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Wilhelm Jensen Wasserburg
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Wilhelm Jensen: Aus der »vergessenen Zeil'«. (Siebzehntes Jahrhundert) – Seite 4
      Damals, im Jahre 1648, aber war's eine irre, schlimme Zeit, der wohl schon manch' übles Jahr seit langem voraufgegangen, doch ein so böses hatte der Chiemgau vielleicht seit den grauen Tagen der Hunnen ung Magyaren nicht mehr gesehen. Neunundzwanzig Jahre lang wüthete der Glaubenskampf in allen deutschen Landen, verwüstete die Felder, verbrannte Dörfer und Städte, rafft die Bewohner zu Millionen durch Schwert, Seuchen und Nahrungsmangel hin. Das Geschlecht, das bis zu seiner Lebensmitte vorgerückt war, kannte keinen friedenszustand, nur den Krieg: roh, vielfach zum Aeußersten verwildert an Sinn und Sitten , unterschied die männliche Hälfte der Jungend sich nicht selten nur durch die Menschengestalt von dem Raubthier des Waldes, der Wildniß, zu der sich fast allerort Aecker und Weiden wieder wie in ferner Vorzeit verwandelt. Die Mädchen waren Kinder gewesen, Jungfrauen geworden und begannen, frühzeitig alternd, zu welken. Aber sie hatten keine Kinderspiele, keinen Reigen unter der Linde, keine Jugendlust gekannt, sondern nur Noth, Entbehrung, Sorge, Angts und Grauen, oft kaum Vater und Mutter, die das wilde Geschick ihnen lange vor der Zeit weggerafft. Wenige gelangten dazu, ihren Naturberuf zu erfüllen, kaum ward mehr ein Ehebund geschlossen; die Mittel zur Gründung eines Haushaltet gebrachen, den besseren, jungen Männern fehlte der Muth, ihr Herz an Weib und Kind zu hängen, die von unablässiger Gefahr bedroht wurden, und die Verlotterten schafften sich leicht freien Ersatz. Denn zahllos war die Schaar derer, die vom weiblichen geschlecht als Troßdirnen dem wilden Heerlagerleben zuströmten; Scham und Scheu, Würde, Recht und Redlichkeit hörten sie aus jedem Munde als veraltete Narrheiten gehöhnt, begierig griffen sie nach dem Genuß der Stunde, lebten flüchtig in trunkenem Taumel, gingen unter wie ein Heuschreckenschwarm, den der hagelschlag zerschmettert, und tausendköpfig traten andere an ihre leergewordene Stelle. Was sich aber da und dort an sittig verbliebener weiblicher Jungedn im Schutz fester Mauern erhalten, war ein bedrücktes, freudlos verkümmertes Geschlecht. in der Dürftigkeit und Engniß ihrer Daseines suchten sie genen das hülflose Diesseits bei dem Gedanken an ein besseres Jenseits einzigen Trost, füllten vom Morgen bis zum Abend die Kirchenfaßen im traurigen Hauswinkel über dem Gebetbuch, zwischen ihren Händen den Rosenkranz abfingernd. Oder wo sich ein junges Gemüth aus unbezwinglich kraftvollem irdischen Lebensdrang gegen die todte Entsagung wehrte, konnte es doch nicht dawider kämpfen, sich nach anderer Richtung in ein dumpfes Brüten zu vergrben und über den Widerspruch seines gefühls mit dem garstigen und unnatürlichen Getriebe der Menschen nachzugrübeln.
      Schlimmer war von der zweiten Hälfte des endlosen Krieges kaum ein deutsches Land mitgenommen worden, als das bayrische, und in diesem ganz besonders die Gegend um den Inn, den bald dieses, bald jenes der kriegerischen Herr zu vertheidigen und zu überschreiten suchte. Der bayrische Kurfürst Maximilian, das Haupt der Liga, stand als glaubenseifrigster Katholik und rückhaltlosester Beförderer der Ausbreitung des Jesuitenthums unwankbar zur Sache des habsburgischen Kaisers und machte sein Land dadurch zu einem Hauptangriffspunkt der protestantischen Heermassen. Fortwährend wechselten die Hauptpersonen auf der schreckvollen Schaubühne. Gustav Adolf und Bernhard von Weimar, Tilly und Wallenstein, Bauer und Torstenson traten ab, aber neue füllten die kurze Leere aus, und das große Trauerspiel setzte sich immer blutiger, immer unerbitterlicher mordend, brennend, austilgend fort. Es gab keinen Ort mehr, den der Krieg nicht zum mindesten um drei Viertel, oft um vieles mehr, seiner Einwohner beraubt hatte, und je weiter er vorschritt, desto gleichartiger ward es, ob Feind oder Freund, Kaiserliche und Liguisten oder Schweden und Franzosen in ein Dorf, eine Stadt einrückten. Kein Gebot der Parteizugehörigkeit, der Menschlichkeit galt mehr, nur das des Gewinns; jeder entpreßte der verhungernden Bevölkerung gleicherweise, was sie noch besaß, das letzte Brot, den letzten Trunk, Im Ganzen wie im Einzelnen war der Schwache die schutzlose Beute des Starken. Gewalt allein herrschte, und die Weigerung des Wehrlosen brachte Marter und Tod. Bivouacfeuer und in Flammen lodernde Ortschaften machten die Nächte zu hellem Tag; noch mehr an Furcht flößte der Abzug der Heere ein, als ihr Heranrücken, denn auf die von ihnen geräumten Plätze ergoß sich der gierige Schwarm der Marodeure, blutdürstige Leichenhyänen nach den räuberischen Wolfsrudeln. Und über die wildeste Rohheit und Habsucht der Männer hinaus ging die Gier, die Grausamkeit und Verthierung der Soldatenweiber und Dirnen, die gleich Schmeißfliegen in ungeheuerlichem Troß von Hunderttausenden, ein Auswurf aller Völker Europas, den großen, kleinen und kleinsten Heerkörpern nachschwirrten, das gesammte deutsche Land überdeckten. Denn gekämpft in Schlachten, Gefechten und Scharmützeln ward unablässig fast überall, und überall riefen die katholischen Priester und evangelischen Prediger den Beistand und Segen des Höchsten für den Sieg ihrer "heiligen Glaubenswaffen" herab.
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      Das thaten an jenem Abend auch die Glocken von St. Jakob, oder wenigstens glaubte Regina Edlinger aus ihnen die eifernde Stimme des Stadtpfarrers Johann Wolfgang Knoll zu vernehmen, die bald die Hülfe Gottes und der heiligsten Jungfrau für die Fahnen der Gläubigen anflehe, bald Fluch und Verdammniß auf die Heerschaaren der Ketzer niederbeschwöre. Beides war auch wieder besonders von Nöthen, denn nach einer kurzen ruhigen Zwischenzeit rückte das Verderben, wie schon oft, auf's Neue gegen den Inn heran. Eine entsetzliche Verheerung der bayrischen Lande durch die vereinigten Schweden und Franzosen im Jahre 1646 hatte den Kurfürsten Maximilian zum Abschluß eines Waffenstillstandes und Anknüpfung von Friedensunterhandlungen veranlaßt gehabt. Doch nachdem der Feind in Folge derselben Bayern geräumt, erkennt der Kurfürst noch rechtzeitig durch heilsame Belehrung seiner Berather von der Gesellschaft Jesu, daß er im Begriffe stehe, einen Pact mit dem Teufel zu schließen, und durch irdisch-schwächliche Rücksicht auf das zeitliche Elend seiner Unterthanen sein und ihr ewiges Seelenheil unwiederbringlich gefährde. So kündigte er schnell den unheilgen Vertrag wieder, verband sich auf's Neue mit dem geängstigten, von gleicher Frömmigkeit beseelten Kaiser Ferdinand III. und rüstete eilfertig nochmals seine halb aufgeriebene Streitmacht, um die Widersacher Gottes und des römischen Glaubens vom Erdboden auszurotten. Doch war Der, dem zu Ehren dies geschehen sollte, offenbar über die an ihm begangene Treulosigkeit noch erzürnt und gab, wenigstens vor der Hand, zur Strafe derselben dem Teufel die Lenkung der Zügel anheim, denn der schwedische General Wrangel und der französische Marschall Turenne schlugen an der Donaus, wie am lech das verbündete bayrisch-kaiserliche Heer und drängten dies unter fortwährenden Gefechten Schritt und Schritt gegen Osten zurück.
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Wilhelm Jensen Wasserburg
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