| Franz Kafka: Beschreibung eines
Kampfes In: Sämtliche Erzählungen. Frankfurt am Main: Fischer, 1987. S. 197-232 |
| Die Erzählung Beschreibung
eines Kampfes ist (abgesehen von zwei Gedichten) das erste Werk Kafkas, das
sich erhalten hat. Sie liegt in zwei Fassungen vor, die zeitlich und inhaltlich
weit auseinanderliegen: 1904-06 und 1909-10. Ich beziehe mich hier, wenn nicht
anders vermerkt, auf die erste Fassung. Schon in dieser frühen Erzählung ist Kafka "voll" da: dichte Beschreibungen, unangekündigte Wechsel von realistischen Begebenheiten mit Gedanken, Träumen und Visionen, verästelte Erzählstränge und schwierige Thematik. Schwerpunkte in dieser Erzählung sind die Beziehung der Sprache auf die Welt (semantisches Problem), Vereinsamung, Entfremdung und Behrrschung der Zwänge (ein Dauerthema bei F. K.) und der Kampf mit den bestehenden Verhältnissen. Dieser Kampf führt in der Erzählung zu häufiger Neukonstruktion der Wirklichkeit: "Die Landstraße, auf der ich ritt, war steinig und stieg bedeutend, aber gerade das gefiel mir und ich ließ sie noch steiniger und steiler werden" (S. 206), "ließ ich einen hohen Berg aufstehn" (S. 207). Beschreibung eines Kampfes ist eine verschachtelte Erzählung mit Rahmenhandlung und einzelnen inneren Geschichten, die zum Teil auch separat veröffentlicht wurden ("Gespräch mit dem Beter", "Gespräch mit dem Betrunkenen"). Kafka kontrastiert die Verlegenheit, Ängste und Verzweiflung des Ich-Erzählers mit dem Glück seines Begleiters durch das nächtliche Prag. Der namenlose Bekannte betont sein Glück mit einem Mädchen häufig ("das Glück hält es nicht in mir aus" S. 197), so daß ihn der Erzähler beneidet und entschuldigt: "Er ist eben glücklich und das ist die Art der Glücklichen, alles natürlich zu finden, was um sie geschieht" (S. 203). Ich kann Kafka auch sätzeweise lesen, da schon in wenigen Zeilen Spannung entsteht und stilistische Feinheiten prangen. Ein Beispiel, wo eine zügellose Lebensweise als maßvoll hingestellt wird und die Entgegenstellung "nicht übers Maß" mit "grenzenlos" zu einer Reibung führt. "Den Tag über im Amt, Abends in Gesellschaft, in der Nacht auf den Gassen und nichts übers Maß. Eine in ihrer Natürlichkeit grenzenlose Lebensweise!" (S. 199). Zum Schlafen legte er sich auf einen Ast (da er die Ameisen am Boden fürchtet), schlief hastig ein und wurde nicht vom Untergang des Mondes geweckt (S. 208). Den Zustand des Ich-Erzählers benennt er in "Begonnenes Gespräch mit dem Beter" treffend als "Seekrankheit auf festem Lande" (S. 217). Für ihn ist nichts sicher, nicht einmal der Sprache-Welt Bezug. Die wahren Namen der Dinge vergißt er und gibt ihnen dann eilig neue, zufällige Namen (S. 217). Allein wegen Kafkas Werk dürfen wir uns glücklich schätzen, daß Deutsch unsere und seine Muttersprache ist. Die Beschreibung eines Kampfes ist unbedingtes Lese-Muß. |