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Vegesack
Siegfried von Vegesack: Die Baltische Tragödie. Eine Roman-Trilogie.
Berlin: Universitas, 1935. 584 Seiten – vegesack Autor Vegesackvegesack Rezensionen allgemein
Hätte mir vorher jemand den Inhalt der Trilogie gesagt, ich hätte sie kaum gelesen. Doch ich hätte einen fesselnden historischen Roman versäumt.
Der erste Band Blumbergshof erzählt das Leben auf einem baltischen Gutshof zu Beginn des 20.Jahrhunderts. Er zeigt die bemerkenswerte Mauer zwischen den Besitzenden und der arbeitenden Bevölkerung; die Beziehung ist nach aussen erstaunlich problemlos. Doch im zweiten Band Herren ohne Heer erweist sich die als Trugschluß. Es gibt die bis heute nicht ausgerotteten Vorurteile gegen "Fremde"; im Baltikum eben der heimischen Letten und Esten gegenüber den deutschen Herren. Den deutschen Balten stehen zudem die Russen feindselig gegenüber. In der russischen Oktoberrevolution stehen daher die Balten zwischen allen Fronten und werden im dritten Band Totentanz in Livland aufgerieben, niedergemetzelt, verjagt.
Distanziert durcheilt Vegesack die Jahre. Immer wieder zoomt er auf typische Ereignisse. Oft setzt er das Mikroskop im Tagesgeschehen an. "Es wird Frühling. Die Hühner scharren schon auf den Komposthaufen, der junge Hahn übt sich im Krähen" (371). Durch diese Technik ist man nicht hautnah am Geschehen, sondern erlebt selbst den Protagonisten Aurel Heidenkamp (autobiografisch?) wie durch einen Schleier. Doch dahinter zeichnet der Autor lebendige Figuren. so z.B. den Doktor Martinell, der immer auf die deutschen Truppen hofft und fortschrittsgläubig meint: "Die moderne Technik hebt den Krieg auf!" (392) Dieser Illusion sind auch später noch Leute aufgesessen. Obwohl Vegesack auf der Seite der deutschen Balten steht, wird keine Volksgruppe beschuldigt oder gar verteufelt (Ausnahme: die Kosakenhorden). Die Gutsherrin vertritt sogar eine moderne, tolerante Haltung, wenn sie sagt: "Kein Volk ist besser oder schlechter als das andere – Schufte und Verbrecher gibt es überall" (390). Erst im letzten Schlachtengetümmel – das ist für den heutigen Leser eher abstossend – geht Vegesack der patriotische Gaul durch; sicher ein Zugeständnis an den Zeitgeist (erschienen 1935): Mehrfach beschwört er: "Ein Wille, ein Heer, ein Volk!" Hier fehlt glatt noch der Führer.
Insgesamt ein erstaunlich flüssiger Roman, der dem Leser die Geschichte des Baltikums vermittelt.
Sehr lesenswert.

Siegfried von Vegesack
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© by Herbert Huber, Am Fröschlanger 15, 83512 Wasserburg, Germany, 28.3.2003