In zahlreichen kurzen, liebevollen
Porträts nicht nur Tanten betreffend läßt der
Autor die Welt zu Beginn des 20. Jahrhunderts in Livland aufleben. Die netten
Verwandten (hier ohne sarkastischen Unterton zu lesen) berichten wiederum aus
vergangener Zeit. Dabei rufen die erzählten Episoden, wie es der Autor
eingangs schildert, eigene Erinnerungen wach. Auch ich habe als Kind am
Telegrafenmast gehorcht: man müßte doch mal Gesprächsfetzen
heraushören können ("Großtante Sonny", S. 38). Nebenbei
erfährt der Leser, daß Vegesack 1909 in Heidelberg studierte und
damit dort dem englischen Geschichtenerzähler W.
S. Maugham ( William
Somerset Maugham) folgte. Die Porträts werfen einen
wehmütigen "Schatten über den vergrasten Weg, den niemand mehr
betritt" (S. 76). Hier eine kurze Schachszene aus dem Jahr 1916.
Nach Tisch sollte er sich hinlegen. Als
Tante Bella ihn dazu bewegen wollte, fragte er mich mit einem Seufzer:
»Ist deine auch so streng?« Und dann sprang er mit einem
übermütigen Satz auf, stürzte zum Schachtisch, winkte mir
spitzbübisch zu, und wir setzten uns zum Spiel. Denn Schach war seine
Leidenschaft. Wo ich ihn auch traf, ob in Stuttgart oder im Kaiserhof in Berlin
- stets mußte ich nach Tisch mit dem Onkel eine Partie Schach spielen.
Und immer verlor ich. Einmal hatte ich ihn schon sehr in die Enge getrieben,
aber der Oheim war zäh und ließ nicht nach, bis er mich doch
mattsetzte. Aus: "Tante Bella und der Luftschiffonkel", S.
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Das von Tante Lisette
vorgetragene Lied "Frühlingserwachen" (S. 26) dürfte dasjenige von
Carl Loewe sein. Ruggiero Leoncavallo schrieb ebenfalls ein Lied
"Frühlingserwachen", ist jedoch eher ein Zeitgenosse oder sogar erst nach
Tante Lisette bekannt.
Frühlingserwachen Es schauet der Morgen mit
funkelndem Schein, Als schauten die Augen des Liebsten herein. Er will
mich umfangen mit duftigem Hauch, Es breitet verlangend die Arme der
Strauch, Da singen die Blätter in Liebe so hold Es klingen die
Lüfte und glänzen wie Gold, So hold wie Gold, wie Gold so hold.
Wie köstliches Leben! wie selig die Brust! So atmen und schweben
in ewiger Lust. Carl Loewe (1796 1869),
nach dem Text von Gerhard Anton Hermann Gramberg
(1772 1816) |
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