| Bertolt
Brecht: Die heilige Johanna der Schlachthöfe In: Die Stücke von Bertolt Brecht in einem Band. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1987. S. 269-316 – |
| In elf Bilder beschreibt Brecht hier den
wirtschaftlichen Kreislauf und hält sich dabei – dies entnehme ich
anderen Besprechungen – an Karl Marx:
Ende des relativen Wohlstands – Überproduktion – Krise – Stagnation – Zyklusneubeginn. |
| Ort des dramatischen und tragischen Geschehens: Schlachthöfe und Börse in Chicago. |
| Drei Gruppen stehen in dramatischen Gegensatz: • das Kapital mit Mauler, seinen wenigen Vertrauensleuten und den anderen Kapitalisten • die vielen Arbeiter • die Religion mit Johanna Dark und den Schwarzen Strohhüten. Daraus baut Brecht sein Lehrstück. Das Kapital verursacht gewollt die Krise und geht daraus gestärkt hervor. Die Arbeiter haben kaum etwas entgegenzusetzen, weil sie nicht solidarisch zusammenstehen. Die Religion bietet für hier auf Erden keinen Lösung an. Johanna Dark würde heute wohl als Gutmensch diffamiert: sie vertritt eine individuelle Mitleidsethik (Arthur Schopenhauer). Sie erkennt das Elend der Arbeiter, aber sieht auch im Kapitalisten und Spekulanten Pierpont Mauler das Gute. Sie torpediert daher die Briefübergabe. Der Generalstreik kommt nicht zustande. Am Ende erkennt sie, dass sie scheiterte. Mauler ist ambivalent dargestellt. Einerseits ist er eine »Heuschrecke« (Franz Müntefering, deutscher Politiker, SPD, * 1940; siehe Die bittere Erkenntnis am Ende: |
| Johanna: | "Es
hilft nur Gewalt, wo Gewalt herrscht, und Es helfen nur Menschen, wo Menschen sind" (11b) |
| Solange die Arbeiter sich nicht ändern, werden sie ausgebeutet. Eine Änderung wirkt nur, wenn sie – statt auf den eigenen Vorteil zu schauen – solidarisch zueinanderstehen. Es ist also ein Werbestück für starke Gewerkschaften. |
| Bemerkenswert scheint mir zu sein, dass Mauler und seine Kumpanen ihre Haltung mit dem Standardargument begründen: die Menschen sind schlecht, sie wollen so behandelt werden. Sein Adlatus Slift führt Johanna deshalb im Auftrag Maulers durch die Schlachthöfe um die Niedertracht der Proletarier zu zeigen: Johanna lässt sich von dem Höllengang a la Dante nicht beeindrucken. Bei der Plaung des Generalstreiks versagt sie aber. |
| Brecht wechselt die Versform mit Prosa und klassischen
Chören ab. Das ist grossartig gemacht, beim ersten Mal lesen aber
sind Inhalt und Form schwer durchschaubar. Die "Handlung gilt als
unübersehbar, wirr, ja als chaotisch" (Knopf, S. 9, |
| Wenn
man die "Backoffices" vergleicht, schneidet der
Kapitalismus am besten ab. • Mauler erhält Briefe aus New York = Wall Street = Weltkapitalismus. • Hinter den Arbeiter stehen gewerkschaftliche Agitatoren. • Johanna Dark und die Schwarzen Strohüte (Heilsarmee) haben Gott auf ihrer Seite. Doch die Vertröstung aufs Jenseits erleichtert das Leben der Schlachthofarbeiter nicht. Johanna spitzt es zu: "Darum, wer unten sagt, daß es einen Gott gibt Und ist keiner sichtbar Und kann sein unsichtbar und hülfe ihnen doch Den soll man mit dem Kopf auf das Pflaster schlagen Bis er verreckt ist." (11b) |
| Brecht
verwendet zahlreiche klassische Zutaten. Johanna verwendet Bibelzitate (Knopf, S. 159-161, Auch bei Friedrich Schiller, dessen Drama "Die Jungfrau von Orleans" (u.v.a.) von Giuseppe Verdi als Giovanna d’Arco (1845) vertont wurde, kommen oft Briefe vor ("Kabale und Liebe", "Fiesco", "Wallenstein", "Don Carlos"). Ganz am Ende verbeugt sich Brecht vor Schiller oder – er war da nie zurückhaltend – er verwendet Schiller direkt. |
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König mit abgewandtem Gesicht. "Gebt ihr die Fahne!" Man reicht sie ihr. [...] Die Fahne entfällt ihr, sie sinkt tot darauf nieder. – Alle stehen lange in sprachloser Rührung. – Auf einen leisen Wink des Königs werden alle Fahnen sanft auf sie niedergelassen, daß sie ganz davon bedeckt wird. |
Mauler: "Gebt ihr
die Fahne!" Man reicht ihr die Fahne. Die Fahne entfällt ihr. [...] Alle stehen lange in sprachloser Rührung. Auf einen Wink Snyders werden alle Fahnen sanft auf sie niedergelassen, bis sie ganz davon bedeckt wird. |
| "Die Jungfrau von Orleans", V.14, Ende des Dramas | "Die heilige Johanna der Schlachthöfe", 11b |
| Obwohl Brecht schon vor 1933 schrieb kam es erst 1959 zur Uraufführung. Es wurde seitdem selten gespielt, wohl weil man meinte, der Stoff sei überholt. Die Weltwirtschaftskrise und besonders deren Ablauf in Deutschland belegen aber, dass "Die heilige Johanna der Schlachthöfe" zum Theaterkanon gehören sollte. Lesenswert und sehr besuchenswert, wenn es denn aufgeführt wird. |
| Links |
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| „Heuschrecken“, abwertende Tiermetapher, populär seit sie Franz Müntefering, SPD, am 22. November 2004 bei einem öffentlichen Vortrag verwendete: | |
| „Wir müssen denjenigen Unternehmern, die die Zukunftsfähigkeit ihrer Unternehmen und die Interessen ihrer Arbeitnehmer im Blick haben, helfen gegen die verantwortungslosen Heuschreckenschwärme, die im Vierteljahrestakt Erfolg messen, Substanz absaugen und Unternehmen kaputtgehen lassen, wenn sie sie abgefressen haben. Kapitalismus ist keine Sache aus dem Museum, sondern brandaktuell.“ | |
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| Börsianer
wählten den Begriff „Heuschrecken“ zum |
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| Vergleichsliteratur Upton Sinclair: The Jungle (1906) (Der Sumpf 1906), Neuübersetzung: Der Dschungel (1974) |
| Literatur |
| Jan Knopf, Hg.: Brechts »Heilige Johanna der Schlachthöfe«. Frankfurt: Suhrkamp, 1986. |
| Käthe Rülicke: "Bertolt Brecht – Die heilige Johanna der Schlachthöfe – Notizen zum Bau er Fabel". In: Manfred Brauneck, Hg. : Das deutsche Drama vom Expressionismus bis zur Gegenwart. Interpretationen. Bamberg: Buchner, 1977. S. 144-154. |
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| Bertolt
Brecht, Walter Hinderer, Hg.: Brechts
Dramen. Interpretationen.
Ditzingen: Reclam, 1995. Taschenbuch, 188 Seiten |
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Bertolt Brecht, Edgar Neis: Die
heilige Johanna der
Schlachthöfe. Bange 2000. Taschenbuch, 104 Seiten |
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| Bertolt
Brecht: Sämtliche Stücke in einem Band [Ungekürzte Ausgabe].
Frankfurt
am Main: Suhrkamp,
1978. Gebunden, 1003 Seiten |
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