| Richard Voß: Zwei
Menschen Stuttgart: J. Engelhorns [1911]. 265 Seiten – |
||||
| Zwei junge Menschen, der
siebzehnjährige Junker Rochus von Enna (Südtirol) und
die jüngere Judith vom Plattnerhof verlieben sich. Bei einer
wunderbaren Rettung aus den reißenden Wasser des Eisacks
geloben sie sich Treue. Doch die Mutter des Junkers will, daß
er Priester wird. Um dies zu bekräftigen wallfahrt sie und
stirbt dabei. Sohn Rochus macht eine Reise nach Rom und "stirbt"
ebenfalls: er wird umgepolt und kommt als Augustinerpater Paulus
wieder. Judith verliert ihren Glauben: "Rom! Es soll eine heilige Stadt
sein und es macht Abtrünnige, Treulose, Verräter" (S.
130). Sie wendet sich verbittert von den Menschen und dem christlichen
Glauben ab und erwirbt ein unzugängliches
Berggrundstück. Dort baut sie einen bald gut florierenden Hof
auf. Pater Paulus läßt sich in ihre Nähe
versetzen: er will ihre Seele retten, das ist: zum Glauben bekehren.
Doch Judith ist stärker. Das Geschehen im Roman Zwei Menschen ist gut durchdacht. Neben der Dichtomie Mann – Frau, speziell Junker – Judith steht der Wandel des Rochus zum Paulus und der Judith vom Plattnerhof zur Judith der Königsfrau, da unter den Königswänden der Dolomiten lebend. Voß ist ein Autor, der dem Leser seine Absicht genau erklärt.
Manchmal schießt Voß übers Ziel hinaus. Auf dem tosenden Eisack kämpfen Judith und Rochus, auf einer Landscholle, die den Fluß hinabrast, um ihr Leben.
Zwei Menschen wurde ein Publikumsrenner. Nach 10 Jahren: 400.000 Exemplare, 1929: 620.000. (Manfred Feulner: Richard Voß in Berchtesgaden, S. 79). Der Roman wurde dreimal verfilmt und ist trotz mancher Pathetik auch heute noch lesenswert. |
||||
| Voß lebte
selbst abwechselnd in
Berchtesgaden und Rom. Er verwendet in Zwei Menschen
teils reale Südtiroler Orte, teils fiktive. Das Augustinerchorherrenstift Neustift liegt bei Brixen und wurde 1141 gegründet. Die Wallfahrt zum Gnadenbild unsrer himmlischen Frau von Weißenstein führt zu Südtirols beliebstem Wallfahrtsort: Maria Weißenstein / Pietralba, südlich von Deutschnofen / Nova Ponente. Im Gewölbe des Kirchenschiffes ist Königin Ester vor dem Perserkönig Ahasver ( Der Plattnerhof am Obersalzberg bei Berchtesgaden und ihre Bewohnerin Mauritia (Moritz) Mayer (1833 – 1897) dienten Richard Voß als Modell für Judith Platter. Jacob Schabner war 37 Jahre Ratsherr in Weiden, Oberpfalz, davon 26 Jahre Bürgermeister. Er schrieb eine Chronik der Stadt Weiden für die Jahre 1619 bis 1663. Eine 1727 in Weiden geborene Urenkelin Schabners verheiratete sich 1749 mit Johann Joseph Meyer. Ihre Nachkommen waren die Besitzer des Plattnerhofes am Obersalzberg bei Berchtesgaden. Mauritia Mayer, besser bekannt als Moritz Mayer stammte aus Unterwössen. 1877 erwarb sie einen Hof am Obersalzberg bei Berchtesgaden. Sie rodete, legte Wege an und eröffnete die Fremdenpension ”Moritz”: der Beginn des Tourismus auf dem Obersalzberg. Unter ihren zahlreichen Gästen waren Peter Rosegger, Ludwig Ganghofer, Richard Voß, Clara Schumann, Johannes Brahms, Franz von Lenbach und der Chemiker Carl von Linde. Die Schriftsteller verewigten die mutige, tatkräftige Frau in verschiedenen Romanen, Richard Voß in Zwei Menschen. 1897 wollte Mauritia den Schriftsteller in der Villa Falconieri in Frascati bei Rom besuchen. Am Abend vor ihrer Abreise starb sie im Alter von 63 Jahren. Am Tag ihrer Beerdigung begann Voß den Roman, der Mauritia Mayer in der Gestalt der Judith Platter nachzeichnete. Der große Erfolg des Romans veranlaßte den späteren Besitzer den Namen der Romanheldin auf die Pension zu übertragen und “Judith Platter” auf Mauritias Grabstein zu ergänzen. 1936 mußte er den “Platterhof” verkaufen. Auf dem Obersalzberg war eine Zentrale und Tagungsort der NSDAP entstanden. Der “Platterhof” wurde zum Hotel ausgebaut, das nach dem 2. Weltkrieg den amerikanischen Soldaten als “General Walker Hotel”diente. Im Jahr 2000 wurde es abgerissen. |
||||
| Pater
Paulus verzweifelt am Priesterberuf, zu dem er doch mehr
überredet als überzeugt worden ist. So ist es
verständlich, daß er seinerseits dem jungen
Klosterschüler Einhard vom Rinn den Wunsch Priester zu werden
ausreden will. Der Zusammenhang seiner Argumentation erschloß
sich mir allerdings nicht. Der Hinweis auf eine Ballade Schillers (die
ich nicht kannte) war ein Gewinn. Paulus warnte Einhard, auch der
Priester dürfe die Hand nicht ausstrecken, den Schleier der
Erkenntnis nicht heben. Denn auch in "der triumphierenden Kirche
Christi konnte eine junge gläubige Seele das Schicksal des
Jünglings von Sais erleben ..." (S. 183). | ||||
| Motto
des Romans "Wie sein gesetz ist daß aus erdenstoff Der Hohe wird und eh ihn tat versehrt Mit schmerz und lächeln seinen Heimweg nimmt. Stefan George (12.7.1868 Büdelsheim, Hessen – 4.12.1933 Minusio, bei Locarno). Hier das volle Gedicht "Ergeben steh ich vor des rätsels macht" bei |
||||
| Motto
des ersten Teils "Junker Rochus": "Man besitzt nur die Seele, die sich uns gab, nicht die, die man sich nahm." Walter Calé. Walter Calé, 1881 Berlin – 1904. Lyriker; Calé starb durch Freitod: Thema in Zwei Menschen. | ||||
| Verfilmung 1923 "Zwei Menschen". Regie: Hanns Schwarz; Produktion: Trianon-Film 1930 "Zwei Menschen". Darsteller: Fritz Alberti, Gustav Froehlich (Junker Rochus), Friedrich Kayssler, Charlotte Susa (Judith Platter), Lucie Englisch; Buch: Alfred Schirokauer, (andere Quelle: Hans Hellmut Zerlett). Regie: Erich Waschneck. Produzent: Joe Pasternak. 100 Min. 1932 National Board of Review: Best Foreign Film – 1952 "Zwei Menschen". Darsteller: Edith Mill, Helmuth Schneider, Alice Verden, Gustav Waldau, Beppo Brem. BR Deutschland. 100 Min. Erstaufführung: 13.11.1952 Regie: Paul May, Produzent: Conrad Flockner. Produktion: Minerva – | ||||