| Franz
Kafka: "Die Verwandlung" In: Die Erzählungen. Frankfurt am Main: Fischer, 2007. S. 96-161 – |
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| Mit einem der berühmten ersten Sätze wird der Leser
sofort mit der Verwandlung von Gregor Samsa in ein Ungeziefer – später
wird Mistkäfer genannt (S. 145) – konfrontiert. Nicht nur der Leser,
auch
Gregor, seine Familie und die Besucher in der Wohnung der Samsas müssen
damit fertig werden. In drei Teilen (Morgen; Abend desselben Tags bis zwei Monate später; ein Monat nach dem Kampf mit dem Vater) erzählt Kafka die Folgen bis zum bitteren Ende. |
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| Verwandlung | ||
| Wie in manchen SF-Stories von Robert
Sheckley bringt Kafka nur eine phantastische Veränderung
zur realen Welt
ein: die
Verwandlung, die schon stattfand, bevor die Erzählung einsetzt. Alles
andere bleibt realistisch. Das irritiert die Leser. Die Verwandlung in ein Tier ist nichts Außergewöhnliches in der Literatur, man denke an die Märchen "Die sieben Schwäne" oder "Der Froschkönig". Doch die Verwandlung in einen Mistkäfer ist einzigartig. Gregor hatte zuvor schon ein geplagtes Leben, das wird nun durch die Insektengestalt allen sichtbar. Weder er noch der Leser können sich damit identifizieren. Mistkäfer: nur die Bedienerin nennt das Ungeziefer so (S. 145). Vladimir Nabokov (immerhin Schmetterlingsexperte) bezweifelt in seinem Kommentar (in einer Taschenbuchausgabe, siehe |
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| Warum? | ||
| Gregor fragt nie, warum er verwandelt wurde. Das wurde
zur Hauptfrage aller Interpretationen. Gregor fragt sich freilich, wie
es geschah. Eine erste Andeutung gibt der erste Satz: er erwacht aus "unruhigen Träumen" (S. 96). Folgerichtig ist seine erste Überlegung, ob er immer noch träume. Er verwirft diese Möglichkeit: "Es war kein Traum" (S. 96), da er sein Zimmer klar und deutlich erkennt. Ähnlich wie René Descartes in seinen Meditationen (Täuschung, Traum, böser Dämon) geht Gregor weitere Möglichkeiten durch. Er könnte irrsinnig sein (S. 97). Hier wird sein Leben als Reisender (vergleiche Arthur Miller: Death of a Salesman) zum ersten Mal als anstrengend und aufreibend thematisiert. Doch das kann es auch nicht sein, denn die anderen sehen ihn ebenfalls als Ungeziefer. Zusätzlich leidet Gregor unter den Ansprüchen seiner Familie, insbesondere dem Vater (davon gleich mehr). Nach einem inneren Vorsatz: Ruhig Blut! Jetzt keine Panik! diagnostiziert er zweifelsfrei eine Berufskrankheit (S. 100). Das Verhalten seiner Familie und Gregors Vorleben offenbaren: Gregor hat die Gestalt angenommen, die er eigentlich immer schon hatte: ein Ungeziefer. Nur wegen seiner Eltern muss er an der ungeliebten Reisetätigkeit festhalten (S. 97-98). Die Verwandlung ist Gregors Protest gegen seine Berufstätigkeit als Reisender und gegen seine Behandlung in der Familie. Sein Anblick konfrontiert Vater, Mutter und Grete mit ihrer eigenen Unmenschlichkeit. Ein Anblick, den sie nicht wie ein Fernsehbild von überladenen Booten einfach abschalten können. Gregor rebelliert mit der Verwandlung gegen seine Familie, gegen das Wertesystem des bürgerlichen Mittelstands, das vor allem durch den Vater repräsentiert wird. |
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| Akzeptanz | ||
| Für Gregor ist die Verwandlung nichts Absurdes, er
sinniert, dass es
dem Prokuristen ebenso treffen könnte und überredet zu dieser Sicht
auch den Leser: "die Möglichkeit dessen mußte man doch eigentlich
zugeben" (S. 104). Er akzeptiert die Verwandlung, da es ihm die Möglichkeit einräumt, aus dem verhassten Berufs- und Familienleben auszubrechen. Die Verantwortung schiebt er den anderen zu:
Rührend ist seine Hoffnung doch wieder in den Kreis der Menschen aufgenommen zu werden (S. 108-109), eine Hoffnung, sie später zerstört wird. Wie üblich bei missliebigen Menschen: man sperrt sie weg, wünscht sie fort oder läßt sie erst gar nicht einreisen. Gregor allerdings erfüllt die Wünsche: "Seine Meinung darüber, daß er verschwinden müsse, war womöglich noch entschiedener, als die seiner Schwester" (S. 155). |
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| Ungeziefer | ||
Insekten werden oft in abscheulichen Vergleichen für
unliebsame
Menschen verwendet. Zecken sind Menschen, die uns nichts
nützen, sondern uns im Gegenteil ausnutzen. Zahlreiche Politiker haben
diese Einteilung in ihrem Menschenbild und vertreten dieses – ohne
Proteste – im Bundestag. Damit erhielt "Die Verwandlung" fünfzehn Jahre
nach Erscheinen und bis heute andauernd ihre erstaunliche
Aktualität. Zeitlose und grosse Literatur zeichnet sich gerade dadurch
aus, dass sie in andere Zeiten, Regionen und Bezugskreise gültig
übertragbar ist. Dass sich einzelne Familienmitglieder, Minderheiten
oder ganze Volksteile ausgestossen fühlen gibt es überall. Ähnlich wie
Juden in Europa wurden und werden Schwarze in den USA diskriminiert.
Ungeheures Ungeziefer Im berühmten ersten Satz wird Gregor als ungeheures Ungeziefer bezeichnet (und mit "unruhig" ein weiteres Un-Wort angeführt). Ansonsten verwendet Kafka – besonders in den beiden ersten Teilen – vorwiegend "Gregor". Die weiteren Bezeichnungen: "Tier" (3 x), "Mistkäfer (2 x), "Untier", "riesiger Fleck" und "Zeug von nebenan"; also keine einziges Mal "Insekt". |
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| Samsa | ||
Dass der Familienname Samsa dem Kafkas nachempfunden
ist sticht ins Auge und Ohr. Es wurden zahlreiche Parallelen zwischen
Gregor und dem Autor aufgezeigt. Man vergleiche:
Kafka besaß Schopenhauers Werke und hatte sie gelesen (Ryan S. 134). |
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| Weitere Themen | ||
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| Der Vater | ||
| "Himmlischer Vater!" ist Gregors erste Bezugnahme zum
Vater (S. 98), aber es ist nur ein floskelhafter Spruch, denn er merkt,
dass es halb sieben Uhr ist: er müßte längst zur Arbeit unterwegs sein.
Kurz darauf klopft der Vater an seine Tür: "schwach, aber mit der
Faust" (S. 99). Gregors Vater läßt es sich auf Kosten seinen Sohnes gut gehen. Vor fünf Jahren machte er mit seinem Geschäft Pleite. Nun arbeitet Gregor die Schuld der Eltern Tag für Tag widerwillig ab, während der Vater ein geruhsames und ausgiebiges Frühstück genießt, stundenlang Zeitung liest (S. 111) und abends noch im Schlafrock im Lehnstuhl den Sohn empfängt (S. 137). Entgegen dem Eindruck konnte der Vater aus der Pleite Geld retten, dass er selbst verwaltet (S. 124). Ein paar Absätze später wird es von Gregor (Erzählperspektive aus seiner Sicht!) als "kleines Vermögen" erkannt (S. 125; typischer sich selbst aufhebender oder in fragestellender Ausdruck). Zweimal kämpft der Vater körperlich gegen Gregor, am Ende von Teil 1 und 2. Mit Stock und Zeitung treibt er das Ungeziefer zurück ins Zimmer. Kafka schildert das Kampfgemenge ausführlich, Gregor fürchtet sich dabei vor einem tödlichen Schlag (S. 114-116). Beim zweiten Kampf bombardiert der Vater Gregor mit Äpfeln, einer davon schlug in Gregors Rücken ein (S. 138). Die Mutter fleht den Vater "um Schonung von Gregors Leben" an (S. 139). Vaters Kommentar neben Gregors Leiche: "Nun, [...] jetzt können wir Gott danken" (S. 157). |
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| Die Schwester | ||
Während das gestörte Vater–Sohn Verhältnis
sofort klar wird, hat es bei der Schwester Grete zunächst den Anschein,
dass sie Gregor wohl gesonnen ist. Sie bringt ihm zu Essen, redet aber
nicht mit ihm. Erst ein Monat nach der Verwandlung richtet sie mit
erhobener Faust und eindringlichen Blicken die ersten Worte an ihn:
"Du, Gregor!" (S. 135). Nicht gerade erbaulich. Die Faust
spielt oft eine Rolle. Mit einem Handschlag auf den Tisch leitet Grete
auch ihre Schimpfkanonade und Aburteilung ein.
Es scheint, dass auch Grete eine Verwandlung durchmacht. Sie war Gregor wohlgesonnen (zu prüfen wäre: nur aufgrund seiner Ernährerfunktion?) und wird zu seinem entschiedensten Widersacher. Zur Rolle Gretes siehe Straus 1989. |
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| Stil | ||
| Kafkas Stil ist nichts weniger als grossartig. Da
stimmen alle Einzelheiten (der Zug geht um fünf Uhr früh!) mit fast
erschreckender Präzision, die Wörter
(Kleiderrechen, S. 158), alle Vergleiche (das Läuten der Uhr ist
möbelerschütternd, S. 98). Mich faszinieren Kafkas Zuspitzungen, die oft im selben Satz eingeschränkt werden. In der Firma werden Gregor Versäumnisse zugeschrieben. Da legt der Prokurist fast sein Ehrenwort für ihn ein (fast! S. 106). Er nennt eine Ursache und bestreitet sie sogleich: "... es ist zwar nicht die Jahreszeit, um besondere Geschäfte zu machen, das erkennen wir an; aber eine Jahreszeit, um keine Geschäfte zu machen, gibt es überhaupt nicht" (S. 106). Die Erzählperspektive ist der Figurenerzähler, also kein Ich-Erzähler aber doch meist aus seiner Position. Der Leser kriecht in Gregors Innerstes. |
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| Venus im Pelz | ||
| Gregor hat ein Bild aus einer Zeitschrift
ausgeschnitten (!) und mit einem vergoldeten Rahmen versehen (S. 96).
Es ist das Einzige, das Gregor sich nicht nehmen lassen will, als seine
Mutter und Grete das Zimmer ausräumen (S. 134). Er klammert sich daran. Es könnte die Venus im Pelz aus der gleichnamigen Novelle von Leopold Sacher-Masoch sein. Auffallend ist, dass in der Novelle der abreisende Liebhaber Severin in den Sklaven Gregor verwandelt wird, der somit bei seiner Herrin, der reichen Witwe Wanda von Dunajew, bleibt. (Angress 1970) |
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| Geschrieben 1912; Erstdruck: »Die weißen Blätter«. Eine Monatsschrift. 2:10 (1915), S. 1177-1230 | ||
| Die Gesellschaft, nicht einmal ihre kleinste Einheit die Familie, duldet keine Außenseiter. "Die Verwandlung" ist eine der stärksten Erzählungen der Weltliteratur. Punkt. | ||
| Vergleichsliteratur | ||
| Carver, Raymond: "Careful" – Der Alkoholiker Lloyd wacht auf und sein rechtes Ohr ist mit Wachs verstopft. | ||
| Miller, Arthur: Death of a Salesman [deutsch: Tod eines Handlungsreisenden] | ||
| Einen Vergleich zwischen Platon: Der Staat, Immanuel Kant: Grundlegung zur Metaphysik der Sitten und "Die Verwandlung" unternimmt Margolis (1958). | ||
| Links | ||
| Text online: |
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| Die
Verwandlung: |
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| Sacher-Masoch, Leopold: Venus im Pelz: |
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| Literatur | ||
| Angress, R. K.: "Kafka and Sacher-Masoch. A Note on The
Metamorphosis". Modern
Language Notes 85:5 (1970), S. 745-746. |
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| Margolis,
Joseph: "Kafka vs. Eudaimonia and Duty". Philosophy and Phenomenological Research 19:1 (1958), S. 27-42. |
||
| Müller, Michael: "Franz Kafka: Die Verwandlung". In: Interpretationen. Erzählungen des 20. Jahrhunderts. Band 1. Stuttgart: Reclam, 1996. S. 139-159. | ||
| Reddick, L. D.: "No Kafka in the South". Phylon 11:4 (1950), S. 380-383. | ||
| Ryan, Michael P.: "Samsa and Samsara: Suffering, Death,
and Rebirth in »The Metamorphosis«". The German Quarterly 72:2 (1999), S. 133-152. |
||
| Sautermeister, Gert: "Die Verwandlung". In: Kindlers Literatur Lexikon. München 1986. S. 9904-9905. | ||
| Straus, Nina Pelikan: "Transforming Franz Kafka's »Metamorphosis«". Signs 14:3 (1989), S. 651-667. |
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| Franz
Kafka: Die Verwandlung. München: DTV,
1997. Taschenbuch: 119 Seiten |
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| Franz
Kafka: Die
Verwandlung. Inhalt. Hintergrund.
Interpretation. Mentor 2005. Broschiert, 64 Seiten |
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| Franz
Kafka: Die Verwandlung. Lektüreschlüssel.
Wilhelm Große, Hg. Ditzingen: Reclam, 2004. Taschenbuch, 93
Seiten |
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| Franz
Kafka: Die
Verwandlung.
Königs
Erläuterungen und Materialien, Bd.432. Bange 2005.
Taschenbuch: 91 Seiten |
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