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Delius
Friedrich Christian Delius: Bildnis der Mutter als junge Frau
Berlin: Rowohlt, 2006. Gebunden, 126 Seiten – Delius LinksDelius Literatur
Eine junge Deutsche, gerade 21 Jahre geworden, hochschwanger, bricht zu ihrem täglichen Spaziergang in Rom auf. Diesmal geht es zu einem Kirchenkonzert in die Christuskirche in der Via Sicilia. Es ist Januar 1943.
Ausgangspunkt ist das Diakonissenheim in der Via Allesandro Farnese, in dem die junge Frau wohnt. Ihr Mann Gert, ein evangelischer Pfarrer, hatte sie nach Rom gebracht. Er war verwundet und hofft dort bleiben zu können, wurde aber nach wenigen Tagen nach Afrika versetzt. Kurz zuvor war die Schlacht um El Alamein verloren gegangen.
Während ihres Konzertgangs begleitet der Erzähler (im Uterus) die Frau. Sie denkt über Rom, Deutschland, BDM, Krieg, Gert und ihre Ahnen nach. So entwickelt Delius allmählich das Bildnis (s)einer Mutter als junge Frau. Friedrich Christian Delius wurde am 13. Februar 1943 in Rom geboren.
Der Name der jungen Frau wird einmal als Margherita oder wohl eine deutsche Form davon genannt (S. 21). Sie scheint eine ganz normale Frau ihrer Zeit zu sein, also eine der Millionen gedankenlosen Mitläuferinnen.
Sie stammt aus dem Pfarr- und Predigerhaushalt in Mecklenburg. Beim BDM lernte sie, dass es die schönste Aufgabe für die Frau sein, dem Volk (und Führer) ein Kind zu gebären. Sie schwelgt von dieser Zeit und hat das NS-Frauen/Mutterbild übernommen, das auch heute noch missverständlich hochgehalten wird (Eva Herman unter Delius Links). Den Deutschen in Rom gefällt es, "dass eine deutsche Frau bald wieder ein deutsches Kind gebären werde" (S. 105).
"Diese sensationelle Familienpolitik galt nur für arische und reinrassige Menschen. Aber auch Juden, Roma, Sinti, Homosexuelle und soziale Außenseiter hatten Familie. Diesen verzweifelten Müttern hat man ihre ebenso verzweifelten Kinder aus der Hand gerissen, ehe es ab ins Gas ging. Oder es wurden an ihnen Experimente zur Zwangssterilisation durchgeführt, von den kinderlieben Nazis."
Barbara A. Lehner; Delius Links
Zum völkischen Mutterbild gesellen sich Gottvertrauen, Führergehorsam und Kriegsrechtfertigung.
"es war besser, nicht zu viel zu wissen, nicht zu viel zu sagen, nicht zu viel zu fragen" (S. 19); das arme, von Feinden umstellte Deutschland (S. 57); "der Krieg war eine schwere Prüfung" (S. 57); "die Obrigkeit, die von Gott gegeben war, Hitler und Mussolini" (S. 59); "Gott und Führer" (S. 68); "es steht alles in Gottes Hand, wir wollen uns gedulden und Ihm alles anvertrauen" (S. 83); "Gottes Wort mit uns in Ewigkeit" (S. 111).
Bei Gert klingen Zweifel am Führer an; bei Ilse werden sie ausgesprochen. Die Frau kann damit wenig anfangen; sie bangt allenfalls um ihre Wohngenossin.
Gert und der Vater der jungen Frau stehen der Bekennenden Kirche (Delius Links) nahe (S. 67).
Mit Rom kann die Frau eigentlich wenig anfangen. Dazu zitiert sie meist Ilse und Frau Bruhns.
Man erkennt: Margerita ist entsetzlich naiv und uninteressiert. Ihre typische Reaktion, wenn doch mal ein Gedanke auftaucht, zeigt sich hier:
"... was sollte aus dem schönen Deutschland werden ohne Siege, das war gar nicht auszudenken, das war verboten zu denken, sie verbat sich das und während ihre Sehnsucht südwärts nach Afrika flog, ..." S. 49
Gedanke taucht auf,kann nicht weitergedacht werden, wird ihr inseitig verboten zu denken und sie lenkt sich ab indem sie an ihren Mann  in Afrika denkt. Meint man, tatsächlich geht der Text aber unmittelbar weiter mit: "tauchte die Wartburg vor ihren Augen auf".
Drei Reibungspunkte hat Margarita aber trotzdem: als Protestantin fällt ihr der katholische Personenkult und Prunk in Rom auf. Zudem merkt sie, dass sie in Rom priviligiert ist. Der Krieg zeigt hier seine Pranke in Lebensmittelknappheit. Doch ihr geht es gut, also alles paletti. Der dritte Konflikt wird nur einmal kurz angedeutet. Er entstand in ihrer BDM-Zeit. Sie merkte, dass Kreuz und Hakenkreuz sich beißen (S. 100). Das war's aber dann schon an fruchtbaren Gedanken zur Zeit der jungen Frau.
"... stilistisch spannend erzählt, denn der gesamte 120-seitige Text besteht aus nur einem einzigen Satz" (Ivo Kaufmann, Delius Links)
Diese Folgerung kann ich nicht nachvollziehen. Der Text wurde gekünstelt in einen Satz gezwungen. Dazu muss der Autor zahlreiche Klimmzüge bewältigen, der Leser mit ihm. Damit der Text lesbar bleibt teilte der Autor ihn reichlich willkürlich in Absätze auf. Spannend wird dadurch nichts, eher das Gegenteil tritt ein.
Für dieses Verfahren (ein Satz über 120 Seiten) sehe ich keinen Grund und erst recht keine Notwendigkeit. Vielleicht wollte Delius den Preis für den längsten "Ersten Satz" für sich einheimsen (Erster Satz, Delius Links)?
Der Titel "Bildnis der Mutter als junge Frau" geht auf James Joyce: A Portrait of the Artist as a Young Man, deutsch: Ein Porträt des Künstlers als junger Mann, an.
Börries von Münchhausen: "Lebensweg", S. 53-54; DeliusBörries Freiherr von Münchhausen
Konzertprogramm, Christuskirche, Via Sicilia, Rom, Januar 1943
  • „Ich ruf zu dir, Herr Jesu Christ“ (Johann Agricola) - Johann Sebastian Bach: BWV 639
  • „In der Welt habt ihr Angst“ (Joh 16,33) - Arie aus der Kantate: „Bisher habt ihr nichts gebeten in meinem Namen“, J. S. Bach: BWV 87; auch vertont von Johann Friedrich Fasch (1688-1758) Fwv D:I 8 und Hugo Distler (1908-1942) op. 12 Nr. 7. 
  • „Und ob ich wanderte im finsteren Tal“ (aus Psalm 23: „Der Herr ist mein Hirte; mir wird nichts mangeln“; Choraltext von Wolfgang Meuslin, 1530) - 3. Strophe aus „Der Herr ist mein getreuer Hirt", J. S. Bach: BWV 112
  • „Wir setzen uns in Tränen nieder“, Schlusschoral aus der Matthäus Passion, J. S. Bach: BWV 244; NB: damit beginnt Schweigeminute von Siegfried Lenz
  • Joseph Haydn: Kaiserquartett C-Dur, op. 76, Nr. 3. Es wird nur ein Hadynsches Streichquartett C-Dur erwähnt (S. 113). Von Joseph Haydn gibt es  zehn Streichquartette in C-Dur: op. 1, Nr. 6; op. 3, Nr. 2; op. 9, Nr. 1; op. 20, Nr. 2; op. 33, Nr. 3, das Vogelquartett; op. 50, Nr. 2; op. 54, Nr. 2; op. 64, Nr. 1; op. 74, Nr. 1; und op. 76, Nr. 3, das Kaiserquartett. Dieses ist nicht nur sein bekanntestes Streichquartett überhaupt, sondern es wird in evangelischen Kirchen oft gespielt. Damit dürfte das Kaiserquartett auch im Januar 1943 erklungen sein. (Diesen Hinweis verdanke ich Harald G.)
  • „Ich liege und schlafe“  (aus Psalm 3,6) - Heinrich Schütz (1585-1672), SWV 310 (komponiert 1639)
  • „Ach wie flüchtig, ach wie nichtig“ - (Michael Franck 1609–1667, komponiert 1652), hier vermutlich J. S. Bach: BWV 26
  • „Ich will den Kreuzstab gerne tragen“ (Text: unbekannt) - Solokantate für Bass, J. S. Bach: BWV 56 (komponiert 1726) mit dem Schlusschoral: „Komm, o Tod, du Schlafes Bruder“.
Delius gelingt es die Verfassung der deutschen Frau in der NS-Zeit gut darzustellen: Mutterbild, Gottvertrauen, Führergehorsam, Kriegsrechtfertigung. Einen Zusammenhang – man beachte dazu die Texte im Konzertprogramm – zieht der Erzähler nicht. Als Gegenprogramm weist er auf die Verbindungen des protestantischen Umfelds zur Bekennenden Kirche hin (da wird es mit Ilse usw. fast zuviel "Widerstand"). Die Erzählung macht ein typisches Mitläufertum, trotz – wenn auch begrenzter – Reflexion, plausibel.
Leider vermasselt Delius das Bildnis strukturell. Der Schlangensatz verwischt manches.
Links
DeliusFriedrich Christian DeliusDeliusWikipedia
DeliusBekennende Kirche
DeliusChristus-Kirche der Evangelisch-Lutherischen Gemeinde Rom, Via Sicilia 70 - DeliusChristuskirche
DeliusZweite Schlacht von El Alamein
Delius Friedrich Christian Delius: Der Spaziergang von Rostock nach Syrakus
Delius Erster Satz
DeliusEvangelischer Buchpreis 2009
Familienpolitik im Nationalsozialismus: DeliusLerntippsammlungDeliusExkurs
DeliusAndrea Gerk: "Bildnis der Mutter als junge Frau", NDR 31.10.2006
Delius Zitate von Eva Herman, deutsche Nachrichtensprecherin, Moderatorin und Autorin; laut einem Medienbericht bedauerte Frau Herman ihre lobenden Worte für das Familienbild der Nationalsozialisten: DeliusOnline Focus, 11.9.2007
DeliusIvo Kaufmann: "Bildnis der Mutter als junge Frau. Rom im Zweiten Weltkrieg", Ö1, 2006
DeliusBarbara A. Lehner: "Das Eva-Braun-Prinzip"
DeliusPerlentaucher
DeliusBildnis der Mutter als junge Frau auf der Website des Autors
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Delius Delius Friedrich Christian Delius: Bildnis der Mutter als junge Frau. Reinbek: Rowohlt, 2008. Taschenbuch, 126 Seiten
Delius
Friedrich Christian Delius: Bildnis der Mutter als junge Frau. Grossdruck. Reinbek: Rowohlt, 2008. Taschenbuch, 160 Seiten Delius
Delius Anfang

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