Email zurück zur Homepage eine Stufe zurück
Wilhelm Jensen Wasserburg
jensen
Wilhelm Jensen: Aus der »vergessenen Zeil'«. (Siebzehntes Jahrhundert) – Seite 8
     Sie sah der hurtig Davongelaufenen nach, ihr kam's vor, als ob sie geträumt habe. Wohin und was wollte die Emmerenz? Die hatte wohl fast Recht gehabt, sie ein Gans zu heißen, denn es ging ihr kreisend im Kopf herum; sie hatte die Rede des Mädchens allerdings nach dem Wortlaut verstanden, doch keinen Sinn darin begriffen. Die Unkluge lief aus der Stadt in die Weite, weil sie hungerte, und besaß doch einen Sparpfennig, für den sie sich hätte satt essen können. Nein, sie sagte ja, in Wasserburg gäbe ihr niemand etwas dafür, als die ehrwürdigen Herren, und von denen möge sie nichts. Das stimmte mit einem gefühl Regina's überein, aber einen Zusammenhang hineinbrigen konnte sie trotzdem nicht, denn die Geistlichen verkauften doch nicht Brot und Wein. Und sie selbst sollte ebenfalls einen Sparpfennig besitzen, der indeß nichts mehr einbringe, weil er schon angeschimmelt sei. Das war Alles narrenhaft sinnloses Gerede.
     Aber ein Traum war's soch nicht gewesen, sondern eine kurze Wirklichkeit, die, so schnell sie vorüber gegangen, etwas in ihr hinterlassen. Was, konnte sie sich nicht sagen, sie fühlte es nur als eine über sie oder in sie hinein gekommene Unruhe. Ihr Ohr vernahm aus der Brust herauf den eigenen Herzschlag, und ihr war's, als treieb dieser ihr Blutwellen in's Gehirn empor, die alles vernünftige Umherdenken im Kopf wirr und nutzlos machten.
     Da schimmerte noch das auf ihrer Hand, was Emmerenz Kleeberger ihr vom Scheitel gezupft und daruaf gelegt. Regina nahm es zwischen die Finger und betrachtete es. Wahrhaftig, ein graues Haar, ganz gleich denen auf dem Kopf Katharina Haberschnell's.
     So alt also war sie schon, und ihr kam jetzt auch zum Verständniß, was das Wort “Schimmel” bedeuten gesollt, daß es ein zutreffender Vergleich für dies Haar gewesen. Ja, so weit war sie schon, der weiße Scheitel und die Altersgebrechlichkeit, die sie sich oft vorgestellt, kein Bild noch ferner Zukunft mehr, sondern schon anfangende Wirklichkeit und Gegenwart. Die Sonnenuhr über dem Thor konnte jederzeit die Stunde anzeigen, in der sie sterben solle, ohne daß sie zuvor gelebt haben werde.
     Plötzlich überlief's sie mit einem Schauer und überfiel sie zugleich mit einem jähen Begreifen, was das drängende und begehrende Hungergefühl in ihr sei. Sie hungerte nach etwas ihr Fremden, nur als leeres Wort Bekanntem, nach Freude, Glück, nach einem Inhalt, Werth und Zweck des Lebens. Ohne dies einmal damit erfüllt, kennen gelernt, gefühlt, besessen zu haben, war es überhaupt nicht gewesen. Ob das namenlose Glück lang oder kurz sein mochte, wenn es sich nur einmal beseligend und den bitterlichen Hunger beschwichtigend kund gethan, dann war es gleichgültig, wann der Uhrzeiger seinen deutenden Schattenstrich auf eine Stunde des Ziffernblattes hinwarf. Aber von woher es sich zu erkennen geben sollte, das waren Fragen, auf die weder die Erde umher, noch der Himmel drüber und am wenigstens Regina Edlinger in sich selbst eine Antwort wußte.
     Sie hatte so lange gradaus in die jetzt hinter der Stadt niedergehende Sonne hinein geschaut, daß ein ganzes Netz von rothglühenden Fäden an ihren Wimpern hing und sich über Alles hinlegte, worauf ihre Augen sich nun verwandten. Der Abend brach an, sie mußte wohl heimkehren; nun hob sich aus einem der da und dort verstreut stehenden alten Bäume noch eine helle Vogelstimme, daß sie, darauf hörend, noch sitzen blieb. Die kleine Sängerkehle schmetterte so laut und jauchzte so freudig in die linde Sommerluft, unfraglich wußte sie nichts von Noth und Verkümmerung, sondern was sie aus sich herausjubelte, war ein glückliches Lebensgefühl. Auch drunten in der Stadt gab es an manchen Stellen Vögel in kleinen, engen Käfigen, arme gefangene Thiere; welch' ein anderes, schöneres Loos hatte dieser hier gegen ihres gefunden. Es kam Regina, eigentlich war die Emmerenz Kleeberger doch nicht so thöricht, sie flog frei, sorglos und lachend in die Welt hinaus, wie der singende Vogel in den Wald.
     Denn das that er jetzt, lüftete die bunten Flügel aus dem vereinzelten Baum und schwang sich nach dem hohen, dichten Laubbusch hinüber, der nordwärts in breiter Ausdehnung die Steilwand über der Innschlinge bedeckte. Das Mädchen blickte ihm nach und sah an der Stelle, wo er verschwand, die Blätter sich bewegen. Sonderbar war's, daß der kleine Körper des Thierchens eine so starke Regung des Gezweiges verursachte, doch hier außen im Freien hatte heut Alles für sie ein anderes Gesicht als sonst, und sie dachte, die Blendung ihrer Augen vergrößere ihr wohl das Hin- und Herschwanken des Blattwerks.
     Dann indeß ging es doch über ein Spiel der Einbildung hinaus, daß der Vogel sich in einen Menschen verwandelt haben sollte, denn, ob auch undeutlich, wie durch ein Schleiernetz sah sie einen Mann aus dem Waldrand hervortreten. Er nahm sie nicht gewahr, sondern bewegte sich eilig gegen den Uferabsturz zu und blickte von diesem aufmerksam nach Wasserburg hinüber, als suche er zwischen dem Dächer- und Giebelgewirr etwas herauszufinden. Um ein Weilchen später jedoch drehte er den Kopf, ward der Sitzenden ansichtig und stutzte leicht zurück. Er schien unschlüssig, machte eine halbe Regung, als ob er sich wieder in den Busch hinein wenden wolle, änderte aber seine Richtung und schritt statt dessen aus den Platz Regina's zu.
     Niemand aus der Stadt war's, das erkannte sie, und wie er näher kam, daß es ein junger Mann wohl im Anfang der Zwanziger sei, sehr kräftig gebaut und doch schlank-biegsam bei seinem stattlichen Wuchs. Er trug eine Kleidung, nicht recht wie ein Bürger und auch nicht wie ein Bauer, einen eng anliegenden Koller aus starkem Büffelleder, und drunter Hosen von gleichem Stoff und gleicher Farbe, die, gelblich-grau, wenig in die Augen fiel, noch aus geringer Entfernung derjenigen eines Felsgesteins oder Baumstammes ähnelte; seine Gewandung wie sein leichtes Schuhwerk mußten geschickt sein, überall hindurch zu kommen, auch im verrankesten Dickicht noch ein Schlupfloch zu finden. Wie seine Züge nun ununterscheidbar wurden, ließen sich zuerst neben einer Habichtsnase zwei dunkle und dicht überbraute hellgraue Augensterne erkennen, auch falkenartigen Blicks, das Gefühl regend, daß nichts um sie her ihrer Sehschärfe entgehe. Das kurz gehaltene braune Haar besaß trotzdem nichts Störriges, sondern von der Natur weich Gewelltes und stand sehr gut zu dem kunkle sonnenverbrannten Gesicht, das wie von eime Glanz überhellt wurde, wenn die Oberlippe sich etwas von der lückenlosen schneeweißen Zahnreihe heraufzog. Der Fremde bot zweifellos ein Bild vollkommener männlicher Kraft und Geschmeidigkeit dar, doch noch etwas darüber hinaus, eine jugendliche, nicht leicht derartig bei einem seines Geschlechts wiedergefundene, augenerfreuende Anmuth.
Seite –1 zurück   weiterSeite +1

Wilhelm Jensen Wasserburg
Email zurück zur Homepage eine Stufe zurück
© by Herbert Huber, Am Fröschlanger 15, 83512 Wasserburg, Germany, 17.5.2003