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Hradschek
Abel Hradscheks Ende
Rekonstruktion zum Tod des Abel Hradscheks in Theodor Fontanes Unterm Birnbaum
So gut ausgedacht das böse Ende des Täters ist, so unbefriedigend ist es. Zwar verschliesst er sich – genial vom Autor ausgedacht – selbst den Rückweg aus dem Keller ab, warum stirbt er aber binnen einer Nacht dort unten? Eccelius schreibt es im Kirchenbuch der "Hand Gottes" zu (20. Kap., S. 438). Unglaubwürdig und unbefriedigend. Vielleicht wäre am überzeugendsten, "wenn das Verbrechen nicht herausgekommen wäre" (Klaus Lüderssen: "Der Text ist klüger als der Autor", 1991, S. 219, Fontane Literatur).
Wie so oft sollte man dem Text (statt der eigenen Fantasie) den Vorzug geben. Ausschließlich einschlägig und massgeblich ist das Ende des 19. Kapitels, das hier in gelben Feldern, gefolgt von meinem Kommentar zitiert wird.
   Und als er so gesprochen und sich wieder zurechtgerückt hatte, ging er auf einen kleinen Eckschrank zu und nahm ein Laternchen heraus, das er sich schon vorher durch Überkleben mit Papier in eine Art Blendlaterne umgewandelt hatte. Die Alte drüben sollte den Lichtschimmer nicht wieder sehn und ihn nicht zum wievielsten Male mit ihrem »Ick weet nich, Hradscheck, wihr et in de Stuw or wihr et in 'n Keller« in Wut und Verzweiflung bringen. Und nun zündete er das Licht an, knipste die Laternentür wieder zu und trat rasch entschlossen auf den Flur hinaus. Was er brauchte, darunter auch ein Stück alter Teppich, aus langen Tuchstreifen geflochten, lag längst unten in Bereitschaft.
    »Vorwärts, Hradscheck!«
Abel Hradscheck nähert sich mit einer Laterne, die er teilweise mit Papier überklebt hat, der Kellertür. Im Keller lag schon was er brauchte, also wohl auf alle Fälle das Grabscheit (siehe allerletztes Zitat auf dieser Seite ganz unten).
    Und zwischen den großen Ölfässern hin ging er bis an den Kellereingang, hob die Falltür auf und stieg langsam und vorsichtig die Stufen hinunter. Als er aber unten war, sah er, daß die Laterne, trotz der angebrachten Verblendung, viel zuviel Licht gab und nach oben hin, wie aus einem Schlot, einen hellen Schein warf. Das durfte nicht sein, und so stieg er die Treppe wieder hinauf, ...
Hier schreibt Fontane nichts übers Graben. Abel merkt vor dem Beginn der Arbeit, dass er das Kellerfenster verdunkeln muss.
    ... blieb aber in halber Höhe stehn und griff bloß nach einem ihm in aller Bequemlichkeit zur Hand liegenden Brett, das hier an das nächstliegende Ölfaß herangeschoben war, um die ganze Reihe der Fässer am Rollen zu verhindern. Es war nur schmal, aber doch gerade breit genug, um unten das Kellerfenster zu schließen.
    »Nun mag sie sich drüben die Augen auskucken. Meinetwegen. Durch ein Brett wird sie ja wohl nicht sehn können. Ein Brett ist besser als Farnkrautsamen...«
   Und damit schloß er die Falltür und stieg wieder die Stufen hinunter.
Noch immer hat Abel nicht gegraben. Entscheidend ist, dass Abel hier noch quicklebendig ist und wiederum in den Keller steigt. Was nun bis zum Entdecken Abels passiert wird später zu rekonstruieren sein. Zuerst sollte man lesen, was Fontane zur Situation am nächsten Morgen im 20. und gleichzeitig letzten Kapitel schreibt.
    Ede, der noch eine Zeitlang in allen Ecken und Winkeln umhergesucht hatte, stand jetzt, als die Gruppe sich näherte, mitten auf dem Flur und wies auf ein großes Ölfaß, das um ein geringes vorgerollt war, nur zwei Fingerbreit, nur bis an den großen Eisenring, aber doch gerade weit genug, um die Falltür zu schließen.
    »Doa sitt he in«, schrie der Junge. 
Man darf vermuten, dass Ede nur vermutet, dass Abel, der schon vermisst wurde, im Keller sei.
   [...] Da nicht viele Stufen waren, so konnt er [= Kunicke] das Nächste bequem sehn: unten lag Hradscheck, allem Anscheine nach tot, ein Grabscheit in der Hand, die zerbrochene Laterne daneben. Unser alter Anno-Dreizehner sah sich bei diesem Anblick seiner gewöhnlichen Gleichgültigkeit entrissen, erholte sich aber und kroch, unten angekommen, in Gemeinschaft mit Geelhaar und Woytasch auf die Stelle zu, wo hinter einem Lattenverschlage der Weinkeller war. Die Tür stand auf, etwas Erde war aufgegraben, und man sah Arm und Hand eines hier Verscharrten. Alles andre war noch verdeckt. Aber freilich, was sichtbar war, war gerade genug, um alles Geschehene klarzulegen.
Halten wir fest: Abel Hradscheck ist anscheinend tot; man sah "nur Arm und Hand eines hier Verscharrten", denn "[a]lles andre war noch verdeckt". Das bedeutet, dass Abel nur wenig gegraben hat und erst danach hat ihn der Tod ereilt.
• Es erscheint abwegig, dass Abel den Toten schon ganz ausgegraben und wieder zugegraben hat. Er wollte ihn ja anscheinend in den bereitgelegten Teppich rollen und wegtransportieren.
• Es ist auch nicht belegbar, dass er zum zweiten Mal nach oben wollte, bevor oder nachdem er nur Hand und Arm ausgegraben hatte. Warum auch?
Zur Belegung dieser beiden Punkte lese man, was Fontane im 19. Kapitel schreibt (siehe oben; ich wiederhole): "Was er brauchte, darunter auch ein Stück alter Teppich, aus langen Tuchstreifen geflochten, lag längst unten in Bereitschaft."
   Keiner sprach ein Wort, und mit einem scheuen Seitenblick auf den entseelt am Boden Liegenden stiegen alle drei die Treppe wieder hinauf.
Damit bestätigt sich der Anschein von zuvor endgültig: Abel ist tot.
Zweierlei scheint mir unbefriedigend:
1) wie starb Abel Hradscheck, da der ausgegrabene Arm für ihn kein Schock war. Umgekehrt wäre es ein Schock gewesen, wenn er die Leiche nicht gefunden hätte? Es gibt kurz vorm Ende der Kriminalerzählung eine Erklärung des Autors.
    Der Tote, so nicht alle Zeichen trügen, wurde von der Hand Gottes getroffen, ....
2) Das gut ausgedachte Brett, das die Ölfässer am Rollen hinderte, hatte durch Abels sorglose Verwendung keine Funktion für sein Dahinscheiden. Genauso gut hätte er auch ein anderes Brett nehmen können. Die Ölfässer versperrten einen Rückweg, den er nach dem Text nie mehr antrat. Dabei wäre der von eigener Hand versperrte Rückweg ein grandioser Schluss gewesen, verstärkt noch dadurch, dass Abel das Brett nur holte, damit andere und insbesondere wohl Frau Jeschke, kein Licht aus dem Kellerfenster wahrnehmen könnten. So hätte sie ihn indirekt doch noch zur Strecke gebracht. Hier ließ sich Fontane eine geniale Wendung entgehen.
    [...] Er verfing sich aber schließlich in seiner List und grub sich, mit dem Grabscheit in der Hand, in demselben Augenblicke sein Grab, in dem er hoffen durfte, sein Verbrechen für immer aus der Welt geschafft zu sehn.
Todesursache war anscheinend ein Herzschlag, plötzlicher Herzstillstand, schwerer Schlaganfall oder ähnliches.
 

Hradschek
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© by Herbert Huber, Am Fröschlanger 15, 83512 Wasserburg, Germany, 23.11.2007