fitzgerald: The Great Gatsby) doch nicht deren zeitweises Glück.
Sie begreift, dass sie nicht durch Arbeit ganz hoch kommen kann. Deshalb lehnt sie auch Ernsts Angebot, den geklauten Feh zurückzuschicken und eine Arbeit anzunehmen sofort ab, weil: "Kommt denn unsereins durch Arbeit weiter, wo ich keine Bildung habe und keine fremden Sprache außer olala und keine höhere Schule und nichts" (S. 181).
Andrerseits verfällt sie dem Glanz der damals neuen Medien (über Film- und Schlagermusik gleich mehr).  Bei der Postentgegennahme bemerkt sie: "Welches Schwein schreibt da ohne Schreibmaschine?" (S. 188).
Doris hat mit Hubert und Ernst zwei Gegenfiguren.
Hubert ist der ernste (langweilige) Physikstudent, der sie aus Karrieregründen sitzen läßt. Ernst kann Doris die gesuchte Geborgenheit geben, ist aber schon vergeben. Beide sind gebildet: Ernst liest Baudelaire.
Abtreibung
Sonderbar erscheint mir, dass Doris offensichtlich einen Abtreibungsdoktor kennt (S. 200). Keuns erster Erfolgsroman Gigli, eine von uns hat mit Abtreibung zu tun, siehe dazu Usborne, Cornelie: "Rebellious Girls and Pitiable Women: Abortion Narratives in Weimar Popular Culture" unter keun Literatur.
Neben dem Film spielt die Schlagermusik und Musik allgemein eine gewisse Rolle.
  • „Wenn die Elisabeth nicht so schöne Beine hätt'“ (S. 55) aus der Operette "Die Wunderbar", 1930
  • „Heil dir im Siegerkranz“ (S. 55), Kaiserhymne des Deutschen Reiches
  • Marseillaise (S. 56), französische Nationalhymne
  • „Ich hab dich lieb, braune Madonna“ (S. 80); Comedian Harmonists, 1931
  • „Das ist die Liebe der Matrosen“ (S. 90, 91, 171, 187, 192)
  • „Stille Nacht, heilige Nacht“ (S. 100, 138)
  • „Ich schenk mein Herz nur dir allein“ (S. 114); Theo Mackeben, 1931; aus der Operette Die Dubarry von Theo Mackeben als Modernisierung von Karl Millöckers Operette Gräfin Dubarry (1879). 
  • „Ein Mädchen von St. Pauli, ein Mädchen von der Reeperbahn“ (S. 117, 118); aus: „In Hamburg, an der Elbe“, Hans Albers, 1933; aber als Seemannschoral schon vorher bekannt:
    In Hamburg, an der Elbe,
    Weit über den Ozean,
    Ein Mädchen von Sankt Pauli,
    Ein Mädchen von der Reeperbahn..
  • „In Sankt Pauli bei Altona bin ich verlassen worden“ (S. 119)
  • „Die Liebe, die Liebe ist eine Himmelsmacht“ (S. 122)
  • „O Donna Klara“ (S. 146), Erwin Hartung, 1930
  • „Armer Gigolo, schöner Gigolo“ (S. 154, 166)
  • „Wien, Wien, nur du allein“ (S. 194), Zeile aus „Wien, du Stadt meiner Träume“ von Rudolf Sieczynski
  • „Das gibt's nur einmal“ (S. 194, 201) aus dem Film "Der Kongress tanzt", 1931, mit keun Lilian Harvey
  • „Tanzen möcht’ ich, jauchzen möcht’ ich, in die Welt es schrein: Mein ist die schönste der Frauen, mein allein …“ (S. 201) aus: Emmerich Kálmán: "Die Csárdásfürstin", 1915
Das kunstseidene Mädchen ist beim zweiten Mal lesen viel feiner gesponnen als ich beim ersten Mal meinte. Die Stimmung in Berlin ("Mein Leben ist Berlin, und ich bin Berlin", S. 92) zur Zeit der großen Arbeitslosigkeit ist gut getroffen. Alle meinten, jeder könne es schaffen: "ich möchte ein Berliner sein und zugehören" (S. 90). Fast 30 Jahre später (genau am 26.6.1963) war John F. Kennedy ein Berliner und wenige Monate später war er tot. Doris darf hoffen.
Man muß sich auf den Text stark einlassen, dann ist es ein starker Berlinroman.
Anmerkungen
Conrad Veidt (S. 15), Schauspieler, 22.1. 1893 Berlin – 3.4. 1943 Hollywood, bekannt als „Dämon der Leinwand“. Veidt floh 1934 nach England später in die USA und spielt sogar im Kultfilm Casablanca noch einen Deutschen.
Richard Tauber (S. 123), Tenor, 16.5. 1891 Linz – 8.1. 1948 London; „König des Belcanto“
Lilian Harvey (S. 127), britisch-deutsche Schauspielerin und Sängerin, 19.1. 1906 London – 27.7. 1968 Juan-les-Pins, Frankreich. Im Film "Der Kongreß tanzt" (1931) sang sie das zum Evergreen gewordene Lied "Das gibt's nur einmal".
keun Anfang
Neue Sachlichkeit
  • Gegenbewegung zum Pathos des Expressionismus; Hinwendung zur Beschreibung der Wirklichkeit
  • Faszination von neuen Techniken und ihren Möglichkeiten (hier: Film, Schlager)
  • die Prozesse der Technisierung, Industrialisierung und Verstädterung werden thematisiert
  • Kennzeichnend ist ein nüchterner Stil, der auch in Das Kunstseidene Mädchen dominiert
  • Prototypen der "Neuen Frau", wie hier Doris, Gigli (Irmgard Keun: Gigli, eine von uns), Helene (Vicki Baum: Stud. chem. Helene Willfüer)
Vergleichsliteratur
Vicki Baum: Stud. chem. Helene Willfüer (1928)
Alfred Döblin: Berlin Alexanderplatz (1929)
keun Theodore Dreiser: Sister Carrie (Schreibbeginn: 1889; Ersterscheinung 1900)
Hans Fallada: Kleiner Mann – was nun? (1932)
Theodor Fontane: Mathilde Möhring (1907 posthum)
keun Erich Kästner: Fabian. Die Geschichte eines Moralisten (1931)
Anita Loos: Blondinen bevorzugt [Gentlemen Prefer Blondes, 1925]
Heinrich Mann: Die große Sache (1931)
Robert Neumann: Karriere (1931)
keun Cesare Pavese: Der schöne Sommer (1940, erschienen 1949)
Joseph Roth: Die Flucht ohne Ende
Links
keun Irmgard Keun, Autorenseite mit vielen Links und weiterer Literatur
keunBöttiger, Helmut: "Buchpendant zu Bubikopf und Charleston. Irmgard Keun: Das Kunstseidene
Mädchen
"
. dradio 3.6.2005
keunNeue Sachlichkeit (Literatur)
keunLilian Harvey – keunRichard Tauber – keunConrad Veidt – keunConrad Veidt (Wikipedia)
Literatur
Ankum, Katharina von: "»Ich liebe Berlin mit einer Angst in den Knien«: Weibliche Stadterfahrung in Irmgard Keuns Das kunstseidene Mädchen". German Quarterly 67:3 (1994) S. 369-88.
Ankum, Katharina von: "Material Girls: Consumer Culture and the »New Woman« in Anita Loos' Gentlemen Prefer Blondes and Irmgard Keun's Das kunstseidene Mädchen". Colloquia Germanica 27:2 (1994) S. 159-172
Boa, Elizabeth (2009): "Warring Pleasures and Their Price: Sex in the City in Irmgard Keun's Das Kunstseidene Mädchen and Andrea Maria Schenkel's Kalteis". German Life and Letters 62:3, S. 343-358.
Horsley, Ritta Jo: "»Warum habe ich keine Worte? ... Kein Wort trifft zutiefst hinein.« The Problematics of Language in the Early Novels of Irmgard Keun". Colloquia Germanica 23 (1990) S. 297-313
Lensing, Leo A.: "Cinema, Society, and Literature in Irmgard Keun's Das kunstseidene Mädchen". Germanic Review 60:4 (1985) S. 129-134
Shafi, Monika: "»Aber das ist es ja eben, ich habe ja keine Meinesgleichen.« Identitätsprozess und Zeitgeschichte in dem Roman Das kunstseidene Mädchen von Irmgard Keun". Colloquia Germanica 21 (1988) S. 314-325
Usborne, Cornelie: "Rebellious Girls and Pitiable Women: Abortion Narratives in Weimar Popular Culture". German History 23:3 (2005) S. 321-338
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keun keunIrmgard Keun: Das kunstseidene Mädchen. List 2001. Taschenbuch, 218 Seiten keun
Jörg U. Meyer-Bothling: Irmgard Keun: Das kunstseidene Mädchen. Editionen mit Materialien. Stuttgart: Klett, 2007. Taschenbuch, 176 Seiten keun
keun keunMagret Möckel: Irmgard Keun: Das kunstseidene Mädchen. Erläuterungen und Materialien. Hollfeld: Bange, 2005. Taschenbuch, 79 Seiten. 3., Aufl. keun
Irmgard Keun: Das kunstseidene Mädchen. Starke Stimmen. Brigitte Hörbuch-Edition, 4 CDs. Sprecherin: Fritzi Haberlandt.Random House Audio, 2005 keun
ankum keunKatharina Von Ankum: Women in the Metropolis: Gender/Modernity in Weimar Culture: Gender and Modernity in Weimar Culture. University of California Press 1997. Taschenbuch, 264 Seiten smail
Deborah Smail: White-collar Workers, Mass Culture and Neue Sachlichkeit in Weimar und Berlin. A Reading of Hans Fallada's Kleiner Mann - Was nun? Erich Kästner's Fabian  and Irmgard Keun's Das Kunstseidene Mädchen. Frankfurt: Peter Lang, 1998. Taschenbuchkeun
barndt keunKerstin Barndt: Sentiment und Sachlichkeit. Der Roman der Neuen Frau in der Weimarer Republik. Böhlau 2003. Taschenbuch, 296 Seiten keun
Sabina Becker, Christoph Weiss, Hg.: Neue Sachlichkeit im Roman. Neue Interpretationen zum Roman der Weimarer Republik. Stuttgart: Metzler, 2002. Taschenbuch, 332 Seiten keun
keun Weitere Literatur insbesondere zur Autorin
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© by Herbert Huber, Am Fröschlanger 15, 83512 Wasserburg, Germany, 11.7.2007