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Landnahme
Christoph Hein: Landnahme
Frankfurt: Suhrkamp, 2005. Gebunden, 360 Seiten – hein VergleichsliteraturHein LinksHein Literatur
Aus dem vormals schlesischen Wroclaw (Breslau) kommt die Familie Haber nach Guldenberg, DDR. Der Vater ist Tischler mit nur einem Arm und tut sich besonders schwer. Dort wurden die Vertriebenen beschönigend Umsiedler genannt und offenbar nachhaltiger als Fremdkörper behandelt als in der Bundesrepublik. Die Abneigung gegen die nicht differenzierend als Polacken bezeichnete Tischlerfamilie geht bis zu feindseligen Attacken.
Der Sohn Bernhard ist zehn Jahre alt. Da er zwar gedrungen aber kräftig ist kann er sich in der Schule durchsetzen, bleibt aber immer ein Einzelgänger.
Jahre später beteiligt er sich an den Repressalien des Staates gegenüber den letzten Privatbauern, geht dann nach Berlin und verdient gutes Geld als Schleußer. Nach dem Mauerbau werden die Operationen zu gefährlich, fliegen auf und Bernhard, genannt "Holzwurm", geht zurück nach Guldenberg. Durch geschickte Geschäfte steigt er in die Haut-volée der Stadt auf.
Der Leser geht durch 50 Jahre deutscher Geschichte, insbesondere 40 Jahre DDR. Durch Anpassung ließ es sich anscheinend ganz gut leben. Einige Kritiken bemängeln, dass die politische Ebene im Roman zu sehr im Hintergrund steht. Mir schien die Schilderung des DDR-Alltags in Landnahme jedoch glaubwürdiger als im verharmlosenden Hampels Fluchten (siehe hein Vergleichsliteratur). Die wechselhafte Landwirtschaftspolitik wird drastisch geschildert (S. 120-127). Das Duckmäusertum ist wohl eine menschliche Konstante. Was einen nicht direkt berührt, geht einen nichts an. Peter Koller und seine Mitschüler erkannten, "dass die Lehrer uns das erzählten, was man von ihnen erwartete, und dass wir ihnen dann eben die gewünschte Antwort geben sollten, damit alle ihre Ruhe haben" (S. 177). Gertrud Demutz schärfte ihrer Tochter Marion ein "Es geht uns nicht an" (S. 123), also: Maul halten.
Erstaunt war ich, dass in den 50-ern eine Ferienradtour durch ganz Bayern möglich war (S. 64).
Fremde, Flüchtlinge und Vertriebene wurden in beiden Teilen Deutschlands diskriminiert. In Guldenberg nahmen die Ausgrenzungen krasse Ausmaße an: der Hund Tinz der Habers wird mit einer Drahtschlinge erdrosselt; die Tischlerscheune wird in Brand gesetzt. Hier (S. 35-37) zog Hein deutliche Parallelen zu den Ausländerbrandschatzungen nach der Wende. Auch die berühmte Frage (siehe hein Tannöd und hein Gottes Mühlen) taucht auf: "Traust du wirklich irgendjemandem in unserer Stadt eine solche Schäbigkeit zu?" (S. 46)
Stil
Hein schreibt unvoreingenommen und schnörkellos. Eine gute Anthropomorphierung ("bei mir strahlten sogar die Knöpfe meiner Bluse vor Glück", S. 260) fällt auf.
Konstruktion
In einem kurzen Rahmen anlässlich einer Karnvealsveranstaltung in Guldenberg bettet der Autor die Erzählungen von fünf Beteiligten: Thomas Nicolas, Marion Demutz, Peter Koller, Katharina Hollenbach, Sigurd Kitzerow. Das stärkste Kapitel war für mich das des Fluchthelfer-Helfers Peter.
Die Technik wechselnder Standpunkte eignet sich gut für die Absichten des Autors: möglichst vielseitige, nüchterne Darstellung umstrittener Verhaltensweisen. Spätestens seit Henry James und Joseph Conrad (hein Joseph Conrad) gehört sie zum Arsenal des modernen Romans (siehe auch Alfred Andersch: Sansibar, hein Uwe Johnson: Mutmaßungen über Jakob, hein Andrea Maria Schenkel: Tannöd).
Doch Heins Konstruktion enttäuscht: die fünf Stimmen sind stilistisch und positionsmässig völlig austauschbar. Eine erhellende Vernetzung des Geschehens unterbleibt.
Die Jahre um die Wende 1989/1990 werden zu kursorisch behandelt. Zum Romanende wollte der Autor noch einige moralische Pointen hineinpacken:
  • Die Begründung Beuchlers, Konkurrent des erfolgreichen Habers, seine nachträgliche Freisprechung für die Ausgrenzung der Zugezogenen (S. 316) überzeugt nicht.
  • Zigeunerklischees (S. 322)
  • Habers Sohn Paul prügelt zwei Fidschis aus dem Karnevalszug: "Karneval ist ein deutsches Fest" (S. 352).
Während ich bei den fünf Erzählstimmen manchmal die Empathie vermißte (was wohl der Intention Heins entgegenkam möglichst nüchtern zu bleiben) merkt man hier den moralischen Zeigefinger.
Guldenberg – einmal wird es Bad Guldenberg genannt – ist zwar fiktiv erinnert aber – so las ich – an Heins Jugendstadt Bad Düben bei Leipzig. Hein hatte einen "Umsiedler-Hintergrund" und wurde zusätzlich als Pfarrerskind (kein Arbeiterkind) zusätzlich benachteiligt.
Der Titel "Landnahme" ist vieldeutig, da in der Geschichte Deutschlands nach 1945 vielerlei Länder genommen wurden. Den Vertriebenen wurde Land genommen, in eingeschränktem Masse dann den Einheimischen durch die Neuankömmlinge. Die DDR enteignete mehr oder weniger freiwillig (eine starke Passage im Roman, als die freien Bauern in Gemeinschaften gezwungen wurden) Privateigentum. Diese Aktionen wurden nach der Wende teilweise zurückgenommen.
Deutsche: Täter und/oder Opfer?
Der Roman Landnahme wird oft im Zusammenhang mit der "neuen"Opferidentifikation der Deutschen erwähnt (siehe Laurel Cohen-Pfister und Ruth Wittlinger unter Hein Literatur). Mit der Wende 1989/90 und dann dem Erscheinen von Jörg Friedrich: Der Brand (siehe Hein Vergleichsliteratur) argumentierten Revisionisten, Linksliberale und Erzkonservative, dass Deutsche auch oder gar vorrangig als Opfer von Krieg, Flucht und Vertreibung zu sehen sind.
Diesen Schuh braucht sich Christoph Hein mit Landnahme nicht anziehen. Eine Opferrolle der Umsiedler oder Vertriebenen tritt nirgends zutage. Vielmehr wird die allseits verbreitete Ausländer- und Fremdenphobie thematisiert, zudem das Angepasstsein, das sehr schön im Karneval der Rahmenerzählung gipfelt. Berhard Haber nimmt an vordester Front am Karneval teil und beteiligt sich an aggressiven Aktionen gegen Ausländer. Damit ist er in Gesamtdeutschland angekommen.
Landnahme ist ein süffig zu lesender Roman über fünfzig Jahre in einer Kleinstadt der DDR. Insgesamt gut gemacht und durchaus lesenwert aber vielleicht doch zu glatt.
Vergleichsliteratur
Sabine Bode: Die vergessene Generation. Die Kriegskinder brechen ihr Schweigen Heinamazon
Wibke Bruhns: Meines Vaters Land. Geschichte einer deutschen Familie Heinamazon
Dieter Forte: Schweigen oder Sprechen Heinamazon
Jörg Friedrich: Der Brand: Deutschland im Bombenkrieg1940–1945 – Heinamazon
Jörg Friedrich: Brandstätten Heinamazon
Günter Grass: Im KrebsgangHein Rezension
Volker Hage, Hg.: Hamburg 1943. Literarische Zeugnisse zum Feuersturm Heinamazon
Volker Hage: Zeugen der Zerstörung. Die Literaten und der Luftkrieg. Essays und Gespräche
Heinamazon
Michael Kumpfmüller: Hampels Fluchten Hein Rezension
Thomas Medicus: In den Augen meines Grossvaters Heinamazon
Klaus Rainer Röhl: Verbotene Trauer: Ende der deutschen Tabus Heinamazon
Winfried G. Sebald: Luftkrieg und Literatur Heinamazon
Links
Rezensionen
HeinBr online
HeinIna Hartwig: "Der Umsiedler". Frankfurter Rundschau, 24.1.2004, bei Lyrikwelt
HeinAndreas Heckmann: "Das Opfer, das zum Täter wird"
HeinGunnar Kaiser: "Mit Depressionen gedüngt". Literaturkritik 4, 2004
HeinMatthias Kehle
HeinJochen Kienbaum, lustauflesen 2004
HeinUrsula März: "Ein prächtiger Außenseiter". Die Zeit, 29.1.2004, bei Lyrikwelt
HeinJörg Maggenau: "Die mentale Hauptstadt der DDR". Taz 2.1.2004
HeinGudrun Norbisrath: "Das Kleine, das Private ist das Leben". WAZ, 26.2.2004, bei Lyrikwelt
HeinPerlentaucher
HeinWolf Scheller: "Der neue Roman von Christoph Hein über ein Tabuthema der DDR. Flüchtlinge im Arbeiterparadies". Rheinischer Merkur, 19.02.2004, bei Lyrikwelt
HeinJürgen Wutschke: "Eine Verweigerung. Selten hat sich ein Autor so weit vom großen Stoff entfernt - und war ihm dabei so nah"
HeinWeiterführende Links zu Christoph Hein
Hein Hein, Christoph: Drachenblut (Der fremde Freund)
Literatur
Braun, Michael: "»da fremdelt man mit Fremden ...« : zum Vertriebenendiskurs in Christoph Heins Roman Landnahme (2004)". Literatur in Wissenschaft und Unterricht 37:2 (2004). S. 103-116 
Cohen-Pfister, Laurel: "The Suffering of the Perpetrators: Unleashing Collective Memory in German Literature of the Twenty-First Century". Forum for Modern Language Studies 41:2 (2005). S. 123-135
Frahm, Ole: "'Ein Deutsches Trauma'?: Zur Schamlosigkeit Deutscher Opferidentifikation." German Life and Letters 57.4 (2004). S. 372-90
Grawe, Christian: "Christoph Hein, Landnahme". World literature today 78:3/4 (2004). S. 124-125
McKnight, Phil: "How the Past Writes the Future: Social Autobiography and the Dynamics of Discrimination in Christoph Hein's Landnahme and other Writings". The German Quarterly 82:1 (2009). S. 63-89
Scheller, Wolf: "Landnahme. Von Christoph Hein". Universitas 59:7 (2004). S. 756-757
Symmank, Markus: "Christoph Hein: Landnahme". Deutsche Bücher 36:2 (2006). S. 124-126
Wehdeking, Volker: "David Clarke: »Diese merkwürdige Kleinigkeit einer Vision« - Christoph Hein's social critique in transition; Christoph Hein, Landnahme [Sammelrezension]". Arbitrium 22:1 (2004). S. 108-110  
Wittlinger, Ruth: "Collective Memory and National Identity in the Berlin Republic: The Emergence of a New Consensus?" Debatte: Journal of Contemporary Central and Eastern Europe 14:3 (2006). S. 201-212
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heinHein Christoph Hein: Landnahme. Frankfurt: Suhrkamp, 2005. Taschenbuch, 382 Seiten hein
Christoph Hein: Landnahme. Frankfurt: Suhrkamp, 2005. Gebunden, 360 Seiten Hein
clarkeHein David Clarke: 'Diese merkwürdige Kleinigkeit einer Vision'. Christoph Hein's Social Critique in Transition.
Amsterdam, New York: Rodopi, 2002. 339 Seiten
Hein Anfang

Landnahme
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© by Herbert Huber, Am Fröschlanger 15, 83512 Wasserburg, Germany, 16.6.2009