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Mann Tod Venedig
Thomas Mann: Der Tod in Venedig. Novelle
T. J. Reed, Hg. Text, Materialien, Kommentar mit den bisher unveröffentlichten Arbeitsnotizen Thomas Manns. München: Hanser, 1987. 184 Seiten – mann Notizenmann Rezension: Buddenbrooksmann Verfilmungmann Zitate
mann Der mindestens 50-jährige Schriftsteller Gustav Aschenbach verläßt scheinbar spontan seinen Arbeitsalltag in München. Für ein paar Tage will er in Venedig ausspannen. Am Strand erblickt er den vierzehnjährigen, polnischen Knaben Tadzio. (Zu dieser ersten Begegnung siehe das nachfolgende Zitat). Tadzio wohnt mit seiner Sippe im selben Hotel. Aus der Ferne verliebt sich Aschenbach in den Knaben. Er verfällt dessen Schönheit, will ausbrechen, doch kehrt nach Venedig zurück. Am Ende verfällt Aschenbach auch der Cholera, die in Venedig grassiert.
Unmittelbar vor Aschenbachs erster Begegnung mit Tadzio lese ich zwei Schlüsselsätze der Novelle.
"Er liebte das Meer aus tiefen Gründen: aus dem Ruheverlangen des schwer arbeitenden Künstlers, der vor der anspruchsvollen Vielgestalt der Erscheinungen an der Brust des Einfachen, Ungeheueren sich zu bergen begehrt; aus einem verbotenen, seiner Aufgabe gerade entgegengesetzten und ebendarum verführerischen Hange zum Ungegliederten, Maßlosen, Ewigen, zum Nichts. Am Vollkommenen zu ruhen, ist die Sehnsucht dessen, der sich um das Vortreffliche müht; und ist nicht das Nichts eine Form des Vollkommenen? Wie er nun aber so tief ins Leere träumte, ward plötzlich die Horizontale des Ufersaumes von einer menschlichen Gestalt überschnitten, und als er seinen Blick aus dem Unbegrenzten einholte und sammelte, da war es der schöne Knabe, der von links kommend vor ihm im Sande vorüberging." (S. 37)
Der nach Vollkommenheit strebende Künstler trifft die verkörperlichte Schönheit und verfällt ihr. Diese Schönheit bringt den Tod mit sich; ein mythisches Thema, wodurch schon Helena den trojanischen Krieg auslöste. Die Motivik der Novelle ist durch Künstler – Schönheit – Eros – Tod gegeben.
Nun ist die Thematik um den strebenden Künstler und seine Überhöhung des Vollkommenen nicht gerade das Thema, das mich vom Hocker reisst. Doch Thomas Mann bringt alles das stilistisch und komponiert perfekt aufs Papier: es zieht den Leser mit. Dazu verwendet der Autor Techniken, die für das Jahr 1912 geradezu sensationell anmuten. Wie so oft, werden sie später angloamerikanischen Autoren (z. B. James Joyce) zugeschrieben, obwohl Autoren wie Arthur Schnitzler, Joseph Roth und eben Thomas Mann sie schon früher verwendeten.
mann Leitmotive
Schon im ersten Satz klingt mit der "gefahrdrohenden Miene" der spätere Verfall an. Aschenbach geht am Friedhof vorbei, an einer Steinmetzerei mit Grabmonumenten. Dieses Motiv tritt immer wieder auf: so die Gondel als Bahre (S. 26) und Aschenbachs ihm unbewußte Todessehnsucht ("Die Fahrt wird kurz sein, dachte er; möchte sie immer währen!" S. 26). In Venedig riecht es faulig (S. 62), es ist eine kranke Stadt (S. 77), am Ende kommt die todbringende Cholera (die zunächst allerseitens – wohl wegen des Fremdenverkehrs – hinweggeredet wird) hinzu.
Ein zweites begleitendes Motiv, mit dem ersten verwoben, sind seltsame Begegnungen mit nur angedeutenen Personen. Selbst die Hauptperson Gustav Aschenbach kommt aus dem Vagen: sein Name wandelte sich; man schreibt das Jahr 19...; auch Aschenbachs Geburtsort wird ungenau mit "zu L., einer Kreisstadt der Provinz Schlesien" angegeben (S. 13). Woher die ihm begegnenden Gestalten kommen, bliebt oft im Ungewissen. Sie sind durch Hüte gekennzeichnet und erinnern manchmal an den Fährmann Charon, der die Toten über den Styx ins Reich des Hades brachte, manchmal an Hermes, der Führer der Schatten in das Haus des Hades. In Venedig wird er von einem Gondoliere mit Strohhut, aber ohne Konzession gerudert. Am Ende kommt er an, doch der Gondoliere hat sich ohne Bezahlung vom Wasser gemacht (S. 27 ff).
Oft spiegelt der Erzähler den Zufall vor, doch alles ist wohl konstruiert und hat seine Bedeutung.
In "Die Geburt der Tragödie aus dem Geist der Musik" thematisierte Friedrich Nietzsche die Dialektik zwischen Apollo, dem Gott der Künste, der Musik, aber auch der Gott der Erkenntnis und des Maßes und Dionysos, Gott des Weines und der Ekstase. Zwischen diesen Polen lokalisiert Mann auch den Künstler. Siehe dazu eine seiner Bezugnahmen auf Lyrik von August von Platen.
venedig Stil
Thomas Manns Stil ist ausgefeilt, pointiert ohne jede Übertreibung oder gar Peinlichkeiten. Da gibt es keine Floskeln sondern treffende und trotzdem überraschende Ausdrücke, wie "zungengeläufige Spottreden" (S. 22).
Mann lässt vordergründig einen Erzähler die Geschichte ausbreiten, doch hat man den Eindruck, Aschenbach selbst würde reden. Zwar fehlt jegliche wörtliche Rede, aber die Gedanken und Überlegungen Aschenbachs fliessen als erlebte Rede auf den Leser ein.
venedig Struktur
Die Novelle ist in fünf Kapitel gegliedert.
  1. Spaziergang in München
  2. Porträt Gustav von Aschenbach
  3. Reise nach Pola, Adriainsel – Fahrt nach Venedig – Begegnung mit Tadzio – erfolglose Abreise
  4. Erlebnis der hitzigen Sehnsucht
  5. Cholera– Aschenbach verfolgt Tadzio – letzte Begegnung am Strand – Aschenbach stirbt
Vom genau mit Strassennamen beschriebenen München geht in ein verwirrendes Venedig. Der Umschwung kommt, als Aschenbach sich losreissen will, er will das Hotel wechseln, doch er begegnet nochmals Tadzio und die Handlung kippt. Die Handlung steigert sich nicht, doch das Leseerlebnis wird beschleunigt.
Eigentlich ist es eine realistische, psychologische Novelle. Doch Mann ordnet ihr mythische und philosophische Elemente zuhauf zu. Das Mythische sind Anspielungen auf die Odyssee und andere antike Werke. Das philosophische wird durch einige Themen Friedrich Nietzsches vertreten. So erteilt er schon früh der "Laxheit des Mitleidsatzes, daß alles verstehen alles verzeihen heiße" (S. 18) eine Absage. Eine wichtige Rolle spielen (die) Ideen Platons und platonische Dialoge.
Thomas Mann schafft es mit all den aufgeführten (und sicher einigen von mir unentdeckten) Kniffen, aus einer einfachen Geschichte ein zusammenhängende, bedeutungsvolle Novelle abzuliefern.
Wer sich auf diese Novelle einlässt, darf – trotz Todesthema – eine tief befriedigende Lektüre erwarten.
mann Anfang
Ein Jahr vorm Erscheinen der Novelle, im Sommer 1911, war Thomas Mann einige Tage in Venedig. Er begegnete einem polnischen Knaben (Reed S. 150). Trotzdem ist Der Tod in Venedig nur bedingt autobiografisch (besonders die Eingangsszenen in München, der schriftstellerische Ruhm Aschenbachs legen dies nahe). Andrerseits ist eine Verkürzung auf Gustav Mahler (wie es nach Sekundärliteratur die Visconti-Verfilmung praktiziert) verfehlt.
Verfilmung
Der Tod in Venedig, 125 Min. Regie: Luchino Visconti;
Darsteller: Dirk Bogarde, Silvana Mangano, Mark Burns; Filmmusik: Gustav Mahler;
Originaltitel: Morte A Venezia / Death In Venice
Vertonung
Benjamin Britten: The Death in Venice. An Opera in Two Acts. Uraufführung 1973.
venedig Motiv des Verirrens in der Stadt
venedig Weitere Notizen
TessmannIngo Tessmann: Zur Literaturästhetik Thomas Manns
Das Motiv des Verfallenseins an eine nur von weitem bekannte Person, zudem ebenfalls in Italien handelnd, wird auch in jensen Wilhelm Jensen: Gradiva. Ein pompejanisches Phantasiestück thematisiert.
mann Anfang
Literatur
Blödorn, Andreas, Friedhelm Marx, Hg.: Thomas Mann Handbuch: Leben - Werk - Wirkung. Stuttgart: Metzler, 2015. Gebunden, 425 Seiten
Hofmiller, Josef (1966): „Thomas Manns »Tod in Venedig«”. In: Jost Schillemeit, Hg.: Deutsche Erzählungen von Wieland bis Kafka. Frankfurt/M.: Fischer, S. 303-318.
Koopmann, Helmut (1993): "Ein grandioser Untergang. Thomas Mann: »Der Tod in Venedig« (1912)", in: Winfried Freund, Hg.: Deutsche Novellen. Von der Klassik bis zur Gegenwart. München: Fink. Uni-Tb 1753. S. 221-235.
Wiese, Benno von (1967): Die deutsche Novelle von Goethe bis Kafka. Interpretationen I. Düsseldorf: Bagel. S. 304-324.
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Thomas Mann Thomas MannThomas Mann: Der Tod in Venedig. Novelle. Frankfurt: Fischer, 1992. Broschiert, 140 Seiten Thomas Mann
Thomas Mann: Der Tod in Venedig. Novelle. Frankfurt: Fischer, 2000. Gebunden, 367 Seiten Thomas Mann
Torsten Zimmer Thomas MannTorsten Zimmer: Interpretationshilfe Deutsch, Der Tod in Venedig von Thomas Mann. Stark, 2001. 86 Seiten Karin Ackermann
Karin Ackermann: Der Tod in Venedig von Thomas Mann. Langenscheidt, 1997. Broschiert, 64 Seiten Thomas Mann
Eberhard Hermes Thomas MannEberhard Hermes: Lektürehilfen Thomas Mann 'Der Tod in Venedig' von Thomas Mann. Stuttgart: Klett, 2002. Broschiert, 101 Seiten Wilhelm Große
Wilhelm Große: Königs Erläuterungen und Materialien, Bd.47, Der Tod in Venedig von Thomas Mann. Bange, 2002. Broschiert, 110 Seiten Thomas Mann
Venedig Thomas MannErhard Bahr: Erläuterungen und Dokumente zu Thomas Mann: Der Tod in Venedig. Ditzingen: Reclam, 1991. Taschenbuch, 206 Seiten Venedig
Hans G. Schede: Thomas Mann: Der Tod in Venedig. Lektüreschlüssel. Ditzingen: Reclam, 2005. Taschenbuch, 96 Seiten Thomas Mann
Visconti Thomas MannTod in Venedig (1970). Warner Home, 2004. DVD Luchino Visconti, Regie. Mit: Dirk Bogarde, Silvana Mangano. Spieldauer: 125 Minuten
mann Anfang

Mann Tod Venedig
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© by Herbert Huber, Am Fröschlanger 15, 83512 Wasserburg, Germany, 27.7.2004