| Daniel
Kehlmann: Die Vermessung der Welt Reinbek: Rowohlt, 2005. Gebunden, 304 Seiten – |
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Die zugrundeliegende Idee zum Roman Die Vermessung der Welt ist grossartig: Kehlmann läßt zwei der bedeutendsten Wissenschaftler ihrer Zeit, ach was, aller Zeiten, zusammentreffen. Dieses Treffen zur 7. Versammlung Deutscher Naturforscher und Ärtze in Berlin im September 1828 fand tatsächlich statt, wird aber von Kehlmann fiktiv aufbereitet. Es rahmt die Lebensgeschichten von Carl Friedrich Gauß und Alexander von Humboldt ein. | ![]() |
| In
abwechselnden Kapiteln erzählt Kehlmann Episoden aus
dem Leben der beiden Gelehrten. Dabei hält er sich zwar an
historische Gegebenheiten, geht aber gelegentlich damit grosszügig um
und erfindet. Bei Gauß liegt ein Schwerpunkt auf seinen familiären Beziehungen (zwei Frauen Johanna und Minna; Querelen mit Sohn Eugen). Die Mathematik kommt hauptsächlich in Anekdoten vor. Vermessung, Physik und Astronomie werden gewürdigt. Bei Humboldt stehen seine Beziehungen zu langjährigen Freunden (Bruder Wilhelm, Weimarer Kreis) und die beiden Reisen nach Amerika und Russland im Vordergrund. |
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| Worin liegt nun das Besondere an diesem Roman (wenn man
das fast durchgängige Lob der Kritik und den enormen Verkaufserfolg als
Auszeichnung interpretiert)? Die Vermessung der Welt • bringt zwei der größten deutschen Gelehrten dem Lesepublikum näher. Trotz mancher sachlicher Schnitzer und Fehldarstellungen wird sich mancher Leser nach der Lektüre eine ernsthafte Biografie der beiden zulegen. Dieser grosse Pluspunkt bleibt trotz aller nachfolgender Kritik. • macht deutlich welch Potenzial an geistiger Größe um 1800 im deutschsprachigen Raum wirksam war. Immanuel Kant (1724–1804), Johann Wolfgang von Goethe (1749–1832), Friedrich Schiller (1759–1805), W. v. Humboldt (1767–1835), A. v. Humboldt (1769–1859), Ludwig van Beethoven (1770–1827), Franz Schubert (1797–1828), .... Mit vielen dieser Leute hatten Gauß und Humboldt Beziehungen. • zeigt ideengeschichtlich viel mehr als man so beim Lesen meint ( • spannt Bezüge zur Gegenwart; insbesondere Gauß unterschiebt da Kehlmann einiges Vorausschauende, • sinniert über den Lebensplan und Nachruhm; dafür eignen sich beide Protagonisten. "Er habe, sagte Humboldt, viel über die Regeln des Ruhmes nachgedacht. Einen Mann, von dem bekannt sei, daß unter seinen Zehennägeln Flöhe gelebt hätten, nehme keiner mehr ernst. Ganz gleich, was er sonst geleistet habe" (S. 112). Vielleicht ist es heute mit Big Brother und dem Guiness Buch der Rekorde genau umgekehrt .• soll das deutsche Wesen exemplarisch zeigen; diese Absicht gab der Autor kund. Sie blitzte beim Lesen schon auf, so recht gebe ich Kehlmann aber erst beim nochmaligen Nachdenken: ja, es ist ein Roman über das Deutschsein. |
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| Ideengeschichte | |
| Die
Vermessung der
Welt ist über die Deutschen und ihre Blütezeit um
1800. (Darüber
mehr unter
Ob dieser Ideenübergang um 1800 oder in der ersten Hälfte des 19. Jhdts. stattfand kann bezweifelt werden; vielleicht erst gegen Ende des Jhdts. oder zu Beginn des 20. Jedenfalls wäre es besser gewesen, die Devise Juvenals "Mens sana in corpore sano" zu beherzigen. |
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| Neptunismus
vs. Vulkanismus Humboldt wurde in Freiberg beim berühmten Mineralogen Abraham Gottlob Werner ausgebildet. Von diesem beeinflusst hing er dem Neptunismus an. Dieser nahm an, alle Gesteine seien Ablagerungen der Ozeane. Im Laufe seiner Reise wechselte Humboldt zum Vulkanismus (auch Plutonismus; zu diesem und dem Neptunismus siehe |
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| Zur Ideengeschichte gehört auch die Konfrontation
des wissenschaftlichen Denkens mit dem mythischen und abergläubischen.
Dazu eignet sich gut Humboldts Begegnung im südamerikanischen Wald, als
auch Gauß und seine teilweise analphabetische Umgebung. Zu Felsbildern fast hundert Metern über dem Fluß gibt es drei Vermutungen: entweder stand früher das Wasser höher oder die Menschen flogen oder die Felsen waren niedriger und haben sich später emporgehoben. Die erste Vermutung ist offensichtlich falsch. Ein Soldat untermauert die zweite mit der Anmerkung, dass viele Wesen fliegen. Doch Humboldt bleibt wissenschaftlich. "Menschen flögen nicht, sagte Humboldt. Selbst wenn er es sähe, würde er es nicht glauben. Und das sei dann Wissenschaft? Ja, sagte Humboldt, genau das sei dann Wissenschaft." (S. 138) Humboldt hat die Prinzipien der Wissenschaft verstanden. An extrem gut bewährten All-Aussagen ("Menschen fliegen nicht") wird festgehalten, selbst wenn die Sinneswahrnehmung anderes suggeriert. Sie kann trügen (Riese René Descartes; siehe "Zwerge auf den Schultern von Riesen", Die Indianer weigern sich Humboldt in die Höhle der Toten zu begleiten. Alexander gibt auf diesen Mumpitz nichts und geht hinein. Er macht eine wissenschaftliche Beobachtung pro heißes Erdinnere und sieht "die Gestalt seiner Mutter neben sich. Er blinzelte, doch sie blieb länger sichtbar, als es sich für eine Sinnestäuschung gehörte." Alexander lässt sich nicht kleinkriegen "Er schloß die Augen und zählte langsam bis zehn" (S. 74). |
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| Bemerkenswert bringt Kehlmann an manchen Stellen mit stillen Bezügen zur Gegenwart gesellschaftspolitische Kritik ein. "Wenn drei Männer auf der Straße stünden, [...] sei dies eine Zusammenrottung. Wenn dreißig in einem Hinterzimmer Geister anriefen, so habe keiner etwas einzuwenden" (S. 218). Da kommt zum Ausdruck, dass wir menschenrechtlich und aufklärerisch wenig Fortschritte gemacht haben: das Versammlungsrecht wird immer weiter eingeschränkt und bekommt schon bald den Zuschnitt aus Zeiten des Absolutismus. Dagegen darf auch heute noch Geisterbeschwörung, sei es in Hinterzimmern oder in Kathedralen, praktiziert werden. | |
| Die Überzeichnung des Berechnungswahn der beiden
Gelehrten und
die Kritik daran kommt beim Leser an. "Ein Hügel, von dem man nicht
wisse, wie hoch er sei, beleidige die Vernunft und mache ihn unruhig.
Ohne stetig die eigene Position zu bestimmen, könne ein Mensch sich
nicht fortbewegen." (S. 42). Am GPS hätte Humboldt seine Freude. Er und Gauss haben dazu die Fundamente gelegt. Kehlmann protestiert gegen zu starke Vernummerierung auf seine Weise: Die sechzehn Kapitel des Romans sind unnummeriert; nur einmal – wenn ich es richtig gelesen habe – nennt er eine Jahreszahl; 1828 im ersten Satz (S. 7). |
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| Zu weiteren ideengeschichtlichen Bemerkungen, siehe |
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| Rassismus – Sklaverei – Ausbeutung | |
| Alexander von Humboldt wandte sich zeitlebens gegen
Rassismus und Sklaverei. Das bringt Kehlmann an einigen
Stellen markant heraus. • In der Mission Esmeralda bringt ein alter spanischer Soldat den Indianern die Heilsbotschaft der Alten Welt. (Wie dabei vorgegangen wurde ist eine Schande für die sogenannte Zivilisation, steht aber bei Kehlmann nicht zur Diskussion.) Der Soldat spricht den Rassismus der Weißen aus: "... hinter der Mission töteten die Menschen ohne Hemmungen. Sie hätten mehrere Köpfe, seien unsterblich und unterhielten sich in Katzensprachen" (S. 137). • Kurz darauf erreichen Humboldt und Bonpland die Jesuitenmission mit Pater Zea. Dieser wundert sich, sie lebend zu sehen und erkundigt sich, wie sie mit den Kannibalen zurechtgekommen seien. Humboldt entgegnet nüchtern, er habe keine getroffen (S. 138). • Der spanische Leiter einer Silbermine über die hohe Unfallrate bei den Arbeitern:
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| Deutschsein | |
| • Immanuel
Kant wird zunächst öfters erwähnt (um 1800 lebt er ja
noch im fernen
Königsberg). Doch gewinnt zum Ende hin der durchgehend präsente
Friedrich
Jahn an Bedeutung. Der Geist unterliegt der
Körperertüchtigung. Damit ein Bezug zum 20. Jhdt. wo dieser Wechsel im
Fokus des Deutschseins fatale Wirkungen hatte. "Der Mensch sei kein Tier, sagte Humboldt. Manchmal doch, sagte Bonpland. Humboldt frage, ob er nie Kant gelesen habe. Ein Franzose lese keine Ausländer" (S. 48). Damit sagt Kehlmann nicht nur was über die Deutschen, sondern auch über deren Rezeption bei den Franzosen .• Über den spanischen Eroberer Lope de Aguirre (1510–1561) urteilt Humboldt harsch: "Dieser traurige Mann habe gar nichts erforscht, sagte Humboldt. Ebensowenig erforsche ein Vogel die Luft oder ein Fisch das Wasser. Oder ein Deutscher den Humor, sagte Bonpland" (S. 111). • Eine eigene Ausarbeitung gebührte dem Verhältnis des Geradesitzens und dem Deutschsein. Kehlmann spricht es an einigen Stellen an. Dabei geht es dem echten Deutschen um eine Körperhaltung (Turnvater Jahn!), doch besser stünde ihm eine entsprechende Geisteshaltung an (Kant ist alt). [Vater Gauß] "Ein Deutscher, sagte er immer wieder, während er müde die abendliche Kartoffelsuppe aß, sei jemand, der nie krumm sitze. Einmal fragte Gauß [Sohn]: Nur das? Reiche das denn schon, um ein Deutscher zu sein? Sein Vater überlegte so lange, daß man es kaum mehr glauben konnte. Dann nickte er" (S. 54). Dieser Schenkelklopfer zur Deutschen Leitkultur ( |
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| Witz und Ironie | |
| Ich gebe zu: Witz und Ironie erkannte ich gelegentlich
wohl, doch erst
beim Schreiben der Rezension, beim nochmaligen Nachblättern einiger
Absätze erkannte ich wie breit gestreut ironisch der Roman ist. Und:
Kehlmann hat fein gesponnen und am Text gefeilt. So bringen manche
Stellen etwas für die übergreifende Konzepte, nehmen Bezug zur
Gegenwart und wirken ironisch oder witzig. Zum Beleg führe ich einige Stellen an. Bonpland will am Ufer Hilfe holen. "Es gebe keine Hilfe, sagte Humboldt […] Falls es jemandem nicht aufgefallen sei, dies sei der Urwald." (S. 112) Diese Redewendung scheint mir ein sehr gegenwärtige zu sein. Alexander und Bonpland mit Pater Zea am Orinoko. Bonpland ist entsetzt über das Boot. "Lieber einen Monat in der Hölle, sagte Bonpland, als das! Er werde beides bekommen, versprach Pater Zea. Die Hölle und das Boot." (S. 114) Gaußens erste Hochzeitsrede Das Glück meint Gauß in seiner Rede zur ersten Heirat mit Johanna "komme ihm wie ein Rechenfehler vor, ein Irrtum, von dem er nur hoffe, keiner werde ihn aufdecken". Nachdem er sich gesetzt hatte, "fragte er Johanna, ob er etwas Falsches gesagt habe. Aber woher denn, antwortet sie. Genau diese Rede habe sie sich immer für ihre Hochzeit erträumt" (S. 148-149). Alexander hatte keine Freunde "und als sein Bruder ihn zu seiner Hochzeit einlud – er habe eine Frau gefunden, wie sie ihm gezieme, eine, die nicht ihresgleichen habe auf der Welt –, antwortete er höflich, daß er nicht kommen könne, ihm fehle Zeit" (S. 30). Stimmt das? Ich weiß es nicht. Es erinnert an Bertrand Russell der 1953 die Einladung zur Krönung der englischen Königin in die Westminster-Abtei ablehnte: "Ich habe sehr viel andere Dinge zu tun. Ich bin ein viel beschäftigter Mensch." – "Bertrand Russell", Der Spiegel 10.06.1953, S. 25 |
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| Intertextuelle Bezüge | |
| Bevor Alexander ins Eis fällt will er F. G.
Klopstock: "Der Eislauf", die Eislaufode, rezitieren (S.
24). Sie hätte ihn vorsichtiger werden lassen. Die beiden letzten
Strophen lauten: Zurück! lass nicht die schimmernde Bahn Dich verführen, weg vom Ufer zu gehn! Denn wo dort Tiefen sie deckt, strömts vielleicht, Sprudeln vielleicht Quellen empor. Den ungehörten Wogen entströmt, Dem geheimen Quell entrieselt der Tod! Glittst du auch leicht, wie diess Laub, ach dorthin; Sänkest du doch, Jüngling, und stürbst! |
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| In
der Freiberger Bergwerksmine wäre Alexander fast
umgekommen. "Er stieg in eine noch nie erforschte Kammer ab, stellte die Lampe hin und wurde nach wenigen Minuten ohnmächtig. Sterbend sah er tropische Schlingpflanzen, welche unter seinem Blick zu Frauenkörpern wurden, aufschreiend kam er zu sich" (S. 34) Anachronistischer Bezug auf E.T.A. Hoffmann: Die Bergwerke von Falun „Von unbekannter Macht fortgetrieben, schritt er vorwärts, aber in dem Augenblick regte sich alles um ihn her, und wie kräuselnde Wogen erhoben sich aus dem Boden wunderbare Blumen und Pflanzen von blinkendem Metall, die ihre Blüten und Blätter aus der tiefsten Tiefe emporrankten und auf anmutige Weise ineinander verschlangen. Der Boden war so klar, daß Elis die Wurzeln der Pflanzen deutlich erkennen konnte, aber bald immer tiefer mit dem Blick eindringend, erblickte er ganz unten – unzählige holde jungfräuliche Gestalten, die sich mit weißen glänzenden Armen umschlungen hielten, und aus ihren Herzen sproßten jene Wurzeln, jene Blumen und Pflanzen empor, und wenn die Jungfrauen lächelten, ging ein süßer Wohllaut durch das weite Gewölbe, und höher und freudiger schossen die wunderbaren Metallblüten empor“ (E.T.A. Hoffmann, 1819, online: |
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| Eine viel zitierte Stelle als intratextueller
Bezug
darf hier nicht fehlen. "Sogar ein Verstand wie der seine, sagte Gauß, hätte in frühen Menschheitsaltern oder an den Ufern des Orinoko nichts zu leisten vermocht, wohingegen jeder Dummkopf in zweihundert Jahren sich über ihn lustig machen und absurden Unsinn über seine Person erfinden könne." (S. 9) Dieser einzige Satz leistet vielerlei: • dem Nachruhm setzt er entgegen, dass wir alle Zwerge auf den Schultern von Riesen (geht zurück auf Bernhard von Chartres um 1130, • er wirft eine Blick voraus aus Humboldts Reise zum Orinoko (von der Gauß an dieser Stelle nichts wissen kann); • er stellt den Bezug zum kecken Unterfangen Daniel Kehlmanns selbst her. Noch einmal straft Kehlmann-Gauß den Biografen ab: "Romane, die sich in Lügenmärchen verlören, weil der Verfasser seine Flausen an die Namen geschichtlicher Personen binde. Abscheulich, sagte Gauß" (S. 221). |
| Gedichtvergleich |
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| Johann Wolfgang von
Goethe: "Ein Gleiches", 1780 |
"das schönste deutsche Gedicht vortragen, frei ins Spanische übersetzt" (S. 128) |
| Über allen Gipfeln Ist Ruh', In allen Wipfeln Spürest Du Kaum einen Hauch; Die Vögelein schweigen im Walde. Warte nur, balde Ruhest Du auch. |
"Oberhalb aller Bergspitzen sei es still, in den Bäumen kein Wind zu fühlen, auch die Vögelseien ruhig, und bald werde man tot sein." (S. 128) |
| Dieser Gedichtvergleich ist ein eklatantes Beispiel wie
Kehlmann Humboldt (und Gauß) einseitig und ungünstig
darstellt. Alexander von Humboldt war selbstverständlich gegenüber der
Poesie aufgeschlossen und ein Ästhet. Dies erkennt man aus fast all
seinen Beschreibungen. Er sieht die Welt, die Wissenschaften und alle
Disziplinen holistisch (siehe besonders die Biografie durch Adolf
Meyer-Abich unter |
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| Indirekte Rede | |
| Kehlmann verwendet meist die indirekte Rede. Das
"meist" begründet sich zweifach: 1) Der Beginn des Kapitels "Die Steppe" ist die wörtliche Wiedergabe einer (fiktiven) Rede Humboldts über den Tod (S. 263). 2) Viele Reden können bis zum Identifikationseinschub auch wörtlich bestehen. Ein Beispiel: "Ein verrückter Mörder, sagte Bonpland, der erste Erforscher des Orinoko!" (S. 111) Hier kann der erste Redeteil und sogar der zweite wörtlich sein. Oft geht aus dem zweiten Redeteil der indirekte Charakter hervor. "Gern, sagte Humboldt, allerdings sei er nicht der Museen, sondern der Natur wegen hier" (S. 269). Die indirekte Rede bewirkt viererlei: 1) Sie schafft Distanz. Autor und Leser gewinnen den nötigen Betrachtungsabstand zum historischen Stoff. 2) Sie meidet die "Trivialfalle" historischer Romane (Kehlmann in einem Interview). Gemeint ist, dass historischen Personen nicht wörtliche Reden unterlegt werden, die lediglich eine Erfindung des neuzeitlichen Autors sind. 3) Es macht den Text hölzern. Die Frische fehlt. Während bei direkter Rede oftmals mehrere Redewendungen unmittelbar hintereinanderstehen können, muss Kehlmann fast immer Personenbezüge einschieben. Ein Dialogbeispiel: Humboldt redet (geht aus Text hervor) – "sagte Gauß" – "sagte Humboldt" – "sagte Gauß" – Humboldt redet (geht aus Text hervor) – sagte Gauß" (S. 249). 4) Dass indirekte Reden ohne Absatz in Erzähltext übergehen irritiert beim Lesen. Da man dem Roman sowieso fiktiven Charakter zugesteht, hätte ich wörtliche Reden trotz allem bevorzugt, vor allem bei längeren Dialogen. |
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| Unstimmigkeiten | |
| Ganz im Gegensatz zu den Lesern und den
Literaturkritikern
(mit wenigen Ausnahmen, z.B. Wolfgang
Griep, siehe Nichts – Äther Bis um 1900 herrschte bei den Physikern (mit wenigen Ausnahmen) die Äthertheorie vor: das All wird vom Äther ausgefüllt ( "Occam's razor, sagte Gauß" (S. 246) Kaum. • Alle Dissertationen mussten damals in lateinisch verfasst werden, ebenso seriöse wissenschaftliche Arbeiten.
• Der Begriff "Ockhams Rasiermesser" leitet sich aus einem lateinischen Werk von Wilhelm von Ockham her. Warum sollte Gauß da Wilhelm von Ockhams Rasiermesser (Zitate von Ockham unter Fehlinterpretation der Statistik Bei Kehlmann offenbart Gauß gegenüber dem befreundeten Physiker Wilhelm Weber ( Luftfahrtpionier Pilâtre de Rozier kam bereits 1785, zusammen mit seinem Mitfahrer sein Mitfahrer Pierre Romain, bei einem Gondelabsturz ums Leben. Sie waren die ersten Todesopfer der Luftfahrt. Der vierzehnjährige Gauss wurde im Juni 1791 dem Herzog Carl Wilhelm Ferdinand von Braunschweig bekannt gemacht (S. 61). Laut Kehlmann kam kurz darauf Pilâtre de Rozier in die Stadt (S. 63). Louis Daguerre arbeitete seit den 1820-er Jahren mehr oder weniger erfolglos mit der Lochkamera. Das Verfahren der Daguerreotypie entwickelte er zwischen 1835 und 1839. Von Gauss gibt es ein erstes Bild aus 1855 auf dem Totenbett, von Alexander von Humboldt gibt es eine Fotografie von 1847. Dass Daguerre die beiden schon 1826 in Berlin ablichtete ist pure Fantasie. |
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| "... wer
glaubt, hier etwas über Alexander von
Humboldt, den berühmten
Südamerika-Reisenden, und Carl Friedrich Gauß, den großen Mathematiker,
zu erfahren, der sollte sich in Acht nehmen" (Wolfgang
Griep, Die schlimmsten Unstimmigkeiten, ja Ungerechtigkeiten, leistet sich Kehlmann aber in der flachen, einseitigen Darstellung von Gauss und Humboldt, aber auch vom alten Kant und Wilhelm von Humboldt. • Carl F. Gauss war nicht weltfremd, zahlenfixiert, seiner Familie abhold. Am Totenbett seiner ersten Frau Johanna versucht sich der Kehlmann-Gauss "an den Gedanken zu gewöhnen, daß er wieder heiraten mußte" (S. 161). Seine Briefe sagen etwas völlig anderes. Er war zu konservativ und gediegen als dass er Goethe in der Theaterloge als "Esel" bezeichnet hätte. • Alexander von Humboldt war nicht vermessungswild, arbeitswütig und nur den Naturwissenschaften zugetan. Wolfgang Griep schlägt für des Autors fiktive Charaktere daher andere Namen vor, etwa Alexander von Humbug und Carl Friedrich Graus.
• Die Reise im Oktober 1809 von Gauss und Bessel nach Weimar hat wahrscheinlich nie stattgefunden. Angeblich fahren sie "vier quälende Tage" (S. 157) zu einem Theaterbesuch! Dabei treffen sie auf Wilhelm von Humboldt, der angeblich nicht wusste, dass Gauss Mathematiker sei (S. 159). Die 1801 erschienenen Disquisitiones Arithmeticae hatten Gauss berühmt gemacht. Ein Weltgeist wie Wilhelm von Humboldt kannte sie. Zudem war W.v.Humboldt seit Februar 1809 Sektionschef für Kultus und Unterricht in Berlin, also wahrscheinlich nicht in Weimar. |
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| Historischer
Roman? Kehlmann selbst verneint dies in einem Interview "das ganze Buch gibt sich im Ton als sachliches historisches Werk, ist jedoch im Grunde nichts weniger als das" (Roland G. Holtforth, |
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| Rezeption Die Vermessung der Welt wurde ein Riesenerfolg für den Autor. Doch nicht nur das Lesepublikum war begeistert, auch die Jury zum Deutschen Buchpreis und zahlreiche andere Kritiker. Der Roman kam in die Shortliste zum Deutschen Buchpreis 2005, es gewann aber Arno Geiger: Es geht uns gut (
Daniel Kehlmann selbst kann es sich nicht erklären, "wie ein dezidiert literarisches Buch voll von historischen und literarischen Anspielungen und mit in indirekter Rede geschriebenen Dialogen zwanzig Wochen lang Platz eins der „Spiegel“-Bestsellerliste belegen kann", Interview: "Am liebsten würde ich das Buch in die Ecke schmeißen" ( Die Vermessung der Welt wurde auch zum Wissenschaftsbuch des Jahres 2005 in der Kategorie "Unterhaltung" gekürt, bei Der österreichische Bestseller-Autor Daniel Kehlmann erhält den Thomas-Mann-Preis 2008. |
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| Die Vermessung der Welt
ist unbedingt lesenswert. Kehlmann wirft das Licht auf einen Höhepunkt
deutschen Geistesleben. Dabei streut er viele Bezüge für den kundigen
Literaten und Wissenschaftshistoriker. Doch auch ohne die alle
aufzuspüren, ist es ein Lesegenuss, wenn man von den nervenden
indirekten Reden absieht. Gefährlich wird das Buch, wenn man es nicht
als Roman liest, sondern meint, etwa Fundiertes über Gauss und
Alexander von Humboldt zu erfahren. Da wäre man auf Glatteis und man
möge
vorher die Eislaufode von Klopstock lesen. Dass viele Die Vermessung der Welt sowohl als eine Würdigung der Leistung der beiden Gelehrten lesen (was gerade noch angehen mag), aber auch als eine verlässliche Charakterisierung (und damit ist man – wie mehrfach belegt und betont – auf dem Holzweg) zeigt die folgenden Abschlusssätze aus einer Rezension: "Obwohl die von Gauß und Humboldt geleistete wissenschaftliche Arbeit im Mittelpunkt steht, bleibt der junge Autor (*1975) die Darstellung zweier höchst eigenwilliger Charaktere dennoch nicht schuldig. Unbedingt lesenswert!" Richtig, doch die Charakterisierung trifft daneben. Trotzdem meine auch ich: lesenswert! |
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| Vergleichsliteratur | |
| Ken Alder: The Measure of All Things (2002) [deutsch: Das Mass der Welt. Die Suche nach dem Urmeter, 2003] | |
| Matthias Gerwald: Die Entdecker. Historischer Roman über Alexander von Humboldt (2001) | |
| Owen Gingerich: The Book Nobody Read (2004) | |
| Gert Hofmann: Die kleine Stechardin (1994) – Georg Christoph Lichtenberg | |
| Klaas Huizing: Das Ding an sich. Eine unerhörte Begebenheit aus dem Leben Immanuel Kants (1998) – Johann Georg Hamann | |
| Lisa Jardine: The Curious Life of Robert Hooke. The Man Who Measured London (2004) | |
| Leonard Mlodinow: Euclid's Window [deutsch: Das Fenster zum Universum - Eine kleine Geschichte der Geometrie] | |
| Sten
Nadolny: Entdeckung
der Langsamkeit (1983) – |
|
| Thomas Pynchon: Mason and Dixon (1997) [deutsch: Mason & Dixon, 1999] | |
| Christoph Ransmayr: Letzte Welt (1988) | |
| Bernhard Setzwein: Nicht kalt genug (2000) – Friedrich Nietzsche | |
| Dava Sobel: Longitude (1995) [deutsch: Längengrad, 1996] | |
| Patrick Süskind: Parfum
(1985) – |
|
| Links | |
| Daniel Kehlmann | |
| Literatur |
| Caroline Ash (2007): "Fiction and Exploration: The World Measurers". Science 317:5837 S. 454b-455b |
| Anna
Echterhölter
(2006): "Schöner berichten. Alexander von Humboldt, Hubert Fichte und Daniel Kehlmann in Venezuela". Kultur & Gespenster 1. |
| Manfred Mittermayer
(2007): "Vom Gehen und vom Reisen.
Über die beiden Romane ”Die Vermessung der Welt” (Daniel Kehlmann) und
”Der fliegende Berg” (Christoph Ransmayer)". Ausblicke. Zeitschrift für
Österreichische Kultur und Sprache 25. S. 36-37. |
| Simon Naylor (2008): "Historical Geography: Geographies and Historiographies". Progress in Human Geography 32:2. S. 265-274 (nutzt Kehlmanns Vermessung hauptsächlich als Einstieg) |
| Kathryn M. Olesko
(2007): "The World We Have Lost.
History as Art". Isis
98. S. 760–768. |
| Frans
Oort
(2008): "Measuring the World".
Book Review. Notices of the American Mathematical Society,
55:6 (2008). S. 681-684. |
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