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Mosebach
Martin Mosebach: Das Beben
München: Hanser, 2005. Gebunden, 411 Seiten – Martin LinksMartin Literatur
Die grandiose Eingangsszene führt die Leser in die Welt der Reichen und Ästheten. Der Ich-Erzähler lernt die kapriziöse Manon kennen, die Tochter eines seiner Auftraggebers. Er ist Architekt und baut alte Schlösser und Gemäuer zu Luxushotels um. Manon ist nicht nur verführerisch, sondern auch eigenwillig. Während der Ich-Erzähler sie für sich alleine vereinnahmen möchte, läßt Manon dies nicht zu. Sie behält ihren Eigensinn und Souveränität. Nach einer Affäre mit dem "Meister", einer Mischung aus Friedensreich Hundertwasser und André Heller, verläßt der Erzähler fluchtartig Europa.
In Indien arbeitet er an einem Auftrag dänischer Investoren. Ein vernachlässigter Palast soll in ein Luxushotel umgebaut werden. Der eigentliche Auftraggeber ist der eigenwillige König Maharao von Sanchor, genannt "Hiseines" und behandelt als Heiliger. Ihn versteht der Erzähler ebensowenig wie zuvor Manon.
Als Manon am Hof des heiligen Königs erscheint geht ein Beben nicht nur durch das exotische Land. In einem kurzen Nachtrag wird ein versöhnlicher Ton angeschlagen.
Mosebach konfrontiert die Welt des westlichen Luxus und der Demokratie mit einer mondänen, scheinbar überkommenen Welt der luxuriösen Tradition. Dabei klingt eine leichte Kritik an der "Hotelisierung" an. Die Kritik des indischen Königs an der Demokratie und – an einer Stelle – des Irakkriegs (S. 379-381) klingt wenig überzeugend; zumal er keinen angemessenen Gegenentwurf nennt. Witzige Züge nahm der Roman an, wenn der König den Ich-Erzähler auflaufen ließ. Der König wies gerne auf die lange Tradition in seinem Lande hin, das schon zur Hochkultur erblüht war, als Europa gerademal Homer hatte. Ein Beispiel: Die königliche Miene zeigte dem Erzähler, "daß der Vergleich des Brahmanen Vasisht mit einem fernen Papst eine Dreistigkeit darstellt, die nur mit dem Nichtwissen des Barbaren zu entschuldigen war" (S. 161). Die Überheblichkeit, der Eurozentrismus, die vermeintliche Überlegenheit wird dadurch relativiert.
Ein Seitenthema ist die Dekadenz des sich selbst feiernden Künstlers und die dahinterstehende Geschäftstüchtigkeit.
Der Ich-Erzähler kommt weder mit Manon (1. und 3. Teil) noch mit dem König (2. und 3. Teil) zurecht. Man mag seine überstürzte Flucht vor Manon noch verstehen, das Wiedersehen in Indien ist mehr als seltsam und unglaubwürdig (S. 334).
Bezeichnenderweise "rauben" die Vertreter des dekadenten Künstlertums und des abgelebten Königstums dem Erzähler die Geliebte. Manon wird zur Grace Kelly und Mosebach überschreibt dieses Kapitel mit "Manons Apotheose" (S. 368).
Mosebach bedient sich einer angenehmen, ausgefeilten Sprache. Ihm gelingen einige exzellente Binnenschilderungen. Als Beispiel nenne ich die Hunde in Indien (S. 168-169). Dem stehen langatmige Schilderungen der Prunkentfaltung des königlichen Hofs entgegen. Dabei entschädigen gelegentlich schöne Bilder wie dieses: "Wenn ein König untergeht, ist es wie ein beim Sinken eines großen Schiffs. Es entsteht ein Sog, der viele kleine Boote mit sich in die Tiefe reißt" (S. 310). Seine exzentrische Schreibweise ("Sopha", "Elephant") und veraltete Wörter ("molk", S. 115, "zu welchem Behuf", S. 289) würde ins 19. Jahrhundert passen. Seine Verwendung ungebräuchlicher Fremdwörter ("Sanktuarium", S. 10; "Ruptur", S. 11; "Kohabitation", S. 18; "Portikus", S. 122; "sakrale Ablutionen", S. 156) kann man gerade noch akzeptieren.
Alles zusammengenommen ergibt sich ein rückwärts gewandter Stil. Er passt zu Mosebachs Ausblendung der letzten fünfzig Jahre und zu seine gelegentlich aufblitzenden Vorurteile. Da wird ein brauner Handwerker, der dunkelbraune Klebstoffkruste beseitigen soll, als "unmittelbar aus einem nordafrikanischen Orangenhain" kommend taxiert (S. 107). Ganz kraß sind freilich die afrikanischen Masken und Figuren im Hause des Architekten Grau (S. 8).
Übergrosse Geschlechtssteile, Zitzenbrüste, narbige Frauenkörper, nächtliche Tänze, Wummern der Trommeln und Rituale der Beschwörung rufen alle Vorurteile gegen Schwarzafrikaner hervor. Dabei kann die Reduzierung und Betonung der sexuellen Potenz noch auf Graus Mist gewachsen sein. Die weiteren Assoziationen des Erzählers sind freilich üble Klischees, die man schon Joseph Conrad: The Heart of Darkness (1902) ankreidete (siehe Martin Links) und in einem Roman aus dem Jahre 2005, also mehr als hundert Jahre später, so für sich untragbar sind.
Eine ähnlich reduzierte Sicht hat Mosebach auch auf Indien. Die Ankunft in Indien wird durch ein Kapitel zur Anbetung der heiligen Kuh eingeleitet. Nur homöopathisch erfahrt der Leser, dass es in Indien mehr gibt als heilige Kühe und heilige Könige.
So kommt es zu keiner fairen Gegenüberstellung und keiner Auseinandersetzung zwischen West und Indien. Das schließt nicht aus, dass Mosebach die Arroganz oder Ignoranz des Ich-Erzählers gegenüber seinem Gastgeber und dessen mehrtausendjährigen Kultur in feinen Szenen aufblitzen läßt. Beispiel: Der Erzähler wird ins Staatsarchiv des Königsreichs geführt. Purhoti, eine Art könglicher Minister fragt ihn: "»Was wünschen Sie zu sehen?« Seine Frage allein war ein Tadel. Er sprach damit zugleich aus, dass ich ehrlicherweise hätte zugeben müssen, nicht zu wissen, was hier sehenswert sein könne. Was wusste ich über Sanchor?" (S. 158-159).
Warum der Autor der Manon eine widerliche Gruppenmasturbationsszene im Pariser Park Bois de Boulogne zuschrieb (S. 76-77) ist mir unklar. Will er die aufgeschlossene, selbstbewusste Manon damit diskreditieren?
Durch schlechte Kritiken gewarnt und die Erwartungen zurückgenommen wurde ich von Das Beben trotzdem enttäuscht. Das liegt vielleicht auch daran, dass es mich wenig interessiert, was ein indischer Regionalfürst über Demokratie und westliche Lebensweise denkt. Sein Sichtfeld zeigt sich im Roman extrem verengt: dass es viele arme Inder und superreiche gibt, scheint der König nicht zu wissen. Mosebach wohl schon, doch in diesem Roman kommen sie nicht vor.
Zu einem Vergleich West – Ost kommt es nur sehr eingeschränkt.
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