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Wilhelm Jensen Sigmund Freud
Wilhelm Jensen: Brief an Sigmund Freud, 25. Mai 1907
Dieser und weitere Brief in: Der Wahn und die Träume in W. Jensens "Gradiva". Frankfurt am Main: Fischer, 1995.
jensen Wilhelm Jensen. Gradiva. Ein pompejanisches Phantasiestückjensen Wilhelm Jensen
Prien am Chiemsee, den 25. Mai 1907
Bayern
Hochgeehrter Herr!
Ihre Erwiderung auf meine Zuschrift hat mich sehr gefreut, aber leider bin ich außerstande, Ihnen mit der gewünschten Auskunft darauf zu entgegnen. Was ich zu sagen vermag, beschränkt sich kurz auf dies:
Entsprungen ist die Idee des kleinen »Phantasiestückes« aus dem alten Reliefbilde, das auf mich einen besonders poetischen Eindruck machte. Ich besitze es mehrfach in einer vortrefflichen Reproduktion von Narny in München (daher auch das Titelbild), suchte jedoch jahrelang vergebens im Museo Nazionale in Neapel nach dem Original, habe dies auch nie gefunden, nur erfahren, daß es sich in einer Sammlung in Rom befinde. Wenn Sie's so nennen wollen, lag vielleicht ein bißchen von einer »fixen Idee« in meiner grundlos vorgefaßten Meinung, das Bildnis müsse in Neapel sein, und sie erweiterte sich dahin, es stelle eine Pompejanerin dar. So sah ich sie im Geiste über die Trittsteine Pompejis hingehen, das mir von öfterem, tagelangem Aufenthalt zwischen seinen Trümmerresten sehr genau bekannt war. Ich brachte am liebsten die lautlose Mittagstunde drinnen zu, von der alle anderen Besucher an die Gasthoftische weggetrieben wurden, und geriet in der sonnenheißen Einsamkeit immer entschiedener auf die Grenze, die das wache Sehen der Augen in ein einbildnerisches übergehen ließ. Aus diesem von mir als möglich empfundenen Zustand hat sich später der Norbert Hanold herausgestaltet.
Das weitere fiel dichterischer Motivierung zu. Es mußte von Vorbedingungen abhängig gemacht sein, die das Auswachsen seiner Wahnvorstellung zum Grotesken, ja zum völlig Sinnwidrigen, ermöglichte. Er ist ein nur scheinbar nüchterner, in Wirklichkeit ein von erregbarster, ausschweifendster Phantasie beherrschter Mensch; ebenso ist er kein innerlicher Mißächter der Frauenschönheit, wie aus dem ihm durch das Reliefbild bereiteten Genuß hervorschimmert, gerade deshalb flößen die »August und Grete« ihm Widerwillen ein, denn er trägt ein latentes Verlangen nach einem weiblichen »Ideal« (in Ermangelung besserer Bezeichnung) in sich. Von allem in ihm Vorgehenden aber weiß er nichts, vermißt und entbehrt nur überall etwas, so daß »die Fliegen« ihn verdrießen. Die Schilderung ging darauf aus, ihn als ein solches, von sich unbefriedigtes, sich über sich selbst täuschendes, stets einer Einbildung unterworfenes Individuum darzustellen und glaubhaft zu machen.
Die Dichtung erfordert notwendig einen von der Wirklichkeit geschaffenen Zusammenhang zwischen ihm und der Rediviva und nötigte die äußere Ähnlichkeit auf. Selbstverständlich ist diese als keine vollkommene gedacht, weder dem Gesicht und der Gestalt, noch der Gewandung nach, doch als eine ähnelnde; auch das Kleid aus leichtem, hellfarbigem und faltenreichem Sommerstoff mit etwas antikem Zuschnitt widerspricht dem nicht, heiße zitternde Sonnenluft, Blendung, farbige Lichtspiele leisten Unterstützung. Die volle Übereinstimmung der beiden Persönlichkeiten aber erzeugt er sich selbst, weil sein Wunsch sie ihm eingibt. Ob dabei eine unter der bewußten Schwelle sich regende Erinnerung an die Kindheitsgenossin mit im Spiel ist, weiß ich nicht sicher zu bejahen, jedenfalls indes bei der Einwirkung der Gradiva-Gangart auf ihn. Dies bildet den eigentlichen springenden Punkt des Ganzen, denn er hat sie als Kind in sich aufgenommen, ohne etwas im Gefühl mit ihr zu verknüpfen: dann, zum Mann erwachsen, wird durch ihre Wiedererscheinung eine unbestimmte erotische Sehnsucht erweckt, die, sich progressiv verstärkend, die Herrschaft der Vernunft in seinem Kopf zergehen läßt und an ihre Stelle die Übermacht eines traumhaften Wunsches und Begehrens setzt.
So der Grundgedanke des psychischen Vorgangs; das mannigfaltige, ihn zu seiner Förderung umrahmende Gerank sowie das Verhalten der lebendigen Gradiva – die den »verrückten« Zustand Norberts erkennt, weil sie in gewisser Weise in sich selbst eine Erklärung dafür findet – bedürfen wohl keines Eingehens. Entstanden ist die kleine Historie durch einen plötzlichen Impuls, aus dem sich kundtat, daß der Trieb dazu auch in mir unbewußt gearbeitet haben muß. Denn ich befand mich inmitten einer umfangreichen Arbeit, die ich auf einmal beiseite schob, um schnell, scheinbar ganz unvorbedacht, den Anfang der Geschichte hinzuwerfen und sie in wenigen Tagen bis zu Ende zu führen. Ich geriet nie dabei ins Stocken, fand immer alles, wiederum anscheinend ohne Nachdenken – fertig vor; mit eigenem Erlebnis im üblichen Sinne hat das Ganze nichts zu tun, ist, wie ich's benannt, ein vollständiges Phantasiestück; immer auf einem messerrückenschmalen Grat nachtwandlerischer Möglichkeit dahingleitend. Das tut eigentlich jede Dichtung, nur mehr oder weniger erkennbar, und demgemäß ist auch das Urteil über die »Gradiva« ausgefallen. Manche haben sie für absoluten kindischen Blödsinn erklärt, andere darin etwas vom Besten gefunden, was ich geschrieben. Es kommt aber niemand mit seinem Begreifen über sich selbst hinaus.
Weiteres, wertester Herr, vermag ich auf Ihre Frage nicht zu erwidern, füge nur noch hinzu, daß es meine Frau wie mich sehr erfreuen würde, wenn Ihr Weg Sie während der Sommerzeit in unsere Gegend führte und Sie zur Einkehr in dem oben abgebildeten, 20 Minuten vom Priener Bahnhof entfernten Landhäuschen veranlaßte.
Freundlichen Grußes ganz ergeben
der Ihrige
Wilhelm Jensen
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Sigmund Freud, Wilhelm Jensen, Bernd Urban, Hg. Der Wahn und die Träume in W. Jensens ' Gradiva'. Frankfurt am Main: Fischer, 1995. Broschiert, 223 Seiten Sigmund Freud, Wilhelm Jensen sigmund freud wilhelm jensen

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