| Wilhelm Jensen: Chiemgau-Novellen.
Die Glocken von Greimharting (Sechstes Jahrhundert) - Hunnenblut (Zwölftes Jahrhundert) - Aus der "vergessenen Zeil'" (Siebzehntes Jahrhundert). Leipzig (Elischer) ca. 1900 |
| Die Glocken von Greimharting
(Sechstes Jahrhundert) Diese geschichtliche Erzählung berichtet weitschweifig von der Besiedelung um den Chiemsee. Nach dem Sieg der Franken ziehen vereinzelte Familien von Sueven nach Bayern und lassen sich im moorigen Waldland östlich des Inns nieder. Neben Greimharting sind auch die fiktiven Ureinsiedeler von Ratzing und Chieming dabei. Sie handeln mit Ammerang (S. 42; vermutlich das heutige Amerang), das schon Dorfcharakter aufweist. Da aus dieser Zeit keine Quellen vorliegen, ist die handlungsarme Geschichte eine Fantasie Jensens. Erst am Ende kommt jetzt Fahrt in den Handlungstreck: der Vater hat seine Tochter Grimhild dem Gimo versprochen, diese zieht aber den Christen Markolf vor. Zu recht vergessene Erzählung |
| Hunnenblut
(Zwölftes Jahrhundert). In der weitschweifigen Einleitung fegt der Hunnensturm über Bayern und den Chiemgau hinweg. Auf Frauenchiemsee (Nonnenwörth) werden die Nonnen verjagt und Ofila vergewaltigt. Bei ihren Nachkommen "fünf Menschengeschlechter später" (S. 135) dringt noch das Hunnenblut durch. Im Mittelpunkt steht Adelheid, die Tochter des Pfalzgrafen Kuono, aus Megling, ganz im Norden des Chiemgaus. Markwart aus Markwartstein an der wilden Ach im Süden des Chiemsees hat ein Auge auf sie geworfen. Doch Vater Kuono hat anderes mit ihr vor. |
| Markwart hat
zudem keinen guten Ruf; er wird verdächtigt bei der wilden Willibirg in
Stein über der Traun (Höhlenburg; noch heute zu besichtigen) zu
verkehren. Zudem ist der noch wildere Putulung, Sohn einer Hörigen des
Pfalzgrafen, in Adelheid verknallt. Putulung wurde mehr als "zottiger
Hund" denn als Mensch erzogen, wurde schon Kind an zum Gespött der
Grafen- und anderer Kinder. Eine Tragödie bahnt sich an, als Adelheid
mit Markwart zieht, dieser aber es nicht lassen kann (Thannhäusermotiv)
und seine Gemahlin verläßt: "Und lächelnd ist Herr Markwart mit einer
Armbrust davongegangen, doch der Mittag gekommen, ohne daß er
heimgekehrt, und der Abend und die Nacht" (S.216-17). Lesenswert
|
| Aus
der "vergessenen Zeil'" (Siebzehntes Jahrhundert).
Wieder entwirft Jensen ein geschichtliches Porträt als leite er einen 800 Seiten Roman ein. Doch diesmal ist es für mich kurzweilig: "Innerhalb dieser Umwallung von Wasser und Stein und sie fast ganz ausfüllend, lag und liegt am Westrande des alten Chiemgaus die Stadt Wasserburg" (S. 225). Nach zwanzig Seiten Geographie und Geschichte tritt Regina Edlinger auf und rastet am Magdalenenberg ausserhalb der Stadt. Zu ihr gesellt sich (nach weiteren sechzehn Seiten) ein Fremder, der sich als Wolf Paumgartner ausgibt und von Regina heimlich in die Stadt geschleust wird. Die Schweden belagern Wasserburg mit seinem wichtigen Innübergang und die Erzählung steigert sich dramatisch. Davon sei nichts verraten. Geschichtlich verbürgt ist – neben der Schwedenbelagerung – der Stadtpfarrer Johann Wolfgang Knoll zu Wasserburg von 1626 bis 1654 (Wildgruber, 1986, mehrfach erwähnt). Bei ihm beichtet in der Erzählung die Katharina Haberschnell vom illegal aufgenommenen Wolf Paumgartner (S. 303-05) und der Stadtpfarrer verpfeift den Eindringling. – Von Peter Paumgartner (gestorben 1477) gibt es einen Gedenkstein in der Wasserburger Pfarrkirche St. Jakob (Steffan 1984, S.89) Zum Titel der Erzählung: Die vergessene Zeil' ist die im Jahre 1839 erweiterte Färbergasse. Lesenswert, für Kenner Wasserburgs aufschlußreich |
| Links |
| Literatur |
| Steffan, Ferdinand: "Die spätgotische Sepulkralplastik zu St. Jakob". In: Heimatverein, Hg. Heimat am Inn 5. Beiträge zur Geschichte, Kunst und Kultur des Wasserburger Landes. Jahrbuch 1984. S.71-113. |
| Wildgruber, Martin: Die feste Stadt Wasserburg im Dreißigjährigen Krieg 1632 —1634. Wasserburg: Bücherstube, 1986. |