| Hermann
Hesse: Unterm Rad In: Gesammelte Werke, 2. Bd. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1987. S. 5-178 – |
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| Hans
Giebenrath wird als ein zu Grausamkeit
und Wutanfällen neigender Musterschüler
eingeführt. Von vermeintlich wohlwollenden Lehrern und
Meistern wird er fürs Leben getrimmt. Recht treffend wird eine
Dissertation über diesen frühen Roman Hesses mit Non
vitae sed scholae discimus benannt, dem bekannten Zitat von Seneca, das aber
meist sinnverkehrt genannt wird (siehe Doch als ihm der Umgang mit Hermann von den Lehrern verboten wird und als er seinen Freund anlässlich einer Schülerprügelei verleugnet, bröckelt diese Beziehung. Der 15-jährige Hermann türmt – wie einst auch der Autor – aus dem Kloster und gewinnt die Freiheit. Hans verliert den Faden und wird in seinen schulischen Leistungen immer schlechter, bis er die Schule verlassen muß. Die Rückkehr in seinen Heimatort ist peinlicher als wenn er nie das Stipendium errungen hätte. Hans blüht und glüht auf, als er die etwas ältere Emma kennenlernt und sich verliebt. Doch Emma sieht in ihm nur einen Zeitvertreib: ohne sich von Hans zu verabschieden verläßt sie den Ort. Das wirft Hans vollends aus der Bahn, er kommt unters Rad. Das auch wörtlich, da er als Lehrling der Eisenbearbeitung Räder zufeilen muß. Merkwürdig ist bei ihm auch, dass er zwischen dem handwerklichen Beruf und dem eines Schreibers wählen darf, sich aber unentschlossen treiben lässt. Bei einem sonntäglichen Gang in die nahe Stadt mit jugendlichen Arbeitskollegen besäuft sich Hans und kommt nie mehr nach Hause. Er wird tot im Fluß treibend aufgefunden. Unterm Rad ist damit ein Schüler- und Bildungsroman, der tragisch endet. Hesse beschreibt den Prozeß der Bewußtwerdung des Jugendlichen: er löst sich aus der vertrauten Kinderwelt zum Aufbruch ins Neue oder in den Tod. In der schwäbischen Schule, die Hesse schildert, wird die Individualität unterdrückt. Es wird der gefügige Untertan herangezogen. Insofern steht Unterm Rad im KLL nicht zufällig vor Heinrich Mann: Der Untertan (
Trotzdem las ich den Roman auch als einen Hieb gegen das Erziehungs- und Schulsystem zu Beginn des 20. Jhdts. Schon in der Klosterschule wird Hans gesundheitlich zerbrochen. Statt Angeln, Kaninchen und Umherbummeln gibt es Latein, Griechisch und Kopfweh. Als Hans vom Seminar in Maulbronn zurückkam sind "diese ihrer Pflicht beflissenen Lehrer der Jugend" (S. 117) enttäuscht. Dabei wurde das gebrechliche Wesen eben von jener Schule und dem barbarischen Ehrgeiz des Vaters und einiger Lehrer zerstört (S. 117-118). Hans versucht wieder zu Hause Teil der schwarzwäldischen Kleinstadt zu werden. Er beginnt die Schlosserlehre; verliebt sich in Emma. Doch die ehemaligen Förderer und Überforderer haben kein Interesse mehr am Schulversager. Das wirft auch die hochaktuelle Frage auf, inwiefern eine Gesellschaft, die zuerst dem Individuum Ziele (zu hochgesteckte) vorgibt, dem scheinbaren Versager zur Hilfestellung verpflichtet ist. In unserer Zeit z.B. im Sport, bei Künstlern. aber auch im sonstigen öffentlichen Leben: sehr schnell wird jemand hochgejubelt und dann wie eine heisse Kartoffel fallen gelassen. Das geht im Unterm Rad so weit, dass Hans an Selbstmord denkt. Er schreibt Abschiedsbriefe. Eine Anmerkung legt nahe, dass der Tod noch hinausgezögert wird (S. 124). Es fehlt noch die bittere Süße des Lebens, womit der Autor die Liebelei mit Emma meint. Doch führt diese Affäre, die von Emma abrupt beendet wird erst vollends in die Katastrophe. Diese deutet sich über den ganzen Text hin an. |
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| Giebenrath
ist oft abwesend, ganz ausführlich wird das geschildert, als
er Livius übersetzen soll (S. 107-108). Der Schleier, der den
nervenkranken Giebenrath schon lange begleitet, erinnert an Hesses
Gedicht "Im Nebel" ( |
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| Allerdings
zeigt Hesse auch Lehrer, die sich um Hans bemühen, besonders
Ephorus, Leiter des Klosterseminars, sei genannt. Bei einem
Schwächeanfall wird ein Arzt hinzugezogen. An anderer Stelle streift Hesse den Sozialdarwinismus: die Kinder "gänzlich armer Leute" verstehen nicht zu wirtschaften oder zu sparen (S. 67). Hier vergisst der Autor, dass weder diese Kinder noch deren Eltern sparen können. Von was auch? Diese Stelle klang für mich so, als ob die Armen selbst schuld seien: sie können ja nicht wirtschaften. Auch das Titelmotto klingt danach: "Nur nicht matt werden, sonst kommt man unters Rad" (S. 100). In Unterm Rad gibt es zwei Helden: Hans Giebenrath und Hermann Heilner (Initialien HH wie Hermann Hesse; Heilner als Heilsbringer). Hans ist wenig selbstbewußt, ein von seiner Umgebung Getriebener. Demzufolge steht am Ende sein Tod, den viele als Selbstmord lesen, was der Text aber keinesfalls hergibt: "Niemand wußte auch, wie er ins Wasser geraten sei. Er war vielleicht verirrt und an einer abschüssigen Stelle ausgeglitten; er hatte vielleicht trinken wollen und das Gleichgewicht verloren. Vielleicht hatte ihn der Anblick des schönen Wassers gelockt, daß er sich darüber beugte, ... trieb ihn Müdigkeit und Angst mit stillen Zwang in die Schatten des Todes" (S. 176-177). Heilner könnte ihn retten, er ist Hans' erste Identifikationsfigur. Hesse drückt aus, dass die Repräsentanten des Bildungssystems unfähig sind, den "Fall" Hans richtig zu behandeln. Keiner merkte, dass mit dem barbarischen Ehrgeiz das Kind überfordert wurde (S. 117). |
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| "Sozialer
und psychologischer Determinismus
sowie individueller und freier Wille können als
übergeordnete Fluchtpunkte der Interpretationen gelten, die
versuchen, den neurasthenischen [nervenschwach, H.H] Helden als
Mitschuldigen an seinem Schickals zu erweisen (Solbach o.J. S. 71; siehe |
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| Stilistisch ist
Hesse elegant; manchmal
schießt er dabei übers Ziel hinaus. Die Knaben
"plauderten ein paar zaghafte Flüsterworte, die bald
verstummten" (S. 63). Wie man Flüsterworte plaudert ist
unklar. Und nicht sie verstummen, sondern die Knaben. Anheimelnd ist die Verwendung alter Worte wie "glasten heißer Sommerbrand" oder "kuranzen" für plagen und qäulen. Vielleicht liegt das weniger an der Intention des Autors als den hundert Jahren, die seitdem vergangen sind. |
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| Wie aktuell das Thema der Versager in der Schule ist (wobei zu klären ist, wer etwas versäumte: Elternhaus, Schüler, Lehrer, Schulsystem?), zeigt sich an den Amokläufern in Schulen. Aktuell zur Besprechung von Unterm Rad ereignete sich der Fall des 18-jährigen Realschülers, der in einem Abschiedsbrief schrieb: "Das einzigste, was ich intensiv in der Schule beigebracht bekommen habe, war, dass sich ein Verlierer bin", SZ, 21.11.2006, S. 1. | |
| Nachdem
mir Steppenwolf von
Hesse nicht gefallen hat ( |
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| Vergleichsliteratur | |
| Peter
Grotzer (siehe |
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| Arthur
Rimbaud: Trunkenes Schiff
[Le
Bateau ivre] James Joyce: Ein Porträt des Künstlers als junger Mann [A Portrait of the Artist as a Yound Man] Robert Musil: Die Verwirrung des Zöglings Törless Hermann Hesse: Unterm Rad Hermann Hesse: Demian Jean Paul Sartre: Die Kindheit eines Chefs [L'Enfance d'un chef] Jean Paul Sartre: Die Wörter [Les Mots] Jerome D. Salinger: Der Fänger im Roggen [The Catcher in the Rye] – Ulrich Plenzdorf: Die Leiden des jungen W. Georges Bernanos: Die neue Geschichte der Mouchette [Nouvelle Histoire de Mouchette] Joseph Roth: Der blinde Spiegel Kürzer behandelt werden: Simone de Beauvoir: Memoiren einer Tochter aus gutem Hause [Mémoires d'une jeune fille rangée] William Golding: Das Feuer der Finsternis [Darkness Visible] Christa Wolf: Kindheitsmuster |
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| Weitere Vergleichsliteratur | |
| Ricarda
Huch: Aus der Triumphgasse
– Wilhelm Raabe: Die Chronik der Sperlingsgasse – Carsten Probst: Träumer Emil Strauß: Freund Hein Fred Uhlman: Der wiedergefundene Freund – Frank Wedekind: Frühlings Erwachen |
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| Links | |
| Marianne
Kaindl: "Hermann Hesse: Unterm Rad - Einige Überlegungen zu
Hans Giebenraths Tod durch Ertrinken", 1984; verfügbar als |
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| Literatur. soweit nicht weiter unten aufgeführt | |
| Esselborn-Krumbiegel, Helga: "Hermann Hesse: Unterm Rad". In: Interpretationen. Erzählungen des 20. Jahrhunderts. Band 1. Stuttgart: Reclam, 1996. S. 55-74 | |
| Gansel, Carsten (2009): "„Ach ich bin so müde“ – Gesellschaftliche Modernisierung und Adoleszenzdarstellung in Hermann Hesses „Unterm Rad“". In: Neuer Mensch und kollektive Identität in der Kommunikationsgesellschaft. VS Verlag für Sozialwissenschaften, S. 25-46. | |
| Gansel, Carsten (2004): "Von Angst, Unsicherheit und anthropologischen Konstanten - Modernisierung und Adoleszenzdarstellung bei Hermann Hesse". In: Andreas Solbach, Hg.: Hermann Hesse und die Modernisierung. Kulturwissenschaftliche Facetten einer literarischen Konstante im 20.Jahrhundert. Frankfurt/M.: S. 224-255. | |
| Grotzer, Peter: Die zweite Geburt: Figuren des Jugendlichen in der Literatur des 20. Jahrhunderts. 2 Bde. Zürich: Ammann, 1991. | |
| Hahn, Hans J.: "Störfälle, oder Probleme des integrierten Außenseiters, in den pädagogischen Romanen Hermann Hesses und in Carsten Probsts Träumer". In: Ingo Cornils, Osman Durrani, Hg.: Amsterdamer Beiträge zur neueren Germanistik. Hermann Hesse Today. Vol. 58. o.J. S. 159-172. | |
| Marquardt, Katrin: Zur sozialen Logik literarischer Produktion. Die Bildungskritik im Frühwerk von Thomas Mann, Heinrich Mann und Hermann Hesse als Kampf um symbolische Macht. Würzburg: Königshausen & Neumann, 2000. Epistemata: Reihe Literaturwissenschaft 205. Zugl.: Hamburg, Univ., Diss., 1995. 340 S. | |
| Noob, Joachim: Non vitae sed scholae discimus. Der Schülerselbstmord in der Literatur um die Jahrhundertwende. Ann Arbor, Mich.: University of Michigan, 1999. Zugl. Oregon, Univ., Diss., 1997. 344 S. | |
| Noob, Joachim: Der Schülerselbstmord in der deutschen Literatur um die Jahrhundertwende. Heidelberg: Winter, 1998. 250 S. Beiträge zur neueren Literaturgeschichte ; Folge 3, Bd. 158. | |
| Schmid, Claus P: "Unterm Rad". Kindlers Literaturlexikon. München: DTV, 1986. S. 9755 | |
| Solbach, Andreas: "Dezisionistisches Mitleid: Dekadenz und Satire in Hermann Hesses Unterm Rad". In: Ingo Cornils, Osman Durrani, Hg.: Amsterdamer Beiträge zur neueren Germanistik. Hermann Hesse Today. Bd. 58. o.J. S. 67-82. |
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| Hermann
Hesse: Unterm Rad.
Frankfurt am Main: Suhrkamp, 2003. Gebunden, 224 Seiten |
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| Helga
Esselborn-Krumbiegel: Unterm
Rad. Erläuterungen und Dokumente. Ditzingen: Reclam,
1995. Broschiert, 110 Seiten |
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| Andrea
Ruhlig: Hermann Hesse
'Unterm Rad'. Cornelsen 2004. Broschiert, 48 Seiten |
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| Hermann
Hesse, Romane,
Interpretationen. Ditzingen: Reclam, 1994. Broschiert, 200
Seiten 6 Beiträge: Unterm Rad, Demian, Siddhartha, Der Steppenwolf, Narziß und Goldmund, Das Glasperlenspiel. |
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