Email zurück zur Homepage eine Stufe zurück
Grass
Günter Grass: Im Krebsgang
Göttingen: Steidl, 2002. 216 Seiten
grass Linksgrass Literaturgrass Rezensionengrass Rezeptiongrass Tabubruchgrass Zitate von Günter Grassgrass 30. Januar
In der Novelle Im Krebsgang erzählt Günter Grass vom Untergang der Wilhelm Gustloff, einem Schiff der Kriegsmarine, beladen mit Tausenden von Flüchtlingen, aber auch 1000 U-Boot Matrosen, über 370 Marinehelferinnen und Flakgeschütze. Das Geschehen kulminiert am 30. Januar 1945 (grass 30. Januar), in der Novelle in mittleren 5.-6. Kapitel der insgesamt neun.
Günter Grass bedient sich zahlreicher raffinierter Tricks um die Novelle zu dramatisieren. Trotzdem ich zögernd zu Im Krebsgang griff – hat man über Titanic und ähnliches nicht schon alles gelesen: Schiff läuft schwer beladen aus und sinkt – schafft es der Autor vom ersten Satz den Leser in Alarmstufe zu versetzen.
»Warum erst jetzt?« sagte jemand, der nicht ich bin.
Ein noch unbekannter "jemand" frägt [grass *] den Ich-Erzähler. Da man die Rezeptionsgeschichte von Im Krebsgang etwas kennt, vermutet man den diskutierten Tabubruch hinter der Frage. Der Satz holpert syntakisch ("der nicht ich bin") und in der Wortwahl: "sagte" statt "fragte". Dem ersten Satz folgen vier ähnlich unbeholfene "Weil"-Begründungen. Der Leser wird zum Mitdenken gezwungen.
Der Ich-Erzähler ist Paul Pokriefke, geboren am 30. Januar 1945 (grass 30. Januar) entweder auf der Gustloff oder dem Torpedoschiff Löwe. Sein Leben lang erzählt ihm seine Mutter Ursula "Tulla" vom Schiffsunglück und drängt ihn, dies aufzuschreiben. Den Auftrag erhält der Journalist Pokriefke von einem anonym bleibenden Auftraggeber. Sowohl im Auftraggeber wie auch teilweise im Ich-Erzähler erkennt man Züge des Autor.
Durch diese Konstruktion kann Pokriefke (bei dem es in der Ausbildung zum Schriftsteller nicht reichte) reportmässig schreiben, fällt aber immer wieder in Beschreibungen vergangener Ereignisse: Anfangs lässt Grass drei historische Schicksale aufeinander zulaufen und wechselt seitwärts von einem zum anderen (im Krebsgang).
Wilhelm Gustloff, der in der Schweiz Ableger der NSDAP aufbaut; nach seiner Ermordung 1936 wird dieser Erzählstrang vom gleichnamigen Schiff übernommen
David Frankfurter, der 1936 Gustloff in Davos ermordet und damit eine Nazi-Märtyrer erzeugt, der zur Benennung des KdF (Kraft durch Freude) Schiffs nach Gustloff führt
Alexander Marinesko, Marine der UdSSR, später Kapitän der S13, die die Gustloff torpediert
Eine Verzahnung und Gegenüberstellung gibt es auch bei den fiktiven Hauptpersonen:
Ursula "Tulla" Pokriefke tauchte bei Grass schon in Katz und Maus und Hundejahre auf. Mitglied der NSDAP und später der SED.
Paul Pokriefke, Sohn von Tulla, Paul ist inzwischen geschieden, Opportunist. "So hielt ich Mittelmaß, rutschte nie gänzlich nach links oder rechts ab, eckte nicht an, schwamm mit dem Strom, ließ mich treiben ..." (S. 210). Sein Sohn Konrad über ihn: "Das ist mal wieder typisch für dich, absolut keine echte Überzeugung zu haben" (S. 210).
Konrad "Konny" Pokriefke, Sohn von Paul, Computer- und Internetfan; driftet in die Neonazi-Szene ab.
Neben dieser personellen Verzahnung und Gegenüberstellung wird der Krebsgang auch durch die Art der geschilderten Ereignisse realisiert. Grass rekapituliert den Film Nacht fiel über Gotenhafen mit dem vermuteten Geschehen, wirft die treffenden Sprüche Tullas ("Da hab ech kaine Töne fier ...", S. 136) und die Berichte Überlebender ein. So gelingt es dem Autor, dem abgedroschenen Sujet Schiffsuntergang neue Dramatik zu geben. Ein Beispiel für die hochexplosive Inszenierung, direkt nach der Torpedierung (Kapitel 6):
Als es ihm gelang, endlich die Pinasse auszuschwingen, funktionierte – ein Wunder – die elektrische Winde. Beim Abseilen vom Bootsdeck erblickten die im Promenadendeck eingesperrten Frauen and Kinder durch die Panzerglasscheiben das nur halb besetzte Boot; und die Insassen der Pinasse sahen einen Augenblick lang, welche Masse Mensch sich hinter der Verglasung staute. Man hätte sich zuwinken konnen. Was im Schiffsinneren weiterhin geschah, blieb ungesehen, kam nicht zu Wort. (S. 138)
Als seine Hauptquellen nennt Grass die Bücher von Heinz Schön (grass lieferbare Literatur) und die grassHintergrundliteratur. Er würdigt auch die kompetente Darstellung im Film grassNacht fiel über Gotenhafen von 1959. Schon durch diese Werke wird der grassTabubruch als Mythos entlarvt. Grass Nennung der Fakten (Gustloff als Truppentransporter, Flüchtlings- und Lazarettschiff, S. 111; oben angeführte Belegung) und Darstellung des Hergangs ist daher wohl authentisch.
Wenn ich mich hier, im Moment abermaliger Flucht, als Säugling bezeichne, stimmt das nur eingeschränkt: Mutters Brüste gaben nichts her. Die Milch wollte nicht einschießen. Auf dem Torpedoboot half eine der ostpreußischen Wöchnerinnen aus; sie hatte mehr als genug. Danach war es eine Frau, die unterwegs ihren Säugling verloren hatte. Und auch später – solange die Flucht dauerte und länger – habe ich immer wieder an fremder Brust gelegen." (S. 155-56)
Nun, Humor gibt es selten im Krebsgang. Hier beginnt Paul Lebens für jeden männlichen Geschlechts wundervoll und es fragt sich, wielange das "Und auch später" gemeint ist.
Prophetenhaft nimmt Grass im Krebsgang die Schüleramokläufe in Deutschland vorweg. Ich verstand zunächst nicht, warum es für Konrad Pokriefke keinen Unterschied machte, als sich herausstellte, dass sein Internet-Diskussionspartner Wolfgang (David) Stremplin kein Jude sei. Das nochmalige Nachlesen macht dies klar. Konny erklärt, wer Jude sei, entscheide er (S. 182). Ebenso hirnrissig gingen ja auch die Nazis vor.
Er endet die Novelle resignierend: "Das hört nicht auf. Nie hört das auf" (S. 216).
Zusammenfassendes Urteil: das schwierige Thema wurde hervorragend eingefangen; es ist eine dem Literaturnobelpreisträger mehr als angemessene Novelle.
* Hinweis
"frägst" ist deutsch! Duden: "du fragst (landsch. frägst)". Ich wohne in der Landschaft. grass zurück
Tabubruch
"Die Gustloff und ihre verfluchte Geschichte waren jahrzehntelang tabu, gesamtdeutsch sozusagen" (S. 31). Damit und auch durch Interviewäusserungen entfachte und nährte Grass selbst den Mythos vom Tabuthema Vertreibung, deutsche Soldatenschicksale, Bombardierung Deutschlands. Dabei trifft das keinesfalls zu, man denke nur an die Schicksale deutscher Gefangenen, man denke an die zahlreiche grass Vorgängerliteratur zu Im Krebsgang und an die Verfilmung "Nacht fiel über Gotenhafen" von 1959. Richtig ist am Mythos: das Angebot in Literatur und Film war da, es wurde aber nicht angenommen. Die Gründe sind vielfältig. Einerseits wollte man von Niederlage nichts mehr lesen, man baute Deutschland neu auf; andrerseits galt es die deutschen Verbrechen aufzuarbeiten. Das Thema war nicht tabu; die Leser ignorierten es.
30. Januar
1895 Wilhelm Gustloff, späterer fanatischer Nazi, in Schwerin geboren
1933 Adolf Hitler wird von Reichspräsident Paul von Hindenburg zum Reichskanzler ernannt: "Machtergreifung"; grass Ermächtigungsgesetz
1936 Wilhelm Gustloff ist anlässlich des Jahrestages bei Adolf Hitler
1945 Die Wilhelm Gustloff, mit Flüchtlingen und Marineangehörigen völlig überfüllt, wird in der Ostsee vor Stolpmünde von drei Torpedos eines sowjetischen U-Boots getroffen und sinkt; dabei fanden etwa 9300 Menschen den Tod (früher wurden meist 5348 angegeben); nur 1252 konnten durch andere Schiffe gerettet werden.
1945 Der fiktive Ich-Erzähler Paul Pokriefke wird geboren
Rezensionen
Roman Bucheli: Neue Zürcher Zeitung, 9.2.2002
Günter Franzen: "Der alte Mann und sein Meer", Die Zeit, Literatur 07/2002
Dirk Knipphals: taz 20.2.2002
Fridtjof Küchemann: "Aufzeichnungen eines Einsiedlerkrebses", FAZ, 5.2.2002
Marius Mailer: Frankfurter Rundschau, 9.2.2002
Rolf Schneider: "Der beste Grass seit Jahren", Die Welt, 5.2.2002 Grassonline
Hubert Spiegel: "Das mußte aufschraiben!", FAZ, Literatur, 9.2.2002
spiegel
© Der Spiegel
Grass"Die deutsche Titanic", Der Spiegel 6/2002; gering kostenpflichter Inhalt:
Rudolf Augstein: "Rückwärts krebsen, um voranzukommen"
Volker Hage: "Das tausendmalige Sterben"
Clemens Höges, Cordula Meyer, Erich Wiedemann, Klaus Wiegrefe: "Die verdrängte Tragödie"
Uwe Klußmann: "Attacke des Jahrhunderts"
Bruno Schrep "Geboren an Bord der Gustloff"
Rezeption
In der noch kurzen Rezeptionsgeschichte wurde weniger über das literarische Werk diskutiert, denn über den Tabubruch und die politischen Aspekte. Grass thematisiert die Aufnahme der "Heldentat" Marineskos in der UdSSR, die nicht so gewürdigt wurde, wie es sich der Kapitän vorstellte; allerdings vorwiegend aus anderen Gründen als den moralischen. Zur Moral wurde bereits oben festgehalten, daß die Wilhelm Gustloff
  • der Kriegsmarine unterstand; es war ein Truppentransporter, Flüchtlings- und Lazarettschiff;
  • neben Flüchtlingen und Verwundeten hatte es 1000 U-Boot Matrosen, 373 Marinehelferinnen und Flakgeschütze an Bord.
  • Deutschland hatte im November 1944 "die Ostsee zum Operationsgebiet erklärt und angeordnet, auf alles zu feuern, was sich bewege" (Bernhardt, S. 16)
Im Krebsgang kann ohne die angeführte grass Literatur gelesen und verstanden werden; die Kenntnis der Novelle Katz und Maus und des Romans Hundejahre ist hilfreich.
Links
GrassBernd Kittlaus: "2002 Novelle »Im Krebsgang«"
Der Steidl-verlag hat sich Grasswww.blutzeuge.de gesichert.
GrassPerlentaucher
Grassgünter grass / ´IM KREBSGANG´ / rezensionen
Grass Grass versus Irving

Grass
Email zurück zur Homepage eine Stufe zurück
© by Herbert Huber, Am Fröschlanger 15, 83512 Wasserburg, Germany, 11.6.2004