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Wilhelm Jensen Wasserburg
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Wilhelm Jensen: Aus der »vergessenen Zeil'«. (Siebzehntes Jahrhundert) – Seite 5
     Vom Chiemgau indeß brandete das erneute Kampfgetöse noch weitab im Westen, und die Stadt Wasserburg lag auf ihrer Halbinsel, als herrsche Frieden ringsum auf der Erde. Von droben herab angesehn, nahme die sich auch wie immer seit Jahrhunderten aus, doch in ihrem Innern war sie nur mehr ein Schattenbild dessen, was sie in ihrer Blüthezeit gewesen. Ihre feste lage und starken Mauern hatten zwar stets in den endlosen Kriegsnöthen jedem Angriff getrotzt, sie war niemals vom Feinde erobert und verwüstet worden; ihre Kirchen, Thürme und Giebel ragten unverändert aus der Wasserumrahmung auf. Aber Markt und Straßen, die Häuser im Innern standen verödet, seit langen jahren rollten keine Salzwagen mehr über die Brücke, Handel und Gewerbe waren fast unbekannt geworden und die Zahl der Bewohner auf weniger als ein Viertel der früheren herabgesunken. Wovon die übrig gebliebenen ihr Leben fristeten, wußten sie zumeist selbst kaum, die verheerten Aecker lieferten keinen ertrag mehr, Fleischkost, Milch und Eier bileten für die heranwachsende Jugend beinah unbegriffen fremde Worte. Hohläugig, wie überall in deutschen Landen, saß der Mangel, der Hunger an jedem Tisch; mit den bedrückten gemüthern und geschwächten Leibern hatte jegliche Krankeit leichtes Spiel, den matt glimmenden Lebensdocht zum Auslöschen zu bringen, und in und um die zahlreiche Kirchen fand sich kaum ein leerer Begräbnißraum mehr vor. Es war kein Unglück, dorthin zu gelangen, weder für den zur Ruhe Gebetteten, noch für seine Angehörigen; wenigstens pries der geleitende Geistliche sein Absterben als eine Erlösung zu ewiger Freude durch die erbarmungsreiche Gnade des Allmächtigen, aber auch seine Predigtzuhörer am Grabe pflichteten in der Stille bei, es sei schon aus irdischen Gründen in der That eigentlich besser, aller der tägliche Mühsal, Sorge, Noth und Erwartung des noch schlimmer Hereinbrechenden für immer enthoben zu sein. Der Krieg hatte die Stadt Wasserburg nicht mit wilden Raubthierzähnen zu zerfleischen vermocht, aber er hatte das Leben darin mit Bärentatzen umklammert und ihm, immer enger pressend, nach und nach den Athem in der Brust zerdrückt. Ein mähliches Hinschwinden an Kraftlosigkeit war's, und wie über einer großen Gruftstätte wuchs das Gras auf dem markt und in den leblosen Straßen aus dem Boden herauf.
     Und doch lag die Stadt scheinbar so friedlich, von keinem Feind bedroht, da, und die letzte Abendsonne überdeckte ruhig und freudig wie mit einem goldenen gewirk die kleine grüne Kuppe des Magdalenenberges, auf der Regina Edlinger saß. Ihre Brust hatte so heftiges Verlangen nach anderer Luft als drunten in den Straßen getragen, deshalb war sie hier heraufgestiegen, obgleich es ihr nicht leicht geworden, durch das Brückenthor hinaus zu kommen. Denn dies blieb seit Jahren beständig auch am Tage fest geschlossen, um jeder möglichen Ueberrumpelung durch einen marodirenden Soldatenhaufen vorzubeugen, und der alte mürrische Wächter wollte dem Mädchen nicht zum Durchlaß öffnen; Weibsleute gehörten hinter die sichere Mauer und hätten in solcher fährlichen Zeit nichts draußen zu suchen, könnten vom Herumstreunen vor'm Thor nur Schimpf und Schande befahren. Aber sie hatte seine Grämlichkeit doch zu überwinden vermocht, er kannte sie als eine ehrbare Jungfer, und da sie versprochen, vor'm Dunkelwerden zurückzukommen, war sie durch die aufgeriegelte Thür zur Brücke hinaus und auf den steilen Hochrand über den Innstrom emporgelangt. Nun saß sie, langsam aus tiefer Brust athmend, droben, ganz allein in leereinsamer Stille, denn von der späteren kleinen Vorstadt jenseits des Flusses war noch kein Haus vorhanden, und in der Stadt trieb niemanen sonst gleiches Bedürfnis wie sie.
     Sie konnte nich nicht alt genannt werden, doch stand sie schon seit Geraumem auch nicht mehr in erster Jugend, denn sie war grad' im Jahr des Kriegsbeginns zur Welt gerathen, so daß ihr nur eins an dreißig mehr fehlte, und man sah's auch an zwei feinen Linien, die sich ihr quer über die Stirn zogen, nicht als Furchen, doch Vorboten sich bildender Falten. Die Magerkeit ihres Gesichts und besonders der Hände sprach von dürftigster Ernährung, und in ihrem Bau lag alles eher als Fülle, aber nicht Schwächliches, sondern etwas wie ein von innen treibender, durch äußere Umstände zurückgehaltener Drang des Körpers sich lebenskräftig zu entwicklen. Sie saß und hielt den Blick grad' in die niedergehende Sonne hineingerichtet, und wie die röthlich werdenden Goldstraheln derselben sich in ihren dunkel-violett-blauen Augensternen brachen, sie wie zwei Blumenkelche aufleuchten ließen, erinnerte durch sie das blasse, schmale Gesicht trotz der Stirnlinien nicht an vorzeitig herannahenden Herbst, sondern an den Frühling. Es waren Augen wie Veilchen, doch über die ein kalter Frostwind gegangen; Sonderbares, geheim Sehnsüchtiges sah daraus vervor: eine Jugnd, die gern geblüht hätte, aber nicht Boden, Luft und Licht dazu gefunden.
     Sie war ein Wasserburger Kind und niemals weiter als bis hierher aus der Stadt herausgekommen, doch wurzelte sie in dieser trotzdem wie eine halbfremde, nicht recht dorthin gehörige Pflanze. Vor ungefähr siebzig Jahren hatte der Herzog Albrecht V. ihren Aeltervater Stephan Edlinger, damaligen Rathsherrn in Wasserburg, mit einer beträchtlichen Anzahl anderer Bürger wegen Verdachts lutherischer Gesinnung nach München in den Falkenthurm führen lassen, aus dem er zwar vor Fällung des Urtheilspruches entkommen, aber landflüchtig in die Fremde geflohen, und, mit Acht und Bann belegt, dort gestorben war. Der verderbliche Trieb steckte ihm wohl vererbt im Blut, da er ein naher Anverwandter des gleichfalls aus Wasserburg entstammenden katholischen Priesters zu Passau, Johannes Pfeffinger, gewesen, der, zum evangelischen Glauben übergetreten und später erster Superintendent und Professor in Leipzig geworden, von der Erinnerung der Gläubigen als ein Schandfleck und teuflische Ausgeburt seiner Vaterstadt bewahrt wurde. Wegen solcher Herkunft gemieden und argwöhnisch angesehen, hatte der Vater Regina's ein zurückgezogenes, nur auf sein Haus beschränktes Dasein geführt, in dem sowohl er als seine Ehefrau etwa zehn Jahre nach der Geburt ihres einzigen Kindes ziemlich gleichzeitig gestorben; wie der schon damals in Amt und Würden stehende Stadtpfarrer Knoll ohne viel Bemäntelung kundgegeben, beide wiederum zu einer erneuten höllischen gemeinschaft vereint. Denn auch die Abstammung der Frau von einer Schwester des berüchtigten Pfarrers an der St. Jakobskirche, Michael Keller's, der sich gleich im Anfang der Reformation zugeneigt, ließ in ihr den weiterverpflanzten Samen diabolischen Giftkrautes vermuthen. So war Regina Edlinger als verlassenes Waisenkind in dem ihr anheimgefallenen väterlichen Hause übrig geblieben, nur unter Obhut einer entfernten alten Anverwandten von mütterlicher Seite, die dem elternlosen Mädchen vom Amt als Pflegerin bestellt worden. Es war eine mit gutem Bedacht getroffene Vormundschaftswahl, denn ein besseres Zeugniß nie von einem Zweifel berührter Glaubensfestigkeit und sichersten Gehorsames der Kirche gegenüber konnten sämmtliche Geistliche keiner ehrsamen alten Jungfer der Stadt ausstellen, als Katharine Haberschnell, und diese, die bis dahin in allerkärglichsten Umständen gelebt, unterzog sich mit rührender Opferwilligkeit der Aufgabe, ihre verwahrloste Dachkammer zu verlassen und als Pflegemutter in das Edlinger'sche Haus überzusiedeln. Ein nicht unbeträchtliches Erbtheil des Kindes machte damals die Wirtschaftsführung zu einer nicht allzu beschwerlichen, und ebenso gewissenhaft wie der Fürsorge für die leibliche Ernährung, kam Katharina der übernommenen geistlichen Pflicht nach, die ihr Anvertraute vom Morgen bis zum Abend mit Speise aus heimgebrachten predigten und gebetbüchern zu versehen. Das fiel der verdächtigen, doppelten Blutüberlieferung Regina's halber besonders wichtig, denn alle ihre Altersgenossinnen bekundeten das gerechte Mißtrauen, das sie oder ihre Eltern, Tanten und Basen in die Abkömmlingin zweier städtischer Schandflecke setzten. Sie ließen dieselbe nicht an ihren Spielen und Belustigungen theilnehmen, riefen ihr “Ketzerin!” oder auch wohl als höchsten Abscheuausdruck “Pfeffingerin!” nach, und scheu das Treiben der übrigen Kinder meidend, wuchs sie einsam unter den Bußermahnungen Katharina Haberschnell's in dem stillen Hause auf.
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