Der
Kapuzinermönch Medardus erzählt seine abenteuerliche
Lebensgeschichte. Er zieht alle Register des romantischen Gespenster- und
Schauerromans (geheimnisvolle Kabinetttüren, unheimliche Verfolger, Mord,
Inzest) und vermag uns heute doch keine mehr Furcht einzujagen. Trotzdem ist es
eine spannende, wenn auch, je weiter man vordringt, umso verworrenere
Geschichte. Mich beeindruckte, daß man unmerklich auf verschiedene
Positionen des Ich-Erzählers gezogen wird, so daß man nicht mehr
weiß: hat er einen Doppelgänger, oder deren zwei; träumt er
alles; ist er wahnsinnig oder kehrt er unter anderem Ich wieder. Vererbung,
Wahnsinn, Ich-Identität, das Unbewußte und Willensfreiheit sind die
heute noch faszinierenden Themen.
"... die Sünde
des Vaters kocht und gärt in seinem Blute..." Kann Medardus also
nichts für seine schaurigen Taten?
Am Beginn des zweiten
Abschnitts bekennt er: "Doch war mein Ich hundertfach zerteilt".
Nachdem er von den Elixieren des Teufels die im Kloster
übrigens wie Reliquien verwahrt wurden ["Da befanden sich allerlei
Knochen von Heiligen, Späne aus dem Kreuze des Erlösers" und eben
auch die Flasche mit dem Elixier] gekostet, verfällt Medardus den
weltlichen Verlockungen. Gut für den Leser, denn eine glatte
Klostergeschichte wäre doch zu langweilig. Und E. T. A. Hoffmann kann es
seinem Leser nur zumuten, weil Medardus eigentlich nichts dafür kann.
"Aber ich selbst war herabgesunken zum elenden Spielwerk der bösen
geheimnisvollen Macht, die mich mit unauflöslichen Banden umstrickt hielt,
so daß ich, der ich frei zu sein glaubte, mich nur innerhalb des
Käfigs bewegte, in den ich rettungslos gesperrt worden".
Nur so ist es den Christenmenschen am Anfang des
19.Jahrhunderts zuzumuten, wenn Medardus dem Satan huldigt: "Es ist kein
Gott, dem ich diene, du bist mein Herr, und aus deinen Gluten strömt die
Lust des Lebens".
Der Leser erfährt
auch, wie "menschlich" die oberste Führung der katholischen Kirche ist.
Medardus erfährt in Rom von den Mordplänen des Papstes. Er wird
selbst von Dominikanern entführt und entgeht nur knapp einem
heimtückischen Anschlag auf sein Leben.
Wir erfahren, daß der Mensch im Innersten zu allen
Leidenschaften fähig ist und nur durch eine rigorose Unterwerfung unter
die Religionsfuchtel zu überleben vermag. Wer liebt sündigt und
muß Busse tun. Medardus martert sich "in einsamer Zelle selbst auf die
grausamste Weise", so "daß niemand die gewöhnlichen
Funktionen des Lebens bei ihm bemerkt hat". Botschaft an den Leser: Aufgabe
des eigenen Willens, völlige Unterwerfung unter Prior, Äbtissin oder
Papst. Nur so ist ein triebloses Leben, mit Ausschaltung aller
Natürlichkeit, möglich. Auch heute glauben noch manche an diese
Devise. |