| Sherko
Fatah: Im Grenzland. Roman München: btb, 2003. Taschenbuch: 188 Seiten – |
| Im kurdischen
Grenzgebiet zwischen
Iran, Irak
und Türkei schleicht sich der Schmuggler (er behält
ausschließlich diese anonyme Bezeichnung) vom Irak, wo er mit
seiner Familie wohnt, auf die andere Seite (ob Türkei oder
Iran wurde mir nie klar; ich tippe auf Türkei; ist aber
unwesentlich). Er pirscht sich durch vermintes Gelände: buddelt die Mine sorgfältig aus und nach ihm wieder ein. Dazu versucht er sich die Stelle einzuprägen für spätere Grenzgänge. |
| Während
ich zunächst einen Präzisionsarbeiter, der voll
durchblickt und
nicht nur zwischen den Fronten steht, sondern darüber, annahm,
stellt
sich bald heraus: er ist eine winzige Figur im undurchsichtigen
politischen Spiel. Zahlreiche Gruppierungen (Geheimdienste,
Militär,
Freischärler etc.) machen ihm extreme Schwierigkeiten. Dann wird sein Sohn, der sich der Familie entfremdet hat, vom Geheimdienst geschnappt. Hat er sich iranischen Fundamentalisten angeschlossen? Der Schmuggler begibt sich auf eine am Ende aussichtslose Suche nach ihm. Dazu nimmt er mit dem zwielichtigen Beno Kontakt auf, der im Roten Haus sitzt. In einem Interview wurde dies mit der Zentrale der Stasi (früheren (?) deutscher Geheimdienst der DDR) verbunden. Fatah meinte, dass die Stasi in den 70er Jahren die Bürokratie im Irak mit aufgebaut hat ("Wenn die Tiere die Menschen fressen", SZ 26.2.2008, S. 16). Der Schmuggler gerät immer tiefer in die Mühlen der scharfen Gruppen, deren Art und Ziele dunkel bleiben. Der emotionale Höhepunkt des Romans ist die Folterung des Schmugglers, wobei angedeutet wird, der Scherge könnte der eigene Sohn gewesen sein: "»Er war es«, sagte der Schmuggler" (S. 170). |
| Im
ersten Teil
ist der Schmuggler auf einem Trip zwischen den Grenzen und denkt an
bestimmte Episoden seines gefährlichen Lebens
zurück. Die Rückblenden ergänzen das Bild
über die verzweifelte Situation in der Grenzregion, erschweren
oft aber die Einordnung. Noch vergangenes Geschehen oder schon wieder
beklemmende Gegenwart? Dazu kommt erschwerend, dass Fatah den Subjektbezug nicht immer einwandfrei trifft. Im zweiten Teil gerät der Schmuggler über Beno in die Fänge des Geheimdienstes, über den es heißt: "Niemand hätte zu sagen vermocht, was oder woran hier gearbeitet wurde" (S. 111). Das ist wohl ein Kennzeichen aller Geheimdienste. Vergangenheit und Gegenwart lösen sich noch mehr auf. |
| Die zeitliche Ordnung im Roman Im Grenzland erschloß sich mir nicht immer. Im Nachdenken darüber gibt es (neben meiner Unfähigkeit) als Erklärung eine bewusste Verwirrtaktik des Autors. Wie alles im Grenzland ist auch das zeitliche Geschehen unbestimmt und verworren und passt damit gut zum Inhalt des Werks. |
| Durch die präzisen Details einerseits und das Offenlassen der Hintergründe andrerseits gerät der Leser in eine undurchsichtige Grenzregion und zwischen unheimliche Mächte. Am Ende verbleibt der Eindruck, dass die Bevölkerung zwischen allen Überwachungs- und Gefechtsfeuern leben muss. Eine befreiende Lösung wird nicht angedeutet. Beklemmend und lesenswert. |
| Links |
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25.1.2002 |
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