| Günter Grass: Im
Krebsgang Göttingen: Steidl, 2002. 216 Seiten |
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| In der Novelle Im Krebsgang
erzählt Günter Grass vom Untergang der Wilhelm
Gustloff, einem Schiff der Kriegsmarine, beladen mit
Tausenden von Flüchtlingen, aber auch 1000 U-Boot Matrosen,
über 370 Marinehelferinnen und Flakgeschütze. Das
Geschehen kulminiert am 30. Januar 1945 ( Günter Grass bedient sich zahlreicher raffinierter Tricks um die Novelle zu dramatisieren. Trotzdem ich zögernd zu Im Krebsgang griff – hat man über Titanic und ähnliches nicht schon alles gelesen: Schiff läuft schwer beladen aus und sinkt – schafft es der Autor vom ersten Satz den Leser in Alarmstufe zu versetzen.
Der Ich-Erzähler ist Paul Pokriefke, geboren am 30. Januar 1945 ( Durch diese Konstruktion kann Pokriefke (bei dem es in der Ausbildung zum Schriftsteller nicht reichte) reportmässig schreiben, fällt aber immer wieder in Beschreibungen vergangener Ereignisse: Anfangs lässt Grass drei historische Schicksale aufeinander zulaufen und wechselt seitwärts von einem zum anderen (im Krebsgang). Wilhelm Gustloff, der in der Schweiz Ableger der NSDAP aufbaut; nach seiner Ermordung 1936 wird dieser Erzählstrang vom gleichnamigen Schiff übernommen David Frankfurter, der 1936 Gustloff in Davos ermordet und damit eine Nazi-Märtyrer erzeugt, der zur Benennung des KdF (Kraft durch Freude) Schiffs nach Gustloff führt Alexander Marinesko, Marine der UdSSR, später Kapitän der S13, die die Gustloff torpediert Eine Verzahnung und Gegenüberstellung gibt es auch bei den fiktiven Hauptpersonen: Ursula "Tulla" Pokriefke tauchte bei Grass schon in Katz und Maus und Hundejahre auf. Mitglied der NSDAP und später der SED. Paul Pokriefke, Sohn von Tulla, Paul ist inzwischen geschieden, Opportunist. "So hielt ich Mittelmaß, rutschte nie gänzlich nach links oder rechts ab, eckte nicht an, schwamm mit dem Strom, ließ mich treiben ..." (S. 210). Sein Sohn Konrad über ihn: "Das ist mal wieder typisch für dich, absolut keine echte Überzeugung zu haben" (S. 210). Konrad "Konny" Pokriefke, Sohn von Paul, Computer- und Internetfan; driftet in die Neonazi-Szene ab. Neben dieser personellen Verzahnung und Gegenüberstellung wird der Krebsgang auch durch die Art der geschilderten Ereignisse realisiert. Grass rekapituliert den Film Nacht fiel über Gotenhafen mit dem vermuteten Geschehen, wirft die treffenden Sprüche Tullas ("Da hab ech kaine Töne fier ...", S. 136) und die Berichte Überlebender ein. So gelingt es dem Autor, dem abgedroschenen Sujet Schiffsuntergang neue Dramatik zu geben. Ein Beispiel für die hochexplosive Inszenierung, direkt nach der Torpedierung (Kapitel 6):
Prophetenhaft nimmt Grass im Krebsgang die Schüleramokläufe in Deutschland vorweg. Ich verstand zunächst nicht, warum es für Konrad Pokriefke keinen Unterschied machte, als sich herausstellte, dass sein Internet-Diskussionspartner Wolfgang (David) Stremplin kein Jude sei. Das nochmalige Nachlesen macht dies klar. Konny erklärt, wer Jude sei, entscheide er (S. 182). Ebenso hirnrissig gingen ja auch die Nazis vor. Er endet die Novelle resignierend: "Das hört nicht auf. Nie hört das auf" (S. 216). Zusammenfassendes Urteil: das schwierige Thema wurde hervorragend eingefangen; es ist eine dem Literaturnobelpreisträger mehr als angemessene Novelle. |
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| * Hinweis "frägst" ist deutsch! Duden: "du fragst (landsch. frägst)". Ich wohne in der Landschaft. |
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| Tabubruch "Die Gustloff und ihre verfluchte Geschichte waren jahrzehntelang tabu, gesamtdeutsch sozusagen" (S. 31). Damit und auch durch Interviewäusserungen entfachte und nährte Grass selbst den Mythos vom Tabuthema Vertreibung, deutsche Soldatenschicksale, Bombardierung Deutschlands. Dabei trifft das keinesfalls zu, man denke nur an die Schicksale deutscher Gefangenen, man denke an die zahlreiche | |||
| 30.
Januar 1895 Wilhelm Gustloff, späterer fanatischer Nazi, in Schwerin geboren 1933 Adolf Hitler wird von Reichspräsident Paul von Hindenburg zum Reichskanzler ernannt: "Machtergreifung"; 1936 Wilhelm Gustloff ist anlässlich des Jahrestages bei Adolf Hitler 1945 Die Wilhelm Gustloff, mit Flüchtlingen und Marineangehörigen völlig überfüllt, wird in der Ostsee vor Stolpmünde von drei Torpedos eines sowjetischen U-Boots getroffen und sinkt; dabei fanden etwa 9300 Menschen den Tod (früher wurden meist 5348 angegeben); nur 1252 konnten durch andere Schiffe gerettet werden. 1945 Der fiktive Ich-Erzähler Paul Pokriefke wird geboren |
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| Rezensionen Roman Bucheli: Neue Zürcher Zeitung, 9.2.2002 Günter Franzen: "Der alte Mann und sein Meer", Die Zeit, Literatur 07/2002 Dirk Knipphals: taz 20.2.2002 Fridtjof Küchemann: "Aufzeichnungen eines Einsiedlerkrebses", FAZ, 5.2.2002 Marius Mailer: Frankfurter Rundschau, 9.2.2002 Rolf Schneider: "Der beste Grass seit Jahren", Die Welt, 5.2.2002 Hubert Spiegel: "Das mußte aufschraiben!", FAZ, Literatur, 9.2.2002 |
![]() © Der Spiegel | Rudolf Augstein: "Rückwärts krebsen, um voranzukommen" Volker Hage: "Das tausendmalige Sterben" Clemens Höges, Cordula Meyer, Erich Wiedemann, Klaus Wiegrefe: "Die verdrängte Tragödie" Uwe Klußmann: "Attacke des Jahrhunderts" Bruno Schrep "Geboren an Bord der Gustloff" |
| Rezeption In der noch kurzen Rezeptionsgeschichte wurde weniger über das literarische Werk diskutiert, denn über den Tabubruch und die politischen Aspekte. Grass thematisiert die Aufnahme der "Heldentat" Marineskos in der UdSSR, die nicht so gewürdigt wurde, wie es sich der Kapitän vorstellte; allerdings vorwiegend aus anderen Gründen als den moralischen. Zur Moral wurde bereits oben festgehalten, daß die Wilhelm Gustloff
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