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Wilhelm Jensen Schachpartie
Wilhelm Jensen: Eine Schachpartie
In: Meisterwerke neuerer Novellistik. DritterBand. Leipzig: Max Hesse, o.J.
Jensen Wilhelm JensenSchach Schach in der Literatur
jensen In Eine Schachpartie führt Wilhelm Jensen den Leser an einem Weihnachtstag in die Stimmung einer großen Stadt: behütete Familien, Christbaumstimmung, aber auch vereinsamte Einzelgänger.
Ein Student spielt Schach mit einem älteren Herrn, im Cafe "Herr Baron" genannt. Rückwärts schauend erzählt Jensen den Beginn einer eigentümlichen Schachrivalität zwischen den beiden. Das besondere Ereignis dieses Weihnachtsabends ist es, daß der Alte den mittellosen Studenten Wolfgang Wegerdanz zu sich privat zu einer weiteren Schachpartie einlädt. Wolfgang schwankt lange, schließlich gelangt er auf eindrucksvoll geschilderte Weise doch in die Wohnung, angezogen von einem möglichen Gewinn. Bei jeder Partie geht es um einen Dukaten und Wolfgang braucht dringend Geld. Es ergibt sich, daß sie um einen 20-fach erhöhten Einsatz spielen. Mehr will ich nicht verraten ...
Jensen erzählt realistisch und geht dennoch an die Grenze zu Traum und Fantasie.
Beispiele aus Eine Schachpartie: “Die antwortende Stimme mußte irgendwoher gekommen sein, aber man hatte an keiner Mundregung der langen hageren Gestalt wahrgenommen, von wo, und gleich darauf war diese so geräuschlos, als berühre sie den fußboden nicht, aus der Tür verschwunden; statt ihrer fuhr nur ein winselnder Widnstoß.” Hier bereitet der Autor schon meisterlich die spätere Suggestion, beim alten Schachpartner handle es sich um den Beelzebub, vor.
Das Umherirren in der Stadt wird ebenso gekonnt geschildert und dabei die Grenze zur Realität erkundet: “Es schneite nicht mehr, und die wenigen Leute, die da und dort in fast taghellem Licht gingen, hatten etwas wunderlich Spukhaftes, als seinen sie nicht aus Türen hervor, sondern unter dem weißen Überzug der Erde heraufgekommen, um ein paar Stunden lang die von den Lebendigen heut' verlassenen Plätze und Straßen in Besitz zu nehmen, mit horchenden Ohren und starrenden Augen zwischen den Häusern umherzuwandeln.” Dazu ein längerer Auszug in der Motivsammlung "Umherirren in der Stadt".
Wilhelm Jensen steht stilistisch wohl zwischen Theodor Fontane und Franz Kafka; wer's nicht glaubt, der lies! Am Ende gibt es eine für den heutigen Geschmack wohl etwas zu pathetische Auflösung.
Wer wegen Schach hier landete, mag vielleicht ein paar Stars der Schachszene anschauen.

Wilhelm Jensen Schachpartie
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© by Herbert Huber, Am Fröschlanger 15, 83512 Wasserburg, Germany, 10.1.2003