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Heinrich Böll: Das Brot der frühen Jahre. Erzählung
Köln: Kiepenheuer & Witsch, 2003. 121 Seiten – böll Linksböll Literatur
Walter Fendrich, ein junger Spezialist für Waschmaschinen, hat nach einem bewegten Leben (mehrere abgebrochene Lehren; Ortswechsel) ein geschäftiges Auskommen. Bei den Abrechnungen für seine Leistungen ist er großzügig (S. 9, 31). Da holt er an einem Montag Hedwig, eine Schulfreundin, die jetzt in der Großstadt in  der Fendrich wohnt studieren soll, vom Bahnhof ab und besorgt ihr ein Zimmer. Er verliebt sich sofort und restlos in sie. Es ist immer noch Montag (S. 107), da führt er Hedwig auf sein Zimmer in Untermiete bei Frau Brotig (!). Sie kann das nicht dulden (14. März 1955), doch Walter ist katholisch schlau und meint, sie hätten eine Nothochzeit ohne Priester vollzogen (S. 117).
Böll erzählt eine Parabel über das Wirtschaftswunder. Dass er mit dem todsündigen Schluß (ein junges unverheiratetes Paar im Untermietzimmer) die katholische Ethik anprangern oder gar entlarven wollte, bezweifle ich. Walter Fendrich kam durch verschiedene Umstände (sehr korrekter Vater, früh verstorbene Mutter, keine abgeschlossene Ausbildung) in die Arbeitsmaschinerie der Nachkriegszeit. Dabei erinnert er sich oft und ausgiebig der Hungerszeit, als er zusammen mit seinen Eltern ums tägliche Brot kämpfte.
An jenem Monat im März erlebt er die Liebe und zerreisst die Waschmaschinenaufträge.
Trotz der Kürze ist die Erzählung vielschichtig. Zweimal stahl Walter: seinem Vater stahl er wertvolle Bücher (das einzige kostspielige Hobby des Studienrats Fendrich) und verscherbelte sie weit unter Wert. Dieser bemerkte es natürlich aber verzeiht ihm. Später stahl er einmalig (?) bei seinem Arbeitgeber Wickweber. Dieser vergibt nicht, sondern erinnert ihn durch seine mit Walter etwa gleichaltrigen Kinder Wolf und Ulla (diese gilt bis zu Hedwig als seine Verlobte) daran. Walter bekennt sich zu beiden Verfehlungen und sendet Wickweber eine Scheck über den geklauten Betrag. Ein kleiner Kapitalismus-Scherz ergibt sich, als Walter erkennt, dass der Scheck nicht gedeckt ist, weil er nachmittags all sein Geld für seine Zukunft mit Hedwig abgehoben hatte.
Das Brot als zentrales Motiv steht auch für die geistige Nahrung. Das tägliche finanzielle Brot genügt Walter offenbar nicht. Durch Hedwig besinnt er sich wieder auf die eigentlichen Werte.
Die rasante Liebeswut erinnert an manche Erzählungen von Stefan Zweig, so vor allem "Die Mondscheingasse" (böll Rezension). Während dort die Beziehung scheitert darf man bei Böll auf besseres Gelingen hoffen. Den Liebesanfall schildert Böll großartig:
"In dieser halben Minute, in der ich hinter ihr herging, dachte ich daran, daß ich sie besitzen würde und daß ich, um sie zu besitzen, alles zerstören würde, was mich daran hindern könnte. Ich sah mich Waschmaschinen zertrümmern, sie mit einem zehnpfündigen Hammer zusammenschlagen." (S. 39)
Das macht deutlich, wie gefährlich diese Vernarrtheit ist: Walter denkt an den Besitz der Frau. Tauscht er damit nicht nur das Geld des Wirtschaftswunders gegen eine Frau ein? Die Liebesblindheit läßt ihn auch die sonstigen Grundlagen seines Lebens vergessen. Insofern überspitzt Böll auch hier: wenn der Wertewandel die Zerstörung der Lebensgrundlage bedingt, ist er arg zu bezweifeln. Walter vernachlässigt an jenem Tag seine Kundschaft mehrfach; seine Auftragszettel zerreißt er.
Böll überfrachtet die Erzählung. Das Brotmotiv und ein Motiv der Farbe Rot tritt penetrant häufig auf. Als Hedwig abends auf Walter wartet wird sie von einem 35-jährigen Mann angesprochen, der sich scheiden lassen wollte und sie heiraten: etwas zuviel der spontanen Verliebtheit. Böll steigert zudem diese Szene ins Surrealistische (S. 110). Innerhalb einer Minute fiel Hedwig in seine Arme und wieder heraus, durchlebte eine Ehe mit Kindern mit ihm; er kaufte ihr eine Hut, "rot wie Kirschmarmelade" und wird noch seine Witwe. Doch auch die anschließende Angst vor Hedwigs Tante Hilde Kamenz, die in Hedwigs Mietzimmer auf sie wartet, wird übersteigert (S. 111-113).
Es gelingt dem Autor aber ausgezeichnet die Stimmung der 50-er Jahre in der Adenauerzeit festzuhalten. Dabei ragt aus der alten zeit noch die Lichtgestalt des Vaters in die Handlung. Walter scheint ein typischer Vertreter der jungen Generation jener Zeit, der sich erst wieder an den alten Werten, am Brot der frühen Jahre ausrichten muß.
Das Können Bölls zeigt sich - bei aller Übersteigerung seiner Botschaft - wenn man diese Erzählung mit Werken nach dem Bruch von 1989 vergleicht, etwa mit dem mißlungenem Hampels Fluchten von Kumpfmüller (böll Rezension). Die Arbeitswelt Heinrich Hampels ist grundsätzlich mit der von Walter Fendrich vergleichbar. Böll beschreibt so nebenbei stimmig die Atmosphäre des Kleinbürgertums; im neueren Werk wird sie auf Hampelei und Geschlechtsverkehr reduziert. Der Berliner Schriftsteller Michael Kumpfmüller wurde 2007 mit dem Alfred-Döblin-Preis 2007 ausgezeichnet. Allerdings für sein noch unveröffentlichtes Manuskript «Nachricht an alle», laut Jury ein «Angestellten-Roman der Macht in einer westeuropäischen Demokratie». 
Heinrich Böll gelingt es kleinbürgerliche Schauplätze und die Atmosphäre der Nachkriegszeit eindrücklich zu schildern. Dazu hat die Erzählung  Das Brot der frühen Jahre eine diskutable Botschaft: ein dickes Auto bestätigt noch nicht, dass der Fahrer es "geschafft" hat.
Links
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BöllHeinrich-Böll-Webseite
BöllWikipedia
BöllDas Brot der frühen Jahre
böll Heinrich Böll: Und sagte kein einziges Wort
böll Zitate
Literatur
Gisela Hesse: "Das Brot der frühen Jahre". Kindlers Literaturlexikon S. 1635-1636
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böll BöllHeinrich Böll: Das Brot der frühen Jahre. Erzählung. Köln: Kiepenheuer & Witsch, 2003. 121 Seiten böll
Heinrich Böll: Das Brot der frühen Jahre. Erzählung. München: Dtv, 1978. Taschenbuch, 112 SeitenBöll
böll Böll Werner Bellmann: Interpretationen: Heinrich Böll. Romane und Erzählungen. Ditzingen: Reclam, 2000. Taschenbuch, 302 Seiten böll
Peter Leiser, Reiner Poppe: Heinrich Böll: Das Brot der frühen Jahre - Ansichten eines Clowns.  Analysen und Reflexionen, Bd. 8. Hollfeld: Beyer, 1999. Broschiert, 112 SeitenBöll
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