Email zurück zur Homepage eine Stufe zurück
Dirks
Liane Dirks: Und die Liebe? frag ich sie. Die ungeschriebene Geschichte der Krystyna Zywulska. Bergisch-Gladbach: Lübbe, 2000. Broschiert, 178 Seiten
AutorinLinksLiteratur von Krystyna Zywulska und Liane Dirks
Krystyna Zywulska ist eine polnische Jüdin. Sie hat Auschwitz überlebt und darüber zwei Bücher geschrieben (dirks Literatur von Krystyna Zywulska).
Liane Dirks schließt Freundschaft mit Krystyna und erfährt eine weitere Geschichte: Krystynas Liebe zu Andreas Herking, dem Sohne von Attila Herking. Hinter diesem darf man den Nazi-Filmregisseur Veit Harlan (Propagandafilm «Jud Süss», 1940; siehe dirks Ahasver, der Ewige Jude) vermuten. Joseph Goebbels nannte Andreas ein «Sonnenkind», doch er ist alles andere. Ähnlich Hitler und Goebbels muß auch Andreas über charismatische Kraft verfügen: entgegen aller Vernunft verliebt sich Krystyna in ihn, ja verfällt ihm und folgt dem 20 Jahre jüngeren Mann nach Deutschland, nach Paris, nach Mailand. Das geht einerseits, da ihr polnischer Mann Vitold für den Geheimdienst arbeit und selbst oft abwesend ist. Ihre beiden Kinder vernachlässigt Krystyna unverantwortlich. Andreas macht sich wenig aus ihr: er betrügt sie ständig, oft unter ihren Augen, mit Frauen und Männern. Die Ehe zerbricht, Krystyna erkrankt schwer und durchläuft einige Krankenstationen bis zum Tod in 1992.
Abgesehen davon, daß das Thema: älterer Mensch verfällt einer jungen, hübschen Person in fanatisch-blinder Liebe, allmählich ziemlich ausgenudelt ist, bieten die wahren Begebenheiten genügend erzählenswerten Stoff für reibungsreiche bis irrwitzige Konstellationen. Andreas und Attila benutzen Krystyna um sich von ihrer Vergangenheit zu distanzieren oder besser: reinzuwaschen. Krystna merkt es nicht. Andreas benimmt sich (nicht nur ihr gegebenüber) widerlich bis abstossend. Krystyna nimmt es hin.
Krystyna und Vitolin entgehen knapp dem Nazi-Terror und geraten von der Traufe in den Regen. In Polen gehen die Gestapo-Methoden bald ähnlich weiter.
Leider wird die Romanausführung dem Stoff nicht gerecht. Liane Dirks mag beste Absichten gehabt haben. Die Zeitschachtelung erinnert an Uwe Johnson: Mutmaßungen über Jakob (dirks Rezension); doch dort ist es ein dichtes Gewebe, Dirks aber würfelt den Leser in den ersten 30 Seiten schon durch wer-weiß-wo, Mexiko und Rom. Auch später mischt sie Szenen aus allen Erzählzeiten: Auschwitz, Ghetto, Befreiung, Liebschaft mit Andreas, Krystynas Familienleben, Freundschaft Zywulska-Dirks, Krystynas Krankheitsfortschritt, Geburtswehen der Autorin, ... Da werden vierzeilige Abschnitte eingefügt, die mir nichts sagten (S. 78); oft ist es unklar, wer da wann agiert. So beim unbenannten Dialog (?) auf S. 131, dem auf der nächsten Seite ein Stakkato von Aussagesätzen jeweils beginnend mit "Sie" und "Er" folgen. Ich wußte nicht, wer gemeint ist. Der Leser verzweifelt, da alles zerbröselt wird. Auf dem Dach des Mailänder Domes begegnet Krystyna einem Vater mit kleinem Sohn, der zu schreien anfängt. Warum? Warum erzählt mir die Autorin das? Zwei Seiten weiter wird die Szene weitererzählt und bleibt unklar. Die Ausfahrt Krystynas mit dem fremden Fischer (S. 115-116) fand ich dagegen sehr gut gelungen.
Dazu kommt ein für mich inakzeptabler Stil. Beispiel, [...] Einfügungen von mir: "Später wurde ich [Dirks] gewahr, daß es sich bei ihnen [Briefe] um die Schmuggelware der weinenden Blinden gehandelt hatte, noch später bekam ich eine Ahnung von dem Warum, um diese [gemeint ist die Ahnung, nicht die Briefe] dann jedoch zu verwerfen, zuletzt waren es wieder ganz normale Briefe" (S. 34).
Statt wichtiger Aufklärungsarbeit (Kontinuität Nazi-Diktatur - Kommunistische Diktatur; Geheimpolizei im Dritten Reich und später wieder; Verarbeitung der Vergangenheit durch belastete Personen) und das mögliche Thema: Meisterung einer schweren Krankheit, wird die Zeit nebelhafter.
Nur sehr bedingt lesenwert.
Veit Harlan, 22.9.1899 Berlin – 13.4.1964 Capri; Schauspieler, Regisseur; drehte nationalsozialistische Propagandafilme wie »Jud Süß« (1940), »Kolberg« (1945); verheiratet mit der schwedischen Schauspielerin Kristina Söderbaum (*1912).
Liane Dirks, * 1955 Hamburg; Schulzeit in Bayern, auf Barbados und Nordhessen. Seit 1985 freie Schriftstellerin, Hörfunkredakteurin für Literatur, schreibt Romane, Hörspiele und Drehbücher. Mitglied des P.E.N Clubs. Sie lebt mit ihren zwei Töchtern in Köln.
Links
dirksLiane Dirks
dirksAmmanndirksinfos.aus-germanien.dedirksKiepenheuer & WitschdirksLiteraturbüro NRW
dirksLyrikweltdirkspoetenfest-erlangen
dirksLiane Dirks Schriftstellerin im Gespräch mit Astrid Harms-Linner
Literatur von Krystyna Zywulska (derzeit bei amazon nicht erhältlich)
Die reine Wahrheit. 1983
Leeres Wasser. Roman nach authentischen Erlebnissen in den Warschauer Gettos. Darmstädter Blätter
Wo vorher Birken waren. Überlebensbericht einer jungen Frau aus Auschwitz-Birkenau. Darmstädter Blätter
Tanz Mädchen . . . München: DTV, 1988
Zu Ehren der Familie und andere Satiren. München: Herbig, 1991
derzeit bei amazon nicht erhältlich   derzeit bei amazon nicht erhältlich
Dirks dirksLiane Dirks: Und die Liebe? frag ich sie. Zürich: Ammann, 2001. Gebunden, 176 Seiten Dirks
Liane Dirks: Und die Liebe? frag ich sie. Bergisch-Gladbach: Lübbe, 2000. Broschiert, 178 Seitendirks

Dirks
Email zurück zur Homepage eine Stufe zurück
© by Herbert Huber, Am Fröschlanger 15, 83512 Wasserburg, Germany, 21.3.2005