Email zurück zur Homepage eine Stufe zurück
Fatah
Sherko Fatah: Das dunkle Schiff
Salzburg, Wien: Jung und Jung, 2008. Gebunden, 440 Seiten – Fatah LinksFatah Literatur
Kerim wächst – trotz Krieg rundumher im Irak – innerhalb seiner Familie wohl auf. Durch den gewaltsamen Tod seines Vaters wird er belehrt, dass die kämpferischen Auseinandersetzungen auch ihn unmittelbar betreffen. Er wird von Gotteskriegern entführt, kehrt nach Monaten bei ihnen kurz nach Hause zurück und flieht nach Deutschland. Unterstützt von seinem Onkel Tarik beginnt er in Berlin eine neues Leben. Doch seine Vergangenheit läßt ihn nicht los.
Sherko Fatah hat ein aktuelles Thema aufgegriffen und zerstört die Ansicht, dass muslimische Extremisten immer religiöse Fanatiker sind und durch Geburt oder Erziehung zu solchen werden. Er beschreibt vielmehr ein undurchsichtiges Feld verschiedener Gruppierungen und Interessensbünde.
Obwohl Kerim im Zentrum des Romans steht, überläßt der Autor einiges der Fantasie des Lesers. Beim Zwangsaufenthalt bei den Kriegern bemüht sich Kerim nicht um eine Heimkehr ... oder Fatah läßt das offen. Die Beweggründe zur Flucht glaubt man zu ahnen, doch sicher kann man sich nicht sein. Auch Kerims Verhalten in Berlin bleibt schillernd. Er verliebt sich, will seinen Asylantrag nicht gefährden und läßt sich trotzdem auf die Bandenstreifzüge mit Amir ein. Einem scheinbar weggetretenen Drogensüchtigen klaut er den Ring (S. 308). Das passt weder zu seinem bis dahin gezeigten Charakter noch speziell zu seinem Asylvorgang.
Das Werk ist organisch in fünf Teile gegliedert. Die beiden ersten erzählt Fatah erstaunlich gradlinig; ungewohnt auch, da ich erst vor kurzem sein Im Grenzland (Fatah Links) gelesen hatte. Ab dem dritten Teil streut Fatah Rückblenden und Perspektivwechsel in mässigem Masse ein. Jetzt gerät auch der Leser in ein etwas dunkleres Fahrwasser: handelt Kerim nach einem Auftrag? Wenn ja, wie lautet er? Was unternimmt er dafür? Ist er noch am Ball oder will er einen anderen Weg einschlagen? Gelegentlich schiebt Fatah kleine Binnengeschichten ein, doch – ich dankte es ihm – in mässiger Zahl. Nur ganz selten schrillte mein Sprachverständnis, wie bei: "Sonja schaltet das Telefon aus und tat es fort". Das norddeutsche "ab und an" liegt ihm; immerhin begrenzt es der Duden noch als "landschaftlich".
Zurecht kam dieser Roman in die Shortlist zum "Preis der Leipziger Buchmesse" 2008 (Fatah Links). Fatah beherrscht sein Metier, schreibt ohne Spleen, aber keineswegs zu bieder. Gerade inhaltlich kann man gut mitgehen ohne dass der Autor alles vorkaut. Kompositorisch ist Im Grenzland waghalsiger, thematisch liegt uns Das dunkle Schiff näher und es packt stärker.
Nur ein paarmal fand ich Unglaubwürdiges; so die oben genannte Diskrepanz zwischen der Anstrengung das Asylverfahren durchzuziehen und seinen Gang-Eskapaden bzw. unnötiger  Herausforderung durch den Diebstahl des Rings. Als Nichtschwimmer schien mir auch unglaubhaft, dass er sich dem Meer anvertraut (wenn auch mit Fasskontakt, S. 250).
Das dunkle Schiff gewährt den Lesern zunächst Einblicke in irakische Verhältnisse in Zeiten des hautnahen Krieges und lässt sie dann in die Welt der Berliner Einwanderer und Asylanten eintauchen. Dazwischen liegt eine hochdramatische Flucht im dunklen Schiff.  Brisante Themen sind nicht aufgepfropft sondern ergeben sich so nebenher und als Nachgedanken. Man darf keine exemplarische Geschichte "Wie man zum muslimischen Terroristen" wird erwarten. Die Stärke des Romans liegt gerade darin, dass er den Klischees ausweicht und ein persönliches Schicksal beschreibt. Was will man mehr?
Links
Sherko Fatah: FatahculturebaseFatahLiteraturfestival BerlinFatahWikipedia
Vergleichsliteratur
Yasmina Khadra: Die AttentäterinFatahamazon
Yasmina Khadra: Die Sirenen von BagdadFatahamazon
Kiran Nagarkar: Gottes kleiner KriegerFatahamazon
Jürgen Todenhöfer: Warum tötest du, Zaid? – Fatahamazon
John Updike: TerroristFatahamazon

FatahPreis der Leipziger BuchmesseFatahDie Nominierten
Fatah Kindersoldaten
Fatah Sherko Fatah: Im Grenzland. Roman
Fatah“Hilde-Domin-Preis für Literatur im Exil” 2007 der Stadt Heidelberg geht an Sherko Fatah
FatahAspekte-Literaturpreis für das beste deutschsprachige Prosa-Debüt 2001
FatahJörg Magenau: "Von der Einsamkeit des Exils", dradio 26.3.2008
Literatur
Wilfried F. Schoeller: "Überall fremd". Literaturen 7/8, 2008. S. 37-38.
Bei Amazon nachschauen  
fatah FatahSherko Fatah: Das dunkle Schiff. Salzburg, Wien: Jung und Jung, 2008. Gebunden, 440 Seiten
Fatah Anfang

Fatah
Email zurück zur Homepage eine Stufe zurück
© by Herbert Huber, Am Fröschlanger 15, 83512 Wasserburg, Germany, 12.7.2008