| Thomas Mann: Der Tod in Venedig.
Novelle T. J. Reed, Hg. Text, Materialien, Kommentar mit den bisher unveröffentlichten Arbeitsnotizen Thomas Manns. München: Hanser, 1987. 184 Seiten |
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Der mindestens 50-jährige Schriftsteller Gustav Aschenbach verläßt scheinbar spontan seinen Arbeitsalltag in München. Für ein paar Tage will er in Venedig ausspannen. Am Strand erblickt er den vierzehnjährigen, polnischen Knaben Tadzio. (Zu dieser ersten Begegnung siehe das nachfolgende Zitat). Tadzio wohnt mit seiner Sippe im selben Hotel. Aus der Ferne verliebt sich Aschenbach in den Knaben. Er verfällt dessen Schönheit, will ausbrechen, doch kehrt nach Venedig zurück. Am Ende verfällt Aschenbach auch der Cholera, die in Venedig grassiert. |
Unmittelbar vor
Aschenbachs erster Begegnung mit Tadzio lese ich zwei Schlüsselsätze
der Novelle.
Nun ist die Thematik um den strebenden Künstler und seine Überhöhung des Vollkommenen nicht gerade das Thema, das mich vom Hocker reisst. Doch Thomas Mann bringt alles das stilistisch und komponiert perfekt aufs Papier: es zieht den Leser mit. Dazu verwendet der Autor Techniken, die für das Jahr 1912 geradezu sensationell anmuten. Wie so oft, werden sie später angloamerikanischen Autoren (z. B. James Joyce) zugeschrieben, obwohl Autoren wie Arthur Schnitzler, Joseph Roth und eben Thomas Mann sie schon früher verwendeten. Schon im ersten Satz klingt mit der "gefahrdrohenden Miene" der spätere Verfall an. Aschenbach geht am Friedhof vorbei, an einer Steinmetzerei mit Grabmonumenten. Dieses Motiv tritt immer wieder auf: so die Gondel als Bahre (S. 26) und Aschenbachs ihm unbewußte Todessehnsucht ("Die Fahrt wird kurz sein, dachte er; möchte sie immer währen!" S. 26). In Venedig riecht es faulig (S. 62), es ist eine kranke Stadt (S. 77), am Ende kommt die todbringende Cholera (die zunächst allerseitens wohl wegen des Fremdenverkehrs hinweggeredet wird) hinzu. Ein zweites begleitendes Motiv, mit dem ersten verwoben, sind seltsame Begegnungen mit nur angedeutenen Personen. Selbst die Hauptperson Gustav Aschenbach kommt aus dem Vagen: sein Name wandelte sich; man schreibt das Jahr 19...; auch Aschenbachs Geburtsort wird ungenau mit "zu L., einer Kreisstadt der Provinz Schlesien" angegeben (S. 13). Woher die ihm begegnenden Gestalten kommen, bliebt oft im Ungewissen. Sie sind durch Hüte gekennzeichnet und erinnern manchmal an den Fährmann Charon, der die Toten über den Styx ins Reich des Hades brachte, manchmal an Hermes, der Führer der Schatten in das Haus des Hades. In Venedig wird er von einem Gondoliere mit Strohhut, aber ohne Konzession gerudert. Am Ende kommt er an, doch der Gondoliere hat sich ohne Bezahlung vom Wasser gemacht (S. 27 ff). Oft spiegelt der Erzähler den Zufall vor, doch alles ist wohl konstruiert und hat seine Bedeutung. In "Die Geburt der Tragödie aus dem Geist der Musik" thematisierte Friedrich Nietzsche die Dialektik zwischen Apollo, dem Gott der Künste, der Musik, aber auch der Gott der Erkenntnis und des Maßes und Dionysos, Gott des Weines und der Ekstase. Zwischen diesen Polen lokalisiert Mann auch den Künstler. Siehe dazu eine seiner Bezugnahmen auf Lyrik von August von Platen. Thomas Manns Stil ist ausgefeilt, pointiert ohne jede Übertreibung oder gar Peinlichkeiten. Da gibt es keine Floskeln sondern treffende und trotzdem überraschende Ausdrücke, wie "zungengeläufige Spottreden" (S. 22). Mann lässt vordergründig einen Erzähler die Geschichte ausbreiten, doch hat man den Eindruck, Aschenbach selbst würde reden. Zwar fehlt jegliche wörtliche Rede, aber die Gedanken und Überlegungen Aschenbachs fliessen als erlebte Rede auf den Leser ein. Die Novelle ist in fünf Kapitel gegliedert.
Eigentlich ist es eine realistische, psychologische Novelle. Doch Mann ordnet ihr mythische und philosophische Elemente zuhauf zu. Das Mythische sind Anspielungen auf die Odyssee und andere antike Werke. Das philosophische wird durch einige Themen Friedrich Nietzsches vertreten. So erteilt er schon früh der "Laxheit des Mitleidsatzes, daß alles verstehen alles verzeihen heiße" (S. 18) eine Absage. Eine wichtige Rolle spielen (die) Ideen Platons und platonische Dialoge. Thomas Mann schafft es mit all den aufgeführten (und sicher einigen von mir unentdeckten) Kniffen, aus einer einfachen Geschichte ein zusammenhängende, bedeutungsvolle Novelle abzuliefern. Wer sich auf diese Novelle einlässt, darf trotz Todesthema eine tief befriedigende Lektüre erwarten. |
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| Ein Jahr vorm Erscheinen der Novelle, im Sommer 1911, war Thomas Mann einige Tage in Venedig. Er begegnete einem polnischen Knaben (Reed S. 150). Trotzdem ist Der Tod in Venedig nur bedingt autobiografisch (besonders die Eingangsszenen in München, der schriftstellerische Ruhm Aschenbachs legen dies nahe). Andrerseits ist eine Verkürzung auf Gustav Mahler (wie es nach Sekundärliteratur die Visconti-Verfilmung praktiziert) verfehlt. | |
| Sekundärliteratur Koopmann, Helmut: "Ein grandioser Untergang. Thomas Mann: »Der Tod in Venedig« (1912)", in: Winfried Freund, Hg.: Deutsche Novellen. Von der Klassik bis zur Gegenwart. München: Fink, 1993. Uni-Tb 1753. S. 221-235. Wiese, Benno von: Die deutsche Novelle von Goethe bis Kafka. Interpretationen I. Düsseldorf: Bagel, 1967. S. 304-324. |
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| Verfilmung Der Tod in Venedig, 125 Min. Regie: Luchino Visconti; Darsteller: Dirk Bogarde, Silvana Mangano, Mark Burns; Filmmusik: Gustav Mahler; Originaltitel: Morte A Venezia / Death In Venice Vertonung Benjamin Britten: The Death in Venice. An Opera in Two Acts. Uraufführung 1973. |
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Das Motiv des Verfallenseins an eine nur von weitem bekannte Person, zudem ebenfalls in Italien handelnd, wird auch in |
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| Thomas Mann: Der Tod in
Venedig. Novelle. Frankfurt: Fischer, 2000. Gebunden, 367 Seiten
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| Karin Ackermann: Der Tod in
Venedig von Thomas Mann. Langenscheidt, 1997. Broschiert, 64 Seiten
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| Wilhelm Große:
Königs Erläuterungen und Materialien, Bd.47, Der Tod in Venedig
von Thomas Mann. Bange, 2002. Broschiert, 110 Seiten
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