Email zurück zur Homepage eine Stufe zurück
Wilhelm Jensen Wasserburg
jensen
Wilhelm Jensen: Aus der »vergessenen Zeil'«. (Siebzehntes Jahrhundert) – Seite 3
      Doch für denjenigen, der von der Station her ostwärts über den “Köbingerberg” daherkommt, taucht unter seinen Füßen die Stadt noch immer in gleicher Weise plötzlich und überraschend auf, und innehaltend glaubt er sich um Jahrhunderte zurückversetzt. Sie scheint ganz in eine enge gebirgsschlucht eingebettet zu liegen, obwohl ihre Umgebung in Wirklichkeit nur unbeträchtliche Erhebungen über das Niveau der weiten Hochfläche aufweist. Aber der Inn hat diese so tiefgrundig ausgehöhlt, daß beinah ringsum seine Schleife fast senkrechte, unersteigbare Bergwände aufragen, die durch ihre Farbe, Zerklüftung und Zerfurchung eine zweite Täuschung erregen, als bestehe ihre lose Mergel- und Geröllmasse aus hartem Felsgestein. Völlig nackt und kahl, ohne Blatt und Halm umgürten sie den Fluß gleich einer jenseits desselben aufgerichteten riesenhaften Stadtmauer; nur droben, gewissermaßen auf ihrer Plattform, thront hoher, dunkler Laub- und Nadelholzkranz, senkt sich da und dort in eine Einkerbung der Steilwandung tiefer hinein. Das Bild ist so sonderartig, daß ein fremd Davorgestellter nicht ahnen würde, wo in der Welt er sich befinde. Er könnte wähnen, einen phantastisch gelegenen Ort im Orient vor sich zu sehen, wenn nicht die Kirchen, die Bauart der Häuser ihn in's Abendland zurückwiesen.
      Doch eigentlich weniger nach Deutschland, als über die blauen Berge hin nach Italien, denn man gewahrt auf den ersten Blick, daß die vom letzteren herübergekommene Baukunst hier starken Einfluß geübt. Dicht zusammengedrängt liegt die Stadt auf dem kleinen wasserumgrüteten Eiland, von dem Hochrücken des westlichen Zugangs in die Tiefe abfallend oder sich abdachend. Die alte Burg oder “Bürg”, an wechselvoller geschichte reich, empfängt zunächst den durch tiefschattigen Baumgang Ankommenden, ihm dicht zur Rechten und Linken sprudelt der Inn sein grünes Gewoge. Doch lag das ursprünglich älteste Schloß der Hallgrafen nicht hier, sóndern auf der östlichen Höhe jenseits des Stromes, wo ein Platz noch die Bezeichnung “Burgstall” trägt und jenes sich wahrscheinlich auf den grundmauern eines ehemaligen Römercastells erhob. Erst im 11. Jahrhundert taucht der Name der apäter erbauten “Wazzerpurc” auf, deren vielfach veränderter Bau heut wie im Beginn die Stadt überkrönt. Agnes von Wasserburg, die Schwester des letzten Garfen, ward in ihr geboren und durch ihre Vermählung mit dem Herzog Otto “dem Erlauchten” eine Stammmutter des bayrischen Königshauses.
      Ueberall sieht den in die Stadt Hinunterschreitenden alte Zeit an; hohe, gezackte Giebel und zahlreiche Erker weisen in's 16. und 15., einzeln sogar in's 14. Jahrhundert zurück; nur hin un dwieder mischt sich, fast wie anachronistisch, ein Renaissancebau und ein Zopfhaus ein. Ein langhingestreckter, ganz von steinernen Laubengängen umzogener Marktplatz mit altem Brunnen bildet den Kern des Ortes; unter den Bogengewölben spielen bei strömendem Regen die Kinder im Trocknen, und lange Geschlechterfolgen sind hier, vor Wetterunbill geborgen, umhergewandelt, wie ihre Nachkommen dies heut ebenso thun. Es ist eine trauliche Welt, wenn die heiße Sommernachmittagssonne drauf niederblitzt, und noch mehr im Beginn des Abendlichts; man empfindet ein Zusammengehörigkeitsgefühl, das die Bewohner einmüthigen Sinnes macht. Auch freundlichen Sinnes sind sie; nirgendwo kann der Fremde auf höflicheren Gruß, auf bereitwilligere Auskunft von jedem Angesprochenen rechnen.
      Am unteren Ende des Marktplatzes zweigt sich zur Linken die alte, wie seit drei oder vier Jahrhunderten unberührte “Salzsenderzeile” ab, oben führt von jenem eine kurze Gasse durch ein enges Thurmthor zur Innbrücke; von der Außenwand des letzteren blickt eine Sonnenuhr mit der Umschrift herab:
“Sie sonn kein stund zeigt an,
Wo man nit sterben kann.”

      Dann rauscht dem Fortwandernden der breitmächtige Strom unter den Füßen, und dicht zur Linken steigen im Halbbogen die seltsamen, felsartigen Steinwände empor, während rechts eine länglich gestreckte, unbewohnte, nur mit Busch überdeckte Insel den Fluß in zwei Arme zertheilt. Die lange Brücke führt zu der “Vorstadt vor der Bruck” oder “St. Achatz” hinüber; am Innrande laden große Brauhäuser und Wirthschaften unter hohen schattenden Baumkronen zu frischem Trunk. Daneben bringen steil ansteigende Pfade rasch auf den östlichen Bergrand hinauf, und nach wenigen Minuten umgiebt den oben Eingetroffenen wiederum eine neue, überraschende Welt. Er befindet sich scheinbar in einem kleinen Gebirge, auf dem “Magdalenenberge” mit steilen, grünen Hängen und Lehnen; da und dort wirft ein einsamer, aus alter Zeit übrig gebliebener Laubbaum seinen Schatten über den stillen Grund. Nach Westen aber fallen die schriffen Abstürze zum Inn herunter, und drüben faßt das Auge das ganze Stadtbild in einem Blick zusammen. Wie besonders, als, der Gefühl der Gegenwart, der Heutzeit entrückend! Genau so lag es vor Jahrhunderten, vor mehr als einem halben Jahrtausend. Wie das Abendlicht sich röthlich darüber legt, die Thürme, Giebel, Uferwände anglüht, sieht man's seltsam auf der Brücke drunten sich regen und bewegen, einen Zug verschollener Menschen. Doch gespensterhaft, denn kein Laut tönt von ihnen herüber, kein Hufschlag ihrer Pferde. Ist es zu weit bis zu ihnen hinunter, um ihr Getösen zu vernehmen, oder sind sie nur schweigsam wiederkehrende Schatten? Alleine die Glocke von der St. Jakobskirche läßt in verwogendem Klang ihr Abendgeläut über die Dächer und den Strom hallen. Grad' so that sie's auch schon vor drittehalb Jahrhunderten, als Regina Edlinger hier auf dem Magdalenenberge an einem Juniabend des Jahres 1648 auf das summende Getön der Glocke hinunterhorchte. Nur nahm die Stadt sich damals wehrhafter aus als heute, sie besaß noch die im 15. Jahrhundert vom Herzog Ludwig dem Bärtigen außerordentlich verstärkten Bollwerke mit Thürmen, Gräben und Zugbrücken, und statt der jetzt nach Osten auf den Inn hinausblickenden Wohngebäude umzog den Wasserrand eine hohe, zinnenbedeckte Mauer, deren Gürtel sich noch deutlich in dem Halbrund der an ihre Stelle getretenen, fest zusammengeschlossenen Häuserreihe erkennen läßt.
Seite –1 zurück   weiterSeite +1

Wilhelm Jensen Wasserburg
Email zurück zur Homepage eine Stufe zurück
© by Herbert Huber, Am Fröschlanger 15, 83512 Wasserburg, Germany, 25.4.2003