| Pascal
Mercier: Nachtzug
nach Lissabon München: Hanser, 2004. Gebunden, 495 Seiten – |
| Ein Lehrer rettet eine
Selbstmörderin vorm
Sprung in die Tiefe; er findet ein Buch, das ihn zu Nachforschungen
motiviert; er bricht sein gewohntes Leben ab und beginnt einen
völlig neuen Lebensabschnitt. Das ist die vielversprechende Lage in Pascal Merciers dritten Roman Nachtzug nach Lissabon. Nichts wirklich Neues außer in dieser Zusammenstellung. Mercier formt daraus einen vielschichtigen Roman um die Diktatur in Portugal ( |
| Das Buch, das
Raimund Gregorius, der
bisher pedantische Gymnasiallehrer für alte Sprachen, in einem
Antiquariat ersteht, ist von einem obskuren Amadeu de Prado. Es wurde
von ihm 1975 im Eigenverlag herausgebracht und enthält seine
Gedanken, zu oft auch Fragen. Dazu kauft sich Gregorius einen
Portugiesisch-Sprachkurs. Aufgehängt werden diese Aktionen des Lehrers an der großartigen Einstiegsszene. Auf seinem Weg in die Schule rettet Gregorius eine unbekannt bleibende Selbstmörderin. Als ihre Muttersprache nennt sie "Portugues". Zuvor schrieb sie dem Lehrer eine wichtige Telefonnummer auf dessen Stirn. Gregorius bricht sein bisheriges Leben ab, fahrt mit dem Zug von Bern nach Lissabon. Dies handelt im Jahre 2005. Vor Ort forscht Gregorius nach dem Autor und kann einige Verwandte und Bekannte aufstöbern. Das eigenartige Leben des Autors Prado, einem Arzt unter dem Diktator Salazar, erschließt sich dem Leser stückweise. |
| Zwei
moralische
Dilemmata bestimmen das Leben des Amateurschriftstellers. Einmal rettet
er das Leben des sogenannten Schlächters von Lissabon Mendes,
ein
andermal geht es um die Aufopferung des Lebens einer
Widerstandskämpferin um viele anderen zu retten. Dazu gesellen sich weitere ethische Probleme, beispielsweise führt Amadeu Abtreibungen durch. Raimund klaut als Kind das Geld einer Marktfrau ... |
| Mercier streut
Abschnitte des gefundenen
Buchs ein, in dem Gregorius immer wieder liest. Dazu kommen
Schriftstücke, die ihm die bei der Spurenverfolgung
aufgesuchten
Personen übergeben. Dieser Kniff erlaubt es dem Autor Mercier viele Überlegungen des Amadeu de Prado einfliessen zu lassen. Sie sind oft denkanregend, manchmal eher oberflächlich oder banal. Denkanregend beispielsweise • über den Tod (S. 106). Ludwig Wittgenstein drückt diesen Gedanken im Tractatus knapper aus: "Der Tod ist kein Ereignis des Lebens. Den Tod erlebt man nicht" und hatte viele Nachahmer ( • Mit einer Fragensalve (dazu mehr unter • Die Frage "Wer möchte im Ernst unsterblich sein?" und ihre Antwort (Verwerfung der Ewigkeit; S. 201) mag manchen Leser überraschen. Neutral sehe ich des Autors Gag, dass Gregorius mit Spitznamen "Mundus" so ziemlich am Ende des Romans ans Kap Finisterre reist; = Ende der Welt = "el fin del mundo". Oberflächlich beispielsweise • "... daß nichts in unseren Gedanken ist, was nicht zuvor im Leib war"; banalisiert Thomas von Aquin: "Nihil est in intellectu, quod non sit prius in sensu" ( • der Dialog über die Seele wobei dem Leser (und den beiden ?) unklar ist, was unter "Seele" verstanden wird. • öfters werden Phrasen von Philosophen eingestreut (siehe oben: Thomas von Aquin, Ludwig Wittgenstein); auf der letzten Seite kommt nochmals Arthur Schopenhauer zum Zuge. Kopflastig und verzopft ist beispielsweise S. 348-351. |
| Ein
Manko des Romans ist, dass er ausufert. Mercier packt zuviel
– und manches unüberlegt –
hinein. Die Eingangsszene mit der Telefonnummer auf der Stirn erinnert an König Belsazer, Dan 5,25; siehe dazu Zweimal tritt eine Verfilmung von Georges Simenon ins Leben des Lehrers (S. 30; S. 347). L'Homme qui regardait passer les trains handelt von einem Familienvater dessen biedere Welt zusammenbricht. Der Wink mit dem Zaunpfahl ( • Als Ex-Schachspieler freute es mich, dass im Roman sehr viele Leute Schach spielen. Einige Schachpartien und Weltmeister spielen eine Randrolle. Von wenig Sachverstand zeugt aber "eine blinde Partie Blitzschach". Zum Blitzschach gehören unweigerlich Uhren. Eine geblitzte Blindparie habe ich noch nicht erlebt. Im Schachklub dann spielte niemand mit Uhr (S. 246). Auch diesen Klub will ich erst erleben, bevor ich es glaube. • Anachronistisch ist, dass der 2005 gekauft Portugiesischkurs auf Schallplatten ist (S. 33). • Gregorius kann in Portugal nachts die frühere Schule Amadeus unbehelligt betreten (S. 197). Unbewacht? Einverstanden. Unabgeschlossen, da verfallen? –?– • Gregorius ist ein hochintelligenter Altphilologe. Er geht auf einen portugiesischen Friedhof; keinen kleinen, da er eine halbe Stunde "durch die Gassen der Totenstadt" wandelt (S. 87). Warum erkundigt er sich vorher nicht darüber, wonach er sucht? Doch dann stößt er auf die Grabkammer seines gesuchten Autors; gestorben 1973. Unglaubwürdig. • Es sind aber nicht diese Einzelheiten sondern auch viele andere unmotivierte Details, die wenig durchdacht sind. • Das Schreiben der Telefonnummer auf die Stirn des Lebensretters nannte ich schon (ihre Hand wäre geeigneter aber unspektakulär). • Die provokante Abiturrede des Zweitprotagonisten im Hintergrund ("Ehrfurcht und Abscheu vor Gottes Wort", S. 198-203) scheint mir thematisch für einen Schulabschluß aus der Luft gegriffen. (Allerdings wurde ich darauf hingewiesen: es geschah an einer Klosterschule. Da kann sich das Thema schon mal über die Jahre aufstauen.) • Dass jeder aufgesuchte Bekannte jahrelang unbeachtete Aufzeichnungen des Amadeu de Prado an Gregorius übergeben kann, nehme ich Mercier nicht ab. Das passiert immer wieder bis zum Schluß (S. 453; 457). • Einige Knoten läßt Mercier unbeantwortet. Was geschah mit der geretteten Selbstmörderin? Hat er sie nur eingeführt, damit das "Portugues" ins Geschehen kommt? Pascal Mercier verteilt die Belesenheit als Peter Bieri im Nachtzug grosszügig. Weniger auf dem Rad oder zu Fuß wäre besser gewesen. |
| Stil Mercier läßt Amadeu in seinen Aufzeichnungen viele Fragen explizit stellen. Abgenommen, das ist seine schriftstellerische Freiheit und gehört zum reflektierten, selbstgrüblerischen Charakter des Arztes. Doch auch Mercier selbst bombardiert den Leser ebenfalls mit Frageabsätzen (als Beispiele seien genannt S. 117; S. 249 unten – S. 250). Die zahlreichen (gottlob kurzen) Traumbeschreibungen störten mich. Zum äußeren oder inneren Geschehen trugen sie nichts bei. Eine Kreativ-Schreiben-Manie? Der Leser erfährt alles über Amadeu de Prado durch die Berichte der von Gregorius Befragten und die überlassenen Aufzeichnungen. Alles liegt also eine Ebene hinter dem Geschehen von 2005. Der Plot selbst geht nie zurück in die siebziger Jahre. Damit büßt der Roman an Lebendigkeit ein. Das übersteigert Mercier noch indem er unnötig die Vorvergangenheit verwendet (z.B. "Schließlich hatte Gregorius den Koffer ausgepackt .... ", S. 334). Stil und Breite des Romans lassen eine tiefere Behandlung der aufgeworfenen Probleme – sei es die ethischen (siehe oben), religionsphilosophischen oder allgemein philosophischen nicht zu. Vielleicht ist das eine ungerechte Einschätzung: zu dick aufgetragen will man die Probleme auch nicht. Doch hier nehmen sie durch die häufigen und langen Zitate aus dem Buch und Aufzeichnungen des Amadeu de Prado viel Raum ein und hängen doch in der Luft. Überspitzt und recht pauschal kann man Pascal Mercier als Paulo Coelho für Intellektuelle ansehen |
| Nachtzug
nach Lissabon
spricht einige Lebensthemen an. Ist ein geregeltes Leben zu wenig?
Kants Leben gibt die Antwort: "Nein". Man kann lebenslang an einem Ort
bleiben, sich einer Sache widmen und trotzdem ein reiches Leben
führen. Man kann nicht alle Möglichkeiten ausprobieren oder gar durchleben, meist nur eine. Hierzu ist Schach ein gutes "Gegenspiel": zwar kann man in einer Partie auch immer nur einen Weg wählen; man wird gezwungen sich zu entscheiden (und lernt dies dadurch auch). Aber man kann in späteren Partien anderes ausprobieren. |
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Nachtzug nach Lissabon wirft
Licht auf eine wenig bekannte Diktatur. Portugal ist uns eher als
Urlaubsland geläufig. Über die Hintergründe
dieser
langen despotischen Herrschaft erfährt man wenig. Für Leser mit
Durchhaltequalitäten
bedingt empfehlenswert. Doch insgesamt meine ich zu Pascal Mercier alias Peter Bieri: Schuster bleib bei deinen Leisten! Ich bin mir bewusst, dass dies ein zweifelhafter Rat ist, wenn man mit so einem Roman einen enormen Erfolg – und damit auch Einnahmen – verzeichnet. |
| Links |
| ab 1933 der sogenannte „Estado Novo“, der neue Staat, ein katholisch-autoritärer Staat mit faschistischen Tendenzen unter António de Oliveira Salazar, der erst 1968 muss wegen gesundheitlicher Probleme zurücktritt. 1974 putscht das Militär mit Unterstützung des Volks: diese "Nelkenrevolution" beendet den Estado Novo. Erst 1976 unter General Eanes und Mário Soares, dem Vorsitzenden der Sozialistischen Partei wird Portugal eine Demokratie. | |
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| Vergleichsliteratur | |
| Martin Suter: Der letzte Weynfeldt. Weynfeldt rettet eine Frau davor, sich vom Balkon seiner Wohnung zu stürzen. Daraus entwickelt Suter seinen kontrovers beurteilten Roman, den ich nicht gelesen habe. | |
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| Literatur |
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| Pascal
Mercier: Nachtzug nach Lissabon. Der
Hörverlag 2007. Doppel-CD |
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