| Theodor
Fontane: Unterm Birnbaum [Rheda-Wiedenbrück] Mundus, 1999. Seite 357-438 – |
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| Bisher kannte ich nur das Hörspiel und damit kannte ich (wie die Lektüre zeigte) Unterm Birnbaum nur rudimentär. Vieles im kurzen Roman Fontanes (erstmals erschienen im August und September 1885 im Familienjournal Die Gartenlaube; Buchausgabe im November 1885 bei Müller-Grote, Berlin) kann man im Hörspiel nicht vermitteln. Zudem hörte ich angestrengt hin, damit ich den Dialekt mitbekam: anderes, wichtigeres blieb auf der Strecke. | |
| Die Kenntnis setze ich im Folgenden voraus. Wer Unterm Birnbaum noch nicht kennt kann andrerseits ruhig weiterlesen, ich meine, der Appetit wird geweckt auch wenn einiges verraten wird. Unterm Birnbaum ist so gut, dass dies dem Lesevergnügen nichts wegnimmt. Obwohl eine Diskussion über die Genre-Zugehörigkeit meist müssig ist, hier ist klarzustellen, dass es sich um einen Kriminalroman (mit Tiefgang) handelt. Abel Hradschek ist 1832 Wirt im Dorf Tschechin im Oderbruch, einer Landschaft entlang der Oder, heute in Brandenburg und Polen. Er und seine Frau Ursel sind die Hauptpersonen. Überwältigende Indizien sprechen dafür, dass sie den polnischen Reisenden Szulski ermordeten. Er war gekommen die Schulden, die Abel bei der polnischen Firma in Krakau angehäuft hatte, einzufordern. • Abel und seine Frau Ursel legen von Anfang an zahllose falschen Fährten. Schon vor der Tat lancieren sie eine Erbschaft um später Geld unverdächtig ausgeben zu können. • Auf eine besonders kluge falsch Fährte stößt Abel ("stossen" im wörtlichen und übertragenen Sinne) als er unterm Birnbaum in seinem Garten ein Skelett in Restkleidern entdeckt. Seine Nachbarin Jeschke beobachtet sein nächtliches Treiben und wird dies später gegen ihn vorbringen. (Zu dieser Zeugenaussage wäre es fast nicht gekommen: ein geschicktes retardierendes Moment im Ablauf). Wie modern dieser Gedanke ist, zeigt seine Verwendung in der Krimi-TV-Serie Columbo (mit Peter Falk; 1971–1978 USA; siehe "Unterm Birnbaum werden normalerweise keine Toten begraben. Findet sich dann doch eine Leiche im Garten, so weiß der Fontane-Leser, daß ein Mord seiner Aufklärung bedarf, und auch Kriminalbeamte sind äußerst mißtrauisch, wenn bei Grabungsarbeiten abseits der Friedhöfe Skelette oder Leichenteile auffauchen" (Brettel 1986, S. 224). Der versteckte Witz an dieser Feststellung ist, dass der Fontane-Leser beim Auffinden des Skeletts unterm Birnbaum – es ist vermutlich ein französischer Soldat aus der Zeit der Befreiungskriege – meint, dass nun kein Mord vorliegt. Eine wichtige belastende Zeugenaussage bricht weg. • Doch anders als in der Columbo-Serie gibt es keinen zweiten Birnbaum, aber ein Kellergewölbe. In den Fokus kommt es durch Abels Umbauwunsch (wieder ein klug eingebautes Spannungsmoment), endgültig aber durch den Aberglauben der Bediensteten. Sowohl Ede, der Dienstmann, als auch die Dienstmagd Male trauen sich nicht mehr in den Keller, denn "Et spökt" (S. 428) dort unten. Ede fand zuvor im Keller einen Knopf, der vom Polen zu sein schien. Abel meinte dieses Indiz wegwischen zu können, doch im Gedächtnis des einfachen Ede wirbelten die Gedanken weiter. Der sonst so besonnene Abel lässt sich beunruhigen und will den Toten umbetten. Dabei kommt er selbst ums Leben. Warum wird nicht geklärt. Und das ist in diesem Falle schade. Siehe dazu die Anmerkungen zum • Dass dagegen der ganze Mord letztlich offen bleibt, finde ich einen feinen Zug. Pastor Eccelius: "Alles ist klar, und doch ist nichts bewiesen" (S. 436), Schulze Woytasch: „Bewiesen ist am Ende nichts.“ (S. 437). Tatsächlich haben weder die handelnden Personen, noch der Erzähler den Mord ausdrücklich zugestanden. Sehr vieles deutet daraufhin, doch wie schon die Nachbarin Jeschke lernen mußte: der Anschein trügt oft. Und doch, der letzte Satz scheint es zu bestätigen: "Es ist nichts so ein gesponnen, 's kommt doch alles an die Sonnen" (S. 438). Der Satz ist aus dem Munde Ursels am Ende des 3. Kapitels. • Fontane verstärkt mit dem Titel Unterm Birnbaum die falsche Fährte. Auch ich als Leser fiel prompt herein. • Sehr modern ist auch das Fehlen eines Ermittlers. Damit feiert gerade (2006-2007) Andrea Maria Schenkel riesige Krimi-Erfolge: Tannöd ( • Ebenfalls modern ist es, dass Fontane sich nicht so sehr um die Aufdeckung und Ermittlung kümmert, sondern die Nöte, Schuldbeklommenheit und Umtrieb der beiden Täter wirken lässt. Beiden stellen sich sozusagen selbst. Vier Tote, darunter die zwei Hauptpersonen Abel und Ursel, das Skelett und der Pole: ein handfester Kriminalroman mit recht modernen Elementen. Die Modernität erkennt auch Ulrike Leonhardt, meint aber dennoch: "kein früher Krimi" (S. 23; Ulrike Leonhardt: Mord ist ihr Beruf. Eine Geschichte des Kriminalromans. München: Beck, 1990). Ich widerspreche und erhalte recht: "ein früher Kriminalroman" (S. 159), in: Armin Arnold, Josef Schmidt, Hg.: Reclams Kriminalromanführer. Stuttgart: Reclam, 1978. Andere rechnen auch Fontanes Grete Minde (1879/80; Brandstiftung), Ellernklipp (1881) und Quitt (1890) zum Kriminalgenre. Ja sogar Effi Briest (1895) wird genannt: Ehebruch war seinerzeit noch ein Straftatbestand. • Wen das bezüglich "Krimi" noch nicht überzeugt, der sei auf den Autor selbst verwiesen. Er nennt Unterm Birnbaum in einem Brief an Georg Friedländer am 18. August 1884: "Kriminal-Novelle". |
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| Charakterisierungen | |
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• Der Schurke ist Abel.
Das kann man an vielen Stellen
nachweisen. Er ist zudem ein schlechter Wirt, der spielt und trinkt. • Doch erweist sich seine Frau Ursel durch ihren Hang zum Luxus (das Wirtspaar hat teure Gemälde in der Wohnung hängen, darunter ein Claude Lorrain (1600-1682), Kap. 1, S. 361; teilweise motiviert durch die bäuerliche Hochachtung vor Protzertum) als Motor. Sie will keinesfalls mehr arm sein: "Armut ist das Schlimmste, schlimmer als der Tod" und droht gar im Pfändungsfalle sich das Leben zu nehmen (3. Kap. 3, S. 370). Sie beteiligt sich aktiv beim Morde. Immerhin ist sie nach der Tat wie ausgewechselt: sie war "jetzt sparsam bis zum Geiz" (14. Kap., S. 413). Sie stirbt am frühen Morgen des Sonntags, 30. September 1832, einen Tag nach Michaeli, dem rächenden Erzengel Michael. Noch am Sterbebett kündigt sie Abel an, dass Tote – gemeint ist der ermordete Szulski – schon vor dem Jüngsten Gericht (Michael soll da den Satan bezwingen) wieder aufstehen (14. Kap., S. 416). • Abel dagegen begeisterte sich für "Aufregung, Blut, Totschießen" (13. Kap., S. 410). Dabei kann man ihm die Verrohung im Dorf (aus welchen Gründen auch immer) zugute halten. Für den toten Franzosen kursieren zwei Erklärungen: beide erweisen die Dorfgemeinschaft als mörderisch (13. Kap. 406). • Dorfschulze Woytasch kennt zudem seine Tschechiner: sie werden das Grabkreuz der Ursel zerstören. Er gibt ihnen recht: "Kirchhofsordnung ist gut, aber der Mensch verlangt auch seine Ordnung". Eccelius bekräftigt ihn mit : "Bravo, Schulze Woytasch!" (20. Kap., S. 437). Das nennt Wülfing vier Ungeheuerlichkeiten: 1) der Schulze Woytasch kündigt eine Grabschändung an; der Kirchenvertreter ist mehr als einverstanden 2) die menschliche Ordnung wird der Kirchhofsordnung entgegengestellt; die dann wohl unmenschlich ist 3) die menschliche Ordnung wird gleich oder gar vor die kirchliche gestellt 4) der Kirchenvertreter ruft all diesem ein "Bravo!" zu (Wülfing 2007, S. 128). Klaus Lüderssen, Professor em. für Rechtswissenschaft an der Universität Frankfurt meint dazu: "Nicht Kirchhof und Christentum konkurrieren hier etwa, sondern Christentum und atavistische Barbarei" (Lüderssen 1991, S. 218). • Eccelius ist eine schillernde Figur. Sein Einfluss ist enorm, beispielsweise verhört er die Zeugen; Frau Jeschke unterwirft sich ihm nach der Strafpredigt. Allerdings liegt der Medizinmann des weißen Spuks mit seiner Einschätzung und dem ausgeteilten Vorwürfen falsch. Auch sein Stolz über die Konversion von Frau Hradschek ist nicht ganz berechtigt: am Sterbebett lehnt sie es ab ihn zu holen (14. Kap., S. 416); letzlich bleibt sie katholisch (siehe am Ende des folgenden Abschnitts). Deshalb stimmt Eccelius auch zu, Abel im Kirchhof zu begraben und Ursels Grab umzureißen (20. Kap., S. 437). |
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| Rollentausch und Komik | |
| Mehrmals bedient sich Fontane des Rollentauschs. Die
Kriminalhandlung wird dadurch komödienhaft. • Mörder Hradscheck heisst kurioserweise Abel, statt Kain; deshalb der Spottvers: "Abel schlug den Kain tot" (9. Kap., S. 389). • Der Totengräber heisst Wonnekamp. • Der Totengräber gräbt einen Toten aus, den Hradschek zuvor aus- und wieder eingegraben hat. Und zwar schon mit der Absicht, dass er wieder ausgegraben wird. • Gekrönt wird die Graberei vom Umstand, dass Hradschek schließlich am Umbetten der Leiche scheitert. • Auf dem Motiv der Leichenumgraberei baut auch die Filmkomödie Alfred Hitchcock: Immer Ärger mit Harry; siehe Jack Trevor Story unter • Ein Rollentausch erfolgt zwischen Justizrat Vowinkel (Winkeladvokat) und dem Pastor Eccelius (vorgeschlagen wurde ein Komparativ zu "Ecce homo", also etwa ein Menschlein; übrigens ein Seelsorger, dessen starke Seite nicht die Seelsorge war; 14. Kap. S. 413), den gemeinsamen Logenbrüdern (übrigens war der derzeit regierende König von Preußen Friedrich Wilhelm III. auch ein Logenbruder), was die starke Verbandelung von Staat und Kirche zeigt. Die kirchliche Instanz, die eigentlich von der Unschuld des Verdächtigen überzeugt ist, führt die Verhöre (9. Kap., S. 392-394). • Seinen ersten Fehler begeht Abel als er dem Gendarmen Geelhaar den Rum verweigert. Es ist dies mehr seinem Übermut als seiner Klugheit zuzurechnen. Sein den Gendarmen provozierenden und wohl auch herabsetzendes Wortspiel: "Rum ist gut. Aber Rum kann einen auch 'rumbringen". Fast bringt das Aber selbst um, denn Geelhaar wird sein Feind: "Und mit Ihnen, mein lieber Herr, is auch noch nicht aller Tage Abend" (10. Kap., S. 396). • Zu einer geistigen Konfrontation kommt es bei der Anklagepredigt des Pastors. Der Vertreter des weißen Spuks las der Vertreterin des schwarzen Spuks, Frau Jeschke, die Leviten ( 12. Kap., S. 404-405). Es ist aber der falsche Adressat der Anklage: Hradschek sitzt auch in der Kirche, bleibt aber vom Pastor unbehelligt. Ähnliches wiederholt sich bei der Gradrede für Ursel. • Nicht ohne Komik ist, dass Ursel, auf deren Konversion Eccelius so stolz, am Sterbebett wieder katholisch wird (oder nie richtig gewechselt war). Sie lehnt es ab, Eccelius zu holen. Das weiß dieser noch nicht, als er am Grab Ursel noch einmal lobt, da "sie, den ihr anerzogenen Aberglauben abschüttelnd, nach freier Wahl und eigenem Entschluß den Weg des Lichtes gegangen sei" (15. Kap., Kap., S. 418). Kurz darauf erfährt er von Abel, dass sie vom katholischen Bischof von Krakau Seelenmessen kaufen will. Und zwar für sich; nur in Klammern setzt der Autor hinzu, dass die Messen eigentlich dem ermordeten Szulski galten. Großartig, wie Eccelius das umdeutet in ein Pflicht genau dies nicht zu tun (16. Kap., S. 420-421). Das Geld wird stattdessen für ein Grabkreuz verwendet, auf dem zweimal Eccelius für sich selbst sorgt. Vorn zitiert er das Matthäus-Evangelium: "Denn wenn ihr den Menschen ihre Verfehlungen vergebt, dann wird euer himmlischer Vater auch euch vergeben", Mt. 6,14 und auf der Rückseite drückt er seine Enttäuschung aus: "Wir wandelten in Finsternis, bis wir das Licht sahen. Aber die Finsternis blieb, und es fiel ein Schatten auf unseren Weg" (16. Kap., S. 421). |
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| Gesellschaftsroman – Gesellschaftskritik | |
| Abgesehen von der
Handlung, Stil und Charakterzeichnung ist er wegen seiner
Gesellschaftsschilderung und dem Thema Glaube und Aberglaube
(nachfolgend) auch heute noch sehr gut lesbar, unterhaltend und
lehrreich. Dorfklatsch und Stimmung im Dorf beschreibt der Autor ausgezeichnet, vor allem auch die Stimmungsumschwünge. Die Beziehung und Abneigungen im Dorf werden sachte blankgelegt. Vieles ist auf heute erstaunlich gerade übertragbar, obwohl der Roman um 1830 spielt und 1875 erschien. Trotzdem wenig gegen Hradscheck vorliegt wird er zehn Tage vor Weihnachten verhaftet (10. Kap. S. 394) und bis Mitte Januar passiert nichts. Die Blockwartin Nachbarin Jeschke ist auf der richtigen Spur hat aber die unpassenden Beobachtungen. Das hat Hradschek fein in seinen Plan verwoben und der Erzähler verrät es, freilich ohne dass ich es richtig würdigte. Der Frau Jeschke war es, als ob Hradschek wolle, dass sie sein mitternächtliches Treiben sehe (6. Kap., S. 383). Ihr vorletzter Pfeil im Köcher zieht: sie redet Ede ein, dass es ihm Wirtskeller spukt. Ihr letzter Pfeil (den sie nicht bewusst absendet) ist Abels Angst, er könne von ihr im Keller gesehen werden. Er holt daher das fatale Brett. • Exekutive: Dorfschulze Woytasch: deckt die Grabschändung der Katholischen und macht den evangelischen Pastor zum Komplicen: "... dann müssen wir tun, Herr Pastor, als sähen wir's nicht" (20. Kap., S. 437). Gendarm Geelhaar jagt Abel "Der muß ans Messer", weil er seinen Bestechungsrum nicht mehr bekam (10. Kap., S. 396). • Justiz: Vowinkel erkundigt sich zu einem Stimmungsbericht beim Logenbruder und übergibt ihm sogar die Verhörbefugnis, statt selbst die Wahrheit herauszufinden. • Pastorale: der Pastor macht mit und ruft: "Bravo!"
Wenn man als den Zeitbezug stark macht (wie Fontane in Unterm Birnbaum) so erntet man bei zeitgenössischen Lesern Zustimmung, im 21. Jahrhundert muss man aber zum Verständnis einen Historiker befragen oder die Sekundärliteratur zu Rate ziehen. Der Weinreisende Szulski ist auch ein guter Erzähler und berichtet als Augenzeuge oder gar als Mitkämpfer (5. Kap., S. 377) von der polnischen Julirevolution 1830/31. Damit kann Fontane versteckt aber für damalige Leser offensichtlich politische Kritik unterbringen. Viele Rezensenten lesen Szulskis Geschichte als Metapher für die März-Revolution 1848/49 ( Das russische Regiment Kaluga, das unter den Polen so tierisch wütete, stand seit 1818 unter Leitung von Prinz Wilhelm von Preußen, dem späteren Kaiser Wilhelm I. ( • Neben der Kritik am Adel und der Obrigkeit steht ein Schlaglicht auf die Fremden im Dorf. Die Ursel wird von Eccelius und der Dorfgemeinschaft akzeptiert, als sie ihre Religionsidentität aufgibt und sich der protestantischen "Leitkultur" unterwirft. Als er nach ihrem Tode merkt, dass dies nicht wirklich der Fall war, überläßt er ihren Körper wieder dem Plebs. In der Aussage: "... die Katholschen seien, bei Licht besehen, auch Christen" (13. Kap. S. 407) steckt der Gedanke des US-Busfahrers: "Schwarze sind bei Licht besehen auch Menschen, aber Neger kommen in meinen Bus nicht hinein" • Nach dem Tod des polnischen und katholischen Szulski wird zuerst nur belustigend gesucht ("wie bei Dachsgraben und Hühnerjagd", 8. Kap., S. 388) und dann halbherzig geforscht. |
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| Glaube und Aberglaube | |
| Die Scheinheiligkeit der Tschechiner
Kirchgänger, die der Autor als "unfromm" bloßstellt
und die trotzdem äußere kirchliche Rituale hoch
bewerten (Kap. 10, S. 395), ist enorm. In der protestanischen Gegend war die zugezogene katholische Ursel Hradschek ein Fremdkörper. Sie tritt um Protestantismus über. Dorfpfarrer Eccelius ist durch diese Konversion von der Unschuld ihres Mannes (!) überzeugt: er schreibt einen völlig entlastetenden Brief an seinen Logenbruder, den Justizrat. Er schreibt: "Die Frau hat meine besondere Sympathie. Daß sie den alten Aberglauben abgeschworen, hat sie mir, wie Du begreifen wirst, von Anfang an lieb und wert gemacht" (9. Kap. S. 391). Er hält eine glühende Predigt für das Wirtsehepaar. Noch an Ursels Grab lobte er, dass sie den ihr anerzogenen Aberglauben abgeschüttelt habe (15. Kap., S. 418). Eccelius stimmt auch dem Kirchen-Gemeinderat Kunicke zu, der dem toten Franzosen ein Begräbnis zugesteht: "die Katholschen seien, bei Licht besehen, auch Christen" (13. Kap. S. 407). Viele der Personen schwanken zwischen Glauben, Aber- und Unglauben. Frau Jeschke quacksalbert um ihre Lebensverhältnisse zu verbessern (6. Kap. S. 382). Erstaunlich ist Fontanes Religionskritik, die er einmal Abel in den Mund legt, mehr als einmal aber auch als Erzähler vertritt. Der Spuk hat zwei Quellen. Die Hexe Jeschke mit ihren Zaubermischungen fürs Unsichtbarwerden vertritt den scharzen Spuk. Der weiße Spuk wird von Eccelius am Altar und von der Kanzel vertreten (13. Kap. S. 405). |
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| Stil | |
| Zehn Jahre vor seinem Meisterwerk Effie Briest
zeigt sich Fontane bereits als ein Meister der deutschen Sprache und
der Andeutungen. Schon der erste Satz wirft ein Hauptproblem auf: im reichen Dorfe läßt Abel zwei magere Schimmel einspannen (1. Kap. S. 359). Andere Andeutungen im Charakter Abels und bei seinem nächtlichen Graben wurden schon erwähnt. Einzig die häufigen und nicht ganz belanglosen wörtlichen Reden im Dialekt verzeihe ich dem Autor nicht. |
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| Schluss | |
| So gut ausgedacht das böse Ende des
Täters ist, so unbefriedigend ist es. Diskussionen
ergaben, dass viele Leser sorglos darüber weglesen. Deshalb
biete ich hier eine Rekonstruktion zum Tod des Abel
Hradscheks: |
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| Verschiedene Texthinweise | |
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»Aber komm in den Garten! Die Wände hier haben
Ohren!«
(3. Kap. S. 370) Abhören und Lauschangriff schon um 1830; vergleiche |
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»Noch ist Polen nicht verloren«
(5. Kap. S. 378) Beginn der polnischen Nationalhymne (seit 1927) Mazurek Dąbrowskiego. |
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»... mehrere große Speckseiten verdorben«
(12. Kap. S. 403) Gammelfleisch wurde also a.d. 1830 nächtens vergraben und nicht an Verbauchermärkte ausgeliefert. |
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| »Nimmt
Gott, so nehm ich wieder« (15. Kap. S.
419) In der Weinstube des Abel Hradschek geht es hoch her. Die Bauern erzählen sich eine "Wiederverheiratungsgeschichte" vom Hauptmann von Rohr, der vier Frauen gehabt hatte und beim Hinscheiden jeder gesagt hatte: »Nimmt Gott, so nehm ich wieder« (S. 419). Walter A. Reichart vermutete 1941 (
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| Paul I. Anderson meint, dass alle Romane nach 1887 Erinnerungen an und Verarbeitungen von Fontanes Schuld sind: Cécile, Stine, Quitt, Schach von Wuthenow und Unterm Birnbaum (Der versteckte Fontane. Und wie man ihn findet). Ausgangspunkt für Fontanes Schuldkomplex ist die uneheliche Tochter, die stirbt, das sie wenige Monate alt war. | |
| Die Eltern von Theodor Fontane betrieben in Letschin, das dem Autor als Vorlage für Unterm Birnbaum diente, eine Apotheke, die es heute noch gibt. | |
| Wie modern und
prophetisch Theodor Fontane schrieb zeigt
sich an Schulze Woytasch: »Ich habe Beckmann gesehen, nu ja, Beckmann is gut, aber Hradscheck is besser« (17. Kap., S. 424) |
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| Unterm
Birnbaum ist ein hervorragender Gesellschafts- und
Kriminalroman, der in beiden Genres auch
heute durchaus
lesenswert ist. Und vergnüglich obendrein.
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| Vergleichsliteratur | |
| Nicholas Blake: The Beast Must Die (1938), deutsch: Mein Verbrechen | |
| Annette
von
Droste Hülshoff: Die Judenbuche (1842) – |
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| Jeremias Gotthelf: Die schwarze Spinne (1842) | |
| E.T.A.Hoffman:
Das
Fräulein von Scuderi (1818) – |
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| Heinrich Mann: Die kleine Stadt | |
| Wilhelm Raabe: Stopfkuchen (1891) | |
| Friedrich
Schiller: Der Verbrecher aus verlorener Ehre (1786)
– |
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| Theodor Storm: Der Schimmelreiter (1888) | |
| Jack Trevor Story: The Trouble with Harry.
London 1949 Diesen Roman nahm Alfred Hitchcock zur Vorlage für seine Filmkomödie Immer Ärger mit Harry [The Trouble with Harry] 1955. Ein Junge findet beim Spielen eine Leiche. Da viele an ihr Interesse haben wird sie im Laufe des Films mehrfach begraben und ausgegraben. Immer Ärger mit Harry: |
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| Theaterbearbeitung "Unterm Birnbaum", Kriminalnovelle von Theodor Fontane. Buch und Regie: Barbara Abend, Berlin. |
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| Verfilmung Der stumme Gast, mit René Deltgen, Gisela Uhlen, Rudolf Fernau. Regie: Harald Braun, Deutschland 1944/45. 106 Min. Erstaufführung: März 1945; Wiederaufführung: 12.2.1962 Unterm Birnbaum. Fernsehspiel von Herbert Reinecker, BRD 1963 Unterm Birnbaum, nach der gleichnamigen Kriminalnovelle von Theodor Fontane. Regie: Ralf Kirsten, DEFA 1973 |
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| Hörspiel Theodor Fontane „Unterm Birnbaum“, SWR, Kriminalhörspiel 80 Min. Siehe unter Audio-Verlag unter |
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| Links | |
| Unterm Birnbaum | |
| Text
online: |
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| Xlibris:
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| Literatur | |
| Arndt, Christiane: "»Es ist nichts so fein gesponnen, ́s kommt doch alles an die Sonnen« – Über das produktive Scheitern von Referentialität in Theodor Fontanes Novelle »Unterm Birnbaum«". Fontane Blätter 77. 2004, S. 48-75. | |
| Arndt, Christiane: "Der
versteckte Fontane und wie man
ihn findet (Review)". Modern Language Notes 122:3.
2007, S.
668-672. |
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|
Aust, Hugo: "Fontanes „fein Gespinnst“ in der
Gartenlaube des Realismus: Unterm Birnbaum."
In: Monika Hahn, Hg.: Spielende Vertiefung ins
Menschliche. Heidelberg 2002, S. 179-192. |
|
| Berend, Eduard: "Correspondence". Modern Language Notes 60:6. 1945, S. 429 | |
| Boucley, Sèverine: »Unterm Birnbaum«, ein Nebenwerk Theodor Fontanes? Überlegungen zur traditionellen Einschätzung der Novelle durch die Forschung. Staatsexamensarbeit, Johannes-Gutenberg-Univ. Mainz 2005. 121 S. | |
| Brettel, H.-F.: "Ein Beitrag zur Bestimmung des Lebensalters bei Skeletten". International Journal of Legal Medicine 97:3. 1986, S. 223-226. | |
| Calhoon, Kenneth S.: "The Detective and the Witch: Local Knowledge and the Aesthetic Pre-History of Detection". Comparative Literature 47:4. 1995, S. 307-329. | |
| Dittmann, Ulrich: „Unterm Birnbaum“. KLL 1986. S. 9754-9755. | |
|
Freund, Winfried: "Theodor Fontane: Unterm Birnbaum". In: Winfried
Freund, Hg.: Die deutsche Kriminalnovelle von Schiller bis
Hauptmann. Einzelanalysen unter sozialgeschichtlichen und didaktischen
Aspekten. Paderborn 1980, S.85-94. |
|
| Friedrich, Gerhard: "Unterm
Birnbaum. Der Mord des Abel
Hradschek". In: Christian Grawe, Hg.: Interpretationen.
Fontanes Novellen und Romane.
Stuttgart: Reclam 1991. S.113-135. |
|
| Gill, Manfred: "Letschin in Fontanes Kriminalnovelle Unterm Birnbaum". Fontane Blätter 29. 1979, S.414-427. | |
| Lüderssen, Klaus:
"Duell oder Mord? St.
Arnaud –
ähnlich »attraktiv« wie Tom
Ripley?". Rechtshistorisches Journal 13. 1994, S.
435-452. Englische
Ausgabe: "Duel or Murder? St.
Arnaud - as »attractive« as Tom Ripley?" Journal
for History of Law 13. 1994 |
|
| Lüderssen, Klaus: "Der Text ist klüger als der Autor. Kriminologische Bemerkungen zu Theodor Fonatanes Erzählung Unterm Birnbaum". In: Klaus Lüderssen: Produktive Spiegelungen. Recht und Kriminalität in der Literatur. Frankfurt: Suhrkamp, 1991, S. 197-220. Siehe weiter unten. | |
| Niehaus, Michael: "Eine zwielichtige Angelegenheit: Fontanes Unterm Birnbaum". Fontane Blätter 73. 2002, S. 44-70. | |
| Paefgen,
Elisabeth K.: "»Ich werde einen Menschen
töten.« Redende
»Mörder« in Kriminalromanen und
Kriminalnovellen. ide Informationen zur
Deutschdidaktik 2. 2004, S. 14-22. |
|
| Reichart, Walter A.: "Hauptmann's »So lange Gott nimmt, nehm ich auch«". Modern Language Notes 56:6. 1941, S. 447-448 | |
| Sagarra,
Eda: "Theodor Fontane and the Petticoat Regiment". German
Life and Letters 58:2. 2005, S.
113-128. |
|
| Sagarra,
Eda: "»Und die Katholschen seien, bei
Licht besehen,
auch Christen«. Katholiken und Katholischsein bei Fontane:
Zur Funktion eines
Erzählmotivs". Fontane Blätter
59. 1995, S 38-58. |
|
| Sagarra,
Eda: "Die unerhörte Gewöhnlichkeit. Theodor Fontane:
Unterm Birnbaum (1885)". In: Winfried Freund, Hg.: Deutsche
Novellen. Von der Klassik bis zur Gegenwart.
München: Fink 1993, S. 175-186. |
|
| Sagarra, Eda: "Unterm Birnbaum". In: Christian Grawe,
Helmuth Nürnberger, Hg.: Fontane-Handbuch.
Stuttgart: Kröner,
2000, S. 554-563. |
|
| Speicher, Stephan:
„Die Leiche im Keller vom
»Alten Fritz«. – Ausflug mit Fontane, 1.
Folge: Ins mittlere Oderbruch nach Letschin, wo die Erzählung
»Unterm Birnbaum« spielt“. Berliner
Zeitung, 9.4.1998. |
|
| Wulf Wülfing: „Inhumane
Obrigkeitsreligion. Zur Rolle von Kirche und Staat in Fontanes Unterm
Birnbaum“. In: Hanna Delf von Wolzogen, Hubertus
Fischer, Hg.: Religion als Relikt?, 2007, S.
121-134. |
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| Theodor
Fontane: Unterm
Birnbaum. Sprecher: Gert Westphal. Universal
Music 1997. 3 Audio-CDs |
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