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Wilhelm Jensen Wasserburg
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Wilhelm Jensen: Aus der »vergessenen Zeil'«. (Siebzehntes Jahrhundert) – Seite 7
Doch war sie von der Natur zum Grübeln veranlagt und dachte für sich viel darüber nach, wer die Welt und die Menschen geschaffen habe, wozu, und was er von ihnen verlange. Mit dem letzteren kam sie bald in's Reine, denn sie fühlte deutlich die Gebote und Verbote des Schöpfers in sich selbst, Gutes, nicht Böses zu thun, gerecht und rechtschaffen, mitleidig und hlfreich zu sein, nicht im Zorn und Aerger zu handeln, Kränkungen nicht zu vergelten und Ungemach ruhig zu ertragen. Dagegen half von Jahr zu Jahr alles Nachdenken ihr weniger, die Lenkung der auf Erden geschehenden Dinge durch die Hand Gottes zu begreifen. Sie sah und hörte, daß überall Unthat, Betrug, Blutvergießen und Grausamkeit herrschten, daß oft die Besten daran hülflos zu Grunde gingen und die Ruchlosesten straflos in Glanz und Ueberfluß praßten. Freilich sollte dafür im Jenseits ein Ausgleich an Lohn und Strafe stattfinden, aber die Kopffähigkeit Regina's reichte nicht aus, um sich dies zu einem klaren Begriff und ihr Gerechtigkeitsgefühl damit in Uebereinstimmung zu bringen, zu fassen, daß es ganz nichtsbedeutend sei, wie im irdischen Leben Gutes und Uebles vergolten werde, sondern einzig, was beides einmal im Himmel erwarte. Es war schlimm, daß sie schon als Kind niemals vor den Pfarrern, Cooperatoren und Beneficiaten in ihrer Vaterstadt als vor höher gearteten Wesen Ehrfurcht und Zutrauen zu ihnen zu gewinnen vermocht hatte, denn dadurch kam sie allmählich auch um das Vertrauen in die Wirklichkeit der von jenen gepredigten Verheißungen und Tröstungen in einem besseren, ewigen Leben. Ihr leuchtete nicht ein, woher die geistlichen Herren zu diesem unbedingt sicheren Wissen davon kämen, und andrerseits drängte sich ihr aus dem Lebenswandel derselben öfter als einmal ein Grund zu der Annahme auf, daß manche selbst nicht so zweifellos von einem zu fürchtenden gericht am jüngsten tag überzeugt sein möchten. dann sah es aber auch mit der “freudigen Urständ” der hienieden nur von Kummer und Noth bedrückt Gewesenen wenig zuversichtlich aus, und wie es sich so im Kopf Regina's Edlinger's nach und nach weitergebildet, hatte sie sich gemach auch ihrer früheren Hoffnung auf etwas sie nach dem Tode noch schön Erharrendes entschlagen.
     Solcherlei Gedanken gingen ihr heut, Erinnerung, Gegenwart und Zukunftserwartungen ineinander schlingen, besonders durch den Sinn, und als ergebnis stand, wie aus der Luft herab gefallen, klar vor ihr, wenn der Zeiger der Sonnenuhr auf dem Brückenthor einmal ihre Todesstunde über lang oder vielleicht auch kurz anzeigen werde, so habe sie eigentlich überhaupt vorher nicht gelebt. Das hatte sie wohl schon oftmals, doch noch nie so deutlich wie heute, in diesem Augenblick gefühlt. Mechanisch hielten ihre Finger einige Grashalme neben ihr gefaßt, zogen daran und veranlaßten dadurch ein kleines lebendiges Ding, aus dem gehälm hervorzuschlüpfen und sich in die Höh', grad' auf ihren handrücken zu schnellen. Sie sah bei der leicht kitzelnden Berührung nieder, eine zierliche, braun-grüne Heugrille war's, und diese unwillkürlich mit der andern Hand hohl zudeckend, redete sie laut zu ihr: “Du hast's besser, weiß nicht, daß du sterben mußt, und bist vergnügt, daß du in der Sonne hüpfst.”
     Da scholl eine Antwort oder eine Anrede ihr in's Ohr: “Fängst Du Grillen?” daß sie verdutzt zusammenfuhr. Ihre Einbildungskraft war lebhaft, gewann leicht Macht, und einen Augenblick hatte sie gemeint, der kleine Heuhüpfer habe mit seiner Stimme auf ihre Worte erwidert. Dann drehte sie plötzlich den Kopf und sah, wer es in Wirklichkeit gethan, mit verwundertem Ausdruck, denn ihr war nichts von einem hernaschreiten über den weichen Boden zu Gehör gekommen. Doch stand jemand hinter ihr, ein Mädchen aus Wasserburg, das sie kannte, mit Namen Emmerenz Kleeberger, auch ein waisenkind, die Tochter eines völlig verarmten und vor kurzem verstorbenen Messerschmieds, wohl fast um zehn Jahr jünger als Regina. Auch sonst von dieser sehr verschieden, dunkelhaarig und mit schwarzen blitzdenen Augensternen, wohl auf irgend eine Abkunft von altem römischem oder slavischem Blut zurückweisend. Ihre Brust rundete sich voll aus fadenscheinig abgetragenem Mieder, sie sah mit einem scheulos-kecken, doch schönen Gesicht drein und schlug ein lachen zu irher Frage auf. Nun versetze Regina: “Wie kommst Du hierher?” und die Emmerenz gab zurück: “Durch Deine Beihülf', ohn' daß Du's weißt. Der Knurrmatz am Thor wollt' mich nicht hinauslassen, der teufel ginge draußen in Mannsröcken um und schnappte unsereins, wie ein Hund nach Fliegen. Aber ich hab' Dich hinausgehen sehen, macht's mir zu nutz, ich müßt' Dir nach, und so kam ich durch. Der Beichtiger hat mir gestern gesagt, lügen wär eine Sünd', wenn man's nicht zu frommen Zwecken thät'. Ob meiner grad' fromm ist, weiß ich nicht, darum hab' ich nicht mit einer Lüge anfangen wollen, sondern bin Dir nachgegangen. Nun ist's in Richtigkeit damit, und kann ich weiter gehen, wohin ich will.”
     Sie lachte wieder. “Was willst Du denn?” fragte die Hörerin.
     “Das Knurren zwischen den Rippen still machen und nicht mehr den Knochen nagen, woran die Hunde sich schon die Zähne stumpf gebissen. Oder auch ein Heuhüpfer sein, wie Deiner da, und mich greifen lassen.”
     “Du willst aus der Stadt fort?”
     “Mir greint keiner drin nach, mich wieder zu haben.”
     “Aber wohin?”
     Die Befragte schwenkte sich auf der Ferse im Kreis um und zog, wie umwitternd, die Luft mit der Nase ein. “Wo der Wind Bratendampf vom Spieß weht.”
     Regina schüttelte jetzt verwundert den Kopf. “Du bist unklug, wenn Du Hunger hast, irgendwohin zu gehen, wo dich niemand kennt. 's ist überall Darben in der Welt; glaubst Du die Leute schenken Dir da eher etwas, als in Wasserburg?”
     “Bist 'ne Gans, nur schade, daß man sie nicht braten kann,” stieß die Emmerenz Kleeberger, spöttisch die Lippe über die weißen Zähne aufziehend, aus. “Es giebt genug Leute, die am Bivouacfeuer beim vollen Topf sitzen und nicht darben, trinken auch nicht aus dem Kübel dazu, wie in Wasserburg, sondern aus der Kanne. Und ich will nichts geschenkt haben, ich kauf's mir.”
     “Hast Du denn Geld?” antowortete die Andere erstaunt. “Dann brauchst Du ja auch zu Haus nicht zu hungern.”
     In den schwarzen Augen der vor ihr Stehenden glimmerte ein Gefunkel, sie erwiderte lachend: “Einen Sparpfennig hab' ich noch im Sack dazu; wer ihn nicht zu rüh ausgiebt, kann in der Noth davon zehren. Aber in der Stadt giebt keiner mir Brot und Wein dafür, und aus dem Keller der Ehrwürdigen, die's wohl gern thäten, mag ich's nicht; dazu bin ich selber noch zu jung. Ich muß weit bis heut Nacht und verschwatz' die Zeit. Willst Du mit mir? Du hast Deinen Sparpfennig wohl auch noch, in die vergessene Zeil' kommt kein Dieb. Aber er ist schon etwas angeschimmelt und bringt draußen in der Welt nichts mehr ein. Da bleibst Du besser zu Haus; die Ehrwürden sind nicht heikel, und vielleicht hat von ihnen einer noch Appetit auf den Schimmel.”
     Die Sprecherin hatte den Arm niedergestreckt, war über den Scheitel Regina's gefahren und zupfte von diesem bei dem letzten Wort ein im Sonnenlicht hellblinkendes graues Haar fort, das sich schon zwischen die blond-braunen eingemischt, und das sie der Sitzenden zum Schabernack auf die Hand legte. Dann sprang sie mit dem Ruf: “Du kannst dem Wächter sagen, daß ich keine verlogne Dirn gewesen bin!” gegen Norden von dem Hügel hinab, war in ein paar Augenblicken verschwunden, und einsam saß Regina Edlinger wieder in der Abendstille auf der kleinen grünen Kuppe da.
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