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Theodor Fontane: L'Adultera
[Rheda-Wiedenbrück] Mundus, 1999. Seite 7-109 – Fontane LinksFontane Literatur
Melanie van der Straaten ist mit einem reichen, älteren Kommerzienrat verheiratet. Sie haben zwei Kinder Lindy und Heth. Obwohl alles in Ordnung scheint – und Theodor Fontane breitet den Alltag des herrschaftlichen Haushaltes vorm Leser ausgiebig aus – verliebt sich Melanie in den jüngeren Bankierssohn Ebenezer Rubehn. Im Palmenhaus passiert es. Vom berauschenden Duft betört schwinden ihre Nerven dahin, "die Rüstung ihres Geistes lockerte sich und fiel". Das genügte damals um alles zu sagen ("Unter Palmen", S. 66). Heutige Autoren verwenden auf solche Szenen viele Seiten und sagen kaum mehr. In einer seiner berühmten Andeutungen läßt der Autor noch kurz darauf Anastasia zu Melanie sagen: "Man wandelt nicht ungestraft unter Palmen" ("Unter Palmen", S. 67). Melanie wird schwanger, lässt alles zurück und flieht mit Ebenezer in eine neues Leben in Italien unter Palmen. Der Spruch Anastasias wird nochmals wahr: als das Paar nach Berlin zurückkehrt verfällt es dem gesellschaftlichen Bann.
Für uns heutigen Leser ist das Schnee von gestern. Freilich, die gesellschaftliche Ächtung (hier nicht religiös motiviert wie in den Romanen von Lena Christ u.a.) ist beeindruckend. Für die damalige Zeit war's skandalös. L'Adultera (Betonung auf der zweiten Silbe "dul") beruht auf einer zeitgenössischen Skandalgeschichte.
Therese Ravené verließ 1874 ihren Ehemann aus einer Berliner Industriellenfamilie und ihre drei Kinder und flüchtete dem Bankier Gustav Simon. Fontane las davon im Juni 1879 in der Vossischen Zeitung.
Es ist Fontanes erster Berliner Gesellschaftsroman, zu dem er wenig Zustimmung erhielt.
• Ehebruch war 1882 (Vorabdruck von L'Adultera in der Monatzeitschrift „Nord und Süd“; Erstdruck im Verlag Schottländer, Breslau, 1872) noch eine Straftat. Gesellschaftlich wurde unterschieden: Ehebruch durch den Mann war geduldet; Ehebruch einer Frau verstieß aber gegen die Ehre des Mannes!
• Melanie verlässt Kinder und einen Mann, der vom Autor zwar als etwas grobfühlig aber nicht unsympathisch geschildert wird. Ihm fehlt der weltmännische Schliff und er hat eine "Vorliebe für drastische Sprichwörter und heimische »geflügelte Worte« von der derberen Observanz" ("Kommerzienrat van der Straaten", S. 9).
• Melanie und Ebenezer führen trotz Ausgrenzung mit ihrer Tochter Anninettchen ein glückliches Leben. Melanie wird dafür belohnt, dass sie ihrem Gefühl folgt und nicht den konventionellen Regeln.
Bemerkenswert: L'Adultera ist ein Roman um ein Bild von Tintoretto (Fontane Links), das Ehemann Ezechiel seiner Frau schenkt. Es ist das Bild einer Ehebrecherin: L'Adultera. Mit Fontanes Kenntnis und Einbeziehung der Malerei beschäftigt sich Donald C. Riechel (Fontane Literatur).
Stil
Zeitgemäss ist der kurze Roman mit Fremdwörtern, (heute) ungebräuchlichen Wörtern und Zitaten, oft auf französisch gespickt. Das ist – wenn man Thomas Mann und die Russen gelesen hat – leicht hinnehmbar, ja, gibt ein besonderes Flair. Fontane schiebt auch einige Dialekte ein, wobei ich mir beim Schweizerischen nicht sicher bin, ob er es beherrscht. Diese waren mir lästig.
Die Kenntnis der Fremdwörter oder heute ungebräuchlichen Redewendungen ist freilich oft hilfreich zum tieferen Verständnis, siehe "die Honneurs des Hauses machen lassen" (Fontane Texthinweise).
Gelungen finde ich Fontanes Andeutungstechnik. Spätestens beim letzten Satz des ersten Kapitels weiß der Leser, dass Unheil naht. Die Augen der Mutter Melanie lachen, die der Tochter aber sind "ernst und schwermütig, als sähen sie in die Zukunft" (S. 11). Die Töchter zeigen von Anfang eine Abneigung gegenüber Ebenezer ("Ebenezer Rubehn", S. 41).
Melanie erhält mehrere Hinweise auf dem rechten Pfad zu bleiben. Die Hausdame Riekchen meint, dass die Leute, die mit dem Feuer spielen "immer die Gefahr vergessen" ("Auf der Stralauer Wiese", S. 43). Das ist ja eine Botschaft Fontanes: die Frauen handeln nach dem Gefühl, vergessen dabei aber die Folgen. Auch kleine Zwischenfälle deuten die Zukunft an. Beim lockeren Treiben auf der Stralauer Wiese wirft Melanie einen Ball ihrem Gatten zu. Sie zielte nicht richtig (oder doch?), der Ball verfehlte den gatten und Rubehn fing ihn auf ("Auf der Stralauer Wiese", S. 45).
Allerdings ist das Tintoretto Gemälde einer Ehebrecherin schon eine krasse Andeutung mit dem Hammer Fontane.
Verschiedene Texthinweise
„die Honneurs des Hauses machen lassen“ ("Kommerzienrat van der Straaten", S. 10)
Unter den Honneurs sind die Gastgeberfunktionen und -zeremonien gemeint, die beim Empfang von Gästen notwendig sind. Da darunter auch die Bedienung der Gäste fällt ist dies auf Melanie bezogen eine gewissen Herabsetzung und Ausnutzung. Dass Ezechiel die Honneurs nicht von einer Judith, sondern von einer Melanie machen lässt, ist (es wird als Abgrenzung zu Manasse Vanderstraaten angeführt) eine Anspielung auf Karl Gutzkows Trauerspiel „Uriel Acosta“ (1846). Dort ist Judiths Vater Kaufmann, wie Ezechiel, und heisst Manasse Vanderstraaten.
„Ems liegt unter Umständen überall in der Welt“ ("Bei Tisch", S. 24)
erinnert an: "Die Sicherheit Deutschlands wird auch am Hindukusch verteidigt", Peter Struck,  SPD, als Verteidigungsminister. Fontane Zitate Peter Struck, SPD
L'Adultera ist nicht der bedeutendste Roman Fontanes, aber lohnt die Lektüre mehr als viele der 120.000 Neuerscheinungen eines einzigen Jahres auf dem deutschen Buchmarkt.

Vergleichsliteratur
Gustave Flaubert: Madame BovaryFontane Rezension
Theodor Fontane: Effie Briest
Wilhelm Jensen: Gradiva. Ein pompejanisches PhantasiestückFontane Rezension
Leon N. Tolstoi: Anna KareninaFontane Rezension
Oscar Wilde: The Picture of Dorian Gray (1891)
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Links
Fontane Theodor Fontane
L'Adultera
Text online: FontaneLiteraturnetzFontaneProjekt Gutenberg
FontaneFontane erzählt in "L'Adultera"
FontaneL'Adultera Wikipedia
FontaneTheodor Fontane Gesellschaft
FontaneGabriele Radecke: "Vom Schreiben zum Erzählen. Eine textgenetische Studie zu Theodor Fontanes L'Adultera"
FontaneJacopo Robusti, aka Tintoretto, 1518 Venedig – 31. Mai 1594 Venedig, italienischer Maler
Fontane Nietzsche: L'Adultera – Theodor Fontane
Fontane Zitate von Theodor Fontane
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Literatur
Eilert, Heide (1978): "Im Treibhaus. Motive der euroäischen Décadence in Theodor Fontanes Roman L'Adultera nebst Exkursen zu Cécile und Effi Briest". In: Jahrbuch der Deutschen Schillergesellschaft 22, S. 496-517.
Harnisch, Antje (1994): Keller, Raabe, Fontane. Geschlecht, Sexualität und Familie im bürgerlichen Realismus. Frankfurt am Main: Peter Lang. 199 Seiten.
Hess-Luttich, Ernest W.B. (2002): "»Evil Tongues«: The Rhetoric of Discreet Indiscretion in Fontane's L'Adultera". Language and Literature 11:3. S. 217-230.
Leydecker, Karl (2002): "The Drama of Divorce: Marriage Crises and Their Resolution in German Drama Around 1900". Neophilologus 86. S. 101–117. 
Lotze, Marie L. (1986): "L'Adultera". KLL S. 772
Massey, Irving (2000): Philo-Semitism in Nineteenth-Century German Literature. Tübingen: Niemeyer. Condicio Judaica 29. Studien und Quellen zur deutsch-jüdischen Literatur- und Kulturgeschichte.
Michielsen, Jan (1981): "Ritual or Romance: The Outing in Fontane's Novels". Modern Language Studies 11:2. S. 24-31.
Mittenzwei, Ingrid (1970; 1982): Die Sprache als Thema. Untersuchungen zu Fontanes Gesellschaftsromanen.  Planegg: Koch.
Overton, Bill (1999): "Children and Childlessness in the Novel of Female Adultery". The Modern Language Review 94:2. S. 314-327.
Riechel, Donald C. (1984): "Theodor Fontane and the Fine Arts: A Survey and Evaluation". German Studies Review 7:1, S. 39-64.
Tebben, Karin (2002): "»Der Roman dahinter«: Zum autobiographischen Hintergrund von Theodor Fontanes L'Adultera". German Life and Letters 55:4, S. 348–362.
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fontane fontane Theodor Fontane: L'Adultera. Berlin: Aufbau, 2000. Taschenbuch, 160 Seiten. 3. Aufl. fontane
Theodor Fontane: L'Adultera. Ditzingen: Reclam, 1983. Broschiert  fontane
fontane FontaneTheodor Fontane: Das erzählerische Werk: Das erzählerische Werk, 20 Bde., Bd.4, L' Adultera: Bd 4. Gabriele Radecke, Hg. Berlin: Aufbau, 1998. Gebunden, 278 Seiten settler
Humbert Settler: L'Adultera. Fontanes Ehebruchgestaltung auch im europäischen Vergleich. Baltica 2001. Taschenbuch: 184 Seiten Fontane
bunke Fontane Simon Bunke: Figuren des Diskurses: Studien zum diskursiven Ort des unteren Figurenpersonals bei Fontane und Flaubert. Frankfurt: Peter Lang, 2005. Taschenbuch: 203 Seiten nottinger
Isabel Nottinger: Fontanes Fin de Siecle. Königshausen & Neumann, 2003. Broschiert, 234 Seiten Fontane
grawe Fontane Christian Grawe: Fontanes Novellen und Romane. Interpretationen. Ditzingen: Reclam, 1991. Taschenbuch, 304 Seiten grawe
Christian Grawe: Führer durch Fontanes Romane. Ein Lexikon der Personen, Schauplätze und Kunstwerke. Ditzingen: Reclam, 1996. Taschenbuch, 365 Seiten Fontane
guarda Fontane Guarda, Sylvain: Theodor Fontanes »Neben«-werke. »Grete Minde«, »Ellernklipp«, »L'Adultera«,
»Quitt«: ritualisierter Raubmord im Spiegelkreuz
. Würzburg: Königshausen & Neumann 2004. 134 S.
hahn
Monika Hahn, Hg.: Spielende Vertiefung ins Menschliche: Festschrift für Ingrid Mittenzwei. Heidelberg: Winter, 2002. Gebunden, 376 Seiten Fontane
craig FontaneGordon Alexander Craig: Theodor Fontane: Literature and History in the Bismarck Reich. Oxford University Press 1999. Gebunden, 256 Seiten fontane
Helmuth Nürnberger, Dietmar Storch: Fontane-Lexikon. München: Hanser, 2007. Gebunden, 520 Seiten Fontane
radecke Fontane Gabriele Radecke: Vom Schreiben zum Erzählen. Eine textgenetische Studie zu Theodor Fontanes L`Adultera. Königshausen & Neumann, 2002. Gebunden, 345 Seiten fontane
Delf von Wolzogen, Hanna, Nürnberger, Helmuth, Hg.: Theodor Fontane, Am Ende des Jahrhunderts. Band 1: Der Preusse, die Juden, das Nationale. Würzburg:; Königshausen & Neumann 2000. 318 SeitenFontane
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