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Schnitzler
Arthur Schnitzler: Traumnovelle
nach der Fassung des Erstdrucks mit Variantenapparat. Nicolai Vogel, Kilian Fitzpatrick, Hg. Scheuring: Black Ink, 2004. 122 Seiten – schnitzler Linksschnitzler LiteraturSekundärliteratur
Ein scheinbar glückliches Ehepaar Albertine und Fridolin spricht über ihren gestrigen Besuch bei einem Karnevalsball, gerät aber schnell "in ein ernsteres Gespräch über jene verborgenen, kaum geahnten Wünsche, die auch in die klarste und reinste Seele trübe und gefährliche Wirbel zu reißen vermögen" (S. 7). Albertine beginnt mit einem Bekenntnis einer Liebelei im letzten Urlaub in Dänemark. Nur zufällig wurde nichts daraus. Fridolin erzählt ebenfalls aus Dänemark. Er verliebte sich am Strand in ein fünfzehnjähriges Mädchen. Auch hier vereitelte der Zufall Weiteres. Suchen die beiden den in ihrer Ehe nicht gefundenen Kick? In der folgenden Nacht nun bekommt Fridolin mehrmals die Chance seine Albertine zu betrügen. Entweder er schreckt davor zurück oder der Ehebruch scheitert aus anderen Gründen. Doch Fridolin lässt nicht locker. Zuhause erzählt ihm Albertine einen schaurigen Traum, der Fridolin scheinbar noch mehr Recht gibt, die Frauen der letzten Nacht nochmals aufzusuchen. Doch seine zweite Rundreise führt ebenfalls zu nichts. Zuhause erkennt er, daß Albertine ihn durchschaut oder zumindest ahnt ... Da erzählt er ihr alles. Am Morgen geht wieder alles seinen gewohnten Gang.
Wie schon das obige Zitat erkennen läßt, beherrscht Schnitzler die deutsche Sprache. An der Traumnovelle arbeitete und feilte er mehrere Jahre. Sie erschien erstmals in der illustrierten Modezeitschrift Die Dame bei Ullstein in Berlin ab Heft 6, 1925 bis Heft 12, 1926. Die Lektüre ist schon stilistisch ein Genuß. Die Floskel: da sitzt jedes Wort, trifft hier zu.
Es geht um das Verhältnis von Wirklichkeit und psychischem Innenleben, um Traum und Wirklichkeit. Nach dem gegenseitigen Geständnissen der gedanklichen Untreue holen Albertine und Fridolin das Versäumte nach. Albertine in einem Traum, den sie bis in Einzelheiten zu erzählen weiß, Fridolin in einer fast unwirklichen, märchenhaften Nacht. Obwohl er sich mehrmals vergewissert, daß er nicht träumt ("Hatte er nicht Fieber? Lag er in diesem Augenblick nicht daheim zu Bett, – und all das, was er erlebt zu haben glaubte, waren nichts als Delirien gewesen?", S. 61) kam es mir recht traumhaft vor. Darüber mehr unter schnitzler Märchenmotivik.
In beiden Erlebnisfolgen spielt der Tod eine zentrale Rolle. Bei Schnitzler – so lese ich – treten Tod und Eros oft zusammen auf: Albertine – Kreuzigung; Marianne – toter Hofrat; Mizzi – Angst um Gesundheit, Krankenhaus; Maskenorgie – Frauenopfer.
Albertines Traum und Fridolins Besuche sind einander thematisch zugeordnet. Das KLL schreibt dazu: "In beiden wird die lang verdrängte Versuchung erfüllt" (S. 9523). Das sehe ich nicht so. Bei Albertine ist es nur ein Traum und bei Fridolfin fehlt der Vollzug.
Sonderbar ist Fridolins Verhältnis zu Albertine. Einerseits versichert er ihr: »In jedem Wesen – glaub' es mir, wenn es auch wohlfeil klingen mag –, in jedem Wesen, das ich zu lieben meinte, habe ich immer nur dich gesucht.« (S. 12) Andrerseits will er sie ganz überlegt betrügen und später fasst er diesen Entschluß: "Eine wie die andere, dachte er mit Bitterkeit, und Albertine ist wie sie alle – sie ist die Schlimmste von allen. Ich werde mich von ihr trennen. Es kann nie wieder gut werden" (S. 78).
Drei Damen retten Fridolin unter Selbstaufgabe: Die Hure Mizzi rettet seine Gesundheit; die unbekannte Dame am Maskenball opfert sich für ihn; Albertine verzeiht seine Fehltritte.
Das versöhnliche Ende zeigt, daß zwar der Mensch als triebhaftes Wesen nicht zur absoluten Treue geeignet ist. Er unterliegt zu einem gewissen Grad immer den Versuchungen. Die (Gatten)Liebe ist aber zur Vergebung fähig und daher ist die absoluten Treue nicht nötig ist für eine intakte Ehe.
Die Rolle der Frau(en) in der Traumnovelle lohnte sich näher zu untersuchen. Schnitzler schreckt nicht vor plakativer Herabsetzung zurück. Auf dem erotischen Maskenball sind die teilnehmenden Herren vom gehobenen Stand; Aristokraten? Herren vom Hof? Erzherzöge? Doch die Damen: "Vermutlich ... aus Freudenhäusern zusammengetrieben. Nun, das war keineswegs sicher. Jedenfalls ausgesuchte Ware." (S. 79).
Bemerkenswert ist, daß Fridolin eine traumhafte Wirklichkeit durchlebt, während Albertine einen Traum hat, den sie zu plastisch erzählt, daß er schon fast als Wirklichkeit durchgehen könnte.
"Die schillernden, unmerklichen Übergänge zwischen Wahrheit und Traum, Wirklichkeit und Imagination hat Schnitzler selten in einer solchen zugleich plastisch-bildhaften und gespenstisch-unheimlichen Verdichtung zu gestalten vermocht wie in der »Traumnovelle«." Hans Joachim Schrimpf: "Arthur Schnitzlers Traumnovelle", in: Zeitschrift für deutsche Philologie 82 (1963). S. 177, schnitzler Literatur
Versäumte Möglichkeiten
Schnitzler und seine Protagonisten spielen in der Traumnovelle mehrfach mit den versäumten Möglichkeiten. Nachdem sie ihre Tochter zu Bett gebracht hatten, dachten sie an die Feier des Vortags, an "die Schattengestalten von der Redoute, der melancholische Unbekannte und die roten Dominos, ... und jene unbeträchtlichen Erlebnisse waren mit einemmal vom trügerischen Scheine versäumter Möglichkeiten zauberhaft und schmerzlich umflossen." (S. 7). Im Leben muß man sich immer für eine Möglichkeit entscheiden (beispielsweise durch die Entscheidung für oder gegen einen Partner) und verwirft damit alle anderen Möglichkeiten. Daher läßt Mozart seinen Don Giovanni bedauernd feststellen:
Chi a una sola è fedele verso l'altre è crudele
Wer nur einer treu ist, ist gegen die anderen grausam. Don Giovanni, 2.Akt, 1.Szene
In der Philosophie denkt man über "mögliche Welten" nach und Philosophen, wie der US-Amerikaner David Lewis, vertreten die Auffassung, daß die anderen Möglichkeit auch existieren: On the Plurality of Worlds, Oxford 1986. Schnitzler selbst schrieb:
"Was als Persönlichkeit wirkt ist das Leuchten aller M ö g l i c h k e i t e n eines Charakters hinter seinen wirklichen und zufälligen Lebensäußerungen."
Buch der Sprüche und Bedenken. Aphorismen und Fragmente. Wien 1927. S. 233. Sperrung durch Schnitzler
schnitzler Anfang
Abschlußgedanken
So ziemlich am Ende der Novelle liegen Albertine und Fridolin überlegend im Bett
Sie lächelte, und nach kurzem Zögern erwiderte sie: »Dem Schicksal dankbar sein, glaube ich, daß wir aus allen Abenteuern heil davongekommen sind – aus den wirklichen und aus den geträumten.«
»Weißt du das auch ganz gewiß?« fragte er.
»So gewiß, als ich ahne, daß die Wirklichkeit einer Nacht, ja daß nicht einmal die eines ganzen Menschenlebens zugleich auch seine innerste Wahrheit bedeutet.«
»Und kein Traum«, seufzte er leise, »ist völlig Traum.«
Sie nahm seinen Kopf in beide Hände und bettete ihn innig an ihre Brust. »Nun sind wir wohl erwacht«, sagte sie – »für lange.«
Für immer, wollte er hinzufügen, aber noch ehe er die Worte ausgesprochen, legte sie ihm einen Finger auf die Lippen und, wie vor sich hin, flüsterte sie: »Niemals in die Zukunft fragen.«
Dabei ist mir Albertines Aussage: »So gewiß, als ich ahne, daß die Wirklichkeit einer Nacht, ja daß nicht einmal die eines ganzen Menschenlebens zugleich auch seine innerste Wahrheit bedeutet.« unklar. Jetzt fällt mir zudem auf, daß sie sich dabei selbst widerspricht: "so gewiß, als ich ahne" ist extrem vage, da Ahnung ja gerade nicht gewiß sind. Wörtlich genommen ist sie sich nur gewiß, daß sie ahnt.....
Durchweg las ich (im Gegensatz zu anderen Interpreten) in der Traumnovelle eher die intakte Ehe mit offenem Gespräch, rondoartige Rahmung bürgerlicher Eheszenen zu Beginn und am Ende. Die Versuchungen, die in der Novelle geschildert werden, sind am Ende überwunden oder verziehen. Schnitzler schlägt einen versöhnlichen Ton an: "Ein gefühl von Zärtlichkeit, ja von Geborgenheit, wie er es nicht erwartet, durchdrang sein Herz." (S. 102). Die Abenteuer der letzten Nacht betrachtet Fridolin als Nichtigkeit.
Märchenmotivik
Michael Scheffel (scheffel Literatur) gibt entscheidende Hinweis auf die Märchenmotivik. Die Traumnovelle beginnt ja mit einer Erzählung in der Erzählung. Sie verweist auf eine Geschichte aus Die Erzählungen aus den tausendundein Nächten, Bd. 2. Frankfurt: Insel, 1968. S. 477 ff.
Auch in der Traumnovelle wird viel erzählt. Märchenhafte Motive gibt es ebenfalls.
  • Die Kutsche – Trauerkutsche (S. 57) –, die Fridolin stadteinwärts befördert, hat undurchsichtige Fenster. Er wird befördert, obwohl er schreit: es nutzt nichts (S. 59).
  • Auf dem Maskenball wird Fridolin gewarnt und dreimal befiehlt die Dame: "Geh!" (S. 50)
  • Die zurückbleibende Dame zu Fridolin: "Frage nicht ... und wundere dich über nichts" (S. 50). Eine typische Wendung aus dem Märchen, wo man nicht fragen darf.
  • Die Galeerensklaven der Eingangslektüre tauchen in Albertines Traum wieder aus (S. 65). Der Prinz ist im Traum kein anderer als Fridolin.
  • Zwei Details, die bei Märchen öfters ähnlich unterlaufen: a) Obwohl der Pianist Nachtigall die Kostüme nicht näher bezeichnet, weiß Fridolin genau: »Ich brauche eine dunkle Mönchskutte und eine schwarze Larve, nichts weiter.« (S. 40). b) Bei der Rückgabe des Kostüms reklamiert Gibiser nicht die fehlende schwarze Larve, die ja zum Schluß im Ehebett landet.
  • Zwischen Fridolins Begegnung mit Nachtigall ("dreiviertel ein Uhr", S. 33) und seiner Heimkehr ("vier Uhr morgens", S. 62) liegen gute drei Stunden. In dieser Zeit erlebt Fridolin soviel wie es sonst nur im Traum oder Märchen möglich ist.
Maskenball
Ein Maskenball eignet sich hervorragend für literarische oder musikalische Einfälle. Er wird daher häufig verwendet. Spontan fallen mir ein:
Henri Alain-Fournier: Der große Meaulnes (Alain-Fournier Rezension)
Edgar Allan Poe: "The Masque of the Red Death" (poe Edgar Allan Poe)
Giuseppe Verdi: "Un Ballo in Maschera" [Ein Maskenball]
Für Hinweise auf weitere Werke (bin jetzt gerade zu faul zum Überlegen) bin ich dankbar.
Der Totentanz zieht sich durch die von Fridolin absolvierte Runde. Der Leser wird bereits bei Gibisier darauf aufmerksam: "... es war Fridolin zumute, als wenn er durch eine Allee von Gehängten schritte, die im Begriffe wären, sich gegenseitig zum Tanz aufzufordern" (S. 40). Beim zweiten durchgang der Stationen wird Fridolin in die Wirklichkeit geholt: das Spukhafte ist nicht mehr aufzufinden bis er zuhause als einziges Relikt die Maske auf dem Ehebett an den Reigen der vergangenen Nacht erinnert.
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Links
Projekt Gutenberg: schnitzlerArthur SchnitzlerschnitzlerTraumnovelle
schnitzlerAnna Wittenborg: Arthur Schnitzler, "Die Traumnovelle"
schnitzlerKlaus Dautel: Zentrale für Unterrichtsmedien (ZUM)
schnitzlerArthur-Schnitzler-Gesellschaft
schnitzlerBücher-Wiki: Arthur Schnitzler
schnitzler Motiv: Umherirren in der Stadt
schnitzler Arthur Schnitzler: Leutnant Gustl
Literatur
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schnitzler SchnitzlerArthur Schnitzler: Traumnovelle. SZ-Bibliothek Band 12. Süddeutsche Zeitung, 2004. Gebunden Schnitzler
Arthur Schnitzler: Traumnovelle. Patmos, 2003. Gebunden, 88 Seiten Schnitzler
Schnitzler SchnitzlerArthur Schnitzler: Traumnovelle. Frankfurt am Main: Fischer, 1992. Broschiert, 87 Seiten Schnitzler
Arthur Schnitzler: Traumnovelle. Reclam 2002. Broschiert Schnitzler
Schnitzler SchnitzlerArthur Schnitzler: Traumnovelle. & Hilde Spiel. Frankfurt am Main: Insel, 2002. Gebunden, 107 Seiten Schnitzler
Arthur Schnitzler: Traumnovelle. Textausgabe mit Materialien von Arthur Schnitzler, Peter Bekes. Schroedel 2003. Broschiert Schnitzler
Sekundärliteratur    
schnitzler SchnitzlerHeinz L. Arnold: Arthur Schnitzler. Text und Kritik, H.138/139. München: Edition Text und Kritik, 1998. Broschiert, 174 Seiten  
Derzeit 8/2004 nur antiquarisch:
Rey, William Henry: Arthur Schnitzler. Die späte Prosa als Gipfel seines Schaffens. Berlin: Erich Schmidt, 1968.
Scheffel, Michael: "»Ich will dir alles erzählen«. Von der »Märchenhaftigkeit des Alltäglichen« in Arthur Schnitzlers »Traumnovelle«", in: Heinz L. Arnold: Arthur Schnitzler. Text und Kritik, H.138/139. München: Edition Text und Kritik, 1998.
Schrimpf, Hans Joachim: "Arthur Schnitzlers Traumnovelle", in: Zeitschrift für deutsche Philologie 82 (1963). S. 171-192.
Schuster, Karl: "Arthur Schnitzler: Traumnovelle", in: Jakob Lehmann, Hg.: Deutsche Novellen von Goethe bis Walser. Interpretationen für den Deutschunterricht. Bd. 2. Von Fontane bis Walser. Königstein, Taunus: Scriptor, 1980. S. 161 ff.
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© by Herbert Huber, Am Fröschlanger 15, 83512 Wasserburg, Germany, 1.9.2004