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Frei
Pierre Frei: Onkel Toms Hütte, Berlin
München: Blessing, 2003. 542 Seiten – Autor
Die Zeitzone zwischen Kriegsende 1945 und dem Beginn der beiden deutschen Staaten ist (bei mir?) literarisch unterbesetzt. Onkel Toms Hütte, Berlin spielt in Berlin im Jahre 1945. Der Krieg ist zu Ende. Die Deutschen suchen gegenüber der allmächtigen US-Besatzung ihren neuen Standpunkt. Der fünfzehnjährige Ben und seine Mitschüler(innen) suchen ihren Weg unter völlig neuen Vorausetzungen.
Pierre Frei kleidet dieses Ringen um eine neue Ordnung in die Rahmenhandlung eines Serienmordes. Wieder einmal müssen dazu blonde, hübsche, junge Frauen herhalten. Sie arbeiten alle bei den US-Streitkräften. Zu jeder Frau: Karin, Helga, Henriette, Marlene und Jutta breitet Frei deren Lebensgeschichte aus. Diese Verzahnung des neuen Lebens in den Trümmern Berlins und der einzelnen Situation vor und während des Krieges – rückblendend erzählt – gibt dem Roman seinen Reiz.
Pierre Frei gelang die Verbindung der Spannungselemente eines Kriminalromans (übrigens klassisch als Whodunnit, die Identität des Frauenkillers blieb mir bis zum Ende nebulös) mit einem breiten Milieuroman des Jahres 1945 und einem Entwicklungsroman zwischen Weimarer Republik, Nationalsozialismus und Besatzungsmonate.
frei Da Charakterzeichnung nicht Freis Stärke ist, geraten die vielen Personen neben den fünf Frauen etwas zu schemenhaft. Besser gelingen ihm atmosphärische Beobachtungen, wie hier von einer Party:
Gegen acht trafen die ersten Gäste ein. Tucker und Frau begrüßten sie an der Haustür, kräftige, gesunde Army- und Air Force Offiziere. Ihre Frauen waren auf stereotype Weise hübsch und stießen krächzende Entzückensschreie aus, wenn sie eine lange verloren geglaubte Freundin erblickten, die sie zuletzt nachmittags beim Hairdresser gesehen hatten. (S. 144)
frei Bei über 500 Seiten bleiben Klischees nicht aus. Frei ließ davon zuviele im Text. Zu Ende des Krieges trennt sich Karin von Eric (warum? Eric bot ihr einen Fluchtplatz an) und verabschiedet sich: "Nach dem Krieg um halb fünf" (S. 62). Die reichen jüdischen Bankiers Goldberg (!) haben Swimmingpool und baden darin nackt, das Glas – nein, es ist eine Flasche – Champagner am Beckenrand (S. 206).
frei Die Personeneinordnung im Dritten Reich scheint mir zu schematisch. War es wirklich so? Die Parteimitglieder sind alle fanatisch; die Nicht-Parteimitglieder sind alle skeptisch oder gegen Hitler. Zuviele sind heimliche Widerständler wie der Pförtner, der weiß und es kundtut, daß "diese Totenkopfheinis nie was Gutes bringen. Das sind doch alles Verbrecher." (S. 117).
frei Während ich bisher meinte, Adolf Hitlers Mein Kampf war ein Zwangsgeschenk zum Schulabschluß oder Trauung, ansonsten vermoderte es in der Truhe, wird in Onkel Toms Hütte, Berlin mehrfach darüber diskutiert (nicht ohne abwertenden Zusatz wie scheußlicher Schinken, S. 333). Während ich bisher meinte, Juden wurden bis zum 16-tel verfolgt, bleiben in Onkel Toms Hütte, Berlin Halbjüdinnen verschont (S. 438). Zusammen mit der schablonenhaften Vorführung der Nazis besonders im Kapitel zu Marlene, wird die Authentizität der geschichtlichen Zusammenhänge fragwürdig. Auch das Kriegsende wird zu sehr aus heutiger Perspektive erzählt. Ich bezweifle, daß im Mai 1945 die Russen als Befreier bezeichnet wurden (S. 528), auch nicht ironisch.
frei Vieles erzählt uns Frei mehrfach oder betont es überflüssigerweise. So hat der US-Civilian Mr. Chalford "einen dicken amerikanischen Akzent" (S. 68). Soll ein US-Amerikaner etwa Cockney-Englisch sprechen? Oder soll dieser Hinweis den Leser schon früh auf etwas stossen?
Unterhaltungslektüre im guten Sinne, wenn auch klischee-durchsetzt.
Onkel Toms Hütte
Ein Gastwirt benannte sein Ausflugslokal im nahen Grunewald nach Harriet Beecher Stowe: Onkel Toms Hütte (stowe Uncle Tom's Cabin). Die Berliner Verkehrsgesellschaft übernahme Ende 1929 diesen Namen für die U-Bahnstation (S. 9).
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Öfters tauchen berühmte Zeitgenossen wie Ernest Hemingway auf, Erich Kästner ist nur schwach als Erwin Kastner (S. 341 ff) getarnt. Das berühmte Bonmot wird berlinerisch als "Ick kann janich soviel fressen wie ick kotzen möchte" fast korrekt zitiert und richtig Max Liebermann zugeordnet (S. 483; dieser Spruch wird oft – wohl aber falsch – Kurt Tucholsky zugeschrieben).
frei Zitate Max Liebermannfrei Zitate Kurt Tucholsky
Pierre Frei, * 1930, wuchs im Viertel um den Berliner U-Bahnhof "Onkel Toms Hütte" auf
1946 Kurzgeschichten; Studium der Publizistik
1953 Roman Pernod wächst nicht auf Bäumen in der Münchner Illustrierten
Freier Auslandskorrespondent in Rom, Kairo, New York und London
Rückzug auf seine Farm in Wales; seit 1990 auf seinem Château im Südwesten Frankreichs.
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frei Frei Pierre Frei: Onkel Toms Hütte, Berlin. München: Blessing, 2003. Gebunden, 542 Seiten
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© by Herbert Huber, Am Fröschlanger 15, 83512 Wasserburg, Germany, 12.7.2004