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Wilhelm Jensen Wasserburg
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Wilhelm Jensen: Aus der »vergessenen Zeil'«. (Siebzehntes Jahrhundert) – Seite 6
     Mit diesem aber besaß es eine eigene Bewandtniß, durch die es noch weit mehr in der Stille lag, als ein anderes der stadt sonst. In früherer Zeit hatte von der St. Jakobskirche her eine schmale Gasse zur Salzsenderzeile hinübergeführt, doch im Verlauf der Jahre war sie wunderlich an beiden Enden mit Häusern zugebaut worden, so daß man nur noch durch dunkle, unter den letzteren hindurchführende Schwiebbogen in sie hineingelangen konnte. So glich sie einem kleinen abgezweigten Flußrinnsal, an dessen Zugang sich verschüttendes Geröll aufgehäuft, daß es wasserlos daliegt; niemand kam mehr hindurch als die Bewohner der in ihr befindlichen Häuser. Wie aber ein öd' gewordenes Flußbett allmählich verwuchert und verwildert, so waren hier gemach die Gebäude verödet und verfallen. Die Stadt bot Raum genug, und zumal da durch weitere Verbauung auch die Bogenzugänge verrammelt wurden, so daß nur ein kaum mannesbreiter, winkliger, finsterer Durchschlupf mehr in das Gäßchen führte, wollte niemand mehr drin wohnen. Man hieß es “die vergessene Zeil'”; obwohl sie in der Mitte Wasserburgs lag, gab es in diesem viele Leute, die sie nie mit Augen gesehen. Doch dem Vater Regina's, der nach einsamer Zurückgezogenheit getrachtet, erschien sie zur Erfüllung seines Wunsches am geeignetsten; er hatte sich in ihr um Billiges eines der verfallenden Häuser angekauft, es ausgebessert, und darin war Regina Edlinger geboren und hauste sie noch heute.
     Jetzt nicht mehr unter Vormundschaft, sondern selbständig, denn sie war lange in's Alter eigener Mündigkeit gekommen. Aber seit ihrer Geburt und noch mehr seit dem Tode ihrer Eltern hatte sich viel in der Welt, der Stadt und auch in ihrem Hause verändert. Als sie mündig geworden und ihr Erbtheil zu eigenem Schalten angetreten, zeigte sich, daß die Aushändigung desselben Katharina Haberschnell wenig Mühewaltung mehr verursachte. Sie hatte zur gottesfürchtigen Erhaltung ihres Lebens stets reichlich gegessen und getrunken und von der ihr vertrauten Habe den bedürftigen Armen gegeben, die nach ihrer eigenen geistigen Erkenntniß, wie nach der Unterweisung durch ihre geistlichen Berather in den zahlreichen kirchenstöcken Wasserburgs bestanden. Daß in Folge davon für Regina von der Hinterlassenschaft ihres Vaters außer dem hause fast so gut wie nichts übrig geblieben war, kümmert niemanden und am wenigsten die Amtsbehörde. Die Zeit war nicht dazu angethan, sich mit solchen Kleinigkeiten zu befassen; der Krieg hatte schon überall bös am Mark der Stadt gezehrt. Wenige besßen mehr das, was sie früher gehabt, und es war kein Grund abzusehen, warum eine Nachkommin übelberufener Vorfahren es besser haben sollte, als die allezeit glaubenstreu Bewährten und bei ihren Verlusten doch von dem Bewußtsein der über ihnen leuchtenden kurfürstlichen Gnade Erhobenen. Im Allgemeinen freilich hatte die wilde Zeit Regina Edlinger nicht nur ihres Elternerbtheils an Hab und Gut, sondern auch an schlimmen Leumund entledigt. Es gab auf den Straßen nicht Spiel und Belustigung mehr, niemand rief ihr mehr nach: “Da geht die Ketzerdirn!”; sie war denen ihrer Altersgenossinnen, die noch in der Stadt lebten, gleichgültig geworden und bei ihnen in Vergessenheit gerathen, wie die “vergessene Zeil'”, drin sie wohnte. Dort lebte sie noch mit der alten Katharina Haberschnell zusammen, die, demüthig-unterwürfig gegen sie geworden, immer weinerlich, wenn sie nicht auf dem Kirchenschemel kniete, wehklagte, es sei nun der Lohn ihrer siebzig Jahre langen Frömmigkeit und aller ihrer für das Kind gebrachten Opfer, daß sie nicht satt zu essen bekomme. Regina tauschte selten ein Wort mit ihr, aber sie hatte aus Gewohnheit die Alte im Hause behalten, um nicht ganz allein darin zu sitzen, und sie sorgte durch kläglichst bezahlte Nadelarbeit für den Unterhalt ihrer immer hungrigen Stubengenossin mit. Von dieser eine Rechenschaft zu verlangen, war ihr nie eingefallen, sie besaß selbst keine deutliche Vorstellung davon, daß ihr ohne die Pflegschaft Katharina's vergönnt gewesen sein würde, in besseren Umständen zu leben, und obgleich sie viel in ihrer Einsamkeit grübelte, dachte sie über ihre Dürftigkeit niemals nach. Wohl fühlte auch sie oftmals zu karg befriedigten leiblichen Hunger, doch kümmerte der sie wenig, Ein anderes Hungergefühl steckte in ihr und war mit den Jahren in ihrem Innern angewachsen; wonach wußte sie sich nicht zu sagen. Aber sie empfand es, drängedn und begehrend, in ihrer trotz aller schlechten Nahrung kräftigen Brust, heftigeren Triebes, als ein vor Leere schmerzender Magen.
* * * * * 
     So saß sie heut auf dem grünen Bodengrund des Magdalenenberges und sah in die blitzenden Sonnenstrahlen hinein. Vor ihrem Blick flimmerte dabei noch etwas, das sie, auf der Brücke einmal rückschauend, wahrgenommen, die Sonnenuhr über dem Thor mit der Umschrift: “Die sonn kein stund zeigt an, wo man nit sterben kann”, und über diesen Spruch dachte Regina Edlinger gegenwärtig nach.
     Er sagte gewißt die Wahrheit, und zwar eine von einfachster, alltäglich fast bewährter Art, denn sie hatte schon manchmal erfahren, daß jemand jäh plötzlich, ohne nur eine Stunde vorher davon zu ahnen, gestorben war, und zu irgend einer Zeit machte der Tod ja doch jedem Menschenleben ein Ende. Aber dennoch klang ihr etwas Sonderbares aus dem kurzen Reimwort; ihr kam's daraus zu einer Vorstellung, um sterben zu können, müsse man vorher erst gelebt haben, und sie fragte sich weiter, was denn eigentlich leben heiße. Jeden Tag in immer gleicher Weise aus em Morgen den Abend werden zu sehen, im dunklen Hause der “vergessene Zeil'” mit der nadel zu arbeiten, um etwas zum Essen zu haben, und die nothdürftige Nahrung zu sich zu nehmen, um wieder weiter nähen zu können; sonst nichts, als das Gejammer der Muhme Katharina, die Erinnerung an vieljährigen Hohn, Mißachtung, auch gelegentlich Mißhandlung in der Jugend, und der Vorausblick auf das stetige Fortdauern solcher Tage, Wochen und Jahre bis zum grauen Haar und der Gebrechlichkeit des Alters. Was dahinter noch lag, wußte sie nicht, aber sie hoffte nichts davon. Sie war streng im katholischen Glauben erzogen worden, doch der protestantische Geist saß wohl als Erbstück in ihr, oder ihre geistlichen Seelsorger hatten in Gemeinschaft mit Katharina Haberschnell den Bogen bei ihr zu stark angespannt, und er war zerbrochen. Ohne sich selbst darüber klar zu sein, hatte sie von Kindheit auf sich die Kirchenlehren durch's Ohr eingehen lassen, mit dem Mund und der hand Bräuche und Vorschriften derselben mitgemacht, aber in's Herz war ihr von alledem nichts eingedrungen, noch zu einer Ueberzeugung von seiner Wirklichkeit geworden. Sie that, was ihr geboten ward, um nicht gestraft zu werden, was sie die Andern thun hörte und sah. Dann, als sie keine Furch mehr zu haben brauchte, in der arg herinegebrochenen zeit niemand sich mehr um sie bekümmerte, ließ sie's, legte es ab wie ein unbequemes Kleidungsstück, ohne sie wieder einen Blick in die dunkle Ecke zu werfen, wohin sie es bei Seite gethan.
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