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Schach von Wuthenow
Theodor Fontane:
Schach von Wuthenow: Erzählung aus der Zeit des Regiments Gensdarmes

zahlreiche Ausgaben – Fontane LinksFontane Literatur
Marcel Reich-Ranicki nahm Theodor Fontanes Schach von Wuthenow in den Kanon deutscher Literatur als Mindestanforderung für die Schullektüre auf (Hage 2001, Fontane Links). Ich las die Erzählung (Novelle, Kurzroman; die Genrezuordnung ist strittig aber für uns als Leser unerheblich) einst wegen „Schach“, später nochmals und war angetan.
Jetzt las ich Schach von Wuthenow - Erzählung aus der Zeit des Regiments Gensdarmes erneut und war begeistert. Die mehrmalige Lektüre lohnt sich, besonders wenn man die politischen, geschichtlichen und philosophischen Gespräche zu würdigen weiß und die aktuellen Bezüge berücksichtigt.
Die Titelfigur ist Rittmeister Schach von Wuthenow (Vorname wird nicht genannt), der Frau Josephine von Carayon, eine 36-jährige (oder älter, vergleiche Nostitzs Bemerkung im 3. Kap. S. 125) Witwe verehrt („Er hat mit der Mutter getechtelmechtelt“, befindet Fontane selbst in einem Brief an seine Tochter Emilie) und ihr – so legt es der Text nahe – den Hof macht. Man rechnet damit, dass er sich erklärt und sie um ihre Hand bittet. Doch Schach zögert. Einige gesellschaftliche Anlässe rund um das Haus der Frau von Carayon lassen ahnen, dass sich etwas zwischen Schach und der Tochter Victorie anbahnt. Dann passiert es; kurz vor der Mitte der Erzählung, am Ende des 8. Kapitels: „Schach und Victorie“, S. 160. Das ist für manche Literaturwissenschaftler die unerhörte Begebenheit, die  Schach von Wuthenow zur Novelle machen. Doch was ist es? Darüber gleich mehr. Es genügt jedenfalls, dass Frau von Carayon die Heirat der beiden für unausweichlich hält.  Schach stimmt zu, zögert aber. Zuerst sinniert darüber nach den Dienst zu quittieren, zu heiraten und ein langweiliges Leben zu führen (13. Kap., S. 174). Dann gibt es ein Schlammkampagne gegen ihn mit Karikaturen (13. Kap., S. 176-178). Schach zieht sich auf sein Schloss Wuthenow am See zurück (zurück in den Mutterleib; Fleig 2007).  Frau von Carayon wird energisch und zuletzt interveniert sie beim König. Dieser stellt  Schach vor die Wahl: unehrenhafte Entlassung aus der preußischen Armee oder Heirat. Schach von Wuthenow überlegt. Die Königin appelliert an Schachs Pflicht und Ehre (17. Kap., S. 199). Die anonyme Kampagne mit Karikaturen macht den Rittmeister lächerlich. Er heiratet schließlich Victoire. Auf der Heimfahrt von der Hochzeitszeremonie erschießt er sich.
Als Abschluss setzt Fontane zwei Kapitel. Im Brief „Bülow an Sander“ (20. Kapitel) vom 14. September 1806 wird die politische Komponente des Geschehens und der Zeit diskutiert. Im abschließenden 21. Kapitel „Victorie von Schach an Lisette von Perbandt“, datiert mit Rom, 8. August 1807, wird auch für die Leser, die Fontanes gut versteckte Andeutungen noch nicht verstanden hatten, alles klar. Victorie hat inzwischen eine Tochter, die todkrank gewesen war. Durch ein Opfer in der Kirche Araceli gesundete das Baby. Victoire schreibt, dass man das als Aberglaube bezeichnen könne, aber sie dankt tagtäglich für das Wunder.
Vorbemerkung
Für die nachfolgenden Analysen beanspruche ich nicht umfassend oder gar erschöpfend zu sein.
Wem sie zu umfassend sind, der lese gleich das Fontane Fazit.
Ursprung
Die Erzählung beruht auf einer wahren Begebenheit, die Fontane ins Jahr 1806 verlegte.
Der Major Otto Friedrich Ludwig von Schack hatte 1815 eine Affäre mit der 25-jährigen Salondame Henriette von Crayen, hugenottischer Abstammung und Angehörige der französischen Kolonie.
Bei Fontane wurde Herr von Carayon „ein kleiner, schwarzer Koloniefranzose“ (Kap. 4, S. 128). Wobei mir unklar blieb: war dieser  Herr von Carayon der verstorbene Mann Josephines oder ein früherer Vorfahre? Erstaunlich jedenfalls, dass an keiner anderen Stelle die Hautfarbe Victoires erwähnt wird. Die schwarze Herkunft wird auch in der Sekundärliteratur – soweit ich sie las – nicht thematisiert. Doch auch die beiden Alexandre Dumas waren von karibischer, schwarzer Herkunft und das wurde – wieder soweit ich weiß – nicht gross problematisiert.
Modernität
Schach von Wuthenow ist ein erstaunlich modernes Werk. Die Erzählperspektive wechselt, der Fokus ist auf verschiedenen Personen und Orten (das spricht gegen die Zuordnung als Novelle); Salon, Restaurant, Schloß, Audienz, Soirée, Strasse, Schauspiel, Landausflug, ...
Fontane erzählt nüchtern ohne zu werten, für das Jahr 1882 nicht unbedingt üblich. (Der Roman erschien in Fortsetzungen 1882 in der Vossischen Zeitung und 1883 in Buchform.) Er bringt alles in exakten geschichtlichen Zusammenhang und objektiviert durch viele Dialoge (der Erzähler tritt zurück) und eingeschobene Briefe. Das 5. Kapitel ist beispielsweise ein Brief von Victoire von Carayon an Lisette von Perbandt, der Fontane die Gelegenheit gibt, das genaue Datum, es ist der 3. Mai (1806), einzuflechten.
Fontane bedient sich eines fluktuierenden Erzählers. Im 8. Kapitel „Schach und Victoire“ wird beispielsweise abwechselnd aus der Perspektive Schachs und Victoires erzählt, je nachdem, wessen Empfindungen gerade relevant sind. Der Erzähler ist gegenüber dem Geschehen weitgehend regungslos. Die (Er)Regungen und Überlegungen im Leser werden durch die Gespräche entfacht. Der Leser selbst muss folgern und urteilen.
Personen
Historisches Personal
Einige historische Personen flicht Fontane ein: von Alvensleben, von Bülow, Verleger Sander und Prinz Louis Ferdinand von Preußen, ein Neffe Friedrich des Grossen. In Berlin regiert Friedrich Wilhelm II.
Schach von Wuthenow
Schach von Wuthenow ist Repräsentant des alten Preußen, das in Kürze untergehen wird (Doppelschlacht bei Jena und Auerstedt). Er ist Lutheraner, konservativ; er achtet auf Normen und ist treu zum König. Gott steht für ihn auf Seiten Preußens. Herr von Bülow fragt:
„Oder glauben sie wirklich, dass der Odem Gottes im Spezialdienste des Protestantismus, oder gar Preußens und seiner Armee steht?“ Und Schach antwortet: „Ich hoffe, ja.“ Bülow ist ganz anderer Ansicht: „Und ich fürchte, nein.“ (6. Kap., S. 145).
Anmerkung
Auch beim Niedergang der Armada war Gott im Spiel: »Er blies, und die Armada zerstob in alle vier Winde.« »Afflavit Deus et dissipati sunt.« (6. Kap., S. 145).
Insgesamt erscheint Schach recht durchschnittlich. Wie sein historisches Vorbild legt er Wert auf seine Reputation bei den Kameraden im Regiment. Er ist schön, eitel und wohl auch feige. Schach befürwortet den Krieg mit Napoleon und er hält „zu dem friderizianischen Satze, daß die Welt nicht sicherer auf den Schultern des Atlas ruht als Preußen auf den Schultern seine Armee.“ (3. Kap., S. 126, 4. Kap., S. 135).
Victorie von Carayon, später Victorie von Schach
Victorie wird als Gegenpol zu Schach dargestellt. Wärend Schach ein schöner, begehrenswerter Rittmeister ist, einer der Besten, wie oft betont wird, ist Victoire häßlich, durch Blattern entstellt. Sie ist durch den „größten und gewaltigsten Läuterungsprozess wie durch ein Fegefeuer gegangen“ (7. Kap., S. 154), eine „beaute du diable“ (Genaueres dazu weiter unten). Victoire  hat außerdem den Nachteil, dass ihre Mutter verwitwet ist. Es war lange Brauch, dass erste die Ältere unter die Haube muss, dann erst die Jüngere.
Josephine von Carayon
Frau Josephine von Carayon tritt wegen ihrer Tochter und Schach etwas in den Hintergrund. dabei kommt ihr eine besondere Rolle zu. Sie ist die starke Frauenfigur, die man später bei Fontane noch oft treffen wird. Sie ist eigentlich von der Affäre am meisten betroffen, durfte sie sich doch bis dahin selbst gute Chancen bei Schach ausrechnen. Sie tadelt weder Victoire noch Schach. Ihr ist wichtig, den äußeren Schein zu wahren. Ihre Tochter spricht sie Mut zu, kurz bevor Schach zu Besuch kommt: „Er ist schwach und eitel nach Art aller schönen Männer, aber von einem nicht gewöhnlichen Rechtsgefühl und einer untadligen Gesinnung.“ (12. Kap., S. 170) Gegenüber Schach tritt sie dann sehr bestimmt auf: „Ich gehöre der Gesellschaft an, deren Bedingungen ich erfülle, deren Gesetzen ich mich unterwerfe; daraufhin bin ich erzogen, und ich habe nicht Lust, einer Opfermarotte meiner einzig geliebten Tochter zuliebe, meine gesellschaftliche Stellung mit zum Opfer zu bringen. Mit andern Worten, ich habe nicht Lust, ins Kloster zu gehen oder die dem Irdischen entrückte Säulenheilige zu spielen, auch nicht um Victoirens willen. Und so muß ich denn auf Legitimisierung des Geschehenen dringen. Dies, mein Herr Rittmeister, war es, was ich Ihnen zu sagen hatte.“ (12. Kap.. S. 172)
So stellt sie ihm eine „carte blanche“ aus, wenn Gras über die Sache gewachsen ist (12. Kap.S. 173). Daraus ergibt sich ein weiterer aktueller Bezug: Auch der deutsche Bundespräsident Christian Wulff hofft derzeit (im Jahr 2012), dass über seine Affären nach einem Jahr Gras gewachsen ist.
Die Beziehung zwischen ihr und Tochter Victoire zu untersuchen wäre sicher reizvoll.
Die Stärke Josephine von Carayons führt schließlich zu Schachs Selbstvernichtung.
Von Bülow
Bülow, Intellektueller und Schriftsteller,  übt an Preußen Kritik, obwohl er auch von Preußens Vorrangstellung überzeugt ist: „Unsere preußische Wirtschaft ist erbärmlich, und Mirabeau hatte recht, den gepriesenen Staat Friedrichs des Großen mit einer Frucht zu vergleichen, die schon faul sei, bevor sie noch reif geworden, aber faul oder nicht, eines haben wir wenigstens: ein Gefühl davon, daß die Welt in diesen letzten fünfzehn Jahren einen Schritt vorwärts gemacht hat“ (S. 114).
Bülow betrachtete Victoires Blatternarben „als absolut gleichgültig“ (S. 116), das spricht für einen vorurteilsarmen Geist. Im selben Salongespräch erweist er sich aber auch als reich an Vorurteilen (siehe unten: Nationalismus / Rassismus).
Bülow beruft sich als auf Mirabeau, der als Brücke der erotischen Szene zwischen Victoire und Schach dient.  Mirabeau gilt als Aufklärer, Politiker und Autor freizügiger erotischer Werke.
Im Kap. 2 wird Bülow so eingeschätzt: „Er hatte, wie die meisten mit Staatenuntergang beschäftigten Frondeurs, auch seine schwachen Seiten, und eine davon war durch das Lied getroffen worden. An dem halbumwölkten Himmel draußen funkelten ein paar Sterne, die Mondsichel stand dazwischen, und er wiederholte, während er durch die Scheiben der hohen Balkontür hinaufblickte: »Wo strahlend die Brüderlein blühn.« Wider Wissen und Willen war er ein Kind seiner Zeit und romantisierte.“ (S. 122)
Bülow ist also ambivalent: Im 1. Kapitel der kühle Denker und Kritiker, im 2. Kap. der Romantiker.
Die Qual der Wahl
Zu Beginn des paradigmatisch benannten Werks: Entweder – Oder sinniert der dänische Philosoph: „Heirate, du wirst es bereuen; heirate nicht, du wirst es auch bereuen; heirate oder heirate nicht, du wirst beides bereuen; [...] Erhänge dich, du wirst es bereuen; erhänge dich nicht, du wirst es auch bereuen; erhänge dich oder erhänge dich nicht, du wirst beides bereuen. Dies, meine Herren, ist aller Lebensweisheit Inbegriff.“
Sören Kierkegaard: Entweder – Oder [Enten – Eller]. München 1975, S. 49f. H. Faureck Übs.
Schach von Wuthenow hat die Wahlmöglichkeit und damit die Qual der Wahl. Das 13. Kapitel trägt die Überschrift „La choix du Schach“, die Wahl des Schachs. Doch Schach muss sich schon vorher entscheiden. Das zehnte Kapitel heißt: „Es muß etwas geschehen“.
Anmerkung
Da hat es der Ermittler Brenner von Wolf Haas (Fontane Links) vergleichsweise gut. Die Werke Haas' beginnen regelmäßig mit:: „Es ist wieder etwas geschehn“.
Im diesem zehnten Kapitel geht es um das Theaterstück „Die Weihe der Kraft“ von Zacharias Werner (1768 – 1823). Wird darin Martin Luther verhöhnt? Man muss sich entscheiden: für oder gegen das Drama? Insbesondere die Regimentsmitglieder wollen gegen die Aufführung ein Zeichen setzt. Sie vereinbaren mitten im Sommer eine verulkende Schlittenfahrt und führen sie auch durch (11. Kap.). Schach macht nicht mit. Später wird er mit einigen Karikaturen „La choix du Schach“ der Rittmeister und seine Wahl zwischen Mutter und Tochter verhöhnt (siehe unten Karikaturenstreit von 1806). Schach wird schließlich von anderen zur Entscheidung gedrängt. Doch er will beides. Gehorsam gegenüber den König und gehorsam gegenüber seiner eigenen Natur. „Er wußte, was er dem König schuldig sei: Gehorsam! Aber sein Herz widerstritt, und so galt es denn für ihn, etwas ausfindig zu machen, was Gehorsam und Ungehorsam in sich vereinigte, was dem Befehle seines Königs und dem Befehle seiner eigenen Natur gleichmäßig entsprach. Und dafür gab es nur einen Weg.“ (17. Kap., S. 200) Werner
Werner Zacharias: "Die Weihe der Kraft", Reclam
Gleich darauf reift sein Gedanke (oder fasste er ihn schon früher?), den der Leser nur ahnen kann. Damit findet Schach wieder zur alten Ruhe zurück. Er rationalisiert seinen Entschluss: „»Leben«, sprach er vor sich hin. »Was ist Leben? Eine Frage von Minuten, eine Differenz von heut auf morgen.« Und er fühlte sich, nach Tagen schweren Druckes, zum ersten Male wieder leicht und frei.“ (17. Kap., S. 200)
Das erinnert an Marc Aurel: „Und dann, dass auch der, der am längsten gelebt hat, doch nur dasselbe verliert, wie der, der sehr bald stirbt. Denn nur das Jetzt ist es, dessen man beraubt werden kann, weil man nur dieses besitzt, und niemand verlieren kann, was er nicht hat.“ Meditationen 2. Buch, 11; auch Selbstbetrachtungen betitelt. Übersetzung durch F. C. Schneider von 1857.
Motiv für den Freitod
Über die Motive für Schachs Freitod kann man nur aus dem Text und Kontext schließen. Er hinterließ kein Bekenntnis irgendeiner Art. Oder doch ...
• Im 13. Kapitel sieht er sein künftiges Leben ohne Regimentsangehörigkeit an der Seite seiner Frau Victorie (S. 174). Er sieht es recht trist. Man könnte auch auf einen Konflikt mit seinem Schönheitsideal (vor Prinz Louis) und dem preußischen Gehorsam folgern.
• Meine Lesart deckt sich hier mit Walther P. Guenther (1981). Die Karikaturen gaben den Ausschlag. Mehr als alles andere scheute Schach es zum Gespött bei seinen Kameraden zu werden. Alvensleben urteilt über Schach: »Er ist krankhaft abhängig, abhängig bis zur Schwäche, von dem Urteile der Menschen, speziell seiner Standesgenossen, und würde sich jederzeit außerstande fühlen, irgendeiner Prinzessin oder auch nur einer hochgestellten Dame Victoiren als seine Tochter vorzustellen.« (Kap. 3)
• Es gibt noch eine Quelle zur Erschließung der Motive: Fontane selbst. In einem Brief an Julius Grosser vom 31. Januar 1882 schreibt Theodor Fontane:
„Die Kameradschaft vom Regiment Gensdarmes aber lacht und zeichnet Kariakturen, und weil er dies Lachen nicht ertragen kann, erschießt er sich unmittelbar nach dem Hochzeitsmahl, an dem er in heiterer Ruhe theilgenommen. Alles ein Produkt der Zeit, ihrer Anschauungen, Eitelkeiten und Vorurtheile.“ Zitiert nach Osborne 1991, S. 97; Hervorhebung von Fontane.
Ankündigung des Freitods
Fontane kündigt den Freitod Schachs dezent aber vielfältig an.
Schach verabschiedet sich zweimal von Victoire mit »Bis auf morgen.« (Kap. 8; Kap. 19) Beim ersten Mal weiß der Leser, dass Schach nicht kommen wird, beim zweiten Mal (nach der Hochzeit) ahnte er es. Das unmittelbar darauf verstärkt als Schach sie umarmte „wie wenn er Abschied nehmen wolle für immer“ (Kap. 19).
Schon der Grabstein des Tempelritters führt in die Todesthematik ein (Kap. 4).
Zwei weitere Indizien: In seinem Schloß „hingen zwei dicke Immortellenkränze mit schwarzen und weißen Schleifen daran“ (Kap. 14). Ein Immortellenkranz ist ein Hochzeitsgebinde und ein Trauergebinde mit künstlichen Blumen. – Vor der Hochzeit wirft Victoire einen Blumenstrauß kurz vor der geplanten Übergabe an Schach weg und er fällt auf ein Grab. Die abergläubische Tante weiß, dass so ein Vorfall immer etwas bedeutet (Kap. 19). (Koester 1966, S. 37)
So sehr ich von der Verführungsszene überrascht war, der Freitod Schachs überraschte mich kaum.
Liebe in Zeiten des Umbruchs und der Dekadenz
Die Konventionen des preussischen Staats und Militärs und das Luthertum prägen die Gesellschaft in Berlin und Umgebung. Das Militär und der Adel (vielleicht auch die Bürger) pflegen ein lockeres Leben, wer aber gegen strenge Moral- und sonstige Vorschriften verstößt muss die Folgen tragen. So befindet Victorie: „Die Gesellschaft ist souverän. Was sie gelten läßt, gilt, was sie verwirft, ist verwerflich.“ (Kap. 8, S. 159).
Ein Treffen mit einer Frau – sofern es publik wird – hat als notwendige Folge die Heirat. Da man annehmen kann, dass weder die unmittelbar Beteiligten Victoire und Schach, noch die dazugekommene Frau von Carayon die Affäre hinausposaunten, muss es wohl durch Hausangestellte an die Öffentlichkeit gelangt sein.
Bei Fontane ist der sexuelle Akt eine weiße Stelle im Text. Im Schach von Wuthenow passiert er im 8. Kap. „Schach und Victoire“ (S.160) und wird durch die vorausgehenden Ereignisse im Salon des Prinzen Louis – der es sich als Prinz erlauben kann einen offene Affäre zu pflegen – vorbereitet (siehe unten über die Schönheit). Ja, Schach wird erst durch das Plädoyer des Prinzen für die Schönheit beauté du diable zur Tat gedrängt (siehe weiter unten). Es ist keinesfalls nur ein „Moment romantischer Gefühlsverwirrung“ (Schach von Wuthenow, Wikipedia, Fontane Links).
Schach trifft Victoire allein vor und tritt ins Haus. Das allein widerspricht den Normen der damaligen Gesellschaft. In einem feinen Dialog vergewissern sie sich codiert gegenseitige Zuneigung. Das steigert sich zu Schachs Bekenntnis. „»Victoire, Sie tun sich unrecht; Sie wüten nutzlos gegen sich selbst und sind um nichts besser als der Schwarzseher, der nach allem Trüben sucht und an Gottes hellem Sonnenlicht vorübersieht. Ich beschwöre Sie, fassen Sie sich und glauben Sie wieder an Ihr Anrecht auf Leben und Liebe. War ich denn blind? In dem bittren Wort, in dem Sie sich demütigen wollten, in eben diesem Worte haben Sie's getroffen, ein für allemal. Alles ist Märchen und Wunder an Ihnen; ja Mirabelle, ja Wunderhold!« Ach, das waren die Worte, nach denen ihr Herz gebangt hatte, während es sich in Trotz zu waffnen suchte. Und nun hörte sie sie willenlos und schwieg in einer süßen Betäubung.“ (S. 160)
Nur durch den anschließenden plötzlichen Wechsel vom „Sie“ zum „du“ und Victoires losem Haar wird das zwischenzeitliche Geschehen angedeutet.
Rose Terry Cooke, eine US-amerikanische Regionalistin, hatte – etwa zur Zeit Fontanes – in einer Kurzgeschichte dafür einen langen Gedankenstrich gesetzt (Fontane Links). Der heutige Leser wird in Schwebe gehalten, es folgen aber weitere Andeutungen. Schach spricht gleich darauf von Schuld und Lüge und nennt es „Das alte Lied“ (S. 161). Das Spiel zwischen Schach und Sieg (Victoire) wiederholt sich in einer der späteren Karikaturen.
Karikaturenstreit von 1806
Der verbale Streit um die Kunstfreiheit im Salon wird in die Öffentlichkeit getragen und als Karikaturenstreit 1806 fortgesetzt. Dabei werden Schach drei Karikaturen präsentiert. Am weitaus verletzendsten aber berührte ihn das dritte Blatt. Es nahm sich den Salon der Frau von Carayon als Szenerie. Auf dem Tische stand ein Schachbrett, dessen Figuren, wie nach einem verlorengegangenen Spiel und wie um die Niederlage zu besiegeln, umgeworfen waren. Daneben saß Victoire, gut getroffen, und ihr zu Füßen kniete Schach, wieder in der persischen Mütze des ersten Bildes. Aber diesmal bezipfelt und eingedrückt. Und darunter stand: »Schach – matt.« (13. Kap., S. 178) Victoire setzt den Rittmeister Schach von Wuthenow schachmatt.
Anmerkung
So gibt es doch einen Bezug zwischen Schach von Wuthenow und dem Schachspiel!
Mit den Karikaturen werden ganz moderne Problem wie Ehrabschneidung, Mobbing und Kunstfreiheit angesprochen. Anhand der Karikaturen und dem Theaterstück könnte man der Frage nachgehen, was Kunst darf.
Nach dem Wendepunkt im 8. Kapitel
Zunächst entfremden sich Victoire und Schach, er läßt sogar Zukünftiges anklingen. Aufs Theaterstück angesprochen zeigt sich Schach zurückhaltend. Für Katharina von Bora, der Frau Luthers, kann er sich nicht begeistern. Sie hatte die Gelübde als Nonne abgelegt, flüchtet aber aus dem Kloster zu Luther und heiratete ihn. Für Schach war sie „eine Nonne, die schließlich keine war“ (9. Kap., S. 163). Dabei dachte er vielleicht auch an Victoire. Im Theaterstück treten unzüchtige Nonnen auf. Bei der sommerlichen Schlittenfahrt wird Victorie von heftigen Brustkrämpfen befallen (11. Kap., S. 169), sie wird nach Hause gebracht und beichtet ihrer Mutter alles (S. 170). Immer noch nicht ist sich der Leser sicher, was „alles“ ist. Im nächsten Kapitel drängt Frau von Carayon „auf Legitimisierung des Geschehenen“ (12. Kap., S. 172). Die Konvention wird – aus heutiger Sicht – zur Absurdität. Schach soll die Schwangere heiraten, Doch nach der Galahochzeit, Fackeltanz und Victoires zerschnittenem Strumpfband (S. 173) erhält Schach, so Frau von Carayon, die „carte blanche, Sie sind dann wieder frei, frei wie der Vogel in der Luft, in Tun und Lassen, in Haß und Liebe, denn es ist dann einfach geschehen, was geschehen mußte.“ (S. 173)
Salongespräche
Die Salongespräche spielen im Roman eine wichtige Rolle (siehe dazu: Petra Dollinger-Wilhelmy: Die Berliner Salons, Fontane Literatur). Ohne sie wäre es eine fast banale Liebesgeschichte. Gleich das 1. Kapitel führt mitten in den Salon der Frau von Carayon. Weitere Salongespräche – nicht immer nur in wirklichen Salons – folgen. Es wird geklatscht, aber durchaus auch gehaltvoll über Politik und Philosophie – man denke nur an den ästhetischen Diskurs im Salon von Prinz Louis.
In der Wein- und Delikatessenhandlung von Sala Tarone überwiegt der Klatsch. Als Alvensleben, Bülow und Sander begeben sich nach dem Salon der Frau von Carayon dorthin. Nostitz von den Gensdarmes gesellt sich zu ihnen. Er schwärmt von einer flachsblonden Schulmeisterstochter, der er gerne die Briefmarkensammlung ... pardon, alte Glockeninschriften zeigt (3. Kap., S. 125). Man plaudert über Blondinnen (!) und andere weibliche Haarfarben.
Hier wird offen über die Verehelichung Schachs mit Frau von Carayon gesprochen. Alvensleben ist davon nicht überzeugt: „Schach ist eine sehr eigenartige Natur“ und habe „überspannte Vorstellungen von Intaktheit und Ehe“, eine Witwe kommt für ihn nicht in Frage. Zudem sei auch Victoire im Spiel (S. 125). Es fällt auf, dass in den Salons meist über Abwesende gesprochen wird. Das kann man sicher auch in heutigen, ähnlichen Situationen beobachten.
Ehre & Moral
Mit der Ehre verhält es sich wie mit anderen Begriffen, obwohl sie allgegenwärtig ist, wird sie kaum angesprochen.
• Nur die Königin erinnert Schach explizit an dessen Pflicht und Ehre (17. Kap., S. 199).
• Erst Bülow denkt in seinem Brief über die Ehre nach. Die Armee hat „statt der Ehre nur noch den Dünkel und statt der Seele nur noch ein Uhrwerk“. Dann beschreibt Bülow das „Wesen der falschen Ehre“ (20. Kap. 208).
• Beiden voran geht freilich die gesellschaftliche Ehre, auf deren Aufrechterhaltung Josephine von Carayon Wert legt. Wer mit einer Frau beieinander war hat sie gefälligst zu heiraten. Dabei geht es vornehmlich um die Einhaltung der Norm. Was zwischen den zur Heirat Gezwungenen vor sich geht ist zweitrangig. Nachdem sie die Formalien eingehalten haben können sie auch wieder getrennte Weg gehen. Frau von Carayon setzt die Einhaltung dieses Ehrbegriffs konsequent durch.
• Die Gesellschaft bestraft für einen einzigen Fehler hart, unnachgiebig und lebenszerstörend.
• Erstaunlich ist, dass die moralische Vorstellung: "einmal zusammen im Bett impliziert Heirat" noch bis zur sexuellen Revolution / Befreiung um 1970 anhielt. Dabei wurde diese Maxime teilweise (Bauer & Magd usw.) recht flexibel gehandhabt.
• Entscheidend ist dann, dass Schach sowohl dem Ehrbegriff des Regiments, der Gesellschaft – verkörpert durch Josephine –, demjenigen des Königspaars und seinem eigenen genügen will. Das geht nur mit Heirat und anschließendem Freitod.
Kunsturteil: Bestseller versus Kritikerfürsten
Bülow kritisiert die Zelebritäten, die es aufgrund des Urteils des Königs oder der Königin wurden. Schach hält dagegen, dass deren Urteil nicht alberner sei als die Stimme des Volkes. Bülow hält dagegen, dass das Lob der Fürsten immer eine Art Verkündigung der Zehn-Gebote ist. Man hält sich nicht aus eigenem Urteil daran, sondern aufgrund der Autorität (2. Kap., S. 118). Wieder ein schönes Beispiel eines Dialogs mit dem Fontane den Leser zum Weiterdenken anregt, ohne dass sich der Erzähler einmischt.
Nationalismus / Rassismus
Der Diskurs in den Salons erschien mir zunächst recht gehaltvoll, doch bei näherem Lesen ist doch manches auf heutigem Stammtischniveau. So gleich im 1. Kapitel: Im Salon der Frau von Carayon.
  • Da läßt Herrn von Bülow von Österreich einzig die Karlsbader Oblaten gelten. 
  • Herrn von Bülow ist England zuwider; das Zuwidere findet er bei den Hannoveranern doppelt. Hannover „ist der Sitz der Stagnation, eine Brutstätte der Vorurteile.“ 
  • Bülow reduziert die Polen auf Mazurkatänzer und Fraueneroberer (S. 115). 
  • Frau von Carayon findet die Hannoveraner etwas hochmütig.
Das mögen alles Kleinigkeiten sein, doch gerade sie führten und führen immer noch zu Ressentiments, Pauschalierungen, Diffamierungen und Mord und Totschlag.
Aberglaube / Glaube
Des öfteren kommt in Fontanes Prosa Aberglaube vor. Der Erzähler im Schach von Wuthenow ist davon nicht gefeit.
  • Das Schicksal Schachs schreibt er den Sternen zu (13. Kap., S. 175). 
  • Oft trifft der Leser in den wenigen Szenen, in denen Fontane das niedere Volk beschreibt, auf Aberglaube. In Schach von Wuthenow gibt es dazu eigentlich nur eine Stelle, als Schach sein Schloß besucht und dort von den Bediensteten empfangen wird. Der alte Diener Krist und seine Mutter schreiben dem Gequake der Poggen (Frösche) Bedeutung zu (14. Kap., S. 179). Das Ankündigen von Regen kann dabei durchaus natürliche Ursachen haben. 
  • Das Volk hält Freitage für Unglückstage, Frau von Carayon hängt dem entgegengesetzten Aberglauben nach (18. Kap. S. 202). 
  • In Rom gesundete die schwer erkrankte Tochter Victoires durch ein Opfer in der Kirche Araceli. Victoire nennt es ein Wunder. Es ist ihr aber klar, dass man das als Aberglaube bezeichnen könne. Für sie bleibt Araceli, der Altar des Himmels, „trostreich und labevoll“ (21. Kap. S. 212). An diesem Altar steigt tagtäglich das Opfer ihres Dankes auf. Damit setzt der Protestant Fontane als letzten Punkt seines Romans eine Hinwendung zum Katholizismus.
  • Siehe auch weiter unten Fontane Anekdoten.
Kirche & Staat
Kunstvoll führt Fontane im Schach von Wuthenow das psychologische Drama der wenigen Hauptfiguren (Schach, Victoire, Frau von Carayon) parallel mit dem gesellschaftlichen und politischen Geschehen. Dieses wird unter verschiedenen Aspekten thematisiert, so auch im Verhältnis Kirche und Staat und Katholizismus zu Protestantismus. „Die eine Geschichte, die von der möglichen Ehe zwischen einem Offizier und einer unschönen Frau, die andere, die von der Ehe zwischen Staat und Kirche, zwischen Luthertum und Preußentum in einer prekären historischen Situation berichtet, gehören im Roman – und das ist seine kulturdiagnostische Leistung – untrennbar zusammen.“ (Brandstetter, S. 250) Dafür gibt es zahlreiche Belege in den Salongesprächen und den Kapiteln übers Theater. Bülow sieht das Luthertum in der Decádence. „Ich habe Napoleon von einer »Episode Preußen« sprechen hören“, erwiderte Schach. »Wollen uns die Herren Neuerer, und Herr von Bülow an ihrer Spitze, vielleicht auch mit einer »Episode Luther« beglücken?“
„Es ist so. Sie treffen es. Übrigens sind nicht wir es, die dies Episodentum schaffen wollen. Dergleichen schafft nicht der einzelne, die Geschichte schafft es. Und dabei wird sich ein wunderbarer Zusammenhang zwischen der Episode Preußen und der Episode Luther herausstellen.“ (2. Kap., S. 120).
Herr von Bülow fährt fort: „Die Zusammenhänge zwischen Staat und Kirche werden nicht genugsam gewürdigt; jeder Staat ist in gewissem Sinne zugleich auch ein Kirchenstaat; er schließt eine Ehe mit der Kirche, und soll diese Ehe glücklich sein, so müssen beide zueinander passen. In Preußen passen sie zueinander.“ (S. 120).
Schönheit – ›le laid c'est le beau‹– beauté du diable
Wenn das 8. Kapitel fraglos der körperliche Wendepunkt ist, so scheint mit die ästhetische Diskussion im Salon des Prinzen Louis über die Schönheit der geistige Wendepunkt. Prinz Louis fragte: „Was ist Schönheit?“ und führt in Anspielung auf die zuvor von Bülow zum besten gegebene Anekdote um den Kaiserbesuch in Berlin aus: „Einer der allervagesten Begriffe. Muß ich Sie an die fünf Kategorien erinnern, die wir in erster Reihe Seiner Majestät dem Kaiser Alexander und in zweiter unsrem Freunde Bülow verdanken? Alles ist schön und nichts. Ich persönlich würde der beauté du diable jederzeit den Vorzug geben, will also sagen, einer Erscheinungsform, die sich mit der des cidevant schönen Fräuleins von Carayon einigermaßen decken würde.«“ (7. Kap., S. 153).
Anmerkung
„Schönheit“ ist nicht im Sinne des Haufen-Paradox vage, sondern semantisch vage, wie die nachfolgende Kategorisierung zeigt. Es ist außerdem relativistisch vage, da für jeden etwas anders schön sein kann.
Die Schönheit des Häßlichen beauté du diable beruht auf dem Verführerischen und wird in dem französischen Ausdruck verstärkt, da der Teufel ins Spiel kommt. Die beauté du diable wird direkt auf Victoire bezogen. Das kontrastiert mit der 15-jährigen Victoire (vor den Blattern), die als „come un ange“ (wie ein Engel) bezeichnet wird (7. Kap., S. 152). Auch der von Victoire verehrte Comte de Mirabeau war als Kind sehr schön und wurde als Dreijähriger von den Pocken (Pocken auch Blattern) entstellt. Damit wird das „Wunderhold“, das Victorie kurz vor ihrer Verführung des Schach ins Gespräch bringt, besonders aufgeladen. Mirabeau für sein ausschweifendes Leben bekannt. Vergleiche auch Gottfried August Bürger: „Das Blümchen Wunderhold“ (Fontane Links).
Prinz Louis will den Begriff der beauté du diable weiter gefasst wissen: „Sie fassen den Begriff offenbar zu eng, meine Herren. Alles, was Ihnen dabei vorschwebt, ist nur eine Spielart der alleralltäglichsten Schönheitsform, der beauté coquette: das Näschen ein wenig mehr gestupst, der Teint ein wenig dunkler, das Temperament ein wenig rascher, die Manieren ein wenig kühner und rücksichtsloser. Aber damit erschöpfen Sie die höhere Form der beauté du diable keineswegs. Diese hat etwas Weltumfassendes, das über eine bloße Teint- und Rassenfrage weit hinausgeht. Ganz wie die katholische Kirche. Diese wie jene sind auf ein Innerliches gestellt, und das Innerliche, das in unserer Frage den Ausschlag gibt, heißt Energie, Feuer, Leidenschaft.“
Hier wird – soweit ich sehe – das einzige Mal auf Teint und Farbe der von einem schwarzen Koloniefranzosen abstammenden Victoire verwiesen. Prinz Louis argumentiert weiter: Das der Mangel an Schönheit „kann sogar einen allerdirektesten Vorzug bedeuten“, ... „die schönen Ritter werden geschlagen, und die häßlichen Bauern triumphieren. Glauben Sie mir, das Herz entscheidet, nur das Herz.“ (7. Kap., S. 153) und „Das paradoxe ›le laid c'est le beau‹ hat seine vollkommne Berechtigung, und es heißt nichts andres, als daß sich hinter dem anscheinend Häßlichen eine höhere Form der Schönheit verbirgt..“
Bei Prinz Louis muss sich Schach wandeln, vielleicht weil er autoritätshörig dem Prinzen und seiner Argumentation vertraut. Denn Schach scheute das Hässliche.
Alvensleben über Schach: Er hat „überspannte Vorstellungen von Intaktheit und Ehe“ und „Er fühlt sich durch ihre mangelnde Schönheit geradezu geniert und erschrickt vor dem Gedanken, seine Normalität, wenn ich mich so ausdrücken darf, mit ihrer Unnormalität in irgendwelche Verbindung gebracht zu sehen. Er ist krankhaft abhängig, abhängig bis zur Schwäche, von dem Urteile der Menschen, speziell seiner Standesgenossen, und würde sich jederzeit außerstande fühlen, irgendeiner Prinzessin oder auch nur einer hochgestellten Dame Victoiren als seine Tochter vorzustellen.« (3. Kap., S. 125-126). Wenn Alvensleben hier Schach zutreffend beschreibt, dann wird meine These, dass er beim Prinzen umgestimmt wird, untermauert. Er folgt dem Urteil eines Standesgenossen. Ab diesem Gespräch bei Prinz Louis scheint Schach der beauté du diable verfallen. Jedenfalls geht er dann schnurstracks ins Haus der Carayons. Die Affäre Schach (Bülow nennt es in seinem Brief – 20. Kap. – „Der Fall Schach“) nimmt ihren Lauf.
Der Disput über die Schönheit findet einen genialen Anschluss. Zuerst wird auf die Schönheit der Natur verwiesen, die jeden der Gäste berührte. Dann folgt mit der „Schwanenflotille“ im Charlottenburger Park eine grandiose Allegorie auf die preußische Armee (7. Kap., S. 155).
Ein wichtiger Aspekt ist die öffentliche Zurschaustellung der Schönheit, die sich bis heute immens gesteigert hat. Die Kehrseite davon ist, dass Häßlichkeit öffentlich verfemt ist (Howe 1991, S. 432-433). Auch dieser Aspekt gilt immer noch: das vermeintlich Häßliche (beispielsweise körperlich Behinderte) passen nicht in die Glamourwelt.
Anekdoten im Roman (Brandstetter, S. 252-253)
Fontane verwebt auffallend viele Anekdoten in den Roman. In Brandstetter (1998) werden sie teilweise aufgeführt (S. 252-253).
  • Mirabeau und sein Urteil über Friedrich II: „Unsere preußische Wirtschaft ist erbärmlich, und Mirabeau hatte recht, den gepriesenen Staat Friedrichs des Großen mit einer Frucht zu vergleichen, die schon faul sei, bevor sie noch reif geworden“ (1. Kap., S. 114) 
  • Heiliger Antonius und der Kaiser von Brasilien (3. Kap., S. 126-127) 
  • Hofanekdoten der Tante Marguerite (4. Kap., S. 130-131) 
  • Die Grabplatte, die sich der Ritter im Tempelhof schon zu Lebzeiten machen ließ und weitere damit zusammenhängende Anekdoten (4. Kap., S. 136-137) 
  • Anekdote um Lombard und seinem Vater, den Friseur, sowie seiner Frau Vater, der Barbier (6. Kap., S. 144) 
  • General Lehwald & propre Leute (6. Kap., S. 145) 
  • Rückzug von 4 Bataillone auf gefrorene Teiche (6. Kap., S. 146) 
  • Kaiser Alexander wird Pferd unterm Leibe erschossen (6. Kap., S. 146) 
  • Der Kaiser in der Gruft Friedrich des Großen und seine Einteilung der Schönen des Hofs in 5 Kategorien (6. Kap., S. 148) 
  • Toujours perdrix (7. Kap., S. 154), spielt auf eine Anekdote um Heinrich IV. von Frankreich an. Er wurde von seinem Beichtvater wegen seiner vielen Liebschaften getadelt. Darauf gab ihm der König nur Rebhuhn zu essen, um ihm klar zu machen, daß Abwechslung nötig ist. 
  • Mingdynastie: „Als es mit der Mingdynastie zur Neige ging und die siegreichen Mandschuheere schon in die Palastgärten von Peking eingedrungen waren, erschienen immer noch Boten und Abgesandte, die dem Kaiser von Siegen und wieder Siegen meldeten, weil es gegen »den Ton« der guten Gesellschaft und des Hofes war, von Niederlagen zu sprechen. Oh, dieser gute Ton! Eine Stunde später war ein Reich zertrümmert und ein Thron gestürzt. Und warum? weil alles Geschraubte zur Lüge führt und alle Lüge zum Tod.“ (20. Kap., S. 209)
Technik
Das (fiktive) Schloss von Wuthenow, „ein alter, weißgetünchter und von einer schwarzgeteerten Balkenlage durchzogener Fachwerkbau“ stattet Fontane mit einem Blitzableiter aus (S. 178). Für das Jahr 1806 ist das erstaunlich. Jahrzehnte später findet Fontane noch 1861 in Wanderungen durch die Mark Brandenburg einen Blitzableiter am Wustrauer Herrenhaus verwähnenswert. Der erste Blitzableiter in Deutschland wurde auf der Hamburger Hauptkirche St. .Jacobi 1769 installiert.
Politische Ebene
Man kann zwar Schach von Wuthenow mit verschiedenem Interesse, das heißt Schwerpunkt lesen, aber ich meine es ist offensichtlich, dass grob auf zwei Ebenen angesprochen werden. Ohne die gesellschaftlich-politische Ebene scheint mir der Roman „nur“ ein psychologisches Drama für eine Kurzgeschichte. Die Güte des Romans ergibt sich gerade aus der Verflechtung der Ebenen.
„Wie so oft bei Fontane sind Historie, Psycholgie und Ästhetik auch hier so innig ineinander verwoben, daß eine auf das Historische hin vereinseitigte Deutung dem Eigenwert des Werkes ebensowenig genügen kann wie eine nur psychologisch ausgerichtete Interpretation.“ (Guarda 1997, S. 26). Das zeigt sich besonders an den beiden Schlussbriefen. Während Bülow die Zeit- und Normenkritik stützt, ist die verwitwete Victoire persönlicher und versöhnlicher: die Motivation der anderen durchblickt man nicht und die Zeit wird es heilen.
Schach ist sowohl der indiviuelle Rittmeister, als auch Repräsentant des Regiments und gar Stellvertreter Preußens.
Fontane stellt die konfliktreiche Rolle des Individuums in der Gesellschaft dar. Man zieht als Leser aber auch Parallelen zwischen den Umständen, die Schach scheitern lassen und den Umständen, die zu Preußens Niederlage oder gar Untergang in der Schlacht bei Jena 1806 führen. Man lese dazu besonders Manthey 1989.
Die politische Situation zu Beginn des Jahres 1806 ist verworren. Am 2. Dezember 1805 hatte Napoleon in der Schlacht bei Austerlitz über Österreich und Russland gesiegt. Wie diese Schlacht nachwirkte zeigt sich daran, dass sie viermal in den Diskursen erwähnt wird. Als Schach zum König zitiert wird, studierte dieser am Pult Pläne der Austerlitzer Schlacht (17. Kap., S. 197).
Der Roman steht somit zeitlich zwischen Napoleons Sieg bei Austerlitz und dem Frieden zwischen Preußen und Frankreich und der folgenden Niederlage der preußischen Armee.
Es brodelt in Europa, Koalitionen werden angebahnt, geschlossen und gebrochen. Wie immer stehen sich Kriegsbefürworter (Schach von Wuthenow) und Zauderer und Friedenswillige (Bülow) gegenüber. Schach befürwortet den Kampf gegen Napoleon, „diesem korsischen Thron- und Kronenräuber, diesem Engel der Finsternis, der sich Bonaparte nennt“ (4. Kap., S. 135). Bülow urteilt über den Frieden, den Christian von Haugwitz gebracht hat (Vertrag von Schönbrunn, 15. Dezember 1805), beim Treffen bei Prinz Louis: „Wir brauchen ihn wie das tägliche Brot und mußten ihn haben, so lieb uns unser Leben ist.“ Der Prinz hatte zuvor den Frieden als erschachert, „indem er für ein Mitbringsel unsre Ehre preisgab“ (Kap. 6, S. 144) bezeichnet. 1806 zieht Preußen in einen Krieg gegen Napoleon und wird im Oktober bei Jena und Auerstadt geschlagen. Der Krieg zieht sich bis 1807; am 14. Juni 1807 siegt Napoleon bei Friedland erneut über die Preußen, das im Frieden von Tilsit, 7.-9. Juli 1807, die Hälfte seines Gebiets abtreten muss.
Man kann daher zwischen dem Schicksal Schachs und Preußen Parallelen. Fontane wollte sein Werk ursprünglich unter anderem „Vor Jena“ nennen.
Fazit
Im Jahr 2012 wäre der 300. Geburtstag Friedrich des Grossen. Er ist in den Medien stark präsent. In Schach von Wuthenow wird man damit konfrontiert, was er in Preußen hinterlassen hat, wie Reformation, Absolutismus, Aufklärung, Französische Revolution und das Machtgerangel fortwirkten. Man kann Schach von Wuthenow lesen indem man die für uns zunächst etwas abwegig wirkenden Diskussionen nur überfliegt. Man kann es aber auch nochmals lesen und auf die vielen historischen, geschichtlichen, religiösen und psychologischen Bezüge mit Gewinn achten. Also: Eine starke zusätzliche Empfehlung Schach von Wuthenow zu lesen oder wieder einmal zu lesen.
Links
Fontane Theodor Fontane
Schach von Wuthenow
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Text online:
Projekt Gutenberg: Fontanegutenberg.spiegel.deFontanegutenberg.orgFontaneLiteraturnetzFontaneTextarchiv

FontaneAlvensleben, Ludwig Karl Alexander von
FontaneBlitzableiter
Schnitzler Georg Büchner: „Über den Selbstmord. Rezension eines Aufsatzes, aus dem Jahre 1830“
FontaneBürger, Gottfried August: „Das Blümchen Wunderhold“
Fontane Cooke, Rose Terry
FontaneEin Werk des Übergangs
FontaneFleig, Horst (2007): “Bilder Fontanes gegen den Tod. Vom Versteckspielen zum kryptischen Erzählen”
FontaneFleig, Horst: Zu Theodor Fontane
FontaneFontane, Theodor: "Prinz Louis Ferdinand" (Gedicht)
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FontaneHaugwitz, Christian von
FontaneLouis Ferdinand von Preußen (1772 – 1806)
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FontanePfister, Wolfgang “Gemischte Gesellschaft. Lexikalisches Verzeichnis mit Fundstellen der Figuren in Romanen und Erzählungen bei Theodor Fontane und Thomas Mann”
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Fontane Schach in der Literatur
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Wuthenow FontaneTheodor Fontane: Schach von Wuthenow: Erzählung aus der Zeit des Regiments Gensdarmes. Ditzingen: Reclam, 1986. Walter Keitel (Nachwort). Taschenbuch, 168 Seiten Wuthenow
Theodor Fontane: Die Welt des Adels. Schach von Wuthenow: Erzählung aus der Zeit des Regiments Gensdarmes. Berlin: Aufbau, 2007. Taschenbuch, 160 Seiten Fontane
Wuthenow FontaneTheodor Fontane: Schach von Wuthenow: Erzählung aus der Zeit des Regiments Gensdarmes. Frankfurt: Fischer, 2010. Taschenbuch, 156 Seiten Wuthenow
Theodor Fontane: Schach von Wuthenow: Erzählung aus der Zeit des Regiments Gensdarmes. DTV, 2007. Taschenbuch, 224 Seiten. Helmuth Nürnberger, Hg. Fontane
Fontane FontaneBernd Balzer: Einführung in die Literatur des Bürgerlichen Realismus. Darmstadt: WBG, 2006. Broschiert, 160 Seiten Wilhelmy
Petra Dollinger-Wilhelmy: Die Berliner Salons. Mit historisch-literarischen Spaziergängen. Berlin: Gruyter, 2000. Taschenbuch, 432 SeitenFontane
Guarda FontaneSylvain Guarda: »Schach von Wuthenow«, »Die Poggenpuhls« und »Der Stechlin«. Fontanes innere Reisen in die Unterwelt. Würzburg: Königshausen & Neumann, 1997. Broschiert, 113 Seiten
Guenther Fontane Walter P. Guenther: Preußischer Gehorsam. Theodor Fontanes Novelle ‘Schach von Wuthenow’ - Text und Deutung. München: Nymphenburger, 1981, 1982. Broschiert, 307 Seiten Fontane
Humbert Settler: Fontanes Hintergründigkeiten: Aufgedeckt und interpretiert in "Effi Briest", "Schach von Wuthenow", "Ellernklipp", "Irrungen und Wirrungen", "Frau Jenny Treibel", "Grete Minde", "L'Adultera", "Der Stechlin". Baltica, 2006. Broschiert. 208 Seiten Fontane
Wuthenow FontaneWalter Wagner, Harald Tanzer, Hg.: Erläuterungen und Dokumente zu Theodor Fontane: Schach von Wuthenow. Ditzingen: Reclam, 1986. Taschenbuch, 173 Seiten Wuthenow
Theodor Fontane: Schach von Wuthenow. Audio 4 CDs. Gert Westphal, Sprecher. Universal, 2004 Fontane
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Schach von Wuthenow
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