| Hermann
Hesse: Der Steppenwolf Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1974. 236 Seiten – |
| "... eines der
bedeutendsten Dokumente des Kulturpessimismus und Frühexistentialismus
der zwanziger Jahre, ..." schreibt Kindlers Literatur Lexikon. Davon
kann ich nach meiner Lektüre nur den Kulturpessimismus bestätigen. Man
mag ja zugestehen, daß die grob ablehende Haltung zum Jazz dem Jahre
1927 zuzuschreiben ist. Hesse kannte vielleicht nur den Two
Step Rag einer anonymen Berliner Kapelle; doch an anderer
Stelle vertritt er die Meinung, nach Mozarts
Don Giovanni gab es eh keine nennenswerte
Musik mehr. Das klingt zwar provokativ lustig, wird dadurch aber nicht
richtig. Für mich geriet dieser Roman – je weiter ich las – zu einem
turbulenten Chaos, um es freundlich auszudrücken, zu einem
unbedeutenden Schmarrn, um es ehrlicher zu sagen. Vorgeschaltet ist ein fiktives "Vorwort des Herausgebers", das mit der geheimnisvollen Gestalt des Mieters Harry Hallers, selbst zum Steppenwolf ernannt, die Lust zum Lesen anfeuert. Ab Seite 29 beginnen dann "Harry Hallers Aufzeichnungen", dessen Motto "Nur für Verrückte" mich eher anzog als abstieß. Kurz darauf kommt Harry unter mysteriösen Umständen zu einem Jahrmarktheft mit dem Tractat vom Steppenwolf, wiederum mit dem Motto "Nur für Verrückte". Die Wiederholung verunsichert. Das Tractat gerät zu einer langweiligen Abhandlung mit buddhistisch–christlichen–esoterischen Mischmasch. Da wird die christliche Erbsünde propagiert, gleich auf alles ausgedehnt und das Leben zum Jammertal : "...alles Erschaffene, auch das scheinbar Einfachste, ist schon schuldig, ist schon vielspältig, ist in den schmutzigen Strom des Werdens geworfen..." (71). Doch leider gerät der Roman selbst in ähnliches Fahrwasser und wurde etwa ab Seite 150 für mich Wirrwarr und mit dem Maskenball endgültig zum Fiebertraum eines Geisteskranken. Der Maskenball erinnerte mich stark an Maurice Ravels La Valse, er wird meisterhaft geschildert, sofern man Hallers Halluzinationen heraushalluziniert. Ein paar gute, ja prophetische Gedanken des Steppenwolfs reißen das Buch nicht heraus. Ein paar Beispiele: "... er sieht nichts davon, wie rings um ihn der nächste Krieg vorbereitet wird, er hält Juden und Kommunisten für hassenswert, ..." (88). "er ist, wie die Professoren fast alle, ein großer Patriot und hat während des Krieges brav mitgeholfen, das Volk anzulügen – im besten Glauben natürlich" (100). "... ebenso wie heute die Anfänge des Radios, den Menschen nur dazu dienen werde [sic], von sich und ihrem Ziele weg zu fliehen und sich mit einem immer dichteren Netz von Zerstreuung und nutzlosem Beschäftigsein zu umgeben" (115). Das [sic] habe ich eingeschoben, da es doch Plural sein müßte, oder? Der Wechsel von Hermine zu Hermann, die Szenen im Magischen Theater, die Gespräche mit Mozart (was soll der Quatsch, 's Wolferl starb 1791) mögen für einen Psychoanalytiker aufschlußreich sein, ich bedaure die Zeit, die ich beim Lesen dieses Romans verbrachte. Oh hätte doch Harry auf Seite 95 seinen geplanten Selbstmord vollzogen! Doch nein, dieser Schlappschwanz ist nicht einmal dazu fähig, er umkreist nur in weiten Bögen seine Wohnung (94) und landet schließlich bei Weib und Alkohol (Zum schwarzen Adler, 95). Immerhin ist das Motto des Buches ehrlich: Nur für Verrückte. Allenfalls bis zur Hälfte lesen, den Rest nicht mehr: es spart Zeit. |
| Gerade
eben lese ich (zu meiner Genugtuung): "Ich habe ihn [den Roman Der
Steppenwolf], nicht ganz freiwillig, dreimal gelesen: In den
dreißiger Jahren war ich entzückt, in den fünfziger Jahren enttäuscht,
in den sechziger Jahren entsetzt" Wer sich trotzdem selbst vom Kultbuch der Hippiebewegung überzeugen will ... |
| Literatur |
| Kipphoff,
Petra: "Hermann Hesse. Der Steppenwolf". In: Fritz J. Raddatz, Hg.: ZEIT-Bibliothek
der 100 Bücher. Frankfurt 1980. S. 358-360; Schwarz, Egon: "Hermann Hesse: Der Steppenwolf". In: Interpretationen. Romane des 20. Jahrhunderts. Band 1. Stuttgart 1993. S. 128-157 |
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| Hermann
Hesse: Der Steppenwolf. Frankfurt am Main,
Suhrkamp, 1974. Taschenbuch, 236 Seiten |
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