| Werner
Bergengruen: Der Großtyrann und das Gericht München: Nymphenburger, 1949. Gebunden, 319 Seiten – |
| Der Roman Der Großtyrann und das Gericht (erschienen 1935) ist in fünf Bücher gegliedert: »Nespoli«, »Vittoria«, »Diomede«, »Der Färber« und »Der Großtyrann und das Gericht«. Jedes Buch ist nach einer Hauptfigur benannt. |
| Der Großtyrann eines kleinen italienischen
Renaissancestaats verlangt vom Geheimdienstchef Nespoli die Aufklärung
eines merkwürdigen Mords am Mönch Fra Agostino binnen drei Tagen. Damit
setzt er eine für den Leser zunächst nicht absehbare Folge von
Beschuldigungen in Gange. Die duckmäuserische Situation unter dem
herrischen Großtyrann läßt aber eigentlich nichts anderes erwarten. Der
Leser sollte zudem durch das Romanmotto "Ne nos inducas in tentationem"
(Führe uns nicht in Versuchung) gewitzt sein. Es werden Intrigen gesponnen, Lügen und falsche Zeugen und Täter aufgetischt, einer bezichtigt sich selbst. Die Lösung des Mordfalls ahnte man an manchen Stellen (besonders zu Beginn). |
| Wichtiger
ist aber die dahinter steckende Absicht.
Bergengruen zeigt, dass in einem Staat mit Despot, Unterdrückung,
Blockwarten und Überwachung alles möglich ist. "So gewaltig war der Schatten, welchen der Großtyrann über alle Lebensverhältnisse in Cassano warf, daß kaum die vertrauteste Menschen unter vier Augen abschätzig oder auch nur urteilerisch von ihm zu reden wagten" (S. 60). Die menschliche Unzulänglichkeit, Gier und Eitelkeit treibt zu sonderbaren Taten. Die Lüge gebiert neue Lügen. |
| Präambel
des Romans: »Es ist in diesem Buche zu berichten von den Versuchungen der Mächtigen und von der Leichtverführbarkeit der Unmächtigen und Bedrohten. Es ist zu berichten von unterschiedlichen Geschehnissen in der Stadt Cassano, nämlich von der Tötung eines und von der Schuld aller Menschen. Und es soll davon auf eine solche Art berichtet werden, daß unser Glaube an die menschliche Vollkommenheit eine Einbuße erfahre. Vielleicht, daß an seine Stelle ein Glaube an des Menschen Unvollkommenheit tritt; denn in nichts anderem kann ja unsere Vollkommenheit bestehen als in eben diesem Glauben.« |
| Der
Großtyrann
ist eine bemerkenswerte Figur. Nachdem
er zu Beginn als furchtbarer Despot eingeführt wird, entwickelt er im
Laufe des Romans ganz andere Züge. Mir ging es ähnlich wie mit Sarastro
aus Mozarts
"Die Zauberflöte". Er begründet seine Despotschaft damit,
"daß er den Willen der zu Beherrschenden deutlicher erkennt
als diese selbst" (S. 232). Das ist auch eine gängige Begründung von
deutschen Politikern gegen den Volksentscheid. |
| Vittorias
Leitspruch „Discite,
mortales, nil pluriformius amore“ (S. 21, S. 93). Lernet erkennen, ihr Sterblichen: nichts ist vielgestaltiger als die Liebe. |
| Paradoxon
der unerwarteten Extemporale / Surprise Exam Paradox ( Der Grosstyrann gibt seinem Geheimdienstchef eine Ankündigung gemäß dem bekannten Überraschungsexamen: "Ich gewähre dir eine weitere Frist von drei Tagen, und nach ihrem Ablauf wieder eine und so fort. [...] Allein ins Ungemessene wird das nicht währen dürfen, vielmehr nur bis an eine gewisse Grenze. Die Setzung dieser Grenze ber behalte ich mir vor, und ich kann dir auch nicht versprechen, daß ich sie dich schon von weitem werde erkennen lassen. Sondern es könnte sich wohl ereignen, daß du plötzlih, ohne es zu wissen, an dieser Grenze angelangt wärest, ja sie wohl gar überschritten hättest; und vielleicht wird das schon sehr bald geschehen sein und in einem Augenblick, da du es nicht erwartetest" (S. 77). |
| In: Harenberg. Das Buch der 1000 Bücher aufgenommen. |
| Ein erstaunliches Werk für 1935. Damit Lion Feuchtwanger: Erfolg an die Seite zu stellen. Die politischen und psychologischen Mechanismen sollten auch heute bachtet werden. Deshalb ist die Lektüre des durchweg spannenden und in einigen Dialogen anspruchsvollen Romans auch heute sehr zu empfehlen. |
| Werner Bergengruen, 16.9.1892 Riga (Lettland) – 4.9.1964 Baden-Baden |
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Urs M.: Annas
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